Chronik der Konsum-Mühlen Rathenow
von Ernst Dittmann
Die Konsum-Mühlen Rathenow haben eine große, historische Vergangenheit. Im Werk I am Schwedendamm werden in der Mahlmühle Roggen und Weizen mit einer Tagesleistung von 50 000 kg Getreide zu Mehl vermählen. Das Werk II am Mühlendamm besteht aus einer Haferschälmühle, in der täglich 30 000 kg Hafer zu Hafernocken verarbeitet werden. Vor über 100 Jahren überreichte am 7. März 1848 der Kaufmann und spätere Ratsherr Carl Friedrich Hübener dem Magistrat einen Antrag auf Errichtung einer Dampf-Mahl- und Ölmühle auf seinem Grundstüc
k vor dem Haveltor, jetzt Schwedendamm. Am 30. Juni 1848 wurde dann der Bauconsens erteilt und der Grundstein für den heutigen Mühlenkomplex gelegt. Es handelte sich damals nur um ein kleines Unternehmen. Erst mit der Industrialisierung und dem Anwachsen der Städte vergrößerte sich auch die Mühle. Im Jahre 1853 entstand im Anschluss an die Mühle ein vier Stockwerk hoher Kornspeicher, der bis zur Havel abgegrenzt wurde. In der weiteren Epoche wurde 1880 eine Ausladevorrichtung angebaut. Neun Jahre später entstanden ein neues Maschinen- und Kesselhaus sowie ein neuer Dampfschornstein, der eine Höhe von etwa 36 m hat. Durch spätere Ersetzung der Dampfkraft durch Elektrokraft war die Schornsteinsäule Jahrzehnte unbenutzt. Seit dem letzten Jahr raucht der Schornstein wieder, hat aber heute eine andere Bedeutung, denn er wurde in den Dienst einer neu erbauten Kesselanlage zur zentralen Beheizung der Büroräume, der sanitären Anlagen und des Speiseraumes gestellt. Wegen der früheren Betriebskraft führt auch heute noch dieser Betrieb im Volksmunde die Bezeichnung „Dampfmühle". Infolge der weiteren Entwicklung der Mühle entstand im Jahre 1893 ein massiver Silospeicher auf Pfahlrostgründunig. Der alte Kornspeicher fand Verwendung als Lagerraum für Mehl und Nachprodukte. Durch die Inbetriebnahme des Silos erhielt der Betrieb einen weiteren großen Aufschwung und entwickelte sich in den darauf folgenden Jahren (Anno 1900) durch Aufsetzen eines neuen Stockwerkes auf das Mühlengebäude zur Großmühle.
Bis kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges befand sich die Mühle in Privatbesitz und ging dann in den Besitz einer Aktiengesellschaft über. Nach einer Auf- und Abwärtsentwicklung - verursacht durch die damaligen Spekulationsgeschäfte der Getreidebörse - wurde 1937 aus der Aktiengesellschaft wieder ein Privatbetrieb. Durch die in der Zwischenzeit von der damaligen Wirtschaftsorganisation für die einzelnen Mühlen festgelegten Mahlkontingente und Festsetzung konstanter Getreidepreise erreichte die Mühle erneut einen Höhepunkt und führte durch die Initiative des neuen Besitzers zum Bau eines modernen Betonsilos, der im Jahre 1940 vollendet wurde. An Hand dieses gewaltigen Baues wurden die Lagermöglichkeiten erheblich vergrößert, so dass insgesamt 4500 t Getreide untergebracht werden können. Durch die günstige Wasserverbindung wurde das Korn hauptsächlich auf dem Wasserwege durch Lastkähne herbeigeschafft und ein großer Teil davon zu Mehl gemahlen und in Kähnen wieder weiter nach Hamburg, dem Rheinland und nach vielen anderen Gegenden verschifft.
Entscheidende Umwälzungen entstanden durch den Zusammenbruch in den Maitagen 1945. Der Betrieb hatte stark unter den Kriegseinwirkungen gelitten, und große Anstrengungen der Stammarbeiter waren erforderlich, die einzelnen Gebäude und Maschineneinrichtungen wieder einsatzfähig zu gestalten. Mit zäher Aufbauarbeit und großer Energie wurden Scharten auf Scharten ausgewetzt, die vielen Einschusslöcher beseitigt, und bereits im Juni konnte die Produktion der Roggenmühle wieder aufgenommen werden.
