Ein altes Haus und seine Bewohner
in zwei Jahrhunderten
aus der Chronik der Gemeinde Milow
Das älteste erhaltene Wohnhaus Milows wurde am 19.03.1995 199 Jahre alt. Das Fachwerkgebäude in der Friedensstraße 114 stammt aus dem Jahre 1796, was eine erst kürzlich wieder gefundene Inschrift bezeugt. Marianne und Andreas Feßer, die heutigen Eigentümer und Bewohner des Hauses, ließen das alte Fachwerk innerhalb eines Jahres mit großem Aufwand sanieren.
Das Gebäude steht seit 1992 unter Denkmalschutz (siehe auch Kapitel "Weitere Baudenkmale des Ortes"). Es ist, unmittelbar am Milower Dorfplatz gelegen, Teil des historischen Ortskerns und wurde nun Dank der Sanierung wieder zu einem Blickpunkt für Einheimische und Gäste. Aber auch noch in einer anderen Hinsicht hat das Haus eine große Bedeutung für die Milower.
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges lebte darin Studienrat Walter Pritzkow, der Großvater von Frau Feßer. Den älteren Bürgern noch gut bekannt, ging er als "der Retter von Milow" in die Geschichte der Gemeinde ein. Zusammen mit dem damaligen Pastor Bichtemann übergab er am 5. Mai 1945 den Ort kampflos der Roten Armee und rettete ihn so vor der Zerstörung. Weitere interessante Einzelheiten aus der Geschichte des Hauses sind in einer Chronik festgehalten, die freundlicherweise von der Familie Feßer zur Verfügung gestellt wurde.
Wie im vorigen Kapitel zu lesen ist, kamen die ersten Milower Vorfahren der Familie Pritzkow um ca. 1748 in unseren Ort. Der Kossat Joachim Friedrich Pritzkow heiratete in jenem Jahr die Tochter des Weinmeisters Haacke und erwarb in Milow einen Hof. Diesen Kossatenhof, der nicht zu verwechseln ist mit dem Haus Pritzkow in der Friedensstr. 114, übernahm ca. 1776 dessen Sohn Andreas Pritzkow. Die Geschichte des Hauses beginnt erst mit dem Sohn von Andreas Pritzkow und seinerr Frau Anna Dorothea (geb. Schmädicke), mit Christian Friedrich Pritzkow, der nicht erbberechtigt auf dem Kossatenhof war, da sein älterer Bruder den Hof übernahm.
Die kürzlich bei der Sanierung des Hauses wieder gefundene Inschrift lässt vermuten, dass das Haus Pritzkow im Jahre 1796 von einer Familie Danker erbaut wurde. Maria Luise Danker, 1791 in Milow geboren, heiratete am 03 12.1809 den Kossaten Christian Friedrich Pritzkow. Ein Vertrag aus dem Jahre 1810 sagt aus, dass Anna Dorothea Danker das Haus mit dem Kossatengut an ihre Tochter Marie und deren Ehemann Christian Pritzkow für 600 Taler in Preußisch Courant verkaufte. Dieser Vertrag beinhaltete auch ein Altenteil für die Witwe Danker, welches sie später mehrere Male einklagte. Dabei handelte es sich um solche Leistungen wie die jährliche Lieferung eines halben fetten Schweines. Im Jahre 1832 starb die Ehefrau von Christian Pritzkow, und 1833 drohte ihm aus den Streitigkeiten mit seiner Schwiegermutter sogar die Pfändung. Am 19.03.1834 erfolgte in Rathenow die Erbteilungsverhandlung über den Nachlass der verstorbenen Marie Luise Pritzkow. Das Erbe ging an den Witwer Christian Friedrich Pritzkow und an die sechs gemeinsamen Kinder. Als Teilungsvormund wird Gastwirt Carl Friedrich Wilhelm Ganzer genannt.
Christian Pritzkow verstarb am 17.12.1850. Er hatte bis zum Tode seiner Schwiegermutter immer Sorgen um den Erhalt des Altenteils. Warum er das Kossatengut an den ältesten Sohn verkaufte, ist unklar. Wahrscheinlich waren die älteren Söhne nicht bereit, die Last der Auszahlung an die Geschwister auf sich zu nehmen.
