Das Dorf Buckow und seine Geschichte(n)
Das Dorf – Stift Buckow – (im Gegensatz zu Lüch - Buckow bei Nennhausen, dem einstigen Wallfahrtsort) war eine Siedlung der Mönche, auch Buckau bei Magdeburg. Der Elbe-Havel-Winkel gehörte ja einst zum Erzbistum Magdeburg und dies war lange Zeit mit dem Brandenburger Kurfürsten ein Zankapfel. Nach
der Reformation und dem Westfälischen Frieden, der den „Dreißigjährigen Krieg“ beendete, und erst noch ein sächsischer Administrator das aufgelöste Erzbistum verwaltete, kam dieses Land 1660 zur Mark Brandenburg. Das Amt war dann Jerichow, später nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon und dem Wiener Kongress, auf dem die Grenzen und Länder in Deutschland neu geordnet wurden, war es die preußische Provinz Sachsen, hier deren Kreise Jerichow I und II....
Erwähnt wurde der Ort 1360 als den von Treskow gehörig, besiedelt war er sicher schon lange davor. Vielleicht lagen erste Siedlungen am Kreuzberg, wo Funde auf frühe Siedlungsspuren hinweisen. Die Kirche, in wesentlichen Teilen aus Feldsteinen, deutet auf einen Beginn des Baues um die zweite Ostkolonisation hin, liegt auf einer Anhöhe, die dann lange als Friedhof genutzt wurde.
Der Rasenplatz deutet auf einen ehemaligen Rundling hin und die Entwicklung zum Straßendorf ergab sich durch Brände und der Aussiedlung von Höfen. Nach der Bodenseparation, einer Neuordnung und Verteilung des Bodens nach 1830, gab es ein Rittergut, sieben Bauernstellen neben dem Pastorhof und acht Kossäten, hier im Dorf Kotzer genannt. Die hatten ursprünglich die halbe Bauernhofgröße. Pastor und Schulze waren größere Bauernhöfe, damals nach Hufen bemessen. Der Herr Pastor ackerte im vorigen Jahrhundert noch selbst, war neben der Seelsorge noch mit der Natur und den Haustieren vertraut, ehe die Geldwirtschaft andere Wege der Vermarktung des Kirchenlandes wies. Die von Treskows waren über Jahrhunderte hier ansässig und auch in anderen Orten der Umgebung begütert. Ihnen folgten kurze Zeit die von Kattes, welche in Vieritz und Wust noch begütert und in Roskow den Stammsitz hatten, alles alte Geschlechter und länger als die Hohenzollern im Lande.
Wirtschaftliche Zwänge führten in den zwanziger Jahren zum Verkauf an den Grafen von der Recke von Volmerstein.
Die Bauern Götze, Huth, Henning, Adermann, Stölting und Müller (jetzt Kühn) waren schon lange im Ort. Wer von auswärts einheiratete oder gar sich ankaufte, hatte es nicht leicht.
Das älteste Siegel des Dorfes zeigt einen langbeinigen Vogel, eher Storch als Reiher. Mir ist noch das Storchennest bei Vater Behrendt auf dem Scheunendach bekannt. Beliebte Aufenthaltesplätze der Tiere waren die hohen Schornsteine des Schlosses und der Kirchturm, deren Dächer weiß bekleckert waren. Nach dem großen Brande 1832 war nur die Kirche und ein Haus stehen geblieben. Das Dorf wurde wieder aufgebaut und einige Höfe entkernt und an den Weg Richtung Ziegelei gelegt. Der Bau der Kirche dürfte seinen Anfang im Zuge der zweiten Ostkolonisation haben, der umfangreiche Gebrauch von Feldsteinen deutet darauf hin, später nutzte man den gebrannten Ziegelstein für den Turm. Der Patron der Kirche war der ansässige Adel, der nach der Reformation den Pfarrer auswählte. Auch die niedere Gerichtsbarkeit wurde vom Herrenhaus ausgeübt, und so bestimmten die Gutsherrschaft und der Pfarrer die Geschichte im Dorf. Das Gotteshaus war vom Kirchhof umgeben und dieser von einer Kirchhofmauer, dahinter knorrige Linden. Die Gräber waren noch bis zum zweiten Weltkrieg gepflegt, obwohl schon Anfang des Jahrhunderts am westlichen Dorfende ein neuer Gottesacker angelegt war, auf dem jede Hofstelle eine im Grundbuch eingetragene Fläche hatte. Auf dem alten Friedhof waren Flieder und Efeu gewuchert und was Tante Pastor in der Nacht aus dem Fenster zu sehen meinte, dass war wie mit dem Quietschen der Mäuse in der Jungfern Kammer - die Jugend im Frühling und Mitsommer!
