In Burg hatten sie sich wieder gesehen im Lehrbataillon, der Oberleutnant Udo Siemer und der Obergefreite Horst Kulikowski. In der Kindheit hatten sie gemeinsam im Sandkasten gespielt, der Sohn des Studienrates und der des Hausmeisterpaares. Sie waren gleich alt und es gab auch eine gemeinsame Heimat ihrer Eltern. Die war bis zum Ende des ersten Weltkrieges in Thorn gewesen. Danach waren sie wegen ihres Deutschtums dort nicht mehr geduldet worden. Selbst die Kulikowskis schützte der Name nicht. Ein Pole, der in einen deutschen Hof eingeheiratet hatte und seinem Volke nicht treu geblieben war, da lockten nun der Hof, Missgunst und Neid mit Emotionen. So mussten auch sie ihre Zelte im Reich aufschlagen. Die Stadt westlich der Reichshauptstadt mit einer optischen Industrie versprach die Hoffnung auf Arbeit. Mehrere Studienräte aus Thorn hatten sich auch hier eingefunden, nicht nur zur Freude des dortigen Lehrkörpers. In dem Hause in der Nähe des großen Platzes vor dem Kreishaus fanden sie ein Dach über dem Kopf. Das Haus war neu errichtet worden und beherbergte eine Restauration mit einem Vorgarten. Hier im „Rheingold“ traf sich oft die Elite der Stadt, unten im Hause wohnte der Thorner Studienrat und oben unter dem Dach das Hausmeisterehepaar mit ihren Söhnen Udo und Horst, zwischen denen auch beim Spielen die Distanz des Standes bestand. Hier nun in Burg beim Lehrbataillon hieß es auch nur Herr Oberleutnant und Obergefreiter Kuli, das –kowski wurde stets verschluckt. Horst war es gewohnt nur Kuli genannt zu werden; er betrachtete es als seinen liebevoll genannten Ökelnamen. Jetzt war Januar des Jahres 1945. Der Krieg war im sechsten Jahr und hatte schon tiefe Spuren hinterlassen. Sie waren beide verwundet worden, der Oberleutnant an der Invasionsfront am Kanal, Kuli in Kurland. In den verschiedensten Lazaretten wurden sie wieder zusammengeflickt für eine neue Runde und sie wussten, es könnte die letzte sein. Sie wagten aber nicht ihre Gedanken über die Lippen kommen zu lassen. Es waren der anderen Ohren zu viele. Zum Weihnachtsfest waren beide noch zu einem kurzen Urlaub in der Geburtsstadt gewesen. Der Frau Siemer ging es nicht gut. Sie war auf dem Wege ihrem Manne zu folgen, den schon der kühle Rasen deckte. Die Kulikowskis bemühten sich um die alte Dame rührend und die beiden Urlauber gingen durch die dunkele Stadt, die im April schon Opfer eines Bombenangriffes wurde. Es war nicht mehr ein Bummel von Co bis Smo, der ihre Erinnerungen geprägt hatte. Die Freunde und Mädchen waren in alle Winde verweht worden und dienten beim Militär oder der Kriegsproduktion. Zu viele der Jünglinge deckte der kühle Rasen an allen Enden Europas oder in Afrika. Beide ließen sich am Tage kaum sehen, um den Fragen nach dem Befinden und Gegenfragen aus dem Wege zu gehen. Es war nicht mehr die Stadt, die ihre Jugendjahre geprägt hatte. Ein Ahnen und Verbissen sein war in den Menschen. Die Front war im Westen am Westwall zum Stehen gebracht worden. Die Ardennenoffensive hatte die Amerikaner in die Bredouille gebracht, sich aber unter vielen Opfern erschöpft gehabt. Im Osten stand die Front noch an der Weichsel und um die Jahreswende bereinigten die Amerikaner die Einbrüche der Ardennenoffensive. Wieder in Burg wurden sie Zeugen des Luftangriffes auf Magdeburg und in diese Schrecken wurde die Truppe zum Helfen beordert. Dresden war auch betroffen und der Oberleutnant bangte um seine dortige Verlobte. Eine strenge Ausbildung ließ kaum Zeit zum Nachdenken. Den Schulungen im Ideologischen folgten sie nur mit halbem Ohr und dachten sich ihren Teil über die nur ihre Stellung halten wollenden Fanatiker. Nach dem Krieg hoffte Udo Historik studieren zu können und meinte, dann vieles zurechtrücken zu können, aber die Felle schwammen schon davon. Erst einmal ein gutes Ende erleben, - und wie die Welt dann aussehen würde, das weiß nur der Herrgott! Der Kuli hatte die Schule acht Jahre erfolgreich besucht gehabt Und wurde dann Feinmechaniker. Er war ein Praktiker im Leben und wusste stets seinen Weg. Nachdenken ja, - aber nicht zergrübeln, - es kommt ohnehin wie es kommt.
