Technische Baudenkmale Rathenows
von Ing. Willi Kort
Von den ehemaligen technischen Bauwerken, die im Wirtschaftsleben der Stadt Rathenow ehemals eine Bedeutung hatten, ist fast gar nichts mehr erhalten. Auch die in unserem alten Museum früher aufbewahrten kleineren Vertreter technischer Kultur sind fast sämtlich mit dem Gebäude vernichtet worden, bis auf geringe Reste. Eine Aufzählung einiger dieser ehemaligen Kulturdenkmale technischer Art soll die Erinnerung an dieselben wach halten. Beginnen wir also mit den Vertretern aus ältesten Zeiten: Ein technisches Kulturdenkmal aus prähistorischer Zeit war der im ehemaligen Museum aufbewahrte Rest eines so genannten „Einbaumes", wie solche in der Havelgegend mehrere gefunden wurden. Bei der Havelregulierung vor 1901 sollen in der Gegend zwischen Böhne und Bützer etwa 5 Stück solcher alten Vertreter ältester Schiffbauart aus dem Havelbett geborgen worden sein.
Solche Dinge stehen heute unter technischem Kulturdenkmalsschutz.
Auch die alte Holzsäule, die aus dem Strombett der Havel vom Wasserbauamt geborgen wurde, muss als technisches Kulturdenkmal ang
esehen werden: Vermutlich war dieselbe ein letzter Rest der ehemaligen markgräflichen Burg an der Stremme. Sie hatte eine Länge von etwa 4,20 Meter, eine schwach gewölbte Form mit abgesetztem Kopf und Fuß. Sie besaß durch die jahrhundertelange Einwirkung von Gerbsäure des Morastes eine schwarze Farbe. Leider hat man dieselbe niemals fotografiert. In der näheren und weiteren Umgebung Rathenows haben wir noch einige gut erhaltene Burgwälle, die wohl fast alle als wendischer Herkunft gelten, bis auf einen jenseits der Havel, was aber auch nicht genau feststellbar ist. Drei dieser Burgwälle spielen in der alten Siedlungsgeschichte Rathenows als vorgelagerte Stützpunkte und Zufluchtsplätze der ehemaligen Bewohner unserer Havelgegend eine gewisse geschichtliche Rolle. Zu einem jeden dieser Wälle gehörte ein wendisches Dorf, die als Ober-, Mittel- und Unterkietz bezeichnet wurden. Die ehemalige so genannte askanische Burg auf dem Markgrafenberg ist wohl viel jüngeren Datums als die wendischen Burgwälle gewesen. Im Jahre 1925 entdeckte ich am Südufer des Wolzensees einen weiteren Burgwall, der mit dem Bammer Ähnlichkeit hat. Durch die handschriftliche Chronik eines ehemaligen Oberförsters von Grünaue, namens Gadow, -wurde meine Entdeckung bestätigt.
Einen diesbezüglichen Vortrag über die Rathenower Burgwälle hielt ich im Jahre 1930 im Rathenower Heimatland-Geschichtsverein. Diese vorgeschichtlichen Burgwälle, Sc
hanzen, Schwerenschanzen, und wie man sie sonst nennen mag, stehen heute unter Denkmalsschutz, ebenso wie die Urnenfelder und sonstigen Bodenfunde prähistorischer Art, da sie zu den technischen Kulturdenkmalen zählen.
In früheren Zeiten sind oft so genannte Bohlenwege aus vorgeschichtlichen Zeiten aufgefunden worden, die namentlich an sumpfigen Übergangsstellen an Flüssen und Gräben zu finden sind. Auch in unserer Gegend bei Rathenow ist nach Mitteilung des Chronisten Samuel Christoff in einer Chronik ein solcher am Körgraben hinter der ehemaligen Fabrikenstraße, jetzt Külzstraße, festgestellt worden. Solche alten Burgwälle liegen oftmals sehr tief im Sumpf verborgen. Sie gehören ebenfalls zu den technischen Kulturdenkmalen.