Die Pfarrstelle war bei der Konfirmation meiner Mutter noch von Pastor Bolle besetzt. Der fungierte auch als Schulaufsicht. In der großen Pause wurde sie oft zur Schulhofmauer gerufen, um beim Herrgott Zigarren und Korn zu holen. Alle Buckower gingen des Sonntags zweimal zum Herrgott, in die Kirche und den Krug, der von einem „ Herrgott“ betrieben wurde. Von dem schöpfte also Pastor Bolle auch in der Woche seine geistige Nahrung. Der Krug war Nachbar der Müllers und die bekamen beim Tanz immer den letzten Walzer mit. Gefeiert wurde gern und oft. Gründe gab es immer, und wer in der Reihe wohnte, wollte sich nicht lumpen lassen und hielt auf sich, wenn es auch gar seine Möglichkeiten überstieg.
Die andere Wirtschaft war Saborowskie. Bumskie hatte ein glasiges Auge, was uns Kinder fürchten ließ und ging auch als Hausschlächter, kurzum, er war eine Märchenbuchfigur.
Nach dem Pastor Bolle kam Pastor Babick, der seine Wurzeln in Berlin hatte und auch dort seine Ruhe fand. Hier ruht nur „Tante Pastor“, und dies auch der Umstände und Kosten wegen. Der Sohn - Gottfried „Pastor“ - wurde Lehrer in Havelberg und Schollene. Dann wurde die Pfarrstelle von Wudicke betreut durch Pastor Sawade, der mir durch viele Familienfeiern vertraut war. Ich erinnere mich als Kind eines Sonntages, als er verstorbenen Kriegsgefangenen aus dem Osten von der Schäferei, ein christliches Geleit und Begräbnis nicht verwehrte. Seinen eigenen Sohn verlor er bei der Invasion in der Normandie um die Zeit, als auch in Böhne der Generalfeldmarschall von Kluge von ihm in aller Stille ausgesegnet wurde.
Bei Herrgotts hängte einst Ernst Schulze seinen Hut an den Nagel, seine wasserblauen Augen hatten Ida Herrgott gewonnen. Das Geschäft stand auf drei Beinen, der Krug und der Saal, der Kaufladen, er hatte ja bei Knütter in der Stadt als Kommi gelernt, in dem die Düfte aller Bonbonsorten die Kinderwünsche erregte und einer kleinen Landwirtschaft. Am krummen Ende handelte der alte Gottschalk auch mit Lebensmitteln, - er hatte rote Brause! Ebendort buk Stimming sein Brot gegenüber. Geschmiedet hat der alte Sandberg an der Wurthe vis-a-vis. Sein Sohn Fritze verstarb kurz nach seiner Einberufung im zweiten Krieg an Diphteritis als blutjunger Soldat. Diese Krankheit grassierte damals noch und forderte Opfer, so sie nicht rechtzeitig erkannt wurde. Am Rasenplatz hatte Arthur Lehmann seine Sattlerei. Der fuhr außerdem die Milch in Kannen nach Wudicke. Walter Stendel schneiderte, Lücke war der Tischler, Tonne mahlte Mehl und Schrot und buk auch Brot.
Viele Dorfbewohner arbeiteten in der Stadt in der optischen Industrie und anderen Gewerken. Die Schule wurde 1906 erbaut. Die alte Schule war vom Zahn der Zeit gezeichnet gewesen. Da eben unterrichtete Kantor Pieper, der auch meiner Mutter das Lesen, Schreiben, Rechnen und in der ersten Unterrichtsstunde die Religion lehrte, kurzum was das Leben einst benötigte. Davon wurde mir auch so einiges weitergereicht. Danach kam Kantor Müller, um 1940 Lehrer Reinemund, nach 1945 Holzendorf und Fräulein Kagelmann.
Als die neue Schule in Großwudicke alle Kinder der umliegenden Dörfer aufnahm, wurde aus der nun alten Schule der Dorfkonsum, wo Hilde Reinemund über Jahre wirkte. Übrigens war die Aufgabe, als Kantor die Orgel zu spielen seit 1922 eine freiwillige geworden.
