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Georg Penning - Das Lebensbild unseres Heimatmalers

Nach einem Manuskript von Georg Penning
bearbeitet von Joachim Freimuth

Am 4. November 1871 wurde ich als Sohn eines kleinen Landwirtes geboren, der in Großwalddorf unmittelbar vor den Toren der Stadt Danzig wohnte. Später kaufte sich mein Vater ein Grundstück, das weit außerhalb des Dorfes lag. Meine Geschwister und ich hatten deshalb einen sehr weiten Schulweg. Georg Penning an seiner StaffeleiDarum kam ich erst mit 7 Jahren zusammen mit meiner um ein Jahr jüngeren Schwester zur Schule. Die Schulverhältnisse der damaligen Zeit waren äußerst primitiv und mit unseren heutigen überhaupt nicht zu vergleichen. Die Schule, die ich besuchte, war eine sechsstufige, die in zwei Klassen aufgeteilt war. Da ich von Anfang an sehr gut lernte, konnte ich bald die beiden ersten Stufen dieser Schule überspringen. Nach einjährigem Schulbesuch wurde ich schon in die letzte Klasse dieser zweiklassigen Dorfschule versetzt.
Meine weitere Kindheit wurde von verschiedenen Unglücksfällen meines Vaters überschattet. Zweimal brannten die Wirtschaftsgebäude seines Bauernhofes ab. Beim zweiten Mal wurde sämtliches Vieh, die Erntegeräte und die ganze Ernte vernichtet. Das überstieg die wirtschaftliche Kraft meines Vaters, und gänzlich verarmt, zog er mit uns nach Wilna, damals in Russisch-Polen gelegen. Dort hatte ein Verwandter von uns meinem Vater goldene Berge versprochen. Aber dieses Versprechen erwies sich sehr bald als ein Trugschluss.
Um das so bitter nötige Brot für die Familie mit zu beschaffen, verließ ich mit 13 Jahren die Schule und half meinem Vater, der Arbeit als Maurer angenommen hatte. Diesen Arbeitsplatz behielt mein Vater nicht lange. Um überhaupt Geld zu verdienen, nahm er jede sich bietende Beschäftigung an. So fuhr er Holz aus dem Wald zum Bahnhof, das meine Schwester und ich gefällt hatten. Mit diesem Holz wurden damals alle Lokomotiven in dieser Gegend befeuert, da das Holz einen schier unerschöpflichen Reichtum darstellte. Im Sommer fuhr dann mein Vater Ziegelsteine, und ich wurde Gelegenheitsarbeiter.
Mit 15 Jahren wurde ich Glaserlehrling bei einem Bruder meiner Mutter in Königsberg, Ostpreußen.
Das waren in kurzen Zügen meine Kinderjahre. Sie brachten mir viel Arbeit und Entbehrungen, und manches, was die Kinderjahre so angenehm und schön macht, blieb mir leider versagt.

