Das Rathenower Heidefeld
von Rudolf Guthjahr
Das Heidefeld hat für die Entstehung unserer Stadt Rathenow eine besondere Bedeutung. Es muss ja scho
n 1294 zu ihr gehört haben. Eine ausreichende Existenzgrundlage erhielt die junge Stadt allerdings erst durch die Eingemeindung des deutschen Dorfes Jederitz und durch die 1319 erworbene Bürgerheide.
Zuvor verfügte Rathenow nur über die Weinberge, die Viertelländer (nördlich des Hauptbahnhofes) und vor allem über das Heidefeld mit seinen 28 Hufen Ackerland. (Eine Hufe zu 30 Morgen gleich 25,5 Ar, 100 Ar gleich ein Hektar.)
Bewirtschaftet wurde das Heidefeld von einer besonderen Ackergilde. In der Ackergilde waren sechs Zweihüfner und 16 Einhüfner. Das entspricht der Hufenzahl. Die 16 Einhüfner dürfen aber nicht für die 16 Fischer des Oberkietzes angesehen werden. Denn wir wissen ja, dass die Kietzer keine Hufen bewirtschafteten. Nur der „Wasserschulze" hatte zwei Hufen, die offenbar zum Heidefeld gehörten, aber vermutlich mitunter zum Oberkietz gerechnet wurden. Vielleicht gehörten diese Hufen zur Besoldung des städtischen Schulzen. Die Kietze waren ja in städtischem Besitz. Die Bauern verwalteten sich selber, die slawischen Fischer aber wurden von der Bürgerschaft beaufsichtigt. Das Amt des Ackerschulzen ging, wie bei der Jederitzer Gilde, reihum. Die Schulzengrundstücke waren Gemeindeeigentum. Auf jede Hufe wurden den Heidehüfnern vier Stück Großvieh (Pferde oder Rinder bzw. Ochsen) bewilligt. Den Jederitzern waren acht Stück Vieh erlaubt, weil der Boden nördlich der Stadt besser war.
Neben den Viehhuten der beiden Gilden gab es noch eine besondere Bürgerhute. Die zwei Ackergilden bildeten also ursprünglich eigene Gemeinden außerhalb der Altstadt. Das gleiche gilt für die drei Rathenower Kietze.
Übrigens kennen die Chronisten unserer Nachbarstädte Stendal, Havelberg und Brandenburg dort keine Ackergilden. In Eberswalde war dagegen eine solche vorhanden, aber auch nicht deren zwei wie bei uns. Vielleicht ist die Ackergilde des Heidefeldes wie die des deutschen Jederitz aus einem älteren gesonderten Dorfe erwachsen
Bodenfunde des Mittelalters, nämlich die blaugraue Keramik des 13. und 14. Jahrhunderts, finden wir nicht nur in der Altstadt und in Alt-Rathenow. Sie sind auch auf der Westseite des Weinberges stark vertreten. Daher könnten deutsche Siedler von Alt-Rathenow hier über die Havel gekommen sein, um von hier an den Abhängen der Weinberge nach Norden vorzurücken. Der Schleusenkanal existierte noch nicht. So mögen sie sich in nächster Nähe der Stadtkirche und des markgräflichen Freien Hofes angesiedelt haben. Die Kirche bekam seit 1237 in der Regel vier Pfarrhufen. 1339 erhielt der Pfarrer von Rathenow zusätzlich einen Hof zur besseren Bewirtschaftung seiner Ländereien auf dem Oberkietz. Da zum Kietz selber kein Land gehörte, mag dieser Hof der Wiesen- und Weidenwirtschaft gedient haben.
Bis 1640 stand eine Kietzerkapelle auf dem Gelände der ehemaligen Gasanstalt. Es ist ungewöhnlich, dass eine Kietzergemeinde eine eigene Kirche besaß. Sie könnte von den Heidehüfnern erbaut und benutzt worden sein, bis diese in die Stadt übersiedelten und die kleine Kapelle nur noch von den Fischern des Oberkietzes und den Mögelinern besucht wurde. Das Heidefeld umgab den Oberkietz, von dem ich schon im Rathenower Heimatkalender 1977 berichtet habe. Dieser lag mit einigen kleinen Feldstücken an der Havel zwischen den Weinbergen und der kurfürstlichen Lanke (heute Herrenlanke). 1843, zur Zeit der Separation, wurden als die Grenzen des Heidefeldes angegeben: „Von der Heide bis an die Havel und von den Weinbergen bis Mögelin." Die Feldflur verdankt ihren Namen der benachbarten Grünauer Forst.
Nach dem Feldbuch des Heidefeldes umfasste es 28 Hufen. Im 18. Jahrhundert führten jedoch die kurfürstlichen Heidereiter (Oberförster) in Grünaue einen langen und erbitterten Kampf mit der Stadt Rathenow. Sie behaupteten, das Feld hätte ursprünglich nur 14 Hufen gehabt. Zur Zeit des Heidereiters Garzwiller (dieser führte 1675 die Brandenburgischen Truppen auf geheimen Waldwegen in den Rücken der Schweden) hätten die Bauern soviel Wald ausgerodet, dass das Heidefeld nunmehr 40 Hufen zähle. Sicherlich schoss der Forstmeister hierbei weit über das Ziel hinaus. Heide und Heidefeld waren zu seiner Zeit noch gar nicht vermessen. Seine Angaben beruhten demnach auf freier Schätzung. Im 17. und 18. Jahrhundert wird wohl mancher Acker wüst gelegen haben. Da konnten Büsche und Bäume aufwachsen und die Forstgrenzen verdunkeln. Aber auch später war mancher Ackerbürger bemüht, beim Pflügen seine Feldstücke auf Kosten der Wege zu vergrößern. Es ist bekannt, dass auf diese Weise etwa der Weg nach Mögelin stets in Gefahr war, ganz zu verschwinden. Schließlich wurde er durch Anpflanzen von Straßenbäumen und Anlage von Straßengräben gesichert.
Ganz ohne Grund haben darum die Heidereiter sich nicht ständig Sorgen um die Ausdehnung der Heide bzw. des Heidefeldes gemacht. Grenzstreitigkeiten waren in alter Zeit recht häufig. Wir erinnern uns an die Geschichten vom Markversetzer, der im Grabe keine Ruhe findet und den Grenzstein umher trägt, den er heimlich versetzte.
Wahrscheinlich war das Heidefeld wirklich einst bewaldet. Das Roden begann aber schon vor mehr als 3000 Jahren, wie zahlreiche vorgeschichtliche Siedlungsreste in dieser Feldmark beweisen.
Im Jahre 1928 stachen die Bürger Wolfram und Tiedemann auf ihrem Gartenland im Heidefeld Torf. Dabei fanden sie in 3 Meter Tiefe in der Torferde starke Eichen- und Eisenstämme, die zum Teil sofort gehoben und zerschnitten wurden. An der Luft wären sie sonst bald steinhart geworden. Ähnliche Funde wurden auch an anderen Stellen im Heidefeld gemacht.
Viele Fragen bleiben offen, weil unsere Quellen spärlich fließen. Mit meinen Beiträgen in den Rathenower Heimatkalendern bemühe ich mich, die Anfänge unserer Stadtgeschichte wenigstens in großen Zügen darzustellen. Hoffentlich lässt sich in den kommenden Jahren die eine oder andere Frage genauer beleuchten oder gar mit einiger Sicherheit beantworten.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1982, Seite 75-77, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz
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