Die Tage flogen, der Frühling kam und vom Westen näherte sich in blitzesschnelle die Front. Aus dem Brückenkopf Remagen heraus wurden dreißig Divisionen im Ruhrkessel eingeschlossen. Als dieser zusammenbrach eilten die Alliierten in Tagesmärschen im enormen Tempo bis zur Elbe und erreichten Tangermünde am 11. April 1945. Von einem nennenswerten Widerstand war keine Rede mehr. Das Hoffen, es ginge weiter bis nach Berlin, das erfüllte sich nicht. Zwischen Burg und Jüterbog schmiedete man von allem was noch krauchen konnte die 12. Armee. Bis dahin meinten alle die Gegner noch weit weg. Doch welch weite Wege hin und zurück sind die Armeen schon marschiert. Vom Atlantik bis zur Wolga, von Afrika bis zum Nordkap. Nach der Ferne sollte es nun die Innenverteidigung richten. Von Wunderwaffen wurde gefaselt, die V-Waffen wurden eingesetzt und die Propaganda tat das Nötige dazu. Der Vater Kulikowski war noch einmal im Thorner-Land gewesen. Er schwieg sich über dorten Erfahrenes aus und meinte nur zu seiner Frau: „Das nimmt kein gutes Ende!“ Die Mutter hatte ihren Sohn immer in ihre Gebete eingeschlossen und die Kraft ihres Glaubens hatte ihn wohl beschützt. Dies könnte der Oberleutnant nun für seine Mutter tun, deren Kraft zusehends abnahm und am Tage nach den heiligen drei Königen trug man sie hinaus. Der Krieg hatte ihn hart gemacht, doch wenn eine Mutter stirbt, dann fließen auch dem härtesten Manne die Tränen. Es gab nur einen kurzen Urlaub vom harten Drill. Die alten Hasen hatten es mit den Ohren, wussten ihre Haken zu schlagen, schnell ihre Satte zu finden und drückten sich, wo sie konnten. Im Osten brach die Front an der Weichsel und festigte sich erst wieder an der Oder. Unerfindlich war es vielen, warum nicht aus der Bewegung heraus bis Berlin vorgestoßen wurde. Der Respekt vor den Deutschen an ihren Flanken ließ die Stawka, den Generalstab der „Roten Armee“, erst diese mögliche Falle beseitigen, in dem im Norden Pommern und Danzig, im Süden Schlesien erobert wurden. Am 20. April trat auch die Ostfront zum Sturm auf Berlin an, die Hauptstadt des sich „Dritten Reiches“ nennenden. Fünf Tage danach war der Ring um Berlin geschlossen und die 12. Armee unter dem General Wenck sollte die Stadt entsetzen. Südlich wurde eine Kesselschlacht bei Halbe geschlagen, wo die 9. Armee aufgerieben wurde. Die Amis blieben an der Elbe, Wenck kam noch bis zum Schwielow-See und versuchte die Reste der 9. Armee abzusichern und Richtung Elbe zu leiten. Dem Entsatz erwartenden Berlin war ohnehin nicht zu helfen, wohin ein großer Teil des Lehrbataillons in Marsch gesetzt worden war, nur 2 Kompanien mit ihren Fahrzeugen und sechs Hetzern wurden zwischen Elbe und Havel verlegt und gingen bei Vieritz in Deckung. Sie meinten zur Seitensicherung eingesetzt worden zu sein. Über die höhere Kriegsführung wurde ohnehin nicht gesprochen. Jeder dachte sich seinen Teil, hatte sein Gespür im Urin bekommen in den fünf Jahren für das Vaterland, da er die Pflicht und die Ehre gehabt hatte. Übrigbleiben und Durchkommen. - Da wusste er sich im Gebet der Mutter. Viele Mütter beten wieder, doch welche Gebete werden erhört? Was und wem die Stunde schlägt, darüber ist keine Zeit zum Denken. Der Tag und das Datum gehen verloren, nur die tägliche Parole nennt sie noch. Es kam der Befehl zum Aufbruch und Rathenow schien das Ziel zu sein. In den Wäldern westlich der Stadt hatte Kuli oft murrend Pilze suchen müssen, wenn anderwärts mehr los war, im Kino oder auf dem Sportplatz. Keine Stunde von hier war es mit dem Fahrrad bis zum Daheim. Nun hatten sie am 25. April das östliche Vorfeld der Stadt erreicht. Die Einwohner suchten ihr Heil in der Flucht und hofften wie