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200 Jahre Magazininsel in Rathenow

von Wolfram Bleis

Unternimmt man heute einen Spaziergang über die Magazininsel, fällt nach dem Überqueren der Brücke über die „Kleinen Archen" ein gepflegtes, eingeschossiges Wohnhaus auf, das zusammen mit anderen, etwas weiter entfernt stehenden Häusern erst in den vergangenen drei Jahren rekonstruiert worden ist.
Hinter dem ersten Haus sieht man nach einer breiten Toreinfahrt, halb hinter Gebüsch versteckt, die Außenmauer eines langen niedrigen Gebäudes mit flachem Dach. KauMagazin auf der Magazininselm jemand weiß, dass es sich hierbei um den Rest des Gebäudekomplexes handelt, der der Magazininsel den Namen gab: das ehemalige „Königliche Proviantmagazin".
Der Gesamtkomplex wurde 1786 bis 1790 unter der Leitung von Major Stein als Vertreter der Militärbehörde und des Landbaumeisters Busse errichtet und ist damit sicher eines der letzten großen Bauvorhaben, die noch vom preußischen König Friedrich II. vor seinem Tode im August 1786 angeordnet und begonnen worden sind.
Das Magazin selbst bildete einen kompakten Bau von 157 m Länge und 108 m Breite mit zwei Innenhöfen, jeweils 57 mal 80 m groß. Die Längsachse verlief in Ost-Westrichtung. Auf einem massiven Sockelgeschoß mit bis zu l m starken Außenwänden aus normalformatigem Ziegelmauerwerk waren 3 Geschosse in zeit- und landestypischer Fachwerkkonstruktion - an der Außenseite nur rechtwinklige Holzkonstruktion ohne schräge Streben, Kopfbänder o.ä. - errichtet worden.
Darauf folgte ein allseitig abgewalmtes Steildach mit einer Dachdeckung aus Biberschwanzdachziegeln. Im Sockelgeschoß vorhandene Fenster, Türen und Tore hatten einen Segmentbogenabschluss. In den Obergeschossen waren in regelmäßigen Abständen, in jedem zweiten Feld, rechteckige, vermutlich 8teilige Fenster vorhanden, ihre Größe betrug annähernd l m². Der Dachraum war in zwei Geschosse unterteilt, von denen jedes durch eine Reihe in Fledermausgaupen ausgebauter kleiner Fenster belichtet und belüftet werden konnte.
Die Gaupen der beiden Geschosse waren zueinander versetzt angeordnet.
An den Ecken des Sockelgeschosses wurden über dessen gesamte Höhe jeweils zwei abgeschrägte Stützpfeiler angeordnet. Bei einer SockelgeschoßhAuffahrt zum Proviantmagazin 1786-1790öhe von 3,7 m, einer Obergeschoßhöhe von jeweils 3 m sowie einer Firsthöhe der Dachkonstruktion von etwa 6 m ergab sich eine Gesamthöhe von ca. 18 m. Bei derartigen Abmessungen - sie entsprechen einem umbauten Raum von etwa 122.000 m³ - war das Magazin das größte Gebäude der Stadt. Zum Vergleich besitzt ein viergeschossiger Wohnblock mit vier Aufgängen an der Leninallee ein Volumen von lediglich 7.400 m³. Die normale Lagerkapazität betrug 22.500 t Getreide, die im Notfall auf 26.400 t gesteigert werden konnte.
Neben dem eigentlichen Magazinbau wurden weitere Gebäude und Anlagen errichtet, die für eine reibungslose Funktion des Magazins erforderlich waren und - wie auch das Magazin selbst - für die Stadt eine allgemeine wirtschaftliche Bedeutung hatten.