Wie die ersten Brücken in ältester Zeit au
sgesehen haben bei Rathenow, ist unbekannt. Bevor feste Pfahljochbrücken gebaut wurden, wird man wahrscheinlich Flöße und Kahnbrücken verwendet haben. Reste solcher Pfahljochbrücken sind an einem alten Hauptübergang über die Havel am oberen Burgwall, genannt „Alt-Rathenow", mit vielen Steinen, so genannten Findlingen, gemacht worden. Die späteren festen Holzbrücken, die mit sehr starkem Holze ausgeführt wurden, hatten sehr enggesetzte Brückenjoche, und waren mit aufgebauten Fallbrücken versehen, die in Rathenow besonders im so genannten Schwedenkriege eine gewisse Rolle spielten, als Derfflinger die Brückenwache bezwang. Über kleinere Flussläufe und Kanäle baute man kleinere Zugbrücken, so genannte Klappbrücken, die den unten durchfahrenden Segelschiffen ungehindertes Passieren mit Mastbaum gestatteten. So eine alte Klappbrücke mit einem Schwingbalkensystem stand auch früher am Schleusenkanal am Jederitzer Tor. Diese Klappbrücken waren bereits im Mittelalter sehr verbreitet in ganz Norddeutschland. Vermutlich sind diese Brückensysteme schon im 12. Jahrhundert von den Holländern im märkischen Kolonisationszeitalter mit eingeführt worden, die ja bekanntlich sehr geschickte Kanal- und Wasser- wie Wiesen- und Deichbauer waren, die unsere Flüsse mit Dämmen versahen. Auch im Brücken- und Mühlenbau leisteten sie gute Kulturarbeit. Diese alten Brücken sind alte technische Kulturdenkmale und werden, wo es möglich ist, erhalten. Man sieht solche Vertreter der alten Systeme heute noch bei Milow an der Stremme und anderswo.
Von jeher belebten die vielen Windmühlen der märkischen Dörfer unsere Landschaft. Seit ungefähr 30 Jahren, wo sich der Motormühlen-Großbetrieb erweiterte, ist ein Zurückge
hen an der Zahl der Wind- und Wassermühlen eingetreten. Die Motormühlen sind nicht nur leistungsfähiger, sondern sind unabhängig von Wind und Wasser. Um das schöne Landschaftsbild zu erhalten, hat man bereits seit 20 Jahren die bekannte Bammer Mühle, in der Nähe Rathenows, die aus dem Jahre 1659 stammt, unter technischen Kulturdenkmalschutz gesetzt. Bis zum Jahre 1890 hatte die nähere Umgebung Rathenows noch 5 alte Bockwindmühlen aufzuweisen. Davon standen zwei auf dem Weinberg (Besitzer: Quardfasel und Lietze). Zwei weitere standen im Semliner Feld (Besitzer Wiese), und die letzte, die im Jahre 1930 abgerissen wurde, stand im Jederitzer Feld (Besitzer Brückner). In der weiteren Umgebung Rathenows waren auch so genannte „Holländermühlen" mit drehbarem Dach vorhanden. Eine derselben stand vor dem Dorfe Döberitz (Besitzer Mewes), eine im Dorfe Gülpe, zwei lagen am Plauer See.
Die Wassermühlen finden sich im Havelland seltener als in der Altmark oder Prignitz, wegen des geringen Wassergefälles. Die größten Wassermühlen hatten ja die beiden Nachbarstädte Rathenow und Brandenburg, die beide vom Hauptstrom der Havel getrieben wurden; ursprünglich waren dieselben in markgräflichem Besitze. Die Rathenower Wassermühlen sind laut Urkunde vom Jahre 1351 vom Markgrafen Ludwig der Stadt übereignet worden, nebst Flutrinne und mit dem Anspruch auf Holzlieferung für Reparaturzwecke aus der Rathenower Heide.