die Polizeireitschule auf einen Ausweg über Schollene und Havelberg gen Norden. Andere hofften auf Unterschlupf bei verwandten oder bekannten Menschen in den Dörfern oder irgendwie über die Elbe zu kommen. Die Truppe bekam ihre Befehle vom Stab in der Dampfmühle an der Havel. Der Generalfeldmarschall hatte die Verteidigung der Stadt befohlen. Die zurückflutenden Truppen wurden aufgefangen und sie mussten mit dem Volksturm, der Hitlerjugend und den noch kampffähigen Truppenteilen des Standortes die Verteidigung der Stadt organisieren. Die zivilen Führer taten dies aus dem Weinkeller des Hotels „Großer Kurfürst“. – Von Norden, Osten und Süden tastete sich die „Rote Armee“ in den Ort. Am Bahnhof hatten die Fremdarbeiter schon das Heft in der Hand, als sich der Widerstand in der Stadt versteifte und die Angriffe zum Stehen kamen. Die alte Accisemauer der Neustadt wurde zur Verteidigungslinie, der Weinberg als beherrschender Standort wurde heiß umkämpft und die Luft wurde recht eisenhaltig. Der Gedanke, hier die Orte ihrer Kindheit und Jugend mit der Waffe zu verteidigen, gar zurückzuerobern, bedrückte sie sehr. Es gab alles keinen rechten Sinn und das Gefühl des verheizt Werdens machte sich in ihnen breit. Doch die Nibelungentreue siegte. Vor ihnen brannte das Gymnasium, die Wirkungsstätte des Vaters. Auch Udo Siemers Wege führten acht Jahre dorthin, bis er mit „summa cum laude“ dort das Abitur ablegte um nun in den besten Jahren seiner Jugend für das Vaterland unterwegs sein zu müssen. Nun sah alles nach einem letzten Finale aus. Der Gedanke noch einmal bis zum Grab der Eltern zu kommen war illusorisch. Vor dem Friedhofstor war wie in der Hauptstrasse ein breites Schussfeld. Da durfte man wegen der Scharfschützen nicht den Kopf hervorstrecken. Die Maschinengewehre strichen durch die Straßenzüge ihre Garben, Stalinorgeln zischten und Granatwerfer belferten, Verwundete wurden durch die Gärten und über die Schleusentore zum Verbandsplatz in der Mühle gebracht. Der Häuserkampf wurde sehr verbissen geführt, einige gepanzerte Fahrzeuge beider Seiten waren abgeschossen worden oder blieben liegen. Die Verluste wuchsen und die Schar derer, die sich noch kannten wurde kleiner. In den Feuerpausen gab es kaum Ruhe und das Schweigen war in ihnen. Kuli schaute seinen Oberleutnant in die Augen und beider Gedanken waren im Heimathaus. Sie wähnten es beim Blick vom Kaufhaus am Kanal in Flammen. Feuer war allenthalben und Qualm und Rauch über Rathenow. Die Kirche von Sankt Marien Andreas brannte schon seit Tagen. Funken von dort stoben über die Häuser der Altstadt. Hier war Udo Siemer einst konfirmiert worden, den Kuli hatte es zur Kommunion zu Sankt Georg geführt. Da gab es also noch eine Schranke zwischen den Familien. Dem toleranten Hauswirt focht das aber nie an. Er ließ jeden nach seiner Facon selig werden, aber über ihn machten sich die mit dem braunen Gedankengut ihren Vers. Seinem Pazifismus wurden Grenzen gesetzt, als er als Alleinerzieher Einfluss auf die Meinung seiner Söhne genommen hatte, die diese in einem Schulaufsatz dokumentiert hatten. Er wurde in Haft genommen, die Kinder in umerziehende Familien ins Posensche gegeben. Das Kaffeehaus „Rheingold“ hatte schon längst geschlossen gehabt. Der Wirt war nach Rügen in seine Pension, die schon voller Flüchtlinge war, ausgewichen. Hierher kamen die Flüchtlinge aus Frankfurt an der Oder nun. Wohin man schaute waren Fremde. Als sich der Widerstand versteift hatte, mussten alle Zivilisten die Häuser verlassen: „Alle in den Wald!