Rund um Rathenow auf der Havel
Günter Thonke (2000)
Über die Dinge die einst waren und die, die heute sind, will ich berichten. Man kann mich den Moses nennen, der um unsere gelobte Stadt führt. Wir liegen am Kai vor dem Haveltor, das von 1807 bis 1966 hier stand und als Accisetor zum Geld aus der Tasche ziehen gebaut war. Zuvor fügte sich ein, der Verteidigung dienendes, Tor in die Stadtmauer, deren Reste ja noch vorhanden sind. Oben auf dem Torpfeiler waren antike Vasen mit Ringen. Ein übermütiger Turner erklomm ihn nach dem Tanz im Bellevue und ein Ring hielt nicht mehr. Es war nicht weit zur Ewigkeit gewesen.....
Dieses Bollwerk vor der Langen Brücke, die schon immer die längste Brücke der Stadt war, diente als Hafen, bevor andere Orte diese Aufgabe hatten. Der Dampfer „Albert“ fuh
r alle Dörfer bis Havelberg regelmäßig an im Liniendienst und brachte Stückgüter von Hamburg hierher, bis dies andere Verkehrsmittel schneller taten. Auch die Fischer des Mittelkietzes, die den Fang einst hinter der Brücke vom Steg aus dem Schweff anboten, die gibt es dort nicht mehr. Die „Lange Brücke“, einst aus Holz, wurde 1910 in Stein erbaut und hielt durch bis 1996. Die neue Brücke hat nun vier Busen gekriegt und die oder der Brückenheilige möge auch denen und dem Übergang gewogen sein.
Die Dampfmühle wurde 1848 erbaut durch den Kaufmann Carl Hübener, dem auch die Ziegelei auf der Lötze gehörte und so nahm man die Steine zum Bau von dorten. Diese Mühle war unabhängig vom Wasserstand und hatte immer genug Dampf gehabt. Zuletzt bis zur Wende wurden da noch Haferflocken, meist für das Federvieh, gemacht. Heute ruht sie sich, wie auch die Getreidesilos aus den dreißiger Jahren, von der Vergangenheit aus.
Rechts, wo der Stadtgraben in die Havel mündet, lag bis 1295 die markgräfliche Burg der Askanier. Deren Steine durften dann zum Bau der Stadtmauer verwendet werden, als sich die Grenzen nach Osten verschoben. Die Bürger durften nun die Stadt und ihr Stadtrecht verteidigen. Es gab einen Voigt, der auf dem Freien Hof den Landesherren vertrat. Die Burg hatte einen Burggraben gehabt und eine Kleine und Große Burgstrasse kennen wir ja heute noch.
Mit dem Gelände, das einst einer Schiffswerft und einer Metallverarbeitung diente, plant man nun etwas für die Freizeit am Wasser. Zwischen Kanal und Stremme lag die Schiffswerft von Dröscher, die Schuten für die Entschlammung der Seen hier gewartet hatte bis zur Wende. Heute ist die Wasserpolizei dort. Die Stremme ist ein alter Havelarm, der bei Göttlin wieder die Havel erreicht.
Es folgt der Burgwall aus wendischer Zeit für den Kietz. Von 1827-1915 gab es dort die Ziegelei, die der Apotheker Meuss dort erbauen ließ. Ein Nachfahre war hier Pfarrer gewesen. Später folgte die Ofenfabrik Brucks. Daneben war eine beliebte Badestelle gewesen, so unterhalb der Abwässer der Stadt. Auf der linken Seite liegen die Mäschewiesen, die durch die Asche und den Schutt der Altstadt von 1945 sich arg verkleinerten. Von vier Brücken für das durchfließende Hochwasser unter dem einst tiefer liegenden Schwedendamm findet man nichts mehr. Nachdem es erst einen Festplatz dort gab, wird heute nördlich des Dammes eingekauft, südlich liegt ein Tierpark. Die Karpfenteiche, die nach dem ersten Weltkrieg als ABM erbuddelt wurden, liegen dahinter in den Ratswiesen und prägen die Landschaft mit dem Jahnsportplatz und der Flussbadeanstalt von 1913, die zum 25. Regierungsjubiläum des Kaisers erbaut worden war. Sie gestattete den Damen und Herren das Baden zwar noch getrennt, was in der alten Städtischen Badeanstalt am Weidenweg den Frauen noch gar nicht erlaubt war.
Dieses Bad lag nördlich der „Hohen Brücke“ auf der linken Seite gegenüber dem Wasserstraßenamt auf der Halbinsel an der Mündung des neuen Kanals. Der wurde 1901, ein Jahr später als geplant, eröffnet, weil 700 000 Reichsmark eingespart worden waren und dieser Betrag noch der Begradigung an der Schliepenlanke diente. An der lag von 1852 -1916 die Ziegelei von Gebhard und Barnewitz; deren Schornstein wurde 1920 umgelegt.