Bedingt durch die Insellage wurden die Zugänge, insgesamt drei Brücken, nach Osten (zur Stadt) über die „Kleinen Archen" und nach Westen über die „Großen Archen", neu errichtet bzw. verstärkt. Daneben wurde etwa 40 m gegenüber der Südfront des Magazins am Oberwasser der Havel ein Bollwerk geschlagen, um Schiffstransporte abfertigen zu können. Weiterhin wurde vor der Südfront eine zweireihige Allee von Maulbeerbäumen angelegt. Die Zugänge waren durch Tore und Verhaue gesichert und bewacht. Das dazu erforderliche Wachpersonal war vermutlich im Magazingebäude selbst untergebracht.
Für die Beamten und Arbeiter, die gleichfalls als Militärangehörige galten, und für deren Familien wurden östlich und westlich vom Magazin entlang der Zufahrtsstraße Wohnhäuser mit kleinen Ställen errichtet und Gartenland zur Verfügung gestellt.
Insgesamt waren 4 Beamte, l Oberkommissär, 2 Kontrolleure und l Kassenschreiber sowie 8 „Kornschüpper" im Magazin beschäftigt. Zur Bewachung waren l Unteroffizier und 6 Soldaten der Rathenower Garnison eingesetzt.
Nach der Fertigstellung war das „Königliche Proviantmagazin" für 100 Jahre das größte derartige Vorratslager Preußens. Es bildete zusammen mit den übrigen Magazinen, dieAn den Archen zumeist in Festungen wie Breslau, Küstrin, Spandau oder Magdeburg untergebracht waren, das strategische Rückgrat für die Militärpolitik des preußischen Staates. Diese Kordon- bzw. Magazinstrategie entstand mit dem Aufkommen der stehenden Heere Ende des 17. Jahrhunderts. Überwiegend wurden nun die Soldaten zwangsrekrutiert, besonders in Preußen unter dem „Soldatenkönig" und seinem Sohn Friedrich II. Um sie an der Desertion zu hindern, mussten diese Soldaten, ob im Frieden oder im Krieg, ständig zusammenleben und unter Aufsicht gehalten werden. Die gesamte Strategie und Taktik war auf dieser Notwendigkeit aufgebaut. In der Schlacht wurde in geschlossenen Formationen gekämpft, wobei jede Armee besonders bei einer Niederlage Gefahr lief, durch die verloren gegangene Ordnung und Kontrolle einen erheblichen Teil ihrer Kampfstärke durch Desertion zu verlieren. Ein Beispiel dafür ist die Schlacht bei Prag zwischen Preußen und Österreichern am 6. Mai 1757, die zwar von den Preußen gewonnen wurde, jedoch nutzten mehr als 3.000 preußische Soldaten, etwa 5 % der Gesamtstärke, die Gelegenheit zur Flucht. Der gleiche Fall konnte eintreten, wenn die zentrale Versorgung aus den Magazinen entweder durch Feindeinwirkung oder durch zu große Entfernung nicht mehr gesichert werden konnte. Eine derartige Situation trat im 2. Schlesischen Krieg Ende 1744 auf, als die preußischen Truppen in Böhmen von ihren Versorgungslinien abgeschnitten wurden und allein innerhalb einer Woche 9 000 Mann desertierten. Jeder Feldherr des 18. Jahrhunderts war darum bemüht, ständig im Bereich seiner Magazine zu bleiben, d. h. maximal im Abstand von 5 Tagesmärschen der Fußtruppen.
Die Magazine mussten deshalb sowohl gesichert, z. B. durch Festungen, GarnisonBürgerhaus auf der Magazininselen und günstiges Gelände, als auch verkehrstechnisch günstig, das hieß zu damaliger Zeit an schiffbaren Wasserläufen angelegt sein. Das galt auch für das Rathenower Magazin, das über die Havel und entsprechende Kanäle Anschluss an Elbe und Oder hatte.