Im Zuge der Entmachtung des Großkapitals fiel auch dieser Betrieb unter das Sequestrierungsgesetz und wurde als herrenloser Besitz dem Volkseigentum übergeben. Als genossenschaftlicher Produktionsbetrieb besteht für die Kollegen die schöne Aufgabe, durch laufende Kontrolle und Überwachung der Produktion in dem gut eingerichteten Laboratorium dem Konsumenten nur erstklassige Qualitätswaren anzubieten.
Die Geschichte der so genannten Wassermühlen lässt sich bis in das Jahr 1335 zurückverfolgen, in dem sie Markgraf Ludwig der Bayer der Stadt gegen eine Pachtsumme überließ. In der deshalb ausgestellten Urkunde heißt es unter anderem: „Wy Lodowich ... bekennen, daz wy unsern lieben Bürgern to Rathnowe, Ratmann und der Gemeinheit, hebfoen unse Mül mit de Flutrinnen und waz dato gehöret, vorhuret (verpachtet) van den neh-sten Wihnachten vord ouer dri jähr, jedes jarez vor twintig wispel Roggen, vor twintig Wispel maltes und vor teiphunt Brandenb. phenninig und sulen uns dise gulde geben jedes jarez in vier Ziden. Wy geibben in ok viftig stucke die hölfte geuen alle jar to hülp dem buwe der Mül und sulen das witlich vorbuwen. Se sulen ok allen den die in der Mül pacte haben iren pacte geben nach scepel zal, als se uns geuen und daran sulen sie sich be-nugen lazen. Were ok daz die Altar zu Tangermund hat nicht wolt sich genügen lazen und unser Burher darbouen besweren wolden, dat sulen wy se afnehmen. Sie mügen ok ane hinder uf unser heid als vil Holzez houen, als se bederfen zu dem buwe de Müle..."
Aus dieser Zeitpacht wird im Jahre 1351 eine Art von Erbpacht. Oder vielmehr Markgraf Ludwig schenkte die Mühle als ein Eigentum an die Stadt Rathenow, sofern sie alljährlich „fünfzig Stück Geldes" Pacht entrichten würde.
Zur gleichen Zeit wurden der Stadt die Wasser- und Staurechte verliehen. Im Jahre 1512 unter Churfürst Joachim I. ward diese Mühlenpacht abgeändert, oder vielmehr, wegen des veränderten Geldwerts, dahin näher bestimmt, dass künftig 15 Wispel Malz, 15 Wispel Roggen und 20 Gulden Landwährung alljährlich gegeben werden, und die Stadt verpflichtet sein solle: „Dem ChurFürsten, wann er Fehde oder Krieg habe, auf sein Begehren Einen aus den Mühlen zu senden, der mit der Axt fertig und geschickt sey, zu solchem Geschäfte."
Im Jahre 1536 erließ Churfürst Joachim II. der Stadt den auf 20 Gulden bestimmten Teil des Canons und so ist es nun bei der jährlichen Kornpacht von 30 Wispel, halb Roggen und halb Gerste, geblieben, die an das Königl. Amt Mühlenhof nach Berlin geliefert werden müssen. Bis zum Jahre 1848 blieb die Mühle Stadteigentum und ging dann in Privatbesitz über. Etwa um das Jahr 1890 wurde von den damaligen Besitzern Griess & Möwes die alte Vordermühle abgerissen und ein vier Stock hohes, neues Mühlengebäude errichtet. Auch die alte Hintermühle fiel im Jahre 1935 dem Abbruch zum Opfer, dadurch verschwand ein weiteres historisches Denkmal.