Die gesamte Mühlenanlage bestand aus: Einer Sägemühle, einer kleineren Mahlmühle, einer Walkmühle für das Tuchmacher- und Zeugmachergewerk, einer zweiten größeren Mahlmühle mit zusammen 10 Stück Wasserrädern und 4 Flutrinnen. Der so genannte Mühlendamm geht alsdann zur so genannten Frei-Arche, wo die erste Lohmühle stand, die damals „Mausefalle" genannt wurde und später oberhalb als so genannte „Walk- und Lohmühle" verlegt wurde. Hieran schließt sich die Frei-Arche mit Grundsätzen und weiter die Brücke zum ehemaligen Korn-Magazin. Darauf folgt der so genannte Heckelsdorfer Überfall, die heutige hohe große Arche. Neben der Frei-Arche am zweiten Havelarm stand die im Jahre 1561 vom Kurfürsten Joachim II. erbaute erste Rathenower Kesselschleuse, die später im Jahre 1610 etwas nach westlicher Richtung als eine neue Kammerschleuse verlegt wurde. Neben der mittleren Freiarche sah man noch um 1930 ein fast 5 Meter großes altes Wasserrad stehen, das die Transmission einer ehemaligen Möbelfabrik antrieb. Die Kammerschleuse war bis zum Jahre 1741 hier im Betrieb. Sämtliche Wasserräder waren so genannte unterschlächtige Wasserräder, welche mittels so genannter Ziehpanster in höhere od
er tiefere Lage gebracht werden konnten. Die Mühlengebäude selbst standen auf großen Pfahlrosten, mit großen Rahmenverbindungen, und hatten Holzfachwerk mit Ziegelsteinfüllung. Heute ist die ehemalige größere Mahlmühle als Wasserturbinenmaschinenbau für zwei große Antriebsturbinen, mit großen Kammrädern eingerichtet, die die aufgefangene Wasserkraft mittels Transmissionen auf die Aggregate der elektrischen Licht- und Kraftmaschinen übertragen, die den gewonnenen Kraftstrom weiterteilen. Die alten Wassermühlen gaben früher der Gegend am Haveltor ein schönes charakteristisches Aussehen der Rathenower Vorstadt. Das wirtschaftlich unrationelle Arbeiten der alten Wassermühlen war natürlich Hauptgrund, dass dieses lebhafte Bild eines Tages verschwinden musste. Jedenfalls waren diese alten Wassermühlen ein technisches Kulturdenkmal, das gerade bei den alten Rathenower Bewohnern noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Einige 100 Meter oberhalb der Wassermühlen zweigt sich von der Havel der um 1288 begonnene Bau des so genannten Schleusenkanals als so genanntes ehemaliges „fossatum" ab. Als Wehrgraben gehörte er im Mittelalter zur Stadtbefestigung. In seinem oberen Teil am Weinberg befanden sich noch von 1870 zwei schmale Inseln, auf welchen Schafe weideten und geschoren wurden. Vermutlich war zwischen den Inseln und dem Ufer eine Wasserstauanlage, um dem Treibwasser der Flutrinne für den um 1720 angelegten Eisenhammer ein besseres Gefälle zu geben.
