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Paretz einst und jetzt

von Alfred Damaschke

Von Uetz nach Paretz ist noch eine gute halbe Meile. An einem Sommernachmittag ein entzückender Spaziergang. Der Weg führt durch Wiesen rechts und links; der Heuduft dringt von den Feldern herüber, und von uns ein dünner, sonnendurchleuchteter Nebel zeigt die Stelle, wo die breite, buchten- und seenreiche Havel fließt. Paretz selbst verbirgt sich bis zuletzt. Nun endlich wird der Weg ein

Alte Ansicht des Schloss Paretz

aufgeschütteter Damm, an die Stelle der Obstbäume, die uns bisher begleiteten, treten hohe Pappeln, überall die spalierbildende Garde königlicher Schlösser, und alsbald, über eine zierliche Brücke hinweg, die den Namen "Infantenbrücke" trägt, beschreiten wir die Dorfstraße. Diese führt mitten durch den Park, macht eine Biegung, verbreitet sich und - wir sind am Ziel: links das Schloß, ein langgestreckter, schmuckloser Parterrebau mit aufgesetztem niedrigen Stock, rechts eine Gruppe alter Eichen und ihnen zur Seite die gotische Kirche des Dorfes. Über die Straße hin grüßen sich beide, in ihrer Erscheinung und in ihrem Eindruck so verschieden wie die Zeiten, denen sie angehören."
So beschrieb der märkische Dichter Theodor Fontäne in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" den Weg nach Paretz. Heute erinnert sich kaum einer der wendigen Wanderer der Worte Fontanes. Wer kennt noch die "Infantenbrücke"? Im Volksmund hieß sie ohnehin Elefantenbrücke. Autos und Traktoren befahren diese holprige Straße, vorbei an Wiesen und den jetzt Paretz umgebenden Obstplantagen.
Das moderne Zeitalter hat auch das kleine Paretz verändert. Wenig ist vom früheren Glanz geblieben. Aus dem ehemaligen Dorf entwickelte sich eine Ortschaft mit modernen Wohnsiedlungen und Eigenheimen. Viele Bewohner arbeiten als Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker in den hier neu errichteten Institutionen.
Paretz ist heute wieder zu einem Ausflugsort geworden, besonders durch die in den letzten Jahren vorgenommene Instandsetzung der Anfang des 19. Jahrhunderts vom Hofgärtner Garmatter geschaffenen Parkanlagen sowie der rekonstruierten kleinen Dorfkirche und dem Gasthof "Gotisches Haus", der ehemaligen Schmiede, deren Außenfassade immer wieder bewundert wird.