Die Friedensbrücke überquert den Kanal schnurgerade. Ihre beiden Vorgänger taten dies mit S-förmiger Anfahrt an der engsten Stelle der Schleuse. Deren Schleusenwände sind schräg gemauert worden. Der Wirt Voß vom Parkschlösschen versorgte die wartenden Schleppzüge mit allem für sie Notwendigen.
Die Untere Havel hatte einst schon durch den Plauer Kanal viel Verkehr verloren gehabt, war aber bei gutem Wasserstand für die Tanker über vierzig Jahre lang gut genug gewesen, West- Berlin zu versorgen. Heute schwimmen diese Schiffe andere Wege. Ich hoffe, dass Kompromisse für die Zukunft des Flusses gefunden werden.
Bis zur Liebesinsel fuhren einst die jungen Paddeler, die Ruderer hatten das Storchennest zum Ziel, wo von 1843-1917 die Ziegelei Borchmann die roten Rathenower Steine brannte. Das eine, wie das andere Ziel der Sportler hatte seine Risiken, denn Storch und Liebe können diese auslösen.
Die Eisenbahn wählte den alten Pass für ihre Linienführung. Hier lag rechts hinter der Brücke Alt-Rathenow, auch der „Alte Hof“ genannt. Er wurde 1394 von den Magdeburgern zerstört. Aus der Luft sieht man im Frühjahr die dunklen Flecke der einst mit Gebäuden bebauten Flächen. In den Havelgärten fand man Urnen aus der wendischen Zeit und der Zeit davor. Reste einer Kirche gab es noch nach 1648 dort, wo die Gasanstalt seit 1902 stand. Die Havelhütte und Permutit produzierten hier zuletzt, aber von 1865-1918 gab es hier die Ziegelei Carlsheim des Buchbinders Mathes, der einst nur mit einem Pappkarton in die Stadt gekommen war.
Die Eisenbahnbrücke wurde 1871 in vier Bögen über den Fluss geführt, 1926 wurde daneben eine neue Brücke gebaut, die 1945 gesprengt und wieder gehoben wurde. Sie dient heute der alten Trasse. Die neue Brücke ohne Pfeiler im Fluss verträgt das Tempo der ICE-Züge. Das Bollwerk beiderseits links der Brücken war für die Kräne von Nöten, um die Maste der segelnden Kaffenkähne umzulegen, die die noch Nordwestwinde nutzten, vor Dampf und Dieselmotoren.
Die Herrenlanke mit dem dortigen neuen Hafen, einst für das Betonwerk gedacht, wurde nach der Wende von den Weisen des Landes verkauft und ist nun in Privatbesitz. In den Hallen lagern Staatsreserven an Getreide.
Das ehemalige Möbelwerk Neuzera ruht, wie so vieles. Das Heidefeld erwartet Ideen und Investoren im Gewerbegebiet. Auf der Rückfahrt grüßt uns der Weinberg mit dem Bismarckturm. In seiner Pfanne wurde am 1. April immer zum Geburtstag Bismarcks gekokelt. Der hatte 1847 hier seinen Wahlkreis gehabt und 1914 hat man diesen Turm erbaut. Zuvor gab es einen Holzturm auf dem Trompeterberg, der höchsten Stelle am Hang. Wir folgen der Stadthavel und kommen an den „Großen Archen“ vorbei, die der „Alte Fritz“ im Zusammenhang mit dem Magazin auf dem Kiezhügel zu schaffen befahl. Das war 1740. Zuvor war hier das Kuhloch auf dem Steckelsdorfer Gebiet und als später Reparaturen am Wehr nötig wurden, zankte sich die Stadt mit den Magdeburgern, auf deren Gebiet es ja lag, um die Kosten.
Bis 1945 war die Grenze die „Hohe Brücke“ gewesen zwischen beiden Provinzen, dann den Ländern bis 1952 und danach den Bezirken.
Das Magazin, das Größte in Preußen, brannte 1891 durch Blitzeinschlag ab. An der „Kleinen Arche“(Arche=Eichenbohlen) war die Kammerschleuse von 1610-1741 gewesen, zuvor gab es gleich daneben eine Kesselschleuse von 1561-1610 auf dem heutigen Fielmanngelände. Diese führte zur Stadt bevor es den Damm hinter den Mühlen gab. An Hellersloch lag einst die duftende Lohmühle der Gerber und nutzte hier die Wasserkraft. Zur rechten Hand liegt das aufgespülte Gelände des Wassersportvereins von 1920, das war auch viele Jahrzehnte ein Schwimmbad gewesen und dient nun nur noch den Paddlern und Seglern getrennt.
