Bei den Segelfliegern in Stölln
Von Joachim Nandico
Stölln ist ein kleines Dörfchen östlich von Rhinow. Es hat selbst keine Bahnstation. Man muss von Rathenow aus bis Rhinow fahren und die restlichen 2 km zu Fuß zurücklegen, um dahin zu gelangen.
Der Stützpunkt der Segelflieger liegt noch hinter dem Dorf, am Gollenberg, der sich mit über 80 m Höhe über die Felder und Kiefernwälder erhebt. Er diente schon den Gebrüdern Lilienthal als Übungsgelände für ihre Gleitflugversuche. Dabei stürzte Otto Lilienthal am 9. August 1898 tödlich ab. An dieser historischen Stätte wurde ein Denkmal errichtet. Otto Lilienthal opferte für sein Ziel, es den Vögeln gleich zu tun, sein Leben. Unsere heutigen Segelflieger müssen ebenfalls bereit sein, Opfer für die Fliegerei zu bringen. Sie benutzen ihre Freizeit, um ihrem großen Vorbild nachzueifern. Schon sonnabends reisen die Segelflieger des Kreises Rathenow zu ihrem Stützpunkt. Nicht wie andere suchen sie ihr Vergnügen beim Tanz oder anderen Lustbarkeiten. Ein Ausschlafen am Sonntagmorgen gibt es für sie nicht. Es sind nicht viele Jugendliche, die sich diesem herrlichen Sport verschrieben haben. In der Stadt Rathenow selbst mit ihren rund 30000 Einwohnern gibt es nur wenige, die Sonntag für Sonntag „draußen" sind. Ich will nicht verheimlichen, dass sich der Artikelschreiber selbst dazu zählt. Die meisten der anderen Segelflieger sind Arbeiter aus dem Kunstseidenwerk „Friedrich Engels" in Premnitz. Auch unser Fluglehrer arbeitet dort. Ich kann nicht annehmen, dass unserer Jugend der Mut zum Fliegen fehlt. Den meisten ist der Weg zum Segelflugzeugführer zu lang und zu schwierig. Arbeiten, Disziplin halten, Konzentration bewahren, Enttäuschungen ertragen, das verlangt die Ausbildung.
Dabei haben wir heutigen Segelflieger es wesentlich leichter als unser Vorbild Lilienthal oder die Arbeiterflugsportgruppen nach dem ersten Weltkrieg, die sich mit wenigen Mitteln ihre Flugzeuge selbst bauen mussten. Wir können von den Erfahrungen Lilienthals und von denen vieler anderer Flugpioniere lernen. Die Segelflugzeuge, auf welchen wir fliegen, sind ausgereifte, sichere und gut durchdachte Konstruktionen. Jeder von uns weiß, dass er sich auf sein Flugzeug verlassen kann. Für die verschiedensten Zwecke werden uns die „Maschinen" von der GST, deren Mitglied jeder Flieger sein muss, mit Geldmitteln aus unserem Staatshaushalt zur Verfügung gestellt.
Für die Anfänger gibt es den robusten, aber „gutmütigen" Schulgleiter „SG 38", ein offenes Gleitflugzeug, das durch seinen Gitterrumpf und viele Spanndrähte an den Tragflächen zu erkennen ist. Für Flugschüler, die ihre B-Prüfung bestanden haben, stehen uns in unserer Flugzeughalle drei „Baby IIb"-Übungssegelflugzeuge zur Verfugung. Ein Doppelsitzer aus der tschechoslowakischen Volksrepublik und drei Leistungsflugzeuge vom Typ „Meise", die durch ihre besonders schnittige Form auffallen, stehen noch in unserer Halle. Welchen Wert die Maschinen darstellen, kann man ermessen, wenn man weiß, dass eine „Meise" soviel wie ein „Wartburg" kostet. Die Halle mit ihren Flugzeugen ist aber nicht alles, was zum Segelflugstützpunkt Stölln gehört. An ihr sind eine Garage und eine komplette Werkstatt mit den wichtigsten Holz- und Metallbearbeitungsmaschinen angebaut. Eine ehemalige Motormühle und ein Kuhstall wurde zu unserer Unterkunft, den Büro- und Unterrichtsräumen und der Küche mit dem Essraum, wo wir jeden Sonntag unser Mittagessen bekommen. In den Wintermonaten spielt sich die gesamte Ausbildung innerhalb dieser Gebäudekomplexe ab. Es werden die Voraussetzungen für den Flugbetrieb im Sommer geschaffen. In der Werkstatt werden die Flugzeuge und Starthilfsmittel repariert und überholt. Jeder Segelflieger ist verpflichtet, eine gewisse Anzahl Werkstattstunden zu leisten. Im Unterrichtsraum wird Aerodynamik, Wetterkunde, Fluglehre usw. gelehrt. Auch an dieser theoretischen Ausbildung muss jeder Flugschüler teilnehmen; denn im Frühjahr muss er sein Wissen in einer Prüfung beweisen.