“ Wer in den Scheunen von Stechow, Nennhausen, Bamme oder Gräningen unterkam mit seinem wenigen Habe und sich dort versorgen konnte, der war schon gesegnet gewesen. Die Alten und Verzweifelnden aber wünschten sich die Erlösung und viele fanden sie oder legten Hand an sich. Kulis Eltern hatten nur das Nötigste bei sich. Sie flohen zu ihrer Gartenlaube am Bahndamm. Ihre polnischen Sprachkenntnisse halfen, sich auftuende Probleme zu überbrücken. Der „Große Kurfürst“ stand versteinert auf seinem Sockel und wunderte sich über die Zeit. Wer hatte schon ein Auge für ihn und wer wusste noch, warum er hier stand? Der Kreis der Geschichte hatte sich geschlossen und nun scheinbar endgültig für die Preußen. Brandenburg - Preußens Größe begann mit dem Massacre in dieser Stadt drei Tage vor der Schlacht von Fehrbellin am 18.Juni 1675. Wie viele Schlachten wurden seitdem geschlagen und warum? Die Hohenzollern gingen, die Weimarer Republik wurde geschmäht und führte zur Diktatur des „Dritten Reiches!“ Dieses lag nun hier in seinen letzten Zügen und die Hoffnung auf ein zweites Brandenburger Miracle wie einst nach der Schlacht von Kunersdorf erfüllte sich nicht, als die Russen nicht nach Berlin vorstießen und Friedrich der Zweite schon alle Hoffnung hatte fahren lassen, die erfüllte sich dem Braunauer nicht. Das Spiel war aus und der Opfer waren viele. Das Tal der Tränen lag vor den Deutschen. Noch aber war nicht der letzte Schuss gefallen und niemand wollte von dem noch getroffen werden. Man konnte sich nur auf sich selbst verlassen, denn vom Weltgeschehen und den Absprachen wussten die Soldaten vorn an der Front nichts. Die Scheißhausparolen kursierten, zerschlugen aber keinen gordischen Knoten. Das Häuflein der Kompanie, das die Tage des Kampfes überstanden hatte, war in der Backstube am Haveltor in dieser letzten Nacht und wollte im Morgengrauen sich über die Archen zurückziehen. Die Stäbe hatten die Mühle schon am Abend verlassen gehabt, um in Tangermünde oder Hämerten noch über die Elbe zu kommen. Dem gemäßigten Fanatismus des Herrn Oberleutnant setzte Kuli seinen Fatalismus entgegen. Er hatte seine Wurzeln im stillen Gebet. Dieses, sein junges Leben konnte es doch noch nicht gewesen sein, welches so viele Stürme und Ängste in den letzten Jahren überwunden hatte. Dem Herrn Oberleutnant aber keimten Hoffnungen in den Ruhepausen, - dass die Amis kämen und sich doch Berlin nicht von den Bolschewiken nehmen ließen. Doch was weiß so ein Sandkorn im Wind, was die Machtmenschen schon längst ausgehandelt hatten. Was war Ihnen schon vermittelt worden? Erst als das Attentat am 20. Juli 1944 geschehen und gescheitert war, fiel es wie Schuppen den kleinen Leuten von den Augen. Doch keine Geste der Siegenden versprach ihnen eine Chance, so dass nur ein verbittertes und verzweifelndes Kämpfen blieb, bis bedingungslos kapituliert werden musste. Es gab kein Nachdenken über das Danach.
Der letzte Hetzer stand hinter dem Haveltor in Deckung. Die Häuser am Mühlenplatz brannten und ihre dort ausharrenden Zivilisten flohen über den Mühlendamm. Vor der Dampfmühle war noch ein MG-Nest, das die „Lange Brücke“ im Visier hatte. Die Soldaten zogen sich in die Altstadt zurück und nur langsam rückten die Sowjets nach. Mit den Flammenwerfern wurde in jedes Kellerloch gehalten und was noch nicht zerschossen war, das brannte nun aus. Die Apotheke und das Sargmagazin blieben verschont von den Flammen. Die Rückzugswege waren der Kirchgang im Süden und die Baderstrasse im Norden der Altstadt hinter der alten Stadtmauer zum Mühlendamm oder zur „Langen Brücke“ gewesen. Die Kettenhunde versuchten noch jeden Rückzug zu verhindern und stellten jeden Deserteur an die Wand. Das fürchtete dieses Häuflein auch. Kuli mahnte zum Aufbruch, der Herr Oberleutnant schwieg in sich hinein und wollte nur noch einmal bis zum