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Rathenow im 18. Jahrhundert

von Joachim Freimuth

Bau der Neustadt

Seit dem 13. Jahrhundert waren die Grenzen der Stadt Rathenow unverändert geblieben. Von drei Seiten umfloss der Stadtgraben die Stadt, während im Westen die Havel mit einem ihrer Arme die Grenze bildete. Jedoch trat anfangs des 18. Jahrhunderts ein fühlbarer Raummangel ein. Das führte dazu, dass sich allmählich eine Vorstadt bildete. Hier befanden sich Hospitäler, Meiereien und die Scharfrichterei. Die eigentliche Stadt blieb bis in die dreißiger Jahre des 18. Jahrhunderts auf den seit Jahrhunderten vorgezeichneten Raum beschränkt.
Ein besonderer Umstand war es, der Rathenow sprunghaft vergrößerte. König Friedrich Wilhelm I. von Preußen (1713-1740) befHaveltorahl zur Stärkung seiner Hausmacht eine beträchtliche Vergrößerung des preußischen Heeres, um nun die Soldaten unterbringen zu können, wurde eine Reihe märkischer Städte bedeutend erweitert. Darunter befand sich auch Rathenow. Die Bauarbeiten zum Aufbau der Neustadt begannen im Jahre 1733. Nach fünfjähriger Bauzeit bestand die Neustadt Rathenow aus 37 zweistöckigen und 64 einstöckigen Bürgerhäusern sowie aus 6 öffentlichen Gebäuden. Das wichtigste dieser öffentlichen Gebäude war das Neustädtische Rathaus, das dort stand, wo sich heute die HO-Verkaufsstelle für Spiel- und Schreibwaren befindet. In diese neu erbaute Stadt wurden sogleich zwei Schwadronen und der Stab des Leibkarabinieriregiments in Garnison gelegt. Alle Truppen wurden der Sitte der Zeit entsprechend in den Bürgerhäusern einquartiert. Durch den Bau einer Stadtmauer im Jahre 1741 wurde der Aufbau der Neustadt zunächst beendet.
Diese neue Stadtmauer erhielt zwei Stadttore: Das Berliner Tor und das Brandenburger Tor. Dort, wo sich heute die Stalinallee mit der Goethe- und Puschkinstraße kreuzt, wurde das Berliner Tor errichtet, während sich das Brandenburger Tor an der Kreuzung Brandenburger/Milower Straße/Schulgang befand. Diese Anlagen dienten aber nicht mehr wie im Mittelalter der Verteidigung der Stadt. Mit ihnen wollte man eine Kontrolle des Handels und der Bevölkerung durchführen. Auch wollte man den zahlreichen Deserteuren die Flucht aus der Stadt erschweren.
Während wir heute noch wissen, wie das Berliner Tor aussah, können wir uns vom Brandenburger Tor keine Vorstellung mehr machen. Mit dem Bau der Neustadt verschwand auch das Steintor. Auch von diesem Tor ist kein Bild mehr vorhanden. Das westliche Tor, das Haveltor, wurde der veränderten Bedeutung der Stadt entsprechend umgebaut, ebenfalls, ohne dass der Nachwelt ein Bild hinterlassen wurde. In der Zeit des 18. Jahrhunderts wurde das nördliche Tor, das Jederitzer, neu erbaut. Dieses zu den schönsten Baudenkmälern der Stadt zählende Tor fiel im Jahre l 886 der Spitzhacke zum Opfer. Von der Stadtmauer der Neustadt ist heute nur noch wenig vorhanden. Überall musste sie der größer werdenden Stadt weichen.
Da sich die Stadt nun weit nach Osten ausgedehnt hatte, wurde es erforderlich, den Friedhof der Stadt zu verlegen. Er befand sich an der Ecke Stalinallee/Puschkinstraße und wurde an seine heutige Stelle, den Weinberg, gebracht.

Wirtschaft und Verkehr

Die Neustadt von Rathenow erhielt auch eine Tuchfabrik. Diese lag in der ehemaligen Fabrikenstraße, der heutigen Wilhelm-Külz-Straße. Es handelte sich hierbei um eine Cannevaß- und Barchentfabrik, die unter dem Namen „Treskowsche Fabrik" bekannt wurde. Im Jahre 1773 wurde sie von den Herren Bartsch & Companie übernommen, mit 18 Webstühlen ausgerüstet, die bis auf 58 vermehrt wurden. Diese Fabrik ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Es fehlte den Besitzern an Mitteln, den Betrieb laufend so zu modernisieren, dass er gegen die englische Konkurrenz ankam. Die preußischen Könige haben zwar den Aufbau von Manufakturen begünstigt, ihnen später aber eine derart erdrückende Steuerlast aufgebürdet, dass diese einfach nicht zu halten waren.
Ein bedeutender Erwerbszweig der Rathenower Bevölkerung war noch zu dieser Zeit der Weinbau auf dem Weinberg. Wenn man den alten Chroniken Glauben schenken darf, so muss der Weinanbau sehr bedeutend gewesen sein. Der erste Rathenower Chronist, Kantor Joachim Triepke, erzählte 1711, dass „vor dem Dreißigjährigen Krieg die Berge alle mit Wein bebauet, und sind deren etlich 70 gewesen". In den Statuten der Stadt von 1612 wachte der Rat der Stadt streng mit 50 Talern Strafe darüber, dass der gute Ruf des Rathenower Weinbaus nicht verloren gehe. Im Laufe des 18. Jahrhunderts ging der Weinbau jedoch stark zurück und kam um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert ganz zum Erliegen.
Ein Erwerbszweig, der damals herausragte, war der Holzhandel. Durch die Verleihung des Gutes Rodenwalde im Jahre 1319 an die Stadt war Rathenow in den Besitz eines reichen Waldbestandes gekommen, in dem besonders Eichen und Buchen in großer Zahl zu finden waren. Trotz der kläglichen politischen Verhältnisse mit seinen vielen Zollgrenzen und erdrückenden Steuern war der Holzhandel, der besonders mit Hamburg gepflegt wurde, für die Rathenower Holzhändler ein gutes Geschäft.
Seit dem Westfälischen Frieden (1648) nahm der Durchgangsverkehr durch unsere Stadt bedeutend zu. In dieser Zeit kam das benachbarte Erzbistum Magdeburg zum Kurfürstentum Brandenburg. So spielte sich nun der Verkehr zwischen der Altmark und der Mittelmark über Rathenow ab, während er vorher über die Prignitz geleitet werden musste. Damit verlor Rathenow auch seine Bedeutung als westliche Grenzfestung. Dies äußerte sich darin, dass im Laufe des 18. Jahrhunderts das stark befestigte Haveltor abgetragen wurde, um ein Verkehrshindernis zu beseitigen. Leider wissen wir heute nicht, wie dieses befestigte Tor einmal ausgesehen hat.

Rathenow im Urteil von Zeitgenossen

Aus dem geschilderten Zeitraum liegt uns eine Reihe von zeitgenössischen Urteilen vor, die uns wertvolle Hinweise auf das Leben in unserer Stadt gibt, wenn man sich auch hüten muss, diese allzu wörtlich zu nehmen, da es sich immer um subjektive Urteile handelt. Um 1680 machte der spätere König von England, Wilhelm III. von Uranien, eine Reise nach Berlin, die ihn auch über Rathenow führte. Sein Urteil lautet: Diese Stadt ist auch (wie Havelberg) sehr schmutzig und hässlich. Die Frauen in dieser Stadt... tragen auf dem Kopf eine Art Haube, die innen mit Fell gefüttert ist und in zwei langen Spitzen auf die Schultern herabhängt. Der Weg führt immer durch Wälder, die bald aus Eichen, bald aus Eichen mit Tannen und Birken, bald nur aus Tannen bestehen.
In der „Preußischen und Brandenburgischen Staats-Geographie von Heinrich Campen, Privilegiertem Buchhändler in der Altmark", die in Leipzig und Stendal erschienen war, heißt es über unsere Stadt: „Rathenau, eine mittelmäßige, aber auch gar feine Stadt und berühmter Pass an der Havel, welche mit ihren Armen rund herum läuft und sie also einigermaßen fest macht. Sie liegt zwischen sehr großen Wäldern ...
Der erste Rathenower Chronist, Kantor Joachim Triepke, sagte über Rathenow folgendes: Diese Stadt mag billig den Namen von einer wohlgeratenen Aue haben, auch hinsichtlich der günstigen Lage und schöner Bequemlichkeiten, damit sie vor vielen benachbarten Städten pranget. Betrachte ich dieselbe von allen vier Ecken der Erde her, so wüsste ich nicht, woran sie Mangel leiden sollte. Erstlich sieht man gegen Morgen zum Steintor aus, so wird man ein trefflich mit Eichen, Kienen und andren Bäumen unterschiedlicher Gattung reich versehenes Gehölze erblicken, welches allerhand wilder Tiere Aufenthalt ist, daraus man nach Notdurft an schönem Wildpret bekommen kann. Diese schöne und große Heide ist mit einem Graben voneinander geteilt, davon das eine Teil die königliche Heide heißt, in welcher, ohngefähr einen kleinen Spaziergang von der Stadt, die sehr lustige Grüne Aue liegt, das ist die königliche Heiderreiterei und des Heiderreiters Revier, welche Wälder und Felder, Wiesen und Gärten, und was nur zur Ergötzung dienen mag, um sich hat. Diese Heide ist bisweilen so reich an Lagerholz, dass ganze Ziegelscheunen damit können versehen werden. Gleiche Bewandtnis hat es mit dem anderen Teil, das Bürgerholz genannt, welches ein patrimoniuHavel-Landschaftm civitatis oder Eigentum der Stadt und nicht des Rates ist. Dieses bringt nun der Bürgerschaft ein Ehrliches ein, welches durch die Mast merklich vergrößert wird, wenn der liebe Gott die Eckern wohlgeraten lässt, dass wohl etliche Schock Schweine fett werden können. Von dieser Heide hat das daran stehende und um die Heide liegende Feld und Acker den Namen das Heidefeld bekommen. Recht mitten in dieser Heide und Feldern liegt des Magistrats Schäferei... Gegen Mitternacht vor dem Jederitzschen Tor, hat die Stadt die allerbeste Grasung und das allerschönste Ackerfeld, die meisten Gärten und wackere Vorwerke und Meiereien. Das Jederitzer Feld ist das fruchtbarste Land von Rathenow, daher wohl auch eine Hufe zwei- oder dreimal mehr als eine andere mit dem gegen Margen liegenden Heidefeld kostet. Aus diesem Angeführten wird zur Genüge erkannt, werden, dass, weil der Ort an Holz, Gras, Wein, Feldern und Gärten keinen Mangel, sondern die Menge hat, Handel und Wandel in vollem Schwange gehen müsse, sodass die Stadt ohne einige Zufuhren ihr Auskommen haben könnte, wenn es unter der Bürgerschaft sollte ausgeteilt werden. Die ganze Stadt wird mit aller notdürftigen Kramware verlegt, welche nicht allein die Hamburger Schiffe ans Tor bringen, sondern unsere Kaufleute bringen sie uns mit Kähnen und Schiffen in solcher Menge herzu, dass wir nach solcher kaum etliche Schritt gehen schicken dürfen, dass sich andere Örter und Städte wohl solche müssen etliche Meilen weit holen lassen . . .
Ich möchte mich aber wegen des schönen Prospektes (Aussicht) noch ein wenig auf die gegen Mittag liegenden Weinberge und von der Havel fast ganz umgebenden Weinberge aufhalten, darauf ich die ganze Stadt und von allen vier Ecken die allerschönsten Gegenden gewahr werde und Dörfer, Wiesen, Felder, Wasser und Heiden ins Gesicht habe.
Triepke hat uns hier eine begeisterte Schilderung seiner Heimatstadt gegeben. Er hat uns dabei interessante Einzelheiten vermittelt, doch es ist falsch, dem hier geschilderten Reichtum der Stadt unbedingt zu glauben, denn um die gleiche Zeit, in der Triepke diesen Bericht schrieb, stellte die preußische Regierung über Rathenow fest, „es sei des Rathauses Unvermögen und dass solches im Konkurs stehe, zur Genüge bekannt". Und einige Zeit später beklagt sich Samuel Christoph Wagener, der Schreiber der einzigen über Rathenow erschienenen Chronik, „dass der größte Teil der aus Ackerbürgern und Gewerbetreibenden bestehenden Einwohner es auch bei redlichstem Fleiß zu nichts bringen könne, ja oft nicht einmal ohn Nahrungssorgen sei. An das Zurücklegen eines Notpfennings sei nicht zu denken." Die Ursache dieser geschilderten Not lag in der ungeheuren Besteuerung der Bürger durch den Staat. Das riesige preußische Heer fraß den ganzen Fleiß und allen Reichtum der Bürger auf. Als das hier geschilderte Jahrhundert zu Ende ging, hatte Rathenow knapp 4000 Einwohner und dazu 700 Mann Militär.
Ich möchte jedoch meine Betrachtungen über das Rathenow des 18. Jahrhunderts mit einer freundlicheren Betrachtung schließen. So stellte der Rektor der Rathenower Stadtschule im Jahre 1745 fest, dass die Einwohner der Stadt höflich und conversables (umgänglich) seien. An diesem Urteil haben wir um so weniger zu zweifeln, als diese beiden Eigenschaften heute noch jeden Rathenower Bürger auszeichnen!

Quellenangabe:
1) Wagener, Samuel Christoph: Denkwürdigkeiten der Chur märkischen Stadt Rathenow, Berlin 1803
2) Günther, H.: Rathenow an der Havel - Ein Städtebild, Berlin 1928
3) Specht, Walter: Aus der Chronik der Stadt Rathenow, Rathenow 1927
4)  Mein Havelland - Blätter für Heimatkunde als Beilage zur Havelzeitung, Band 2, Rathenow 1937
5) Specht, Walter: Aus havelländischen Truhen - Beilagen zur Havelzeitung Nr. 50 und 52.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1961, Seite 40-46, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 14.11.07 von Robby Schmalz

 


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