1197 - Ersterwähnung von Paretz

Po reca - "am Sumpf", nannten die hier an der Havel seßhaft gewordenen Wenden vom Stamme "Stador" ihr Dorf. Wie alle Siedlungen der slawischen Wenden der Havelniederung zwischen Potsdam und Brandenburg wurde auch diese kleine Fischersiedlung von den Kriegern des Askaniers Albrecht I. (1100 - 1170) erobert. Diesem, unter dem Namen "Albrecht der Bär" bekannt gewordenen, späteren Markgrafen von Brandenburg folgten Deutsche nach, die sich der Landwirtschaft zuwandten. Dadurch entstanden zwei eng benachbarte, jedoch verschiedene Dörfer.
In einer, im Archiv des Domkapitals zu Brandenburg noch vorhandenen, Urkunde vom 28. Mai 1197 erscheint erstmalig der Ortsname Paretz. In dieser Urkunde ist u. a. zu lesen:
"... Auf Bitten unseres lieben Heinrich, Domprobst von Brandenburg und Archidiakon, verleihen wir die Kirche Ketzin mit ihrem Zubehör... Ferner die zu dieser Mutterkirche gehörende Kapelle in Knoblauch, wobei der Bischof von Brandenburg die Seelsorge und ein Drittel des Zehnten der Kirche Ketzin und der zugehörigen Dörfer, nämlich Knoblauch, Paretz und des anderen Dorfes Paretz und Stolp hinzufügt. Desgleichen auch die Kirche Markau."
Mit der Inbesitznahme der slawischen Siedlungen holte "Albrecht der Bär" besonders die Zisterzienser Mönche ins Land. Diese Mönche, deren Stammkloster Citeaux bei Djon in Frankreich war, waren stark an der Ostexpansion des Askaniers beteiligt. Sie übernahmen nicht nur die Einführung des Christentums bei den noch heidnischen Slawen, sondern sie waren auch gute Handwerker. Durch sie entstanden schon in den Anfängen des 12. Jahrhunderts die meisten sakralen Bauten, so auch die Kirche in Ketzin.
Wenn Paretz auch erst im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde, so konnte durch spätere Ausgrabungen und Funde nachgewiesen werden, daß auch schon dieser Teil der Havelniederung in der Steinzeit und den darauffolgenden Zeitepochen von Menschen besiedelt war. Besonders am Werderdamm wurden Urnen, Steinwerkzeuge und Feuerstellen freigelegt, die schon auf eine vorwendisch-germanische Siedlung hinweisen. Rätselhaft ist ein im Jahr 1881 gemachter Münzfund unweit von Paretz am Breitenberg. Beim Pflügen fand der Bauer Heinemann eine mit Steinen abgedeckte Tonurne. In diesem Gefäß befanden sich occidentalische und einige zerbrochene arabische Münzen. Diese Geldstücke stammen aus der Zeit von 900 - 973 und waren vorher noch nicht im Havelland gefunden worden. Vermutet wird, daß sie entweder durch Kriegshandlungen zur Zeit Otto l. nach Paretz kamen oder durch Handelsleute vergraben wurden. Wenn 1197 zwei getrennte Ansiedlungen erwähnt werden, so wird im Jahre 1297 in einer Urkunde des Bischofs Siegfried II.(1216 -1220) des Domkapitels zu Brandenburg nur noch von einem Dorfe Paretz berichtet. Nähere Angaben erschienen über die Ortschaft Paretz im Jahre 1375 in dem bekannten "Landbruch der Mark" von Kaiser Karl IV. (1347 -1378). Darin heißt es, daß dieses Dorf 32 Hufen habe und der Pfarrer davon 2 besäße. Außer den schon ansässigen, aber nicht angeführten Bauern, wird von 16 Cossäten berichtet, welche für ihre Häuser und Fischerei Abgaben zu entrichten haben. Ebenso wird von einem Krug und einer Mühle gesprochen. Während in fast allen Havelländischen Siedlungen bzw. Dörfern schon gegen Ende des 12. Jahrhunderts von Kirchen geredet wird, erhielt Paretz erst um 1350 eine kleine Kirche als Filialgemeinde von Ketzin, obwohl im Landbruch schon von einem Pfarrer berichtet wird.
Aus dem Jahre 1465 ist bekannt, daß die Familien Arnim und später eine Familie Dierecke in Paretz ansässig und hier allerdings Herrscher waren. Nach dem 30jährigen Krieg wird Paretz mit seinem nun schon landwirtschaftlichen Gut von der Familie von Blumenthal bewirtschaftet. 1795 verkaufte Hans August von Blumenthal durch Vermittlung des Hofmarschalls von Massow das Gut an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. (1797-1840). Durch diesen Besitzerwechsel erwachte Paretz aus seiner Abgeschiedenheit, insbesondere wenn in den Sommermonaten die königliche Familie mit einem Teil des Hofstaates und der Leibgarde hier weilte.

Paretz und die Königin Luise

Der Kronprinz und seine junge Gattin Luise, der besonders diese abgeschiedene Lage unweit Potsdams gefiel, ließen sich das für 80000 Taler erworbene Gut zu einem Sommersitz umbauen.
Der Hofmarschall von Massow bekam dazu den Auftrag, den er auch sehr ernst nahm. Er hatte die Absicht, dem Kronprinzen, der schon im Jahre 1797 die Nachfolge seines verstorbenen Vaters Friedrich Wilhelm II. als König von Preußen antrat, ein "Königsdorf" zu errichten.