Auch die Wassermühle hat viele Stürme durchstehen müssen. Nachdem sie bereits im Jahre 1911 durch Großfeuer zerstört und dann wieder aufgebaut wurde, hat abermals ein Schadenfeuer Anfang des Jahres 1946 den Mühlenflügel mit seiner gesamten Mahleinrichtung vernichtet. Dieser Betrieb war als ausgesprochene Weizenmühle eingerichtet und hatte ebenfalls eine Tageskapazität von 50 t. Da in den Nachkriegsjahren Weizen zur Vermahlung nur in beschränktem Umfang zur Verfügung stand und durch die vorhandene Überkapazität der Mühlen an einem Wiederaufbau als Weizenmühle nicht zu rechnen war, jedoch für die Versorgung der Bevölkerung Nährmittel dringend benötigt wurden, reifte der Entschluss zum Bau einer Haferschälmühle. Nachdem von der Landesregierung die Genehmigung zum Wiederaufbau erteilt war, hatte sich der Betrieb im Rahmen des Zweijahrplanes die Aufgabe gestellt, den Wiederaufbau des Gebäudes und die Einrichtung der Schälmühle bis Ende des Jahres 1949 durchzuführen. Elevatoren, Laufrohre, Förderbänder, Antriebsriemen und Transmissionswellen mussten beschafft werden. Die erforderlichen Getre
idereinigungsmaschinen, Haferenthülser, Sichtmaschinen, Bürstmaschinen, Filteranlagen, Flockenstuhl usw. wurden bei den Mühlenbauanstalten in Auftrag gegeben. Umfangreiche Installations- und Klempnerarbeiten waren zu erledigen. Zwecks Entbitterung der Haferkerne war zur Erzeugung des erforderlichen Dampfes die Aufstellung eines Hochdruckdampfkessels nötig. Hierzu musste das alte Kesselhaus völlig umgebaut werden. So entstand eine modern ausgestattete Haferschälmühle. Dank der unermüdlichen Schaffenskraft der Kollegen wurde die Haferflockenproduktion auf der Grundlage des wissenschaftlich-technischen Fortschritts auf das Höchstmaß entwickelt, und der erste Waggon Haferflocken konnte im Januar 1950 das Werk verlassen. Durch Verbesserungsvorschläge der Kollegen konnte die Arbeitsproduktivität durch Veränderung des Arbeitsablaufes im Produktionsprozess wesentlich gesteigert werden, so dass heute die Mühle täglich einen Ausstoß von 15 t Haferflocken hat. Der Betrieb ist voll ausgelastet, und die Produkte werden in den verschiedenen Bezirken unserer Deutschen Demokratischen Republik verkauft.
Verbesserungen in der technischen Einrichtung der Mahlmühle wurden ebenfalls laufend vorgenommen. Ein großer Teil alter, verbrauchter Mahl- und Sichtmaschinen musste neuen Platz machen. In arbeitsschutztechnischer Hinsicht wurde an Stelle des alten Getreideelevators, der in der Bedienung unter erschwerenden Umständen und starker Staubentwicklung beim Schaufeln des Getreides im Kahn große Anstrengungen der Kollegen erforderte, eine pneumatische Schiffssauganlage im Jahre 1956 eingebaut. Mittels eines Saugrüssels können jetzt die einlaufenden Getreidekähne bei einer Leistung von 20 bis 25 t je Stunde gelöscht werden.
Im Interesse der weiteren Mechanisierung und Technisierung sind die Kollegen somit bestrebt, sich laufend für einen verbesserten Betriebsablauf einzusetzen. Der Rekonstruktionsplan des Betriebes hat im Siebenjahrplan ebenfalls die Instandhaltung und notwendige Erneuerung der gegenwärtigen technischen Einrichtung zum Hauptinhalt. Im Jahre 1923 wurde eine neue Wasserkraftstation durch den Einbau von drei Francis-Turbinenpaaren errichtet, und somit verschwanden auch die Wasserräder. Zur Zeit laufen noch zwei Paar Turbinen, die bei günstigen Wasserverhältnissen eine Leistung bis zu 160 kW bringen. Ein Betrieb kann hiermit ohne Fremdstrombezug gefahren werden. Die Lohnverhältnisse waren in der Mühlenindustrie äußerst schlecht. Während die Direktoren hohe Gehälter und große Tantiemen bezogen, hatte der Müller, Silomeister und Vorarbeiter einen Wochenlohn von 35,- DM, ein Schichtführer erhielt in der Woche 36,50 DM, und für Frauen wurden nur 21,90 DM gezahlt. Ein alter Tarifvertrag aus dem Jahre 1938 gibt hierüber Auskunft. Dank der lohnpolitischen Maßnahmen unserer Regierung konnten die Lohnverhältnisse unter Anwendung des Leistungsprinzips wesentlich verbessert werden, so dass die Lohnbedingungen den Industriezweigen der Leichtindustrie angepasst werden konnten. In sozialer Hinsicht wurde ein Speisesaal mit gut eingerichteter Werkküche zum Wohle der Werkangehörigen geschaffen.
So haben wir heute zwei Mühlen im Besitz des Volkes, die wirtschaftlich und geschichtlich verschiedene Wendungen überlebt haben und durch die Eigenart ihres Gewerbes eng mit der Bevölkerung des Stadtkreises Rathenow sowie des Landkreises verbunden sind. Durch die umfangreichen Silo- und Speichergebäude hat der Betrieb mit als größte Aufgabe, die anfallende Getreideernte unterzubringen und sie durch sorgfältige Lagerung und Überwachung der Brot- und Nährmittelversorgung sicherzustellen.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1961, Seite 50-53, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz
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