Wie ich Maler wurde
So war ich nun Glaser geworden. Das war ein Handwerksberuf, der mich in keiner Weise befriedigte. Bei der Glaserarbeit gab es nichts zu denken. Es war zwar eine Tätigkeit, die viel Bewegung mit sich brachte. Aber meine geistigen Kräfte wurden dadurch wenig beansprucht. Als ich in die Lehre kam, war ich fast 16 Jahre, das bedeutete in der damaligen Zeit vier Jahre harter Arbeit, Entbehrungen und wenig Freude.
Als ein Jahr meiner Lehrzeit vergangen war, kehrten meine Eltern aus Wilna nach Deutschland zurück. Die wirtschaftlichen Schläge, die meinen Vater getroffen hatten, sowie die harte und schwere körperliche Arbeit ließen ihn unheilbar erkranken, so dass er noch im Jahr seiner Rückkehr nach Deutschland starb. Zwei Jahre später folgte meine Mutter. Auch sie war den schweren Entbehrungen dieser Zeit nicht gewachsen. So stand ich, kaum 18 Jahre alt, ohne die schützende Hand der Eltern da und musste zusehen, mit dem Leben allein fertig zu werden.
Wie so manchmal anscheinend sehr unbedeutende Dinge für einige Menschen bestimmend in ihr Leben eingreifen, so traf diese Tatsache auch für mich zu. Der Anlass für mich, Maler zu werden, war ein sehr einfacher Holzschnitt. Dieser Holzschnitt war so einfach, dass es mich reizte, ihn zu zeichnen. Und siehe da, die Zeichnung gelang! Sie war zwar etwas primitiv, aber man konnte doch erkennen, um was es sich handelte. In der Folgezeit zeichnete ich nun alles, was mir vor den Bleistift kam, Männer- und Frauenköpfe, Tiere aller Art, Landschaften usw.. Ich hatte Feuer gefangen. Von nun an kannte ich nur ein Ziel: Ich wollte Maler werden. Das Feuer, das mich ergriffen hatte, war kein Strohfeuer, sondern es war echt. Damals habe ich mir geschworen, ohne Akademie oder sonstige Schule ein guter Maler zu werden. An eine Förderung junger Talente dachte in dieser Zeit kein Mensch, und so lag ein dornenreicher Weg vor mir. Ich war aber willens, ihn zu gehen.
Zunächst einmal musste ich mit meiner Lehre fertig werden. Aber, wenn es irgend anging, malte ich in meiner kargen Freizeit. Eine geregelte Arbeitszeit kannte ich nicht. Von 6 Uhr früh bis 7 Uhr abends ging die Arbeit. Auch sonntags wurde bis zum Mittag geschuftet. Eines Tages verbot mein Meister mir das Malen. Aber von diesem Verbot ließ ich mich nicht abschrecken. Da bin ich dann jeden Tag um 3 Uhr aufgestanden und habe bis zum Arbeitsbeginn um 6 Uhr gemalt. Endlich war die harte und drückende Lehrzeit um. Ich war frei und konnte machen, wozu es mich trieb.
 
Während meiner Gesellenjahre kam ich am 10. Juli 1895 nach Rathenow. Die Stadt wurde mir zur zweiten und endgültigen Heimat. Hier kam ich zu der Erkenntnis, dass es so mit meiner Malerei nicht mehr weiterging. Ich brauchte dringend jemanden, der mir half und mich förderte. Anlässlich eines Besuches einer Berliner Kunstausstellung am Lehrter Bahnhof wandte ich mich an den  Maler Heinrich Kohnert  mit der Bitte um Hilfe. Der erste gute Rat, den er mir gab, war der, mir eine verstellbare Staffelei zu kaufen und draußen in der freien Natur zu malen. Mit Feuereifer befolgte ich diesen Rat. Wann irgend mir die Zeit dazu blieb, war ich draußen und war fest entschlossen, mit Pinsel und Palette der Natur ihre Reize abzulauschen. Ein halbes Jahr nach meinem ersten Besuch suchte ich meinen Lehrer wieder auf. Ich muss schon sagen, er ging sehr streng mit mir zu Gericht. Aber das war mir sehr lieb. Eine große Hilfe für mich bedeutete das Zusehen beim Malen dieses Künstlers. So ging es nun fort. Regelmäßig fand ich mich bei Heinrich Kohnert  ein, und jedes Mal konnte dieser Künstler gute Fortschritte in meinen Arbeiten feststellen. Diese für mich fruchtbare Zusammenarbeit wurde leider durch den jähen Tod Kohnerts abgebrochen. Ich verlor in ihm einen eifrigen Förderer und Helfer und werde ihm stets ein ehrendes Andenken bewahren. Inzwischen hatte ich mich auch verheiratet und war immer noch als Glasergeselle tätig. Aber in der Malerei war ich noch nicht weit genug. Deshalb sah ich mich nach einem neuen Maler um, der mein Lehrer werden sollte.
Mein zweiter Mentor wurde  Professor Hoffmann Fallersleben  (der Sohn des Dichters Hoffmann von Fallersieben). Nach anfänglicher Ablehnung erging es mir bei ihm wie bei  Heinrich Kohnert.  Er wurde bis zu seinem Tode mein getreuer Berater und Förderer. Ich habe ihn jedes Jahr aufgesucht und bin sein Meisterschüler geworden. Auch ihm werde ich stets ein dankbares Erinnern bewahren, das bin ich ihm schuldig. Er hat mich jederzeit ohne Eigennutz gefördert, wo er konnte.
So bin ich Maler geworden.