Kommt der Frühling heran, dann beginnt der Flugbetrieb wieder. Die Hallentore werden aufgeschoben und die Flugzeuge heraus getragen. Draußen setzt man sie auf ein „Kullerchen", einen zweiräderigen Transportkarren, und schiebt sie zur vom Flugleiter festgesetzten Startstelle auf den Flugplatz, der sich hinter dem Gollenberg ausbreitet und von der Straße nicht zu sehen ist. Die Startstelle muss jetzt noch vorbereitet werden. Gelbe Fähnchen werden ausgesteckt und das gelbe Landekreuz ausgelegt. Am anderen Ende des Flugplatzes, gegenüber der Startstelle, in etwa 1,5 km Entfernung wird die Motorwinde aufgestellt, mit deren Hilfe die Flugzeuge, einem Drachen gleich, in die Höhe geschleppt werden. Wer hier mit der Winde starten darf, muss mindestens schon die fliegerische A-Prüfung bestanden haben.
Die Kameraden, die noch nicht so weit sind, finden wir mit ihrem Schulgleiter meist am Westhang des Gollenberges. Sie starten ihr Flugzeug mit einem gabelförmigen Gummiseil, das von etwa zehn Kameraden im Laufschritt gestrafft werden muss. Diese Beschäftigung ist sehr anstrengend und einer der Gründe, warum viele auf dem Wege zum Segelfliegen umkehren. Die ersten Übungen, die hier am Hang ein Flugschüler ausführen muss, spielen sich zu ebener Erde ab. Er lernt das „Pendeln". Der Schulgleiter wird an einem Bock im Schwerpunkt aufgehängt. Der Schüler, ordnungsgemäß auf dem Sitz festgeschnallt und einen Sturzhelm auf, macht er sich mit den Steuerbewegungen des Flugzeuges vertraut. Die ersten Starts, die er durchführt, sind ebenfalls noch keine Flüge, sondern die so genannten „Rutscher". Das Flugzeug rutscht auf dem Rasen entlang, ist lediglich gerade zu halten und in die angegebene Richtung zu steuern. Erst wenn diese Übungen beherrscht werden, geht es in die Höhe, zuerst ist es nur ein Meter, dann zwei bis drei Meter usw. Nur wenige Sekunden dauert solch ein Flug, aber 8 Stunden muss der Flugschüler dafür arbeiten. Das bedeutet, etwa 60 bis 70 mal am Tage das Gummiseil straffen und eben so viele Male das Flugzeug von seinem Landeplatz zurück, den Hang hinauf zum Startplatz schaffen. Oft geschieht es auch, dass man gar keinen Start erhält, weil plötzlich der Wind zu stark geworden ist, oder einer der Kameraden den Schulgleiter beschädigt hat. Ja, dann muss man schon mächtig für die Fliegerei begeistert sein, um durchzuhalten und nicht zu verzagen. Umso stolzer trägt man nach bestandener A-Prüfung das blaue Abzeichen mit einer Schwinge. Die Bedingung dafür ist ein Flug in 30 m Höhe von mindestens 30 Sekunden Dauer. Nun darf der Schüler an der Winde schulen. Die schwere Arbeit mit dem Gummiseil liegt hinter ihm. Wenn man die Wochenendschulungen regelmäßig besucht, kann man in etwa einem halben Jahr soweit sein. Nimmt man an einem Lehrgang teil, so ist dieses Ziel schon in 14 Tagen zu erreichen, wenn das Wetter den Fliegern gut gesinnt ist.