Königin Luise


Von Massow beauftragte den Oberbaurat Gilly, einen Schüler des bekannten Baumeisters Schinkel, mit der Umgestaltung und dem teilweisen Neubau des Landhauses und des angrenzenden Gutes. Für die Gestaltung der Garten- und Parkanlagen wurde der Hofgärtner Garmatter verpflichtet. Gilly und Garmatter fanden eine gute Lösung ihrer von Massow und dem König übernommenen Aufgabe. Noch als Kronprinz hatte er zu den Bauleuten gesagt, daß sie nicht ein Schloß bauen sollen, sondern ein Landhaus für einen armen Gutsbesitzer. Trotzdem bekam es später, von Friedrich Wilhelm III. und seiner Gattin Luise, sowie auch von den im Sommer hier weilenden Gästen, den Namen "Schloß-Still-im Land".
Auf Veranlassung Friedrich Wilhelm III., aber besonders seiner Gattin Luise, bekam auch das Dorf ein besseres Aussehen. Die alten Cossäten-häuser wurden abgerissen und nach Plänen von Baumeister Gilly und auf Kosten des Königs neu errichtet, mit Stallungen zum Unterstellen der königlichen Pferde und Giebelstübchen zur Nutzung für die Dienerschaft. An der Zufahrtsstraße von Uetz nach Paretz entstanden zwei Torhäuser fürdie Wachmannschaft. Kam der Besucher von Uetz durch die Torhäuser nach Paretz, bot sich ihm ein kaum gewohnter Anblick des königlichen Besitzes, Nur die Dorfstraße trennte das Schloß mit seinen Rabatten von der gegenüberliegenden Parkanlage, dem Kirchhof und der Kirche. Diese wurde auf besondere Veranlassung der Königin Luise im Jahre 1797 vollständig umgebaut.
Wenn auch das königliche Paar, insbesondere die Königin Luise, bei den Paretzern beliebt war und Luise auch als ihre Mutter bezeichnet wurde, so gefiel es den Einwohnern doch nicht, als auf Geheiß des Königs die Toten vom Kirchhof an der Paretzer Kirche auf einen neu angelegten Friedhof am Rande des Dorfes umgebettet wurden.
Der Platz vor der Kirche war der Lieblingsplatz des Königs, doch hatte er von dort die alte rußige Gutsschmiede im Blickfeld. Dieser Anblick gefiel ihm nicht. Sie wurde daher abgerissen und vom Oberbaumeister Gilly neu im gotischen Stil als ein architektonisches Schmuckstück errichtet. Niemand ahnte, daß sich hinter dieser herrlichen Fassade eine Schmiede befand, in der sich selbst der König noch ein Zimmer zum Verweilen einrichten ließ.
Es entstanden noch weitere kleine Bauten, teilweise zur Verschönerung des Schloßgartens wie z. B. das Tempelhäuschen, die Grotte und das sogenannte Strohhäuschen. Unweit des Dorfes Knoblauch, dessen Kirchturmspitze von Paretz aus zu sehen war, ließ sich das Königspaar auf einen kleinen Hügel einen ruinenähnlichen Turm errichten, das "Belvedere". Für das Herrscherpaar ein beliebter Aufenthalt bei ihren Ausritten, denn von hier hatten sie einen weiten Blick über die Havellandschaft mit den flachen Hügeln, saftigen Wiesen und den schon entstehenden Obstplantagen. Ein Teil dieses Weges ist heute noch bei alten Paretzern und Ketzinern als "Königsweg" bekannt. Viele Besucher und Gäste weilten zu den Sommerfesten in Paretz. Zumeist waren es Offiziere und Angehörige des Hofstaates. Aber auch Alexander von Humboldt (1769 -1859), ein Freund des Königs, war gern gesehender Gast. Im Paretzer Schloß wurde ihm ein Zimmer eingerichtet. Trotz aller gesellschaftlichen Verpflichtungen am Hofe wurde, vor allem von der Königin Luise, eine enge Verbindung zur Bevölkerung und den Dorfkindern gehalten. Dreimal in der Woche kam aus Ketzin ein Lehrer nach Paretz, um die schulpflichtigen Kinder in der Tenne einer Scheune für zwei Stunden zu unterrichten. Sonst hätten diese kleinen Kinder den beschwerlichen Weg nach dem 2 km entfernten Ketzin machen müssen. Dieser Schulunterricht fand aber nur in den Sommermonaten statt. Daraufhin entschloß sich die königliche Familie für die Paretzer Kinder auf ihre Kosten, eine Schule zu errichten. Es wurden nicht nur Schulräume, sondern auch gleichzeitig die Wohnräume für den Lehrer mit eingebaut. Eine besondere Überraschung war es für die Paretzer Kinder im Alter von 4-14 Jahren, als sie 1802 erstmalig auf Kosten des königlichen Hauses eingekleidet wurden. Die Knaben erhielten Anzüge und Stiefel sowie Mütze, eine nachbildung der Uniform des 24 . Landwehrregiments, die Mädchen grüne Wollkleider. Die Einkleidung der Kinder wurde in den nachfolgenden Jahren, wenn auch nur alle 2 Jahre, als eine Tradition des königlichen Hauses weitergeführt.
Am 20. Mai 1810 war es noch einmal der Wunsch der bereits kranken Königin, ihren so beliebten Ort Paretz zu besuchen. Sie durchwanderte den Park und verweilte an ihrem Lieblingsplatz, dem Strohhäuschen, welches in der Nähe der Ketziner Straße stand. Hier schweifte ihr Blick über die liebliche Havellandschaft mit ihren Wiesen, Äckern und flachen Hügeln. Beim Sonnenuntergang soll sie gesagt haben: "Die Sonne eines Tages geht dahin, wer weiß, wie bald die Sonne unseres Lebens scheidet."
Dann fuhr sie mit ihrem Gatten nach Hohen Zieritz, dem elterlichen Gut. Hier verstarb sie am 19. Juli 1810 in den Armen ihres Gatten Friedrich Wilhelm III.
Der König und auch das preußische Volk trauerten lange um die so mit dem Volke verbundene Frau. Zur Erinnerung an den letzten Aufenthalt der von allen geliebten Königin in Paretz, ließ der König an der Ketziner Straße das "Luisentor" errichten. Nach Entwürfen des Baumeisters Schinkel (1781 -1841) entstand das gußeiserne Tor im gotischen Stil. Im Spitzbogen des Tores wurde ein "L" eingefügt und darunter die Inschrift: "20. Mai 1810" Nach dem Tode der Königin Luise, den der König nicht überwinden konnte, weilte er nur noch selten in Paretz. Zur Erinnerung an seine verstorbene Gattin sollte das auf seine Veranlassung umgestaltete Dorf Paretz mit all seinen Bauten für immer erhalten bleiben. Am 19. April 1833 erließ Friedrich Wilhelm III. deshalb ein Dekret, in dem es u. a. hieß:

§ 11 Unterhaltung der Gebäude in der jetzigen Form Mit Bezug darauf:
 1. Die jetzige Fassade ihrer Gebäude nicht zu verändern, solche vielmehr für immer beizubehalten, auch die grünen Etaquets an der Dorfstraße für immer zu erhalten.
2. Die im Giebel ihrer Wohnhäuser erbauten Stube, welche gleich bei ihrer Errichtung für die königliche Dienerschaft bestimmt war, der Disposition seiner Majestät des Königs zu überlassen, ohne auf eine Mietbeanspruchung dieser Stube Ansprüche zu machen. Die Hofewirte willigen darin: Das in diesem § von ihnen übernommenen Verpflichtungen künftig hin bei ihren Grundstücken sub. rubr. II. in das Hypothekenbuch eingetragen wurden."

 Dieses Dekret wurde von dem königlichen Beauftragten Friedrich Burchard von Maltzahn und den Paretzer Cossäten bzw. Bürgern unterschrieben. Namen, die heute noch vielen Paretzern und Ketziner Bewohner bekannt sind, wie z. B. Hornemann, Grünefeld, Heuser, Kuhlmey, Schabrodt, Hinze oder Seemann. Einige Unterschriften wurden mit drei Kreuzen getätigt und mußten beglaubigt werden, weil die Unterzeichner des Schreibens unkundig waren.