alten Rathaus am Markt schauen in der Stille der Frühe. Der Kirchturm flackerte gespenstisch und Kuli wollte seinen Oberleutnant zurückhalten, als der wie benommen vor die Stufen des Hauses trat. Eine Salve peitschte die Havelstrasse herunter und streckte den Oberleutnant Udo Siemer nieder. Er lag in seinem Blute in seiner Heimatstadt und jegliches Helfen war sinnlos. Es galt die eigene Haut zu retten. Hier wurde einst der schwedische Oberst Wangelin, der einst beim Überraschungsangriff der Brandenburger 1675 keine Zeit mehr zur Verteidigung fand, mit nur einem Stiefel durch die Rückeroberer mit einem Balken an die Wand gedrückt und musste sich ergeben. Durch die Pforte der Stadtmauer kamen sie zum letzten Hetzer, der noch seinen Dienst tat. Mit dem wenigen Sprit wird dieser bald stehen bleiben. Sie kamen noch bis zum Wehr der „Großen Archen“. Hier lenkten sie ihn durch das Geländer in die Strömung. Erschöpft mussten sie nun ihre Füße tragen. Sie wollten die Kanalbrücke meiden, als diese mit Getöse gerade gesprengt wurde und sie daher gleich über das Schleusentor gingen, bereit auf jeden das Feuer zu eröffnen, der sich ihnen entgegenstellte. Die Hauptstrasse wurde gemieden und ein Weg hinter den Gärten an der Wiese gewählt. Kurz vor dem Café Hubertus an der Weggabelung am Ende des Ortes heulte eine Salve der Stalinorgel über sie hinweg. Hatte man sie vom Weinberg her im Visier gehabt? Nur hundert Meter vor ihnen waren die Einschläge und als sie dort hinkamen, fanden sie nur tote Wehrmachtsoldaten die, an die Wand gestellt, exekutiert werden sollten von den Kettenhunden, die es aber auch getroffen hatte. Nur ein Arbeitsdienstmann, fast ein Kind, hatte dies alles er- und überlebt. Seine Schutzengel hatten ihn bewahrt. Schluchzend berichtete er verwirrt, dass der Stab auch hier fort sei und die hier, wie sie selbst gemeint hatten als Erschießungskommando die Drecksarbeit tun sollten. Kuli hatte das Kommando übernommen. Die Gegend kannte er. Bis zum Eisenbahnblock nach Böhne nutzten sie die Deckung des Wäldchens und mieden die Strasse, ehe sie hinter dem Bahndamm weiter nach Klein-Buckow und durch die Heide nach Schmetzdorf gelangten. Ein wunderschöner Frühlingstag umgab sie. Es fehlte nur der Friede. Die Ängste setzten Kräfte gegen die aufkommende Müdigkeit frei und von Wäldchen zu Waldgruppe eilend kamen sie zum Arbeitsdienstlager vor Wust. Hier war das zweite Bataillon Malow in Stellung gegangen, das schon vor Tangermünde gelegen hatte und darauf hoffte, die Brücke passieren zu dürfen, um die Waffen niederzulegen und in die amerikanische Gefangenschaft gehen zu dürfen. Da kam der Befehl den Brückenkopf gegen die Sowjets zu verteidigen und da war nun unser Häuflein vom Regen in die Traufe gekommen. Die Illusion, heil und ohne Sibirien die Zeitenwende zu überstehen, schwand auf ein Minimum. Sie hatten sich gerade eingegraben, als der Teufel los war. Mit Urräh stürmten die Russen im Schutz ihrer T 34 über das freie Feld. Die Pak und auftauchende eigene Panzer konnten den Angriff stoppen, doch Welle auf Welle folgte, bis die Dunkelheit einbrach. Die Verluste waren auf beiden Seiten groß, doch die Stellung ohne Verstärkung kaum noch lange zu halten. Diese aber kam nicht. Daher wurde ein Rückzug bis zum Klink-Graben hinter Melkow und Wust vollzogen und diese Stellung müsse unbedingt bis zum Mittag des nächsten Tages gehalten werden, damit die Truppenreste der 9. und 12. Armee über den Elbestrom wären. Im Klartext, die Reste der 2. Brigade Malow wurden verheizt und das kurz vor Ladenschluss!
Helden werden nicht geboren! Sie sind Menschen des Augenblickes! Das Vaterland wird ihnen danken, - So es noch eines geben wird!