Am 02.03.1851 heiratete einer der Söhne, Georg Christoph Wilhelm Pritzkow, Cousine Karoline Dames, knapp ein Vierteljahr nach dem Tode des Vaters. Im Juni 1859 wird die Mühlenbreite an den Besitzer der auf dem Grundstück erbauten Bockwindmühle Müller Friedrich Wilhelm Pollake verkauft. 1883 hat Wilhelm Pritzkow das Stallgebäude erbaut. Am Giebel wurden die Initialen "W.P." angebracht.
Auf dem Dach befand sich eine Wetterfahne, die ein Schwiegersohn, der Schmiedemeister Lemme aus Bützer, anfertigte. Sie zeigt wahrscheinlich den ältesten Sohn Karl Friedrich Wilhelm Pritzkow ("Hebberecht") und dessen Bruder, den späteren Lehrer der Leopoldsburger Schule, Gustav Pritzkow. Laut Grundbuch hat Karl Friedrich Wilhelm ("Hebberecht") Kossatengut mit dem Haus im Jahre 1887 übernommen. Den Unterlagen zufolge hatte er ziemlich viele gerichtliche Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn und anderen Milowern, was ihm wahrscheinlich seinen Spitznamen einbrachte.
Da er keine Nachkommen hatte, nahm er seinen Bruder Gustav nach dessen Pensionierung als Lehrer ins Haus.
Gustav Pritzkow erbte im Jahre 1928 das Anwesen. Sein einziger Sohn, Walter Pritzkow, war nach seiner Studienzeit zunächst in Neuzelle, ab 1933 in Potsdam als Studienrat tätig. Nach dem Tode des Vaters 1936 kehrte er nach Milow zurück, übernahm das Haus und bekam ein Lehramt in Rathenow. Wenige Jahre später kam der Krieg, und viele Flüchtlinge mussten im Haus untergebracht werden. Als das Kriegsende nahte, brachte der Studienrat seine Frau und die vier Kinder in Richtung Elbe, nach Kabelitz. Der älteste Sohn, Wilhelm, aber kehrte nach Milow zurück, um dem Vater zur Seite zu stehen. Studienrat Pritzkow setzte sich für den Abzug der SS aus Milow ein und ging den Russen bei der Besetzung von
Milow entgegen. (Nähere Einzelheiten dazu im Kapitel - Faschismus und Zweiter Weltkrieg - Das Ende des Krieges)
Nach dem Tode von Frau Pritzkow, 1953, hatten alle Kinder das Haus verlassen. Es wurde in den darauf folgenden Jahrzehnten an die unterschiedlichsten Bewohner vermietet. Ein bis zwei Zimmer aber waren reserviert für die Kinder des Studienrates, die von Zeit zu Zeit ihren Heimatort besuchten und versuchten, das Haus zu erhalten.
Dennoch stellt ein Gutachten 1990 fest: "...Der bauliche Zustand ist schlecht und würde normalerweise den Abriss rechtfertigen. ... Die Erhaltung ist nicht durch eine Instandsetzung, sondern nur durch eine Restaurierung möglich .... Die künftige Nutzung des Hauses ist der Ausgangspunkt weiterer Überlegungen. ..." Im Jahre 1991 zogen die letzten Mieter aus. Ende des Jahres erwarben Andreas und Marianne Feßer den Besitz. Frau Feßer ist die Tochter von Andreas Pritzkow, dem zweitjüngsten Sohn des Studienrates Walter Pritzkow. Somit ist das Haus nach wie vor im Besitz der direkten Nachkommen der einstigen Erbauer.
Literatur:
• Andreas Pritzkow, "Geschichte des Hauses und der Familie Pritzkow in Milow, Friedensstraße 114", Teningen, 05.01.1992
Dieser Artikel wurde der Chronik der Gemeinde Milow (Stand 1995), Seite 77-79, entnommen.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
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