Als Maler
Nach 25jährigem Studium konnte ich mit dem Rathenower Maler  Emil Heinsdorf  im Jahre 1914 meine erste Ausstellung durchführen. Sie fand im damaligen  Hotel „Deutsches Haus"  statt. Es war ein voller Erfolg für uns beide: Durch diese Ausstellung wurde unser Ruf begründet.
Doch dann kam der unselige erste Weltkrieg. Es musste alles zurückgestellt werden. Für Kunst hatte niemand Zeit und Interesse. An ein Weiterarbeiten war nicht zu denken.
Erst nach Kriegsende trat ich 1918 mit einer Hausausstellung wieder an die Öffentlichkeit.
 
1920 hängte ich dann mein Handwerk an den Nagel und ging mit fliegenden Fahnen zur Kunst über. In dieser Zeit zeigte es sich leider, dass es auch eine Kunst war, von Kunst zu leben. Auch mir erging es nicht gerade rosig. In dieser Zeit bildete sich eine kleine, von Laienkünstlern getragene Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft war auch der Bildhauer Lippert,  der sich zu einem bedeutenden Künstler entwickelte, tätig. Wir stellten zusammen in der Aula des alten Gymnasiums (heute: Neue Schule) aus. Leider war diese ersprießliche Zeit bald zu Ende, als anlässlich einer Kunstausstellung Berliner Künstler die Vereinigung Rathenower Kunstfreunde gebildet wurde, zu der ich als Berufskünstler nicht zugelassen wurde. Mit diesem Zustand haben wir Künstler uns nie abgefunden, sondern stets energisch dagegen angekämpft.
Aber erst 1925 gelang uns dieses Vorhaben. In diesem Jahr haben wir nämlich etwas ganz Neues durchgeführt. Es wurde eine Ausstellung Kunst in Verbindung mit Wohnkultur gezeigt. Der eingetretene Erfolg übertraf alle Erwartungen. 5000 Besucher zählte unsere Ausstellung. Der schönste Erfolg aber war der schon oben erwähnte Zusammenschluss aller Rathenower Kunstschaffenden zur Rathenower Künstlerschaft.  Helfer dabei waren besonders der Bildhauer Lippert, der Redakteur Saile von der Rathenower Zeitung und der Lehrer Ernst Hoffmann.
Unser Ziel war, jährliche Ausstellungen durchzuführen. Von der Stadt wurde uns die Turnhalle der Hagenschule  (heute: Feuerwache in der Gr. Hagenstraße) für diesen Zweck zur Verfügung gestellt.
Die noch weiter neben uns bestehenden Kunstfreunde konnten aber unserem Arbeitselan und unserer Initiative nicht standhalten und sanken zur Bedeutungslosigkeit herab.
Auch der damalige Oberbürgermeister Lindner unterstützte uns jetzt. Das bedeutete, dass wir uns auf der ganzen Linie durchgesetzt hatten.
Die Jahre bis 1933 waren für uns und unsere Gemeinschaft unverändert günstig. Wie so vieles, zerschlugen die Nationalsozialisten auch unsere blühende Künstlergemeinschaft. Damit war die so heiß erkämpfte Rathenower Künstlerschaft erledigt. Hinzu kam leider noch, dass unsere in der Turnhalle der Hagenschule lagernden Ausstellungswände bei einem Brand der Halle vernichtet wurden.
Mehrmals habe ich im Verein mit anderen Künstlern versucht, unsere Künstlerschaft wieder ins Leben zu rufen, aber ich traf jedesmal bei den damaligen Machthabern auf taube Ohren.
 
