Leseprobe:
Bemerkungen zur Havel
von Werner Ehrig
Mit einer Länge von 352 Kilometern gehört der Tieflandfluß Havel nicht zu den bedeutenden Fließgewässern in Deutschland. Erst die Industrialisierung im 19. Jahrhundert macht ihn als Verkehrsweg für die Binnenschiffahrt zwischen Berlin und Hamburg bedeutsam.
Die untere Havel war bis Mitte des 19. Jahrhunderts ein stark mäandrierender (sich windender) Fluß mit vielen größeren und kleineren Neben- und Altarmen. Dazu kamen viele Seen, die direkt oder nur bei Hochwasser Verbindung mit dem Fluß hatten.
Die Havelniederung war geprägt von Feuchtwiesen, Mooren, Auwäldern und einer reichen Pflanzen- und Tierwelt. Deren Reste müssen heute mit viel Mühe geschützt werden. Die Havelniederung zwischen Pritzerbe und der Mündung bei Havelberg steht wegen
ihrer Bedeutung als wichtiger Rast- und Brutplatz für vom Aussterben bedrohte Wasservogelarten unter Naturschutz.
Im Unterlauf wurde in oft verheerender Weise - ausschließlich aus ökonomischen Gründen - regulierend eingegriffen, so daß heute vom ursprünglichen Flußlauf nur noch Fragmente erhalten sind.
Seit Menschen an den Ufern der Havel siedelten, nutzten sie ihren Fischreichtum, waren aber auch den von ihr ausgehenden Gefahren oft hilflos ausgesetzt. Schon im 8. und 9. Jahrhundert legten die hier wohnenden Slawen zahlreiche Fischwehre an, die einerseits einen erfolgreichen Fischfang garantierten, andererseits aber den Wasserabfluß verzögerten.
Im 12. Jahrhundert begann man mit dem Bau von Deichen zum Schutz der Niederungen. Später kam der Bau von Mühlenstauen in Brandenburg und Rathenow (1324) dazu. Fischwehre, Mühlenstaue und der Elberückstau bis Rathenow führten in der Folge zu schweren und lang anhaltenden Überschwemmungen der unteren Havelniederung. Erst 1771/72 konnte die Hochwassergefahr durch den Bau eines Trennungsdeiches zwischen Elbe und Havel im Anschluß an den alten Jederitzer Deich bei Sandau gemindert werden.
Nachdem Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts verheerende Hochwasser die Havelniederung schädigten, wurde der Plan gefaßt, aus einem sich selbst überlassenen Fluß einen den Zwecken der Schiffahrt nutzbaren Wasserlauf zu gestalten.
In den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts bestanden die durchgeführten Maßnahmen in der Beseitigung der zahlreichen Fischwehre, im Bau von Buhnen und Deckwerken.
Der Ausbau der Binnenwasserstraße Berlin - Hamburg wurde nach dem Krieg 1870/ 71 durch Begradigungen, Durchstichen von Mäandern, Bau von Schleusen und Wehren vorangetrieben. Die umfassendsten Regulierungsmaßnahmen erfolgten in verschiedenen Bauabschnitten von 1875 bis 1901. Begradigungen verkürzten den Flußlauf so stark, daß ein gleichmäßiger Ablauf des Hochwassers nicht erfolgen konnte - die Niederungen standen sehr lange unter Wasser. In den Sommermonaten gab es extremes Niedrigwasser, weil der natürliche Wasserrückhalt der Mäander, der Alt- und Nebenarme fehlte.
Anmerkung der Redaktion: Die Bilder zeigen Ansichten aus Rathenow/ Neue Schleuse Anfang des vergangenen Jahrhunderts
Die ungekürzte Version dieses Artikels finden Sie im Rathenower Heimatkalender aus dem Jahre 1995.
Der Beitrag wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen
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