Ein ehemaliger alter Fischer zog noch in späteren Jahren dort Pfähle heraus. Der so genannte Eisenhammer lag zwischen der Wasserpforte und der jetzigen um 1732 angelegten Stadtschleuse an der alten Stadtmauer. Er wurde im Jahre 1720 erbaut. Das Rohmaterial, das verarbeitet wurde, war der so genannte Raseneisenstein, der auf sumpfigen Wiesen bei Rathenow an der Havel und bei Grünaue gegraben wurde. Zur Verhüttung des Eisens waren Holzkohlen nötig, die wahrscheinlich aus den Meilern der Teerschwelereien von Königshütte und Spolierenberg stammten. Der Eisenhammer wurde auf Befehl des Königs Friedrich II. abgerissen im Jahre 1760 wegen zu großen Holzverbrauches. Er wurde nach Hohenofen bei Neustadt (Dosse) verlegt. Das Vorkommen des Raseneisensteines war dort bedeutender als in Rathenow. Wurde doch bereits in Rathenow noch der Eisenstein von dem Orte Zehdenik eingeführt und hier verarbeitet. Auch in Hohenofen musste mit Holzkohlen gearbeitet werden, so dass ja auch dort der große Holzverbrauch weiterging. Sollte nicht doch wohl mehr der Mangel an Raseneisenstein in Rathenow die Hauptursache der Verlegung des Hammers gewesen sein? Friedrich II. war ja bekanntlich sehr auf die Hebung der Industrie in der Mark Brandenburg bedacht und unterstützte jede technische Bestrebung zum wirtschaftlichen Erfolg seines Landes. Der Rathenower Chronist Samuel Christoff Wagner schreibt allerdings, dass durch den zu starken Holzverbrauch die Staatsforst Grünaue in ihrem Bestände geschädigt wurde. Das einzige Bild, das uns den Rathenower Eisenhammer allerdings in sehr mäßiger Weise wiedergibt, ist ein Kupferstich von Petzold aus dem Jahre 1711. Man sieht nur zwei einfache Häuser auf SEE, das eine mit 2 Wasserrädern, wohl das eigentliche Hammerwerk, und das andere Haus mit einem rauchenden Schornstein, in welchem wohl das so genannte Frischfeuer sich befand. Solche alten Hammerwerke zählen, soweit dieselben noch vorhanden sind, zu den technischen Kulturdenkmalen, die dem staatlichen Denkmalschutz unterstehen.
Als im Jahre 1733 der Bau der Neustadt Rathenow begann, hatte der damalige Baumeister Materne auch die öffentlichen Gebäude, wie Rathaus, Speicher, Fabrikhäuser, Spritzenhaus, Tore, Zollmauer und dergleichen zweckmäßig zu gestalten. Die Altstadt Rathenow gab hier genügend Beispiele. Auf dem so genannten Mühlenplatz stand bereits ein Spritzenhaus, welches an a
llen Seiten ein Tor zum Ausfahren der Feuerspritze hatte. Das Spritzenhaus der Neustadt stand ehemals am Schulplatz an der Bergstraße. Das Gebäude war als Fachwerkbau mit einem kombinierten Mansarden- und oberen Zeltdach ausgebildet. Das Tor lag nach Süden gerichtet. Dieses alte Gebäude enthielt eine fahrbare Kasten-Feuerspritze mit 2 Zinkgusspumpen. Sie stammte aus dem Jahre 1730. Außerdem waren untergebracht fahrbare Wassertonnenwagen und mehrere Feuerwehrleitern und so genannte Feuerhaken zum Einreißen von Stroh- und Rohrdächern der Viehställe und Scheunen. Außerdem waren viele Feuereimer aus Leder vorhanden. Auf dem Zeltdache des alten Spritzenhauses befand sich eine sehr alte interessante Wetterfahne, die oben an der Spitze einen kleinen achtzackigen Stern trug. In der Nähe des alten Spritzenhauses stand an der Ecke der Schleusen- und Bergstraße eine so genannte Plumpe, an welcher ungefähr 2 bis 3 so genannte Wassertienen standen, die für Feuerlöschzwecke bestimmt waren und stets mit Wasser gefüllt waren. Sie hatten die Form von großen Kübeln, standen auf hölzernen Kufen und wurden zum Brandherd gezogen. Ein hölzerner Deckel sollte das Herauslaufen des Wassers verhindern. Die damaligen Ackerbürger und andere Pferdebesitzer mussten zum Transport der Feuerlöschgeräte ihre Pferde zur Verfügung stellen. Diese erwähnte alte Feuerwehrspritze vom Jahre 1730 war bis zum Jahre 1945 im alten Museum untergebracht, und verbrannte