Wer war Hermann Ventzke?
von Rudolf Guthjahr
Viele unserer Mitbürger sammeln eifrig Aufnahmen vom alten und neuen Rathenow, und nur wenige von ihnen wissen, wem sie die Bilder verdanken, die um die Jahrhundertwende in der Stadt und ihrer Umgebung hergestellt wurden. Damals war eine Kamera noch ein seltenes und kostbares Gerät. Die Technik des Fotografierens steckte noch in den Kinderschuhen und war mit den heutigen Instrumenten und ihren hochempfindlichen Filmen nicht zu vergleichen.
Wer war nun der Fotograf?
Damals zog ein hagerer Herr mit schütterem Vollbart und bleicher, ungesunder Gesichtsfarbe hier umher. Er trug einen ungefügen großen Fotoapparat aus poliertem Holz nebst Stativ mit sich herum. Letzteres ließ sich zu einem Bündel, ähnlich einem dicken hölzernen Regenschirm, zusammenschnallen. Mit dieser Ausrüstung belichtete er die vielen Glasplatten, von denen unsere Abzüge herkommen. Der eifrige Heimatfreund hieß Hermann Ventzke.
Er wurde am 31.9.1848 im damaligen Ostpreußen geboren und wirkte etwa seit 1875 als technischer Lehrer am Realgymnasium, also an der damaligen Oberschule für Jungen.
Er unterrichtete die Schüler im Zeichnen, Schreiben, Rechnen, in Erdkunde, Religion und anderen Fächern. In erster Linie war er Zeichenlehrer. Der Zeichenunterricht war zu seiner Zeit eintönig und dürftig. Es wurden nur Linien, später Zigarrenkisten abgemalt. Erst ganz zum Schluss bekamen die Kinder auch einmal einen ausgestopften Vogel als Modell zum Zeichnen. War der gut gelungen, kam der Befehl: „Leg an!" Das hieß, es durfte ausgemalt werden. Von Kunst und Kunstgeschichte war damals nicht die Rede.
Da das Schlagen mit dem Rohrstock in der Oberschule verboten war, trommelte er damit wenigstens auf den alten langen Tischen des Zeichensaales herum, um ungehorsame Schüler zu erschrecken. Seiner ungewöhnlich hohen Stimme verdankte er den Spitznamen Pieper Ventzke. Das wurde einem Junglehrer der Anstalt zum Verhängnis. Er fragte seine Schüler nach ihrem Namen. Der eine hieß Pieper. So kam die ahnungslose Frage von seinen Lippen: „Ach, sind Sie ein Sohn von unserem Zeichenlehrer?" Das war er nicht, denn Ventzkes einziger Junge, er hieß auch Hermann, war früh gestorben.
Der künstlerisch veranlagte Zeichenlehrer Ventzke wandte seine ganze Liebe der Fotografie zu. Die Umgebung Rathenows, ihre Naturschönheiten und auch die alten winkligen Straßen der Stadt hielt er im Bilde fest.
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Seit einigen Jahren erscheint in der Rathenower Havelland-Druckerei jedes Jahr ein neuer Kalender mit Reproduktionen von Fotos von Hermann Ventzke
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Er machte auch Stereoskopfotos, die aber kaum bekannt wurden. Ventzkes Nachlass an Glasplatten und Fotoabzügen erbten seine beiden Töchter, Fräulein Ventzke und die Frau des Lehrers Troche. Diesen Bildern verdankte er seinen Nachruhm, von dem er kaum etwas ahnte. Heute sind diese Fotografien wertvolle Dokumentationen der Stadtgeschichte von Rathenow, die von Heimatfreunden bestaunt und bewundert werden.
Nach einem langen Ruhestand ist Lehrer Hermann Ventzke am 12.10.1936 in Rathenow verstorben. Er wurde 88 Jahre alt.
Dieser Artikel erschien im Rathenower Heimatkalender 1984, Seite 76 -77 und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen
Anmerkung der Redaktion: ............ Er "porträtierte" Städte und nicht selten auch die dortige einheimische Bevölkerung. Aber seine Motive blieben nicht auf das Brandenburger Umland beschränkt: mit der Kamera bereiste er auch Sachsen, West- und Ostpreußen.Im DHM befinden sich neben Porträts seiner Familie und Ansichten seiner Heimatstadt Aufnahmen von Potsdam, Neuruppin, Rheinsberg, Nauen, Stendal, Jerichow, Tangermünde, Thorn, Marienburg und anderen Orten
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