Der 7. Mai brach an und der Zauber ging mit voller Schärfe weiter. Schon um 10 Uhr war ein Halten der Stellung unmöglich geworden. Mit überschlagender Abwehr zog sich das Häuflein auf Kabelitz und Fischbeck zurück. Hunger und Durst plagten die ausgemergelten Gestalten, deren Zahl immer kleiner wurde. Die Munition ging zu Ende. Am Abend waren sie am Elbdeich und das unzerstörte Tangermünde lag vor ihnen, wo die Lichter schon wieder in den Häusern brannten. Dort war die Zeit der Dunkelheit schon vorüber. Die Hölle lag hier vor ihrer Haustür über den Strom, wo die Wiesen voller militärischem Gerät und fahrbereiten und zerstörten Fahrzeugen waren. Nun wollten sie zur Brücke, als sie von Russen umstellt wurden, die sie aufforderten die Waffen gegen freies Geleit abzulegen. Kuli wusste was da kam. Er stellte sich getroffen und rollte sich unter ein Kettenfahrzeug. In dem folgenden Trubel wurde er nicht beachtet, als die ihm kaum mit Namen bekannten Kameraden gefangen genommen wurden. Not und Gefahr hatten sie zusammengeschweißt gehabt. Wie lange seine erschöpfte Ohnmacht gedauert hatte, das wusste Kuli nicht. Die Kühle der Nacht und der Tau des Morgens verschafften Linderung. Auf den Buhnen des Stromes glimmten die Lagerfeuer der Wachen. Am Tage fiel kein Schuss, aber am Abend glühte der Himmel von Leuchtspuren und Signalmunition und Schüsse ballerten in die Luft. War der vorhergesagte Kampf der Sieger Wirklichkeit geworden? Erst einmal Ruhe bewahren, - doch als in der Ferne gesungen und gegröhlt wurde, da ahnte er, das der Sieg und das Ende des Krieges gefeiert wurde. Er war noch nicht am Ziele und hoffte auf die trunken schlummernden Sieger. Seiner Uniform hatte er sich entledigen können, die Haut und sein Gesicht hatte er sich mit Erde beschmiert. Er hoffte auf den Monduntergang, die Wolken und auf Nebel. Seine Hoffnung erfüllte sich und als guten Schwimmer gelang es ihm, sich als „Toter Mann“ um die Buhnenköpfe treiben zu lassen. Der Elbestrom führte viel Wasser und gurgelte um die Buhnenköpfe, wo die wachen im Lagerfeuer stocherten und an ihre Heimat dachten, nachdem sie allen Gefahren Überstanden glaubten. Er meinte die Amerikaner mit einem Jeep den Deich abfahren zu sehen und es galt, im richtigen Moment aus dem hohen Gras heraus den Deich zu überwinden. Kuli brauchte auch schnellstens eine andere Montur. Im Dorfe vor sich hörte er die Kühe muhen und die Eimer klappern. War hier schon der totale Friede? Vorsichtig näherte er sich durch die Scheune und erschreckt ließ eine Frau den Eimer fallen ohne zu schreien, als er seinen Finger vor seine Lippen hielt. Sie hatte verstanden, gab ihm Arbeitszeug und alte Schuhe und mit einer Hacke über den Schultern zog er los durch die Felder zu einem unbekannten Ziel, nachdem er sich mit frischer Milch und Brot gestärkt hatte. Im Nachbardorf grüßte ein steinerner Zeuge der Vergangenheit, ein Roland, den er hier nicht vermutet hatte, als Symbol für Recht und Gerechtigkeit. Als die Hanse noch ein starkes Bündnis war, da wurden hier die Streitfälle auf dem Elbstrom verhandelt. Das war weite Vergangenheit, nun hieß es durch die heutige Zeit zu kommen und das Gestern hinter sich zu lassen. Nicht auffallen und aussehen, als ob man hier wohne. Er hatte die Höllen des Krieges überstanden, als dieser von anderen genossen wurde und wünscht sich nun den Frieden, den diese anderen nun fürchten. In kleinen Etappen kam er in das Braunschweigsche in die Nähe des Volkswagenwerkes, ohne Ausweispapiere, - ein Niemand. Als Helfer im Dorf kam schnell die Frage nach der Person, die neuen, oft auch alten Bürgermeister dienten den Gesetzen der Militärregierung und da zog er schnell weiter, ehe man ihn einkassierte. Am ersten Juli wandelte sich vieles, die Alliierten hatten sich zurückgezogen und nun war hier nur die Aller zwischen ihnen und den östlichen Siegern. Da machte sich Kuli auf die Socken ins Ruhrgebiet. Dort wurden Bergleute für die Kohle gesucht, denn der Winter nahte. Die Fremdarbeiter hatte es in die Heimatländer gezogen und es gab im Ruhrpott nur noch die alten Bergmänner. Außerdem waren dort die Trümmer der Luftangriffe und die der Ruhrkesselschlacht. Kuli bekam bei der Einstellung neue Papiere, man fragte nicht viel und er war wieder er selbst und brauchte sich nicht mehr vor jemanden verstecken. Ein Dach über dem Kopf fand sich auch bei dem alten Hauer Kuzorra, dessen Vorfahren einst aus Westpreußen hierher gekommen waren und nun in der dritten Generation die Kohle schürften. Die Bleibe war sehr bescheiden, aber Kuli stellte keine Ansprüche. Zwei Söhne waren gefallen und die Tochter, ja die war nicht von schlechten Eltern gewesen. So kam es, wie es immer kommt: „Das Leben geht weiter!“