An Vereinen gab es einst einen Reiter-, Krieger-, Sängerverein und die Feuerwehr, ohne die es zu allen Zeiten nicht ging. Heute fehlen die Krieger und Sänger, die sind ruhiger und humoriger, haben jetzt einen Angler- und einen Karnevalsverein. Der Feuerwehr wird ja immer von staatswegen unter die Arme gegriffen, doch wann brannte es? Als Fritze Götze als unmündiger Bursche seine Scheune des Hofes, den später sein Schwiegervater, der Gendarm Rümschüssel mit den großen Manteltaschen bewohnte, zündelte. Nach 1945 brannte es auf der Ziegelei und Götze`s große Scheune durch Selbstentzündung in LPG-Zeiten. Ein Original von Wehrleiter war der alte Kämpfer, der bei Feiern und gehobener Stimmung auf dem Saal zur„Schnitzelbank“ einem Rundgesang aufrief, etwa wie folgt:
„Is det nich nen Parapleu - Ja det isn Parapleu (alle)
Hat der nich nen Lütütü - Ja der hat nen Lütütü (alle)
Schnitzelbank, kurz und lang, -
oh du schöne, oh du schöne, oh du schöne Schnitzelbank (alle)
Durch Zeichensymbole an der Tafel untermalt, ging es, wie man heute sagen würde, durch die Prärie. Keiner kannte eine Schnitzelbank, war es die des Lebens, wo wir alle nur ein Span sind?
Ehe die Zeit des Landwanderkinos kam, kam Puppengötze in das Dorf, erlauschte das Neueste in der Gastwirtschaft, flocht es in seine Stücke ein und hatte die Lacher stets auf seiner Seite, besonders, wenn einer den Saal verließ, da er sich getroffen glaubte.
Auch so half Kultur erziehen!
Was so alles an Neuem in das Dorf in diesem Jahrhundert kam. Die Petroleumlampe wurde Anfang der zwanziger Jahre vom Elektrischen abgelöst, Motore ersetzen den Göpel und als ein Sommersturm die Windmühle am Mühlenberg umgestürzt hatte, mahlte Tonne zu Hause elektrisch. Der Mühe regelmäßigen Backens und Butterns, gar der Vermarktung, entzogen sich die Bäuerinnen allmählich.
Die Molkerei setzte Milchkontrolleure ein.
Das waren oft Bauernsöhne, die keine Hoferben waren. Die kamen auf die Höfe zu den Herden, zogen Proben und Mengen und wurden zu oft weggeheiratet. Ähnlich war es mit den Inspektoren des Gutes, und der Graf und Molkerei-Boumann hatten stets Probleme die Posten zu besetzen. Die Liebe, die Liebe ist eben eine Himmelsmacht! Dies war der Weg der Blutauffrischung vor dem zweiten Weltkrieg. Die Jungbauern des Dorfes grasten im Umfeld, nur die, die der erste Weltkrieg behielt für Kaiser und Reich, fehlten und ihre Namen standen auf der Tafel des Kriegerdenkmals.
Die Inflation und Folgen ließen Höfe untergehen, die Deflation und Spekulation zwang auch Stickstoff-Wilhelm, den Bauern Zerges zur Aufgabe. Dann kam die braune Diktatur, schuf den Erbhof und konsolidierte die Wirtschaft, - Arbeit und Brot -, bis man in den zweiten Weltkrieg zog oder ziehen musste.
Der Preis steht immer hinterher fest.
Da kamen Jugendliche von der Saar, zur Erholung und zum Sattessen und auch Helfen, bei Kriegsanfang auch Frauen mit Kindern von ebendort bis nach dem Frankreichfeldzug 1940. Der Bombenkrieg brachte dann Menschen aus dem Ruhrgebiet und Hamburg. Alle Häuser waren bis unter das Dach belegt. Zwischen durch machten junge Soldaten aus Rathenow, die dort ausgebildet oder schon ihre Verwundungen ausheilten, den Schönen im Dorfe ihre Aufwartung. In Steckelsdorf lud der See zum Bade, Tanz gab es damals nicht, doch was sich neckte fand und liebte sich und kam wieder.