Ich möchte nun einige Erfolgsdaten anführen. 1942 kaufte die Stadt Brandenburg anlässlich einer Ausstellung des Märkischen Künstlerbundes ein Gemälde von mir „Aus dem Roten Fenn bei Rathenow". Leider ist dieses Werk, das in Groß Behnitz lagerte, in den Wirren der Nachkriegszeit verschwunden. Weiter kaufte die Stadt Rathenow das Gemälde „Altstadt mit Steinstraße" für das nach 1945 neu eingerichtete Landtagsgebäude der Provinz Brandenburg in Potsdam. Für das gleiche Gebäude kaufte die Kreisverwaltung das Gemälde „Moränenlandschaft bei Marzahne".
Für eine in Rathenow entstehende Gemäldegalerie habe ich im Jahre 1952 vier Ölgemälde verschiedener Größen als Grundstock gestiftet. In den Jahren 1956 und 1957 kamen dann noch weitere vier Werke dazu, so dass der Anfang mit 8 Werken gemacht ist.
Das Jahr 1943 bedeutete für mich der Höhepunkt meines Schaffens. In jenem Jahr wurden vom Haus der deutschen Kunst in München drei Arbeiten von mir angenommen. Es waren dies „Überschwemmung in den Kolonien hinter Rhinow", „Winter an der Wolzenseewiese" und „Haveldorf" (Mögelin).
Das, was sich damals Tausende erhofften, hatte ich erreicht. Angesichts des immer weiter um sich greifenden Krieges konnte ich meinen Erfolg nicht voll ausschöpfen. Durch Bomben wurden die Dächer der Ausstellungshallen zerstört, so dass die Ausstellung vorzeitig abgebrochen werden musste.
Nun möchte ich noch einige Gemälde nennen, die mir lieb und wert sind, wegen ihrer Größe, ihres Inhalts und ihres Gelingens. Als größtes wäre „Feldarbeit" zu nennen. Dieses Bild hat eine Größe von 160 x 400 cm und ist zur Zeit im Besitz der VEAB. Weitere Bilder sind „Mäher mit Binderin", „St. Marien-Andreas-Kirche" von der Havel, mehrere Gemälde vom Ferchesarer See, „An der Stadtschleuse", „An den Archen", „Der Höllenreiter", „Des wilden Jägers letzter Ritt".

Ausblick
So ist nun seit dem Jahre 1933 nach der Zerschlagung der Rathenower Künstlerschaft eine stille Zeit angebrochen. Von kämpferischem Leben war nichts mehr zu verspüren. Doch in dieser künstlerisch ruhigen Zeit haben sich andere Kräfte entwickelt, die heute zu Meistern ihres Faches geworden sind. Es ist dies vor allem der Bildhauer Karl Mertens, der, von der Akademie kommend, zu einem bei uns gern gesehenen Mitarbeiter geworden ist. Mit seinen Werken stellt er den erfolgreichen Aufbau unseres neuen Staates dar. Leider sind wir heute nur zwei anerkannte Künstler. Aber Gerhard Zimmermann und in letzter Zeit auch wieder Gerhard Paetz sind zwei viel versprechende Laienkünstler, die mit ihren Leistungen weit über dem Durchschnitt stehen. Auch Lüpke gehört in diese Reihe. Erfreulich ist, dass es noch eine ganze Reihe strebsamer Kräfte gibt, die sich weiterentwickeln werden.

Hier schließt die Lebensbeschreibung unseres Rathenower Malers Georg Penning. Über 50 Jahre lang hat er mit Pinsel und Palette die Schönheiten unseres Havellandes der Nachwelt überliefert und damit wesentlich zur Förderung der Heimatliebe unter unseren Mitmenschen beigetragen. Der heute 86jährige wohnt in Rathenow in der Puschkinstraße 19. Trotz seines hohen Alters nimmt er am künstlerischen Schaffen unserer Stadt noch regen Anteil und arbeitet selbst noch mit. Alle Rathenower Kunstfreunde wünschen dem hoch betagten Künstler noch einen recht langen und erfolgreichen Lebensabend in Gesundheit und körperlicher und geistiger Frische, damit er noch recht lange seine reichen Erfahrungen in den Dienst unseres Wiederaufbaus auf künstlerischem Gebiete stellen kann.

Anmerkung der Redaktion: Georg Penning starb 1960 in Rathenow

Dieser Artikel erschien im Rathenower Heimatkalender 1958, Seite 95 - 101 und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen

 Einige der Werke von Georg Penning

Birken

Morgenrot

Am See (1943)


  Kommentare

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Kommentar:1
von:u.diekmann
am:30.12.2009
um:18:22:30
Kommentar:als ich durch zufall auf diese seite gelangte,fiel mir sofort der name des malers auf.meine oma hat auch auf ihrer flucht aus ostpreussen ein bild von g.penning mitgebracht,was noch heute in unserem familienbesitz ist. mit freundlichem gruß u.diekmann

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