An der Winde kann der Schüler mit seinem „SG 38" höher geschleppt werden. Er lernt jetzt auch Kurven zu fliegen. Darauf folgt das große Erlebnis des ersten Hochstarts. Das bedeutet, dass das Flugzeug so hoch geschleppt wird, wie es die Schleppseillänge und die Windstärke erlauben. Bei dieser Höhe, etwa 200—300 m, muss man eine „Platzrunde" fliegen, damit man wieder auf den Flugplatz zurückkommt und am Landekreuz aufsetzen kann. Das verlangt vom Piloten äußerste Konzentration. Bei solchen Flügen verfolgen alle gespannt ihren Kameraden. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Hochstart. Wir starteten in Richtung Westen. Schon beim Einsteigen bekam ich so ein beklemmendes Gefühl und als das Stahlseil eingehakt wurde, wäre ich beinahe wieder ausgestiegen. Aber blamieren wollte ich mich doch nicht. Dann hieß es: „Seil straff! Rutscht!" Schon hob sich das Flugzeug vom Boden und das beklemmende Gefühl verschwand. So, nun Knüppel an den Bauch, Richtung gehalten und abgewartet, bis das Ausklinkzeichen kommt. Da ist es auch schon. Die Maschine bäumt sich auf, ich drücke nach und kupple das Seil aus. Vor mir liegt der Gülper See, der an seiner eiförmigen Gestalt gut zu erkennen ist. Nun eine Linkskurve, dort, diese gezackte Wasserfläche ist der Hohennauener See. An diesen Gewässern kann man sich gut orientieren. Rathenow muss dahinter liegen. Ich kann aber nichts davon erkennen. Der Dunst nimmt die Sicht. Noch drei Startvorbereitungen. Kurven sind zu fliegen. Mir wird wieder etwas unbehaglich, wenn ich direkt unter mich schaue. Da ist nicht mehr der sichere Flugplatz, sondern ich sehe Teiche und Bäume. Auch zwei Pferde mit einem Ackerwagen kann ich ausmachen, lauter Hindernisse. Aber ich fliege und lerne langsam, die große Überlegenheit eines Luftfahrzeuges zu schätzen. Die Konzentration auf die Steuerung lässt mir aber nicht viel Zeit, das Gefühl des Fliegens auszukosten. Schon ist das Landekreuz in Sicht. Ich habe mir meine Höhe nicht richtig eingeteilt und komme etwas zu kurz, d. h. setzte schon vor anstatt hinter dem Landekreuz auf. Der Fluglehrer nimmt es mir aber nicht weiter übel, weil es ja mein erster Hochstart war. Er hat zwei Minuten gedauert. Mir war, als wäre es viel länger gewesen.
Der Leser wird enttäuscht sein, wenn ich schreiben muss, dass die meisten Flüge, die wir Sonntag für Sonntag durchführen, auch nicht länger als fünf Minuten dauern. Bei solchen Flügen wird hauptsächlich das Kreisen und eine genaue Ziellandung geübt. Beherrscht man das mit dem Schulgleiter, hat man die B-Prüfung bestanden und darf dann ähnliche Übungen mit dem „Baby II b" ausführen. Diese Periode schließt mit der C-Prüfung ab.