Paretz in der Zeit nach der Königin Luise

Am 7. Juni 1840 verstarb Friedrich Wilhelm III. in Berlin und sein ältester Sohn bestieg als Friedrich Wilhelm IV. (1840 - 1861) den preußischen Thron.
Jetzt wurde es etwas ruhiger in Paretz. Ewig blieb aber das Andenken an die Königin Luise, nicht nur unter den Paretzer Einwohnern. In späteren Jahren bildete sich sogar vielerorts der "Luisenbund". In Erinnerung verblieben auch viele Erzählungen und Legenden um das "Schloß-Still-im-Land" und seine Bewohner.

Blick in die Paretzer Kirche

Einige sind noch bis in unsere Zeit erhalten geblieben.
Friedrich Wilhelm IV. kam nur selten nach Paretz, obwohl er hier einen Teil seiner Kindheit verlebt hatte. Während der kritischen Tage und Wochen der Jahre 1848 und 1849 suchte Friedrich Wilhelm IV. jedoch die Abgeschiedenheit von Paretz. Er soll hier im Schloß Paretz auch die vom Volke verlangte preußische Verfassung unterschrieben haben.
Die politischen und auch wirtschaftlichen Ereignisse des beginnenden 20. Jahrhunderts veränderten auch in Paretz das Gesamtbild. Wie früher schon in Ketzin ließ das Vorkommen von Tonerde auch in Paretz eine Ziegelei entstehen. Die noch vorhandenen Erdlöcher erinnern uns an diese Zeit. Durch die Ziegelei und den Bau des Sakrow-Paretzer Kanales kamen fremde Arbeiter nach Paretz. Bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts konnte man einen teilweisen Verfall der von Gilly errichteten Bauten feststellen. Es fehlte an dem Interesse und die Geschehnisse des 1. Weltkrieges ließen das von Friedrich Wilhelm III. verfaßte Dekret "betreffend der Erhaltung der Häuser..." vergessen.
Paretz wurde in den sich entwickelnden Ausflugsverkehr von Berlin aus eingebunden. Vorwiegend mit Dampfschiffen kamen viele neugierige Besucher nach Paretz, um die einst so gepriesene Schönheit zu besichtigen. Aus der von Gilly erbauten Schmiede wurde eine noch bis in unsere Zeit bekannte Gaststätte, zwei neue kamen hinzu. Paretz hatte zu dieser Zeit auch noch eine Bäckerei. Erst im Jahre 1926 anläßlich des Tages der Denkmalpflege in Potsdam mit Exkursionen nach Paretz wurden am Familien- und am Försterhaus einige originalgetreue Werterhaltungsarbeiten durchgeführt. Ansonsten waren alle Mahnungen und Bestrebungen, selbst die Forderung des Gemeinderates innerhalb einer "Ortsordnung" vergeblich, die unter der Herrschaft von König Friedrich Wilhelm III. errichteten Häuser zu erhalten.
Paretz bildete mit seinen umliegenden Gemarkungen eine eigenständige Gemeinde. Es entwickelte sich das Landproletariat. Besonders vor und nach der Novemberrevolution erstarkten die Arbeiterparteien. Politische Vereinigungen der umliegenden Ortschaften, die keine Versammlungsstätten erhielten, nutzten die relative Abgelegenheit von Paretz und die dortigen Lokalitäten für ihre Aktivitäten. Auch der Ketziner "Sozialistischer Wahlkreis", dem ebenfalls Paretzer Arbeiter anghörten, führte seine in Ketzin verbotenen Maiveranstaltungen in Paretz durch.Vorher erfolgte ein Umzug über Etzin und Falkenrehde. Organisationen wie der Stahlhelm machten sich aber auch breit. Neben dem Schützenplatz fanden hier teilweise seine Zusammenkünfte statt.