dort, nachdem sie noch bis 1925 auf einem Privat-Holzschneidebetrieb Verwendung gefunden hatte. Dieselbe war das Beispiel einer damals noch hoch in Blüte stehenden Schmiede- und Mechanikerhandwerkskunst. Sie besaß schon eiserne Achsen, die damals zur Zeit ihrer Anfertigung äußerst selten -waren. Sind doch im Allgemeinen die ersten eisernen Achsen erst nach 1800 eingeführt worden. Bis dahin verwendete man hierfür Eschenholz. Auch die Räder sind bereits mit eisernen Reifen und anderen Beschlägen versehen, die sämtlich kunstvoll gearbeitet waren. Ein besonders wertvolles Handwerksstück war der 5 Meter lange, aus einzelnen Eisenstücken handgeschweißte Schwinghebel, der an den Seitenflanken noch mit eingehauenen Zieselierungen versehen war. Der Wasserkasten war mit Zinkblech ausgelegt, und die Pumpenzylinder waren aus Zinkguss hergestellt. Die Holzteile waren aus astfreiem Eichenholz gefertigt. Die Ecken des Holzkastens waren mit geschnitzten Figuren versehen. Der Schwinghebel war aus dem Schutt des Museums geborgen und musste vom fachmännischen Standpunkte aus gesehen als Denkmal handwerklicher Schmiedekunst der Nachwelt erhalten bleiben. Diese alte Spritze wird dem Messerschmidt viel Arbeit und auch Freude gemacht .haben, wenn sie auch damals viele harte Taler gekostet haben mag. Außer solchen fahrbaren Spritzen waren noch so genannte Handfeuerspritzen im Gebrauch. Zufällig sah ich einmal um 1920 noch eine Zeichnung eines alten Rathenower Pumpenfabrikanten für eine so genannte Prahm-Feuerspritze, die wohl einmal in Rathenow auf dem Wasser Verwendung fand. Diese alte Feuerspritze ist nach den Bestimmungen der Kommission für technische Kulturdenkmäler, z. B. des Vereins Deutscher Ingenieure, ein technisches Kulturdenkmal.
Bemerkt sei hier, dass die Stadt Rathenow auch späterhin stets gute, moderne Feuerlöschgeräte im Gebrauch hatte. Man denke an die verschiedenen Hand- und Motor-Dampfspritzen, Geräte- und Wasser-Mannschaftswagen. Ausziehbare Feuerwehrleitern mit den vielen Rettungsgeräten, vom Sprungtuch, Rettungsschlauch, Gas- und Rauchschutzapparaten und den heute vielfachen Feuer-Schaumapparaten zur Eindämmung und Verhinderung des Feuers. Nicht zu vergessen ist das Feuersignalwesen, angefangen vom Nachtwächterhorn, Trompete, Nebelhorn und Sirene, die auch heute noch die Einwohner in Aufregung versetzen. Die ehemalige kleine Ackerbürgerstadt hatte bis zum Erscheinen der optischen Werkstätten und kleineren Fabriken v
erschiedener Art vor und nach 1800 nur wenige Industriebauten aufzuweisen. Die ältesten Bauten größerer Art waren neben den Wassermühlen die alte Stadt oder so genannte Ratsziegelei, die 1662 nach langer brachliegender Zeit von 4 Bürgern wieder hergerichtet wird. Jährlich sollen 4500 Steine geliefert werden, und in 10 Jahren soll die Ziegelei in baulichen Würden dem Rate der Stadt übergeben werden. Die Rathenower Steine wurden wegen ihrer guten Qualität sehr gerühmt. Zur Ziegelei gehörten Brennofen, zwei Ziegelscheunen und das Ziegelmeisterhaus, das heute noch vorhanden ist, während die anderen Gebäude zerstört wurden. In der Ziegelscheune waren um 1880 noch große Pferdeställe für eine Schwadron Kavallerie eingerichtet. Die Ziegelei brannte im Laufe der Zeit mehrere Male ab. Erwähnt sei, dass eine sehr alte Ziegelei aus kurfürstlicher Zeit in dem Nachbardorfe Mögelin stand, die im Jahre 1939 abgerissen wurde. Auch die ehemalige königliche Kalkbrennerei, im Jahre 1779 gegründet, bestand aus 3 Kalköfen, die mit Holz und Steinkohlen gefeuert wurden. Die Kalksteine wurden per Schiff von Rüdersdorf nach Rathenow gebracht. Der größte Teil der gebrannten Kalksteine ging nach Hamburg, wohin auch der größte Teil des Floßholzes aus Rathenow verkauft wurde. Auch die letzten beiden Industriewerke waren Vertreter der technischen alten Kulturdenkmäler Rathenows.