Erst jetzt kann man einen Flugauftrag erhalten, in dem gefordert wird, sich länger in der Luft zu halten. Abgesehen davon, dass der Pilot ein gutes theoretisches Wissen und reiche Flugerfahrung mitbringen muss, gehört dazu auch noch die entsprechende Wetterlage. Es muss „Thermik" vorhanden sein, aufsteigende Warmluftmassen, die das Flugzeug nach oben tragen. Man kann dadurch weit über 1000 m Höhe gewinnen. Bekannter ist eine andere Art, Segelflüge länger auszudehnen, nämlich Segeln im Aufwind an einem Berghang. Besonders in der Röhn und in Laucha (Unstrut) wird davon Gebrauch gemacht. Wir pflegen in Stölln diese Art nicht, weil an unseren Hängen keine besonders starken Aufwinde entstehen. Oft kommt es bei solchen Flügen zu Außenlandungen. Wenn sich der Pilot mit seinem Flugzeug zu weit vom Platz entfernt hat und keine Thermik mehr findet, so wird er gezwungen, irgendwo auf einer Wiese oder einem Acker zu landen. Wir auf dem Flugplatz Zurückgebliebenen klettern dann schnell auf unseren LKW, der Segelflugzeugtransportanhänger wird klar gemacht und schon sind wir auf dem Weg, um ihn zurückzuholen. Gewiss ist er schon dabei, das Flugzeug abzurüsten. Denn nur im zerlegten Zustand kann die Maschine auf dem Anhänger verstaut werden.
Mancher Leser wird sich fragen, warum man nie über Rathenow ein Segelflugzeug sieht, obwohl doch Stölln nur 20 km entfernt liegt. Der Grund ist in der festgelegten Flugplatzzone zu suchen. Wir dürfen uns mit unseren Flugzeugen nur 10 km vom Platz entfernen, d. h. wenn wir in Richtung Rathenow fliegen, ist unsere Grenze der Ferchesarer See. Eine Ausnahme bilden angemeldete Überlandflüge. Da sind der Entfernung nur meteorologische Grenzen gesetzt. Aber auch hierbei würden wir nur bei dem relativ seltenen Nordwind
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Ortslage Stölln
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über Rathenow kommen. Außerdem darf einen solchen Flug nur ein Segelflugzeugführer ausführen, der die Segelflugerlaubnis (S 1), die mit der Fahrerlaubnis vergleichbar ist, besitzt. Man muss vier fliegerische und zwei theoretische Prüfungen ablegen, um die Segelflugerlaubnis zu erhalten. Erst wenige Kameraden haben es schon bis dahin geschafft. Ich selbst habe sie nach drei Jahren ununterbrochener fliegerischer Ausbildung erhalten. Jetzt freue ich mich darauf, den ersten Überlandflug, vielleicht mit einem unserer Leistungsflugzeuge, durchführen zu können. Dann muss ich aber noch viel trainieren. Die Steilkreise müssen einwandfrei geflogen werden. Das Aufsuchen und Verbleiben in einer Thermikblase ist auch nicht so einfach und muss geübt werden. Hoffentlich ziehen dann weiße Cumuluswolken über den Gollenberg dahin, das Wetter, wie es sich ein Segelflieger wünscht. Oft bereitet es uns aber große Enttäuschungen. Dann steht man mit nassen Füßen unter einer Tragfläche und wartet, ob das laute Trommeln der Regentropfen auf der Bespannung nicht nachlassen will. Ist der Flugbetrieb zu Ende, werden die Flugzeuge wieder zur Halle gerollt, sorgsam gereinigt und gewartet. Dann beginnt ein schwieriges Unternehmen, nämlich die Maschinen in unserer viel zu kleinen Halle unterzubringen. Ist alles getan, schwingen sich die Flugschüler und Segelflieger auf ihre Fahr- und Motorräder und es geht nach Rathenow, Premnitz oder Hohennauen, je nachdem, wo jeder seinen Wohnsitz hat. Mancher von ihnen wird dann davon träumen, ein Motorflugzeug oder einen Düsenjäger zu fliegen. Aber das braucht kein Traum zu bleiben. Wenn er durch seine Arbeit in der GST die Notwendigkeit der Verteidigung unserer Heimat erkannt hat und seine Liebe zur Fliegerei geweckt wurde, steht ihm der Weg zu unseren Luftstreitkräften offen. Dann ist die GST einer ihrer Aufgaben, Nachwuchs für unsere Volksarmee zu schaffen, gerecht geworden. Die anderen Kameraden können durch ihre Qualifizierung zum Leistungssegelflieger ebenfalls unserem Staat dienen, indem sie die Leistung des Flugsports erhöhen. Damit wächst auch das Ansehen unserer Deutschen Demokratischen Republik vor der Welt.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1960, Seite 116-123, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
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