Paretz nach dem 2. Weltkrieg

Vieles veränderte sich durch die Ereignisse des 2. Weltkrieges. Da die Havelniederung mit ihren kleinen Städten und Dörfern zum natürlichen Umland von Groß-Berlin gehörte, verlagerten Berliner Firmen ihre Güter in diese abseits gelegenen Ortschaften, um sie vor den schon in den Jahren 1940/41 einsetzenden Terrorangriffen auf Berlin zu retten. So wurde auch Paretz zum Warenlager. Das Schloß wurde Aufbewahrungsort von Kunstgegenständen aus Berliner und Potsdamer Schlössern. Am 25. April 1945 wurde von der Roten Armee bei Ketzin der Ring um Berlin geschlossen. Paretz blieb einigermaßen von den Kämpfen verschont. Die Hauptstoßrichtung der von Ketzin kommenden Truppen der Roten Armee war Potsdam. Das Schloß Paretz wurde für einige Zeit mit Verwundeten belegt. Probleme brachte 1945 der Flüchtlingsstrom, besonders aus den östlichen Gebieten. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich. Der von der Roten Armee eingesetzte Gemeinderat beschloß, zur Unterbringung der Flüchtlinge das Schloß zu nutzen. Durch diese Nutzung verlor das einst so bekannte "Schloß-Still-im-Land" seine Bedeutung. Zahlreiche Umbauten wurden vorgenommen, viele noch vorhandene Sachzeugen vergangener Zeiten verschwanden in dunklen Kanälen. Einiges konnte durch die Initiative Paretzer Bürger gerettet und der damaligen Schloßverwaltung in Potsdam zur Verwahrung übergeben werden.
Durch die im Herbst 1945 begonnene Bodenreform bekamen viele Landarbeiter und Flüchtlinge Grund und Boden bis zu einer Größe von 5-6 ha. Auch das Schloß mit seinem dazugehörigen Gut wurde Volkseigentum. Für die sich jetzt neu entwickelnde Landwirtschaft wurden landwirtschaftliche Kader benötigt. In den Jahren 1947 -1949 verwandelte sich das Schloß Paretz durch Umbau in eine Bauern-Hochschule. Das dazugehörige Gut wurde Bestandteil dieser Schulungseinrichtung.
Für das im Zuge der Bodenreform entstandene Bauprogramm von Neubauerngehöften, die besonders in Neu-Falkenrehde errichtet wurden, benötigte man Baumaterialien jeglicher Art und besonders Steine. Die damaligen Funktionäre starteten eine Aktion "Wir bauen auf". Ihr fielen das Tempelhäuschen und auch das "Belvedere" zum Opfer. Die Abrißaktion ergab jedoch fast nur Schutt!
Das bekannte "Luisentor" war schon im 1. Weltkrieg ein Opfer von Schrottsammlern geworden.
Begünstigt wurden derartige Zerstörungshandlungen durch den Beschluß des Alliierten Kontrollrates vom 25.2.1947, in dem der Staat Preußen als aufgelöst erklärt wurde.
Mit dem Umbau des Schlosses veränderte sich auch die einstmals von Garmatter gestaltete Parkanlage. Die Parkflächen wurden von Wildwuchs überwuchert, niemand fühlte sich für die Instandhaltung verantwortlich. Auch die z. Z. König Friedrich Wilhelm III. umgebaute Kirche hatte eine Reparatur dringend nötig. 1964 beantragten die Potsdamer Verkehrsbetriebe den Abriß eines Torhauses, da es angeblich den Busverkehr behindere. Dem Antrag wurde nicht stattgegeben.
Das Schloß wurde als Fachschule für Landwirtschaft des Bezirkes Potsdam und 1961 als Landwirtschaftliches Institut genutzt. Die schnelle Entwicklung in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften und den Volkseigenen Gütern ließ die Bildung einer WB Tierzucht als notwendig erscheinen. Diese Institution war nicht nur ein Verwaltungsorgan, sondern auch verantwortlich für Forschung und Züchtung neuer Rinder- und Schweinerassen. Sie erhielt die Gebäude des ehemaligen Schlosses zugewiesen. Es erfolgten weitere Neu- und Umbauten, wobei die Außenfassade so verändert wurde, daß die alte Gestaltung heute nicht mehr erkennbar ist. Auch bei diesem weiteren Umbau hatte sich keiner mehr an eine jahrhundertlange Denkmalpflege gehalten. Ebenso veränderte der neben dem ehemaligen Schloß befindliche Gutshof sein Aussehen. Aus den Scheunen und Stallungen entstanden Garagen, Werkstätten und auch Wohnungen für Leitungskader. Der einst auf dem Gutshof stehende sogenannte "Inspektorturm" mit dem Taubenschlag mußte weichen.
