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Schwere Unfälle mit Schießbaumwolle und Pulver im Premnitzer Werk

von Jürgen Mai 

Man lebte gefährlich in der Premnitzer Fabrik, die von den Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken ab 1915 zur Herstellung von Schießbaumwolle und Pulver errichtet wurde. Infolge unzureichender Kenntnisse über die Brisanz der Erzeugnisse und Unvorsichtigkeit kam es zu mehreren schweren Unfällen, bei denen gemäß des in der "Beilage zum Proletarier", Hannover, 7. Oktober 1922, genannten Berichtes der Gewerbeaufsicht bis 1918 insgesamt 14 Arbeiterinnen und Arbeiter getötet wurden. Sicher wirkte sich auch der sehr hohe Produktionsdruck während der Kriegsjahre negativ auf die strikte Einhaltung der Sicherheitsanforderungen aus. Am 19. Oktober 1916 verunglückten 9 Personen tödlich im Wässerhause beim Wässern des Pulvers. Beim Einlegen des Pulvers in die Wässerungsbottiche kam es zur explosionsartigen Entzündung. Dabei verbrannten ca. 3500 kg Pulver. Gemäß Untersuchung durch die Königliche Gewerbeinspektion zu Potsdam konnte die Ursache nicht exakt ermittelt werden. Wahrscheinlich kam es zur Selbstentzündung durch Reibung, als die den Bottich füllende Frau auf das warme Pulver getreten ist. Im Bericht wird auch das Auftreten von "Reibungselektrizität" nicht ausgeschlossen.
Am 29. Juli 1917 verunglückten zwei Arbeiter tödlich bei Schießversuchen auf dem werkseigenen Schießplatz. Ein Arbeiter wollte eine klemmende Patronenhülse mit Gewalt in das Lager vortreiben und verursachte damit das Zünden der Geschützladung. Einer Explosion von Röhrenpulver in einer kupfernen Trommel fielen am 26. Oktober 1917 der Vorarbeiter und eine Arbeiterin zum Opfer. Hier entzündete sich die noch warme Pulverkruste, als sie mit einer hölzernen Schaufel von der Trommelwand abgestoßen wurde. Dass man offensichtlich die vom warmen und trockenen Pulver ausgehende Gefahr unterschätzte, zeigt ein weiterer Unfall. Durch Umkippen eines mit noch handwarmem Pulver gefüllten Hordenwagens kam es zur explosionsartigen Entzündung des Pulvers. Die den Wagen fahrenden Arbeiterinnen wurden so schwer verletzt, dass eine ihren Verletzungen erlag.
Ein verheerendes Explosionsunglück ereignete sich 14 Jahre nach Einstellung der Pulverfabrikation am 7. Dezember 1932. Gegen 9.02 Uhr erschütterte eine gewaltige Detonation ganz Premnitz, Fensterscheiben klirrten und die Menschen rannten voller Angst zu den Werktoren. Bei Reparatur- bzw. Umbauarbeiten in einem seit Kriegsende stillgelegten Anlagenteil kam es zu einer furchtbaren Explosion, bei der 12 Arbeiter ums Leben kamen. Bis heute ist die Ursache dieser Katastrophe nicht hundertprozentig geklärt. Die Firmenleitung des inzwischen mit der I.G. Farbenindustrie fusionierten Werkes verbreitete zunächst, dass die Ursache die Explosion einer Sauerstoffflasche war, die angeblich durch Lehrlinge unsachgemäß behandelt wurde. Eine recht gewagte Behauptung, da es dafür keine Zeugen mehr gab.
Dieses Unglück war im Reichstag Anlass für stürmische Debatten bezüglich der Schuldfrage, Bildung einer Untersuchungskommission sowie der Entschädigungen für Hinterbliebene. Auch die durch die Firmenleitung genannte Explosion einer Sauerstoffflasche als Ursache wurde zurückgewiesen, weil dadurch das Ausmaß an Zerstörungen nicht aufgetreten wäre. Mit großer Wahrscheinlichkeit kam es zur Entzündung von Pulverresten, die sich infolge unzureichender Reinigungsarbeiten nach der Stilllegung der Pulverherstellung noch unter einer Zentrifuge befanden. Diese Zentrifuge sollte demontiert werden. Hier reichte ein Funke, die Detonation hatte sicher auch zur Zerstörung von Gasflaschen geführt, die für die Schweißarbeiten benötigt wurden. Als ein Arbeiter, der am Vortage hier tätig war, von einer ascheähnlichen Substanz sprach, die sich im unteren Teil der Zentrifuge befunden hatte, wurde sogar von der Möglichkeit eines Attentates oder eines Sabotageaktes gesprochen.
Es wurde eine abenteuerliche "Depottheorie" diskutiert, wonach zur Vorbereitung eines Anschlages nach Kriegsende noch vorhandene Schießbaumwolle deponiert wurde.

Quellen:
1) Buch "Polyester contra Pulver" - Verlag Tribüne Berlin, Redaktionsschluss 31.12.1969
2) Protokolle (Kopien) der Königlichen Gewerbeinspektion und des Regierungspräsidenten in Potsdam zu Unfällen in den Jahren 1916 und 1917
3) Presseausschnitt "Beilage zum Proletarier" , Hannover, 07.10.1922
4) diverse Zeitungsausschnitte (ohne Angabe des Zeitungsnamens) zum Unglück am 07.12.1932 von Jürgen Mai

Weitere Infomaterialen als:
-
Bücher
- CD/ Video

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


  Kommentare

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Kommentar:2
von:jue
am:23.03.2008
um:19:47:09
Kommentar:Man beachte zu meinen anderen Angaben auch den Widerspruch zu den Auswirkungen zwischen den Unfällen am Bottich usw. und denen des Unfalles an der Zentrifuge, um die Behauptungen des Herrn Mai zu widerlegen.

Kommentar:1
von:jue
am:23.03.2008
um:19:42:11
Kommentar:Wer sich mit Sprengstoffen beschäftigt weiß, dass offenes Pulver diese Auswirkungen nicht haben kann! Man beachte dazu die Auswirkungen des Attentates in der Wolsschanze an A. Hitler als Vergleich. Da alle Zeugen tot waren, konnte es auch keine geben - oder? Man kann hier von einer gekoppelten Folgereaktion ausgehen, denn zum Brennschneiden wird nicht nur Sauerstoff benötigt, auch das Azetylen stand in nicht unerheblicher Menge mit entsprechendem Druck(!) zur Verfügung.

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