Wie aber war es in der Heimat weitergegangen? Die Eltern hatten gottlob die Kampftage in Rathenow überstanden. Als sie ihre Wohnung wieder aufsuchen wollten, standen sie vor einer Ruine, jegliches Habe war zu Asche geworden. So blieb für das Erste die Laube die Bleibe. Der Winter kam, der einst so robuste Vater kränkelte und die Mutter hatte die ganze Last zu tragen. Hinter dem ausgebrannten Wasserstraßenamt fand sich eine Möglichkeit, sich eine Wohnung im alten Pferdestall zu gestalten. Die neuen Herren in der Verwaltung hatten die Sorge mit den ausgebrannten Bürgern und den Flüchtlingen und ihre eigenen Sorgen hatten sie dazu auch noch. Es wurde Spätherbst, ehe sie ein Lebenszeichen vom Sohn erhielten und die Mutter machte sich umgehend auf den Weg und der Vater ließ sie nur ungern ziehen in dieser unruhigen Zeit. Sie spürte gleich, dass sich schon jemand um den Sohn kümmerte und er dort gut aufgehoben war. Der Sohn hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen und die Mutter vertraute der Zukunft in der Heimat im Havelland. Und dort erwartete ihr Mann sie wieder sehnsüchtig. Die Arbeit unter Tage war hart und nach drei Jahren war die Gesundheit vom Horst Kulikowski untergraben. Er hatte eine Staublunge bekommen, kehrte in seinen erlernten Beruf zurück und spezialisierte sich in der Metallverarbeitung. Seine Familie gedieh, ein Sohn und eine Tochter machten den Eltern und den Großeltern viel Freude. Aus Rathenow kam regelmäßig Nachricht und sie unterstützten die Eltern mit erlaubten Paketen. Den Weg über die Zonengrenze aber mied er. Auch als die Eltern kurz hintereinander verstarben. Da war auch die Mauer optisch und politisch in ihm. Die Zeit tat ein Übriges – der kalte Krieg strebte auf seinen Höhepunkt zu. Würde der heiß werden, wäre aller Finale schon am ersten Tag. Die Jahre flogen dahin. Kuli hätte es nie für möglich gehalten, es je zum Rentner zu bringen. Er hatte sich im Betrieb des Sohnes immer noch nützlich gemacht, aber als er siebenzig Jahre alt wurde, da begann die Zeit des Rückbesinnens. Bilder und Menschen erschienen vor seinen Augen, wenn er in den Garten blickte und sinnierte. In der Weltgeschichte war wieder Bewegung nachdem sich das Volk im anderen deutschen Staat erkannt hatte und den Mächtigen zurief: „Wir sind das Volk!“ Als die Grenzen dann gefallen waren, wurde seine Unruhe immer größer und der Sohn fragte den Vater, ob sie sich beide auf den Weg zu seinen Wurzeln machen wollen. Er würde mit ihm per Auto dorthin fahren und nachdenklich willigte er ein. Seine Traumbilder forderten die Wirklichkeit, um Ruhe im tiefsten Innern zu finden. Sie kamen nach Tangermünde. Der Elbstrom floss friedlich dahin. Hier hatte sich 1945 das letzte Drama abgespielt gehabt. In Buch wachte noch der Roland wie eh und je und die Dorfjugend hatte ihn nach altem Brauch zum Pfingstfest geschmückt gehabt. Von dem Bauernhof seiner ersten Hilfe damals stand nur noch das Haus. Der Bauer hatte 1951 den Hof verlassen, als er dem Sozialismus dienen sollte. Weil er sein Liefersoll nicht erfüllen konnte war er über West-Berlin in das andere Deutschland gegangen. Was hatte die Jahre nicht alles gewandelt auch gerade hier auf den Dörfern. Der nächste Weg führte sie nach Wust, dort wo Katte, Freund Friedrichs des Zweiten und Opfer seines Vaters, ruhte. Es gab dort noch Menschen, die die letzten Tage des Krieges erlebt und überlebt hatten, aber viele Fremde haben hier danach ein neues Zuhause und eine Heimat gefunden gehabt, wie er im Westen. Durch den Pfarrer und den Geschichtskreis erfuhr er vieles von damals und danach. Er fand die Ruhestätten seiner Kameraden, die noch mit den zerschossenen Stahlhelmen gekennzeichnet waren. Nur wenige Gräber trugen einen Namen. Dort ruhten also die Kameraden, denen das Kriegsglück nicht hold gewesen war. Sie mussten den höchsten Preis zahlen! Er blickte tränenden Auges über die Gräber und wie aus heiterem Himmel kam ihm ein Gedicht aus der Schulzeit über die Lippen:
Ich trat an ein Soldatengrab und sah zur Erde tief hinab, mein stiller grauer Bruder du, das Danken lässt uns keine Ruh`, ein Volk in toter Helden Schuld, brennt tief in Dankesungeduld, das ich die Hand noch rühren kann, das Dank ich dir du stiller Mann.
Alle Zeilen des Gedichtes von Walter Flex die er einst gepaukt hatte, die waren plötzlich präsent und er bat seinen Sohn im nächsten Jahr diesen Weg noch einmal machen zu dürfen mit einem Edelstahlkreuz, welches er für seine Kameraden bauen wolle.