Am Hang des Weinberges lag einst eine Kalkbrennerei, die den Kalk als Retour der Steine nach Berlin von Rüdersdorf bekam, diesen mit dem hiesigen Holz brannte und nach Hamburg weiter verschiffte. Von 1856-1918 war dort auch des Ratsherren Heidepriem Ziegelei. Einen Rosengarten hatte die Stadt dort in den dreißiger Jahren anlegen lassen. Heute kann man eine Treppe zum seit 1740 bestehenden Friedhof erklimmen und dort seine Ruhe finden, vorerst hoffentlich auf einer Bank. Die Kapelle wurde im ersten Weltkrieg fertig gestellt, ihr Turm im zweiten zerschossen. Auf dem Mühlendamm lagen die beiden Ruderclubs, heute sind sie vereint. Der Obermüller und die Kutscher, sowie die Pferde hatten hier ihr Domizil. Alle dienten den Wassermühlen, die es dort seit 1335 gab. Zehn Flutrinnen in denen die Wasserräder zum Mehl mahlen, zum Sägen und zum Walken die Kräfte umsetzten. Die Müller hatten das Wasser in der Hand. Die F
ischer und Bauern dachten oft anders darüber. - Schon immer so gewesst!
Bei abendlicher Windstille spiegelt sich Sankt-Marien-Andreas im Havelfluss. Schon seit über 8oo Jahre beten hier die Christen diese Schutzheiligen der Fischer an. Der Chor und die Kapellen wurden 1371 angebaut. Von 1517 bis 1589 wurde das Gotteshaus nach gotischem Stil umgebaut. Der Turm musste 1818 abgetragen werden und wurde bis 1828 neu gebaut. Der billigere Entwurf des Regierungsrats Redtel wurde dem des Baumeisters Schinkel vorgezogen. In den Kampftagen brannte die Kirche vollkommen aus, das Hauptgewölbe stürzte ein. Von 1951-59 wurde das Haus bedacht, der Turm ohne Spitze ausgebaut und beglockt. Bis zur ersten Galerie aber wurde 1973 der Turm abgetragen und heute bemüht man sich um den alten Zustand, allerdings etwas schlanker. Der Stadtkanal wurde 1288 zwischen Lappberg und Weinberg gegraben. Am Eingang war die erste Badeanstalt auf „Helgoland“, ca.5 Meter im Quadrat mit einem Loch für sichere Schwimmer ins Freie. Dahinter kommt das „Brandenburger Loch“, wo die Kurfürstlichen 1675 anlandeten, um die Schweden aus der Stadt zu treiben. Die Petersburg und die Wasserpforte dienten als Löschwege und rechts, wo die Montierkammern und das Salzlager der Stadt waren, da gab es noch kein Kai bis zur Jahrhundertwende 1900.
Bevor die Stadtschleuse 1740 gebaut wurde, wurde hier vor der Stadtmauer von 1660-1720 für einen Eisenhammer der Fluss gestaut. Die „Steinerne Brücke“ über den Kanal gibt es seit 1736, seit 1905 die Heutige. Bis 1901 ging die Schifffahrt nur durch diese Schleuse und verursachte tagelange Staus.
Das Denkmal des „Großen Kurfürst“ schaut seit 1738 auf die Bewohner der Stadt. Hier in Rathenow begann 1675 die Größe Brandenburg-Preußen und hier endete alles mit dem dritten Reich. Anfang und Ende des Militarismus. Die Reliefs zeigen am Sockel die Schlacht von Warschau 1656, das Massacré in Rathenow drei Tage vor der Schlacht von Fehrbellin, diese Schlacht am 18. Juni 1675 und die Eroberung Stralsunds 1678. Von einer bestimmten Stelle sieht man die Nasen aller Figuren.
Am Einfluss des Körgrabens, der vom Wolzensee unterirdisch durch die Neustadt kommt, lagerten die Kohlen und entzündeten sich oft.
In der Altstadt hinter der Stadtmauer lag die Ratsziegelei von 1590-1902. Das Ziegelmeisterhaus steht noch dort an der Ziegelstrasse. Das erste Elektrizitätswerk gab es von 1902-1945, wo zuvor die Schiffswerft Todt gewesen war und auf der anderen Seite war die Schiffswerft Weiß (deren Halle brannte nach der Wende ab) und die Firma Wodke mit eigenem Sägewerk, der Zimmerei und Maurerei. Die Jederitzer Brücke lag vor gleichnamigem Tore, welches bis 1888 noch stand. Sie war eine Klappbrücke gewesen und Anfang des Jahrhunderts durch eine Hubbrücke ersetzt worden. Die Art der Sanierung 1990 wurde eine typische hiesige Eulenspiegelei, ein Belag von Tropenholz musste durch einheimische Kiefer ersetzt werden, ehe im folgenden Jahr wieder das Hartholz aus den Tropen vom Bauhof zurückkam. Es kann auch allzu grün sein im Staat! Links liegt die Baderstrasse und rechts der Stadthof, wo einst Batterie Eggert, der reichste Mann der Stadt mit drei Booten - Hass, Missgunst und Neid - seine Firma hatte.
Geselliges Leben herrschte im Sportpalast, kein Schwein quietscht mehr im Schlachthaus, der Gelbgießer hofft auf Arbeit und moderne Augenhilfen werden auf dem einstigen Stadthof im neuen Fabrikgebäude gemacht, dort wo einst das fahrende Volk für Unterhaltung der Einwohner gesorgt hatte, ehe wir zum Anlege-, dem Abfahrtsplatz einbiegen und dem Kapitän danken.
Redaktionell bearbeitet am 12.11.07 von Robby Schmalz
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