Das Jahr 1945 - die Westfront stand seit März an der Elbe, - doch keiner kam. Der Krieg kam vom Osten, Flüchtlinge kamen ins und durch das Dorf. In Rathenow wurde gekämpft, SS war im Dorf, und keiner wusste vor wem er sich am meisten fürchten sollte. Fliehen, doch wohin? So war bleiben angesagt,
Flüchtlingselend sah man genug und gar auf der Straße sterben? Ein deutsches Flugzeug war zwischen Bahnlinie und Wudicker-Chaussee abgestürzt. Die Toten ruhen auf dem Friedhof und auch unbekannte Soldaten. Die Russen warfen zwei Bomben, eine im Feld hinter dem Garten, die einen großen Krater schuf, in den die Kühe, die von der anderen Bombe im Stall des Gutes getroffen wurden, verscharrt sind. Noch Jahre danach war die Senke des Trichters nicht glatt geebnet.
zuschlagen. Die Angst vor sowjetischer Gefangenschaft war groß, die SS konnte kaum auf Gnade hoffen, so verbissen waren die Geister. Unheimliche Stille, - noch in den Wald fliehen, - auf dem Hof bleiben, - sich in größeren Gruppen in Kellern sammeln? Was tun??? – Bei Müllers waren viele Menschen im Keller, die Familie, Verwandte, Freunde. Die Rotarmisten kamen von der Breiten Wiese hinten durch die Scheune auf den Hof. Onkel Heupel, dessen Darm ob der Situation besonders flott war, er war schon in Elberfeldt ausgebombt, in Rathenow ausgebrannt und nun wieder auf der Flucht, war auf dem Abtritt, als die Tür aufgerissen und er mit „Hände hoch“ und „Hosen runter“ sich ergab. Ein Bild für die Götter in ernster Situation.
Es gab dann Dinge im Dorf, über die später nicht gesprochen wurde, aber Mord und Totschlag gab es nicht. Die russischen Mädel bei den Bauern boten einen gewissen Schutz, bis sie nach einigen Tagen ohne Nachricht für immer verschwunden sind.
Der Krieg war aus, die Tiere wurden als Beute aus den Ställen getrieben und gesammelt. Müllers Kühe hatten eine andere Meinung, zogen in ihre Scheune in ein leeres Tass, wo sie gefunden und nach Ende der Aktion wieder im Stall angebunden und gemolken wurden. Das Dorf war voller Menschen, die eine Heimat und Bleibe suchten und einen neuen Anfang ganz unten. Die Gräfin von der Recke war mit der Familie geflohen, Jule mit dem großen Trecker und Wagen dahinter. Sie erreichten ihr geplantes Ziel, schafften einen neuen Anfang, die Gräfin mit der Hoffnung der Rückkehr im Herzen, doch ihre Zeit reichte nicht dazu.
Die Kriegsgefangenen Belgier waren auf dem Weg in ihre Heimat, die Ernte reifte und musste geborgen werden. Wie friedlich lag das Land nach der großen Anspannung. Der Krieg geit över den Acker, der Acker blifft, meinten die alten Bauern aus Erkenntnis. Der Pferde waren wenig und Not kannte kein Gebot. Das Sagen hatte der eingesetzten Bürgermeister, die nur einmalig 1946 in freier Wahl gewählt werden konnten. Früher kamen sie aus dem Dorfe. Den alten Stölting setzt man 1933 ab. Er war es lange Jahre in der Familientradition gewesen. Nach 1933 war es dann Walter Klietzing und nach 1945 der Flüchtling Marsch, nach dessen Tod Neusiedler Erstling.
Die Strukturen im Dorfe wandelten sich, das Gut wurde zersiedelt, die großen Bauern hatten Probleme mit der ungerechten und harten Veranlagung des Solls, wurden gar vom Hof vertrieben zur Schäferei und gingen nach dem Westen. Otto Müller und sein gegenüber Döbbelin gingen auch vor dem 17. Juni nach dort.
Es begann die Zeit der LPG, und 1960 mussten dies alle, willig und freiwillig. Es gab Typ I und Typ III, gemeinsame Feldwirtschaft oder alles gemeinsam. Solange sich dies im Dorf vollzog, und tüchtige Bauern das Sagen hatten, lief dies auch, aber als später Groß-LPG’en gebildet, gar Tier und Pflanze getrennt wurden, da wurde dieser Gigantomanie die Talfahrt eingeläutet. Sozial wurden Gemeinschaftsküche und Kindergarten getragen, die Melioration mitfinanziert und die Wege für die schwere Technik befestigt. Auflagen von „Oben“ trugen zur Überschuldung bei, als den „dummen Bauern“ gezeigt werden sollte, wie es richtig ist.
Redaktionell bearbeitet von Michael Borgmeier
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