Für die aus vielen Teilen der DDR kommenden Wissenschaftler und Ingenieure mußten Wohnungen gebaut werden. Fast im historischen Teil von Paretz entstanden die ersten Neubauten. Dem folgten der Bau eines zweiten Verwaltungsgebäudes im ehemaligen Schloßgarten (Übergabe 1967) und unmittelbar an der Dorfstraße die Errichtung eines Kulturhauses. Durch die Einzäunung des Gebäudes wurde auch die Sicht zwischen Schloß, Dorfstraße und Parkanlage zerstört.
Mit der Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der Landwirtschaft wurde als Leitungsinstrument das Organisations-und Rechenzentrum gebildet. Trotz heftiger Diskussionen in der Ketziner Stadtverordnetenversammlung (seit der Verwaltungsreform 1953 ist Paretz in Ketzin eingemeindet) fiel die Standortwahl auf das Gelände unweit der ehemaligen Fasanerie. Erneut mußte Wohnraum geschaffen, eine weitere Veränderung des Dorfbildes inkaufgenommen werden. In noch provisorisch eingerichteten Räumen wurde 1965 mit der Arbeit begonnen. Ein fast hundert Jahre altes Kopfsteinpflaster führt von Ketzin nach Paretz. Aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammende Häuser von Ziegelmeistern und Obstbauern und neuzeitliche Eigenheime säumen die Straße. Kurz vor Paretz die im neoklasizistischen Stil errichtete "Müllersche Villa". Linkerhand eine denkmalgeschützte Bockwindmühle. Diese Mühle wurde 1872 in Etzin errichtet, 1892 nach Paretz umgesetzt und dort noch in den Jahren nach 1945 in Betrieb. In den 50er Jahren verfiel die Mühle. Seit einigen Jahren ist ein rühriger Denkmalschützer mit der Rekonstruktion dieses Baudenkmals beschäftigt. Etwas abseits der Straße die flache Bauten des Organisations- und Rechenzentrums. Weiter geradeaus liegt der einst von Garmatter geschaffene Park und im Hintergrund - versteckt unter hohen Bäumen - das "Gotische Haus".
1983 begannen unter Anleitung des Institutes für Denkmalpflege und der Mithilfe Paretzer und Ketziner Betriebe erste sichtbare denkmalpflegerische Arbeiten. Der Park wurde beräumt, wiederhergestellt und durch Bürger in Pflege genommen. Auch die Kirche in Paretz wurde restauriert. Im Jahr 1984 fanden originalgetreue Wiederherstellungsarbeiten der Fassaden von sechs Wohngebäuden statt.
Ziel einer Bürgerinitiative ist es, das unter Denkmalschutz stehende alte Dorfensemble in altem Glanz wiedererstehen zu lassen. Jegliche Mitarbeit und jede Hilfe sind willkommen.

Dieser Text wurde im Nauener Bilderbuch "Wanderungen durch den Kreis Nauen" 1992 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


  Kommentare

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Kommentar:1
von:Helmut Augustiniak
am:18.09.2011
um:09:52:40
Kommentar:Alfred Damaschke als Paretzer Chronist ist mir neu. Ich kenne seine Schriften. Sie betreffen vor allem Ketzin/Havel.Die Geschichte von Paretz sollte sich auf Fontane, Henry und Einzelbeiträgen von unterschiedlichen Autoren nach 1945 und nach der Wende stützen.

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