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Otto Haesler - Verfechter des "Neuen Bauens" in Rathenow

von Wolfram Bleis

Bei einem aufmerksamen Spaziergang durch Rathenow entdeckt man gewisse Ähnlichkeiten in der Gestaltung der Bebauung auf der Ostseite des Friedrich-Ebert- Ringes und der Bebauung am  Platz der

Otto Haesler um 1950

Jugend  in der Altstadt. Obwohl beide Gebäudegruppen in keinem räumlichen Zusammenhang stehen und der Komplex am Platz der Jugend erst fast 20 Jahre nach dem am Ebert-Ring errichtet wurde, sind diese Ähnlichkeiten nicht zufällig, sondern lediglich zwei Beispiele aus dem reichhaltigen Schaffen eines namhaften Architekten - Prof. Otto Haesler.
Otto Haesler wurde am 13. Juni 1880 in München geboren. Nachdem er dort die Realschule absolviert hatte, besuchte er die Baugewerkschulen in Augsburg und Nürnberg und er
Gedenkstein für Haesler in Rathenow

Gedenkstein für Haeseler in Rathenow

hielt eine ingenieurtechnische Ausbildung. Zur Vervollkommnung vor allem seiner praktischen Kenntnisse erlernte er noch mit zwanzig Jahren den Maurerberuf. So ausgerüstet erhielt er nach einer dreieinhalbjährigen Anstellung bei dem Architekten Ludwig Bernoully  in Frankfurt am Main seinen ersten selbständigen Bauauftrag in Celle.
Dort errichtete er dann ab 1906 als selbständiger Architekt Wohnhäuser und öffentliche Gebäude. Im Laufe der Jahre und besonders in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg entstanden seine Projekte immer mehr nach dem von ihm entwickelten Prinzip der „strengsten Sparsamkeit und Diszipliniertheit in Planung und Ausführung". Die konsequente Einhaltung dieses Prinzips versetzte ihn in die Lage, fast immer die billigsten Wohnungen in dabei guter Qualität zu bauen.
Otto Haesler war mit dieser Auffassung einer der herausragenden Vertreter der These des  „Neuen Bauens",  die damals vornehmlich durch die Mitglieder des Bauhauses in Dessau entwickelt wurde.
Die Verwirklichung des „Neuen Bauens" bedeutete, der Architektur einen sozialen Inhalt zu geben und gleichzeitig technisch, funktionell und ökonomisch neue Wege zu gehen, um diesen sozialen Inhalt, den massenweisen Bau von menschenwürdigen Wohnungen gerade auch für die Arbeiterklasse zu ermöglichen.
 
Ein besonders gutes Beispiel für die gelungene Verwirklichung dieses Anspruches ist die  „Friedrich-Ebert-Siedlung" in Rathenow,  errichtet 1928 und 1929.

 Blick in den Rathenower Friedrich- Ebert- Ring   ( während d. 3.Reiches Adolf- Hitler-Ring)

Dabei „ließen sich die unabhängig vom Verkehrssystem in Nord-Süd-Richtung angelegten Zeilen in ein Waldgelände einbetten, so dass Kiefernbäume und Buschwerk ein organisches Bindeglied bilden zwischen den glatten Rasenflächen und den kubisch strengen Wohnbauten mit Loggien und vorspringenden Treppenhäusern, die durch ein einziges großes Stahlfenster aufgelöst sind. Lebendige Ruhe und Geborgenheit ausstrahlende Freiflächen entstanden, was heute anschaulich erlebbar ist. Zentralheizung, Warmwasserversorgung und zentrale Waschküchen gehörten zum Standard. Jede Wohnung erhielt Bad und WC sowie eine Loggia.1

Blick in die zerstörte Altstadt von Rathenow

Man kann diesem Urteil nur zustimmen und weiß auch, dass diese Wohnungen bis heute nichts von ihrer anfänglichen Beliebtheit verloren haben.
Bei seinen Zeitgenossen rief sein Wirken jedoch nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik hervor, besonders die Ausdehnung des Zeilenbaus betreffend. „Ist die Ebene nur groß genug, so kann der Zeilenbau . . . kilometerweit auseinander laufen. Das heißt, die Menschen im laufenden Band verpacken, nicht aber Städtebau. Die Ausgangspunkte des Zeilenbaus sind ausgezeichnet und sollen weiterhin nutzbar gemacht werden. Aber er kann Städtebau nur sein, wenn er ein Mittel des Städtebaus wird, nicht aber, wenn er an die Stelle des Städtebaus treten will.2
 
Während der Zeit des Faschismus erhielt Otto Haesler praktisch Berufsverbot und konnte lediglich als Gartengestalter in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Eutin arbeiten.
Nach 1945 war es für ihn keine Frage, welchem Teil Deutschlands er seine Kenntnisse und Fähigkeiten zur Verfügung stellen sollte.
Er ging 1946 wieder nach Rathenow, um hier den Wiederaufbau der schwer zerstörten Altstadt in Angriff zu nehmen. Das Ergebnis dieser Aufgabe waren die billigsten Wohnungen unseres Landes (durchschnittlich 10.000 M ohne Erschließungsaufwand), die trotzdem hohe Qualität aufwiesen. So konnten 1950 und 1951 insgesamt 147 Wohnungen vornehmlich für die Werktätigen der optischen Industrie und des Kunstseidenwerkes Premnitz übergeben werden.³

 Platz der Jugend in Rathenow, Anfang der 50iger


Diese Wohnungen wurden überwiegend in einem geschlossenen Quartier rund um den neu geschaffenen  Platz der Jugend  errichtet. Das gesamte Ensemble mit der weiträumigen Grünanlage zählt heute zu den schönsten Plätzen der Stadt Rathenow und wurde ebenfalls unter Denkmalschutz gestellt. Den gesamten Plan für den Wiederaufbau in Rathenow konnte Otto Haesler nicht verwirklichen. 

Wiederaufbauplan der Rathenower Altstadt von otto Haesler von 1947

Nachdem er noch 1948 die verantwortungsvolle Aufgabe des Wiederaufbaus des Zeughauses in Berlin übernommen hatte, verstarb Otto Haesler am 2. April 1962 in Wilhelmhorst.

 

Literatur:
1) Otto Haesler – ein bedeutender Architekt des Wohnungsbaus; A. Behr, Architektur der DDR, Heft 4/1980
2) A. Behne: Dammerstock; Die Form (1930) H. 6, S. 165
3) Architekturführer DDR, Bezirk Potsdam, Verlag für Bauwesen Berlin 1981

Dieser Artikel erschien im Rathenower Heimatkalender 1983, Seite 61-64 und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen

Vertiefende Informationen zum Wirken von Otto Haesler in Rathenow findet man in dem Buch "Rathenow- die verschwundene Stadt" von Wolfram Bleis

 


  Kommentare

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Kommentar:1
von:Claus Schlaberg
am:08.08.2009
um:23:47:59
Kommentar:Machen Sie in Rathenow es interessanter als in Celle: Weil man in Celle einen vermarktbaren Helden sucht, verpasst man dort nun die Chance, mit der Würdigung seiner Leistungen auch eine Diskussion darüber zu verbinden, dass Haesler Hitlers Feldzüge nutzen wollte, um in Lodz und dann in Sewastopol Stadtbaurat zu werden.

Man muss die Diskussion nicht allzu moralisch führen. Vielmehr wäre sie eine Chance, die Verbindung der Moderne mit dem Ordnungswahn der ihr folgenden totalitären Regime zu beleuchten.

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