Durch den reichen Waldbestand in der Gegend Rathenows und durch die guten Wasserverbindungen mit Hamburg und Berlin, war es wirtschaftlich erklärlich, dass auch in Rathenow als Havelstadt eine Schiffsbauwerft entstand. Sie lag in der Nähe der alten Ratsziegelei und war im Besitz eines Rathenower Bürgers, namens Fodt, später eines Kaufmanns Meuß, die Stein- und Holzhandel betrieben und andere Unternehmungen, wie Kachelöfenfabriken, hatten. Die alten Havelkähne jener Zeit von 1850 waren so genannte Zillen mit nur geringer Tragkraft von 80 bis 100 Tonnen, hatten einen Mastbaumsegel und einen sehr breiten, nach hinten sich abschrägenden Bug. Die Spanten waren aus winklig gewachsenen Baummasten gefertigt, wie auch wähl der ganze Schiffskörper aus Holz bestand. Gewöhnlich war nur ein Kajütraum am Heck vorhanden. Es gab um 1870 eine ganze Anzahl Rathe
nower Schiffseigner, die den Frachtverkehr zwischen Berlin und Hamburg vermittelten. Denn der Landfrachtverkehr mittels Frachtwagen nach Berlin und Hamburg genügte nicht mehr, als die Städte nach 1870 sich sehr vergrößerten. Diese ersten Vertreter der Segelschiffahrt wie auch die alten großen schweren Frachtfuhrwerke von den Ratsherren in Rathenow, Döbbelin und Teichmann, waren einst wichtige Einrichtungen im Wirtschaftsverkehr Rathenows, nach außerhalb. Sie haben vor dem Aufkommen der Eisenbahnen eine wichtige Rolle im Lande gespielt, wovon sich die jetzige Menschheit nur noch eine geringe Vorstellung machen kann. Wie wird man über unsere heutigen Transporteinrichtungen, wie Eisenbahn und dgl. einmal denken, wenn einmal alles in Großflugzeugen mit größten Geschwindigkeiten vonstatten geht?
Der Chronist Samuel Christoff Wagner berichtet in seiner Chronik über das damalige Rathenower Tuchgewerbe folgendes: In vielen märkischen Städten gab es so genannte Wollmagazine. Zur Aufbewahrung der Wollvorräte hatte der Rathenower Magistrat ein öffentliches Gebäude, den so genannten Markt-Meister-Boden hergegeben. Am Eingang der großen Kirchstraße lag der Parkhof mit Tuchschau und der Ratswaage. Auf dem de Neverchen Stadtplane ist in der Altstadt am nördlichen Schleusenkanal und der Havel eine Stelle verzeichnet, unter dem Namen „Bleiche", der Barchentfabrik, die wohl hier ebenfalls lag. In der Neustadt war ebenfalls eine Cannevaß- und Barchentfabrik, die unter dem Namen „Treskowsche Fabrik" bekannt war. Im Jahre 1773 wurde dieselbe von den Herren Bartsch & Compagnie übernommen, mit 18 Webstühlen ausgerüstet, die bis auf 58 Stück vermehrt wurden, später aber wieder bis auf 20 Stück zurückgingen. Die Fabrik ist in späteren Jahren eingegangen. Dieses ehemalige Fabrikgebäude ist heute fast 200 Jahre alt, leider aber sehr baufällig und steht in der ehemaligen Fabrikenstraße, die hiernach ihren Namen trug. Dieses Gebäude kann als technisches Kulturdenkmal nicht mehr gerettet werden, da der Holzwurm die Balken zernagt hat.
Dass auch einst in Rathenow und Umgebung die Seidenraupenzucht betrieben wurde, ist im Allgemeinen bekannt. Die letzten Zeugen dieser Tätigkeit, als Maulbeerbäume stehen als naturgeschützte Vertreter dieser Art auf dem Weinberg. Solche stehen auch auf der Magazininsel, wie auch in Mögelin auf dem alten Kirchhof. Noch im Jahre 1843 beschäftigte sich ein Mann namens Friedrich im Dorfe Mögelin mit der Seidenraupenzucht. Er erhielt von der damaligen Regierung ein Darlehen von 1000 Talern und baute sich das noch heute stehende Haus, das so genannte Försterhaus Friedrichshof als Seidenetablissement auf, und trieb hier Seidenraupenzucht, die ja heute wieder modern wird.
