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Von der "Bolle-Villa" zur Jugendherberge "Freundschaft"

 die Entwicklung des Grundstücks Friedensstraße 21 in Milow, Kreis Rathenow

von Rainer Luplow

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts stand auf dem heutigen Gelände der Friedensstraße 21 in Milow nur die Kate der Familie Bolle. Nach Abriss der alten Kate wurde 1871 mit der Neubebauung des Grundstücks begonnen und 1882 fertig gestellt. Zwei weitere Grundstücke wurden von Bolles aufgekauft. Der Aufkauf größerer unbebauter Flächen ermöglichte die umfangreiche Ausdehnung des ehemaligen Grundstücks mit einer Parkanlage und zwei Karpfenteichen. Auf dem Gelände wurde auch eine Kapelle errichtet. Der Bau des Nebengebäudes bot Platz für die Unterbringung von Pferdeställen und einer Kutscherstube. Nach der Fertigstellung sollte das Grundstück der Familie als Sommerresidenz dienen, doch es blieb bis etwa 1900 kaum genutzt. Erst mit der Übernahme des Geschäfts durch den Sohn stellte dieser das Gebäude den Kindern seiner Angestellten und Arbeiter als Erholungsheim zur Verfügung. Während des I. Weltkrieges stand das Haus fast völlig leer. 1920 wurde das Grundstück einer katholischen Gemeinschaft kostenlos zur Nutzung übergeben, unter deren Leitung hier ein Hospital entstand. Das faschistische Regime beschlagnahmte 1934 die Villa und richtete bis Herbst 1944 ein Arbeitsdienstlager ein.
Nach dem II. Weltkrieg nutzte man das Haus als Kinderheim. Zur Versorgung der während dieser Zeit hier untergebrachten 36 Kinder wurde der größte Teil des Freigeländes der Friedensstraße 21 umgebrochen, um Gemüse und Kartoffeln anzubauen. Während der fünfjährigen Nutzung als Kinderheim erhielt auch die ehemalige Kutscherstube den Charakter einer Wohnung. Im Januar 1950 fand die Auflösung des Kinderheims statt.
Mit der Annahme des „Gesetzes zur Teilnahme der Jugend am Aufbau der DDR und der Förderung der Jugend in Schule und Beruf, bei Sport und Erholung" am 8. Februar 1950 durch die Volkskammer wurde das Grundstück vom Rat der Gemeinde an die „Jugendheim G. m. b. H." übergeben. Damit war der dokumentarische Grundstein für die Einrichtung der Villa als Jugendherberge gelegt. Noch im August 1950 begann man mit allen notwendigen Arbeiten, das Gebäude als Jugendherberge einzurichten. Das obere Stockwerk, das bisher als Boden diente, wurde ausgebaut, und Schlafräume, Waschräume und ein Lesesaal fanden ihren Platz. Etwa zur gleichen Zeit begann man mit dem Bau der Freilichtbühne und mit dem Umbau der Kapelle auf dem Gelände. Unter Mithilfe vieler Jugendlicher aus dem Ort konnte die Jugendherberge am 1. August 1951 ihrer Bestimmung übergeben werden. Damals gehörte Milow noch zum Kreis Genthin, Bezirk Magdeburg.
Bis 1958 hatte die Herberge eine Kapazität von 50 Betten. Veränderungen am Mobiliar ermöglichten ab 1958 die Nutzung der Jugendherberge mit 62 Betten.
Von 1962 an hatte die Herberge eine Kapazität von 70 Betten und 40 Behelfsquartieren; die Behelfsquartiere wurden mit Zelten realisiert. Nach Festlegungen des Rates des Bezirkes Potsdam arbeitet die Jugendherberge seit 1968 mit 63 registrierten Plätzen. Neben einigen Sportgeräten und Gesellschaftsspielen bietet die Jugendherberge im Wesentlichen für die Freizeitgestaltung der Kinder und Jugendlichen die natürlichen Gegebenheiten der Umgebung von Milow. Angrenzend an das Gelände der Einrichtung wurde 1970 der Zeltplatz D 152 aufgebaut, der Platz für 150 Touristen bot. Dabei wurden durch die Zeltler die Einrichtungen der Herberge mitgenutzt. 24 Zelte, Decken, Luftmatratzen und Schlafsäcke konnten ständig von den Campingfreunden ausgeliehen werden. Erste einschneidende bauliche Veränderungen innerhalb der Villa wurden 1978 vorgenommen. Hierbei machte es sich erforderlich, Zwischendecken teilweise und die gesamten Sanitäranlagen zu rekonstruieren und sämtliche Räume zu renovieren.
Die zuvor eigenverantwortliche bzw. durch die Bezirksstelle für das Jugendherbergswesen realisierte Vermittlungstätigkeit der Bettenkapazität der Jugendherberge wurde 1981 in die von dem heutigen Reisebüro der FDJ „Jugendtourist" übernommen. Eine Vielzahl von baulichen Veränderungen kennzeichnete das Geschehen bis zum heutigen Zeitpunkt in der jugendtouristischen Einrichtung D 24.
Die Baufälligkeit der Eingangstreppe an der Vorderfront des Gebäudes machte eine Umgestaltung der Haupteingangstreppe erforderlich. Veränderungen an den Grünanlagen und Wegeführungen schlossen sich an. Im Nebengebäude konnte ein Sportraum eingerichtet werden. Die Rekonstruktion des Duschraums im Keller lässt jetzt eine ständige Nutzung durch die Gäste des Hauses zu. Seit langem war die Fäkalienansammlung ein Problem der Herberge. 1984 konnte mit dem Bau der neuen Sammelgrube endlich Abhilfe geschaffen werden.
Auch gastronomisch kann den Jugendlichen mehr denn je geboten werden. Ein Anbau am Nebengebäude, großzügig als Bar eingerichtet, bietet heute Platz für 40 Jugendliche zur gemütlichen Gestaltung der Abende.
Aber auch im Programmgestaltungsbereich hat sich viel geändert. Nach wie vor bietet die wald- und wasserreiche Gegend um Milow für alle Touristen Möglichkeiten der aktiven Erholung, denn zur individuellen Gestaltung des Aufenthaltes können in der Jugendherberge unter anderem Tontechnik, Schlitten, Luftgewehre, Ruderboote, Touristenbestecke sowie viele Sportgeräte und Gesellschaftsspiele ausgeliehen werden. Aus der gesamten Breite des Angebots an Veranstaltungen, die von der Herberge für die Gruppen vorbereitet und organisiert werden, seien hier nur einige genannt: Erwerb des Jugendtouristenabzeichens der FDJ „Meine Heimat - DDR", Gestaltung von Grillabenden mit Lagerfeuer und die Durchführung von Nachtwanderungen. Die Herbergsleitung organisiert Lehrwanderungen mit einem Förster, Treffen mit Arbeiterveteranen, Buchlesungen, Urania-Vorträge, Lichtspielvorführungen, Betriebsbesichtigungen und Diskotheken. Ein Lichtbildervortrag zum Thema „Milow im Havelland und dessen Geschichte" gibt Aufschluss über die historische Entwicklung des Ortes und der Jugendherberge.
Bei der Vorbereitung und Durchführung der Aufenthaltsprogramme steht die Herbergsleitung ihren Gästen stets mit Rat und Tat zur Verfügung. So wird auch in Zukunft alles getan, um die ehemalige „Bolle-Villa" immer jugendgerechter zu gestalten. Dank der großzügigen Jugendpolitik unseres Staates wird auch weiterhin ein planmäßiges Voranschreiten zur Verbesserung der materiell-technischen Basis dieser jugendtouristischen Einrichtung möglich sein, um den Gästen eine breitere Palette an Angeboten für eine aktive und interessante Freizeitgestaltung bieten zu können und die wohnliche Atmosphäre der Jugendherberge ständig zu verbessern.

                                                                                                                                                                                     Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1986, Seite 44-47, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


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