Seine Heimatstadt war nicht mehr die, die er in seinem Herzen trug. Die Trümmer von einst waren verschwunden, einige Narben noch vorhanden und von alten Freunden und Bekannten lagen schon viele auf dem Weinberg oder in alle Winde verstreut. Die Gesichter hatten sich gewandelt. Eine neue Generation hatte ihre Zeit. In seinem Umfeld hatte er es nie so bemerkt gehabt, hier wurde es ihm bewusst. Auf dem Friedhof wehte schon der Wind der Zeit über die Ruhestätten seiner lieben Eltern. Sein Herr Oberleutnant ruhte unter dem Holzkreuz für die Toten der beiden Weltkriege in einem Massengrab. Metallplatten nennen bekannte und unbekannte gefallene Soldaten karg geschmückt. Im Kirchenbuch nur ist sein Name vermerkt: Oberltnt. Udo Siemer gefallen Mai 1945
Redaktionell bearbeitet am 14.11.07 von Robby Schmalz Fotos: Thonke(1), Bleis(3), Collagen wodtke media (4)
Anmerkung der Redaktion: Bei dem vorstehenden Beitrag handelt es sich, wie unschwer erkennbar, um eine literaische Aufarbeitung und um keine Dokumentation!
Sowohl Text und Fotos wie Collagen stehen symbolisch und erheben keinen Anspruch auf die unbedingte exakte Darstellung der Situation.
Aufruf: Jeder der zu dem Thema etwas beitragen möchte ,ist herzlich aufgefordert seine Gedanken aufzuschreiben und an den Havelland-Kiosk zu senden. Gern wird die Redaktion dann das Material veröffentlichen.
Allen regionalgeschichtlich Interessierten teilen wir mit, dass ab Anfang Dezember 2010 über den OnlineShop des Havelland- Kiosk der 2.Teil der Broschüre zum Kriegsende im Gebiet um Rathenow zu erhalten ist.
Stimme da zu.. die Rolle der SS ist sehr umstritten.. belegt sind 2 gefallene SS Soldaten bei den Kämpfen um Rathenow.. obwohl es nicht zu 100% belegt ist das sie nicht auch, in dem bei Rathenow haltenden Lazzerettzug verstorben sind. Ich finde es auch schade.. das die Namen der Gefallenden die unter dem Holzkreuz ruhen , nicht vermerkt sind.. Immerhin sind von den 244 Toten dort, 190 Namen bekannt.
Redaktion:
Der Architekt und Stadthistoriker Wolfram Bleis hat intensive Untersuchungen zur Rolle der SS bei den Kämpfen um Rathenow durchgeführt. Danach konnte er unter den toten Soldaten bis heute keine Angehörige der SS ermitteln. Nach seiner Meinung belegt das aber nicht zweifelsfrei, ob auch Angehörige der SS in Rathenow gekämpft haben. Dieses wird ja von Zeitzeugen immer wieder behauptet bzw. ist diesen so übermittelt worden.
Wenn hier im Kommetar von zwei toten SS Soldaten zu lesen ist, dann wird diese Information Historiker Bleis sehr interessieren. Ich bitte deshalb den Autor diese Kommentars sich mit W. Bleis in Verbindung zu setzen.
Hans- Jürgen Wodtke für die Online- Redaktion
Kommentar:
3
von:
Hapke , Ralf
am:
08.11.2010
um:
21:28:17
Kommentar:
Liebe Mitbürger , meine Frau sucht immer noch ihren Großvater Alfred Enderlein , der in den Endkämpfen 1945 im Raum Rathenow vermißt ist . Er kam aus Jüterbog / Altes Lager und war Soldat in einer Ersatzabteilung . Irgendein Kamerad muß doch wissen , was mit ihm geschehen ist . Die Wehrmachtsauskunftstelle in Berlin konnte leider auch keine Auskunft geben . Die Ungewißheit über seinen Verbleib ist schon schlimm. R. Hapke
Kommentar:
2
von:
Rathenower geschichtsinteressierter Bürger
am:
27.10.2010
um:
15:25:37
Kommentar:
Ich schließe mich meinem Vorredner an und frage mich, ob Herr Thonke oder ein anderer "PHOTOSHOP" Fan die Bilder bewusst geändert haben, um die ewig dikutierte Rolle der SS in Rathenow zu "beweisen". Zumindest das Bild von NITSCHE+ GÜNTHER ist echt!
Redaktion:
Siehe Anmerkung zum Beitragsende!
Kommentar:
1
von:
Reishöfer
am:
10.05.2010
um:
12:08:29
Kommentar:
Angemerkt sei hier, dass offensichtlich Freunde von "Photoshop" hier geschichtliche Verfälschungen vorgenommen haben.