In einer Hinsicht ist dieses jetzige Försterhaus als technisches Kulturdenkmal anzusehen.
Wohl das größte Gebäude aus ältester Zeit, das jemals auf märkischem Boden stand, war das ehemalige königliche Korn- und Mehlmagazin, das im Jahre 1891 einem Riesenfeuer zum Opfer fiel. Es wurde im Jahre 1786 begonnen und im Jahre 1790 beendet.
Sein Standort war auf der so genannten Magazininsel, die von allen Seiten von Havelarmen umflossen wird. Es diente zum Einlagern von Korn, Mehl, Brot, Heu, Stroh und Konserven, Lebensmittel für die Garnison und Bevölkerung Brandenburgs. Das Heranbringen der Lagergüter per Kahn war sehr bequem zu Wasser. Es war in Rechteckform
erbaut und hatte durch den inneren Einbau eines mittleren Verbindungsflügels zwei innere Höfe. Die längere Vorderfront maß 500 Rheinländer Fuß, also 170 Meter, die kleinere Seitenfront maß 346 Rheinländische Fuß, also etwa 115 Meter. Der innere Mittelflügel war 254 Fuß lang, also etwa 85 Meter. Die Breite oder Tiefe der einzelnen Flügel war also 46 Fuß gleich etwa 15 Meter. Das Erdgeschoß war massiv gebaut mit einem gepflasterten Ziegelsteinboden, und hatte eine Höhe von 11 3/4 Rheinländischen Fuß gleich etwa 4 Meter Höhe. Auf diesem Erdgeschoß waren drei Stockwerke im Fachwerkbau errichtet, mit je einer Höhe von 9V2 Rheinländischen Fuß gleich 3 Meter, zusammen aber etwa 10 m Meter Höhe. Über diesen Stockwerken wölbte sich das abgewalmte Dach mit vielen Entlüftungsluken, so genannten Ochsenaugen. Das Dach hatte zwei Kornböden übereinander gelegen, also ungefähr eine Höhe von 7 Metern, so dass die Gesamthöhe des Baues 21 Meter betrug. Insgesamt konnten eingelagert werden 25 000 Wispel Mehl, Korn und dergleichen. Die oberen Stockwerke als Holzfachwerkbau errichtet, hatten viele Entlüftungsklappen oder Luken, wie man in Rathenow sagte. Es sollen genau 926 Stück gewesen sein, nicht 1000 Stück, wie erzählt wird. Zum Feuerschutz waren im Innern des Gebäudes untergebracht 50 Stück verteilte Wasserbottiche, die man Wassertienen nannte; 100 Stück Handfeuerspritzen, 100 lederne Feuer-Wassereimer. Außerdem war ein Spritzen- und ein Feuerleiterhaus mit einer metallenen Schlauchspritze vorhanden. Auf dem Dache befanden sich nur 2, später 4 Blitzableiter, die vermehrt werden sollten. Als dieselben zwecks Reparatur abgenommen waren, wurde das Gebäude durch einen einzigen Blitzstrahl am 3. August 1891 getroffen und in kurzer Zeit vollständig vernichtet. In den beiden inneren Höfen stand noch je eine Pumpe mit Wasserbehältern. Die einzelnen Seitenflügel des Riesengebäudes hatten je nach ihrer Lage die Namen, wie Rathenower, Mögeliner, Steckelsdorfer und Göttliner Flügel. Das Bauholz war aus sehr starken Eichen und Kieferbäumen geschnitten, die 150 Jahre und älter waren. Wie mir ein alter Mann erzählte, soll das Holz aus der Gegend der Försterei Krügershorst gewesen sein und aus dem so genannten Irdenholz (vielleicht Pintus Lain) entnommen worden sