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Aus meinem Leben

von Karl Mertens (Bildhauer) 

Viele, leider zu viele Menschen, betrachten die Kunst als eine Verzierung so am Rande des Lebens. Die

Karl Mertens, Bildhauer

zunehmende Technisierung und die umwälzenden Fortschritte der Wissenschaftler sowie die
erstrangige Aufgabe, die der Festigung der materiellen Grundlage unseres gesellschaftlichen Lebens zukommt, nehmen fast alle ihre Gedanken und Aufmerksamkeit in Anspruch. Die Kunst aber war zu jeder Zeit eine große, mobilisierende Kraft. Durch ihre humanistische Wirksamkeit wird auch in unserer sozialistischen Gesellschaft die Pflege der Kunst und ihre Anwendung eine unentbehrliche und immer lebensnotwendigere Aufgabe sein. In einer Fülle von Möglichkeiten in der angewandten und bildenden Kunst hat gerade der Künstler Gelegenheit, die besonderen Anliegen unserer Zeit positiv zum Ausdruck zu bringen. 
Betrachtet man heute ( 1958 Anm. d. Red.) die schulische Entwicklung eines jungen Künstlers bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik, so kann man mit vollem Recht sagen, dass sich ein in der Grundschule schon zeigendes Talent bereits sicher auf einer Entwicklungsebene bewegt, die bis zur abgeschlossenen Ausbildung kaum noch einer konventionellen Gefahr ausgesetzt ist. Unserer heute heranwachsenden Jugend erscheint das eine Selbstverständlichkeit. Wenn ich aber etwas über meine künstlerische Entwicklung sagen soll, so kommt mir an meinem Beispiel so recht zum Bewusstsein, wie grundlegend sich die sozialen Verhältnisse in unserem Staate geändert haben.
 
Es war noch die Kaiserzeit, in der meine schulische Erziehung begann. Meine Lehrer, die mich sonst gern verprügelten, lobten meine Zeichnungen über alle Maßen, und die Freude am Zeichnen entfachte auch in mir den Wunsch nach einer künstlerischen Ausbildung. Leider blieben mir die Voraussetzungen dazu verschlossen. Dadurch, dass mein Vater sehr früh starb - ich war 6 Jahre alt - wurde ich frühzeitig in die unbemittelte unterste Schicht des Volkes eingeordnet und entsprechend behandelt.
Meine Mutter, die außerordentlich geschickt in Handarbeiten war, verdiente bei ihrer Heimarbeit, obwohl sie oft halbe Nächte durcharbeitete, zu wenig, um die Kosten für eine bessere Schulbildung und den Besuch einer Akademie aufzubringen.
Gern denke ich noch an mein Zeichnen während meiner ganzen Kindheit zurück. Schon vor meiner Schulzeit zeichnete ich alles, was mich beeindruckte. Ob es sich um Nachbar Krimms Schildkröte handelte - damals wohnten wir in der Forststraße 58 - oder um die vielen „Karambolagen" mit dem „kleinen Robert", viele Rathenower werden ihn noch kennen.

Rathenower Marktplatz vor der Zerstörung 1945

Damals, 4- bis 5jährig, bekam ich meine ersten Korrekturen von den Söhnen des Buchbindermeisters und späterem Museumsdirektor Max Klewitz, die schon ganze Bilderbücher zeichneten.
Diese Manier habe ich dann ebenfalls übernommen und so manches improvisierte Bilderbuch geheftet.
Gelegenheit dazu hatte ich während meiner 8jährigen Schulzeit, in der ich mit meiner Mutter auf dem Marktplatz wohnte.
Da saß ich oft am Fenster und zeichnete das bewegte Leben und Treiben, das sich auf diesem Platz fast pausenlos abspielte: Wochenmarkt, Jahrmarkt, Pferdehandel, Versammlungen, Feiern. Jeder Umzug nahm hier mit Musik seinen Anfang. Die vielen, vielen Altstadtkinder, die den Platz weidlich gebrauchten für ihre Spiele, von denen „Deutscher Ball" und „Kobold" den größten Tumult hervorriefen, das Kugeln auf dem Schinkenplatz und die berüchtigten großen „Kloppereien", wo ganze Scharen von Kindern aus verschiedenen Straßen und Stadtvierteln gegeneinander anrückten. Sie wurden oftmals erst beendet, wenn Polizist Schimmelmann mit seiner dicken Truppe dazwischenfuhr.
In guter Erinnerung sind mir auch noch die üblichen Szenen, in denen sich eine reiche Auswahl von Originalen und betrunkenen  „Schleusenspuckern"  dem immer vorhandenen Riesenaufgebot von Kindern darboten, oder wie Nachbar Seeger groß und mächtig mit Zylinder und weißen Handschuhen seine tipptoppe Hochzeitskutsche aus dem Tempelhof lenkte. Besondere Glanzstücke in meiner Kunstsammlung lieferten auch die vielen Erlebnisse an und auf der Havel, wo uns (3 Jungen) einmal ein selbstgebauter Kahn mitten im Strom absackte und es mir beinahe jämmerlich ans Leben ging, hier, wo die Mertens bereits durch drei Generationen vor meinem Urgroßvater sicher ihre Kähne für die Rathenower Ziegeleien fuhren.
Mein Urgroßvater verlor durch Napoleons Kahnenteignung seinen Kahn und wohnte dann etwa 100 Jahre vor mir auch in der Nähe vom Markt im „Trichter" (Burgstraße). Mich hatte jedenfalls das damalige Altstadtmilieu durch sein besonderes Gepräge außerordentlich berührt. Leider ist von den vielen Zeichnungen nichts mehr vorhanden.

Wie die meisten Rathenower Jungen, lernte ich auch bei „Buschens" in der optischen Industrie.
Später wäre es mir - 19jährig - in München beinahe gelungen, durch gute Vermittlung in die Stuttgarter Akademie aufgenommen zu werden. Die großen Arbeiter-Aussperrungen der Unternehmer 1923 kamen dazwischen. Ich musste München wieder verlassen. Auch ein aufgenommenes Studium an einem Privattechnikum (Abendschule) musste ich vorzeitig abbrechen. Meine ganze Jugendzeit hindurch und auch später war  W. H. Lippert  mein eigentlicher Lehrer und Freund. Ihm verdanke ich viel.

Fackelträger vor der Schule "Am Weinberg"

Erst nach 1945, nachdem eine arrogante, widerspruchsvolle Welt ihren Zusammenbruch erlebte, wandelte sich das Schicksal jener unbemittelten Schicht. In gerechter Weise kann nun in unserem Staat jedes Kind nach seinen Fähigkeiten und Veranlagungen lernen und studieren. Auch mein immer gehegter Entschluss ging doch noch in Erfüllung. Das fehlende akademische Studium konnte ich an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee nachholen. Es erfüllt mich mit besonderer Freude und Dankbarkeit, dass vor der neuen Schule in Rathenow, die an der Stelle errichtet wurde, wo man uns nach alten Gesichtspunkten lehrte, mein „Fackelträger" als Symbol eines neuen und besseren Geistes in der Erziehung steht. Es ist ein Junge, der in der Hand das Symbol der Wahrheit hält, das Symbol des humanistischen Gedankens, der auch den Glauben an soziale Gerechtigkeit zum Inhalt hat.

Dieser Artikel erschien im Rathenower Heimatkalender 1958, Seite 30-33, und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen.

Informationen zum  Karl Mertens Kunstverein Rathenow - Havelland e.V


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