Der erste Einsatz des Magazins als Versorgungsstützpunkt in Kriegszeiten war kurz nach der Fertigstellung während der Interventionskriege gegen das revolutionäre Frankreich (1794/95). Kaum ein Dutzend Jahre später diente es dann nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon (1806) der französischen Armee bis zu den Befreiungskriegen als Nachschubbasis. Für alle weiteren kriegerischen Verwicklungen im 19. Jahrhundert stand es dann wieder der preußischen Armee zur Verfügung. Fast genau 100 Jahre nach seiner Fertigstellung, kam bereits das Ende für das größte Proviantmagazin Preußens. Nachdem bereits am 1. August 1891 im benachbarten Bürogebäude der Blitz eingeschlagen hatte, ohne jedoch einen Brand auszulösen, schlug der Blitz 3 Tage später während eines starken Gewitters am Nachmittag des 4. August in den Ostflügel des Magazins ein und setzte den Bau selbst und den dort lagernden Hafervorrat des Rathenower Kavallerieregiments in Brand. Innerhalb von drei Stunden brannte das gesamte Gebäude bis auf den massiven Sockel ab. Das Magazin verfügte zwar über Blitzableiter, sie waren jedoch als defekt kurz vorher abgebaut und nicht wieder ersetzt worden.
Man kann sich den erheblichen Schaden vorstellen, der durch den Brand entstand: 30.000 Zentner Roggenmehl und 36.000 Zentner Hafer wurden vom Feuer vernichtet, die Menge des verbrannten Strohs und Heus konnte nicht mehr ermittelt werden. Weiterhin war der Totalverlust des Magazingebäudes zu beklagen, das 1790 zweifellos den größten Teil der Baukosten des Gesamtkomplexes von 120.000 Reichstalern, heute etwa 26 Millionen Mark, erfordert hatte.
Was blieb nun von dem imposanten Bauwerk, dessen Baubeginn sich in diesem Jahr zum 200. Male jährt?
Das Bekannteste ist sicherlich der Name „Magazininsel", den die davon „Kietzhügel" genannte Havelinsel bis heute behielt, weiterhin die östlich und westlich gelegenen Wohnhäuser, die rekonstruiert heute unter Denkmalschutz stehen. Vom Magazin selbst existieren noch die Sockelgeschosse der gesamten Süd- und Ostfront sowie anschließend die Hälfte der Nordfront. Zusammen mit neu errichteten Lagergebäuden bilden diese Teile heute den Sitz des VEB Obst, Gemüse, Speisekartoffeln (OGS). An der Südwestecke des Komplexes befinden sich noch 4 Maulbeerbäume, der Rest der ehemaligen Allee. Das Bollwerk vor der Südfront ist nicht mehr erhalten. An seiner Stelle steht heute eine Bungalowsiedlung. Vom Komplex existiert noch eine Handvoll Zeichnungen und Fotos. Die bekannteste Darstellung dürfte, wenn auch unbewusst, die Stadtansicht Rathenows etwa von 1870 sein, auf der sich das damals größte Gebäude der Stadt bescheiden im Hintergrund hält. Für interessierte Betrachter befindet sich eine wandgroße Reproduktion dieser Stadtansicht heute im Hotel der Optik.

Literaturverzeichnis: 
1) Groehler, O.: Die Kriege Friedrich II., Militärverlag, Berlin 1981
2) Kuczynski, L: Alltag des dtsch. Volkes Bd. 2., Akademieverlag, Berlin 1980
3) Atlas zur Geschichte Bd. I, VEB Hermann Haack, Gotha Leipzig 1976 
4) Enders, L.: Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil III, Havelland, Verlag Hermann Bohl aus Nachfolger, Weimar 1972 
5) Specht, W.: Rathenower Wanderbücher, Nr. l, Verlag L. Rackwitz, Rathenow 1926 
6) Autorenkollektiv: Rathenower Heimatkalender 1961 
7) Rathenower Zeitung Nr. 179 vom 4. 8. 1891, Nr. 180 vom 5. 8. 1891

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1986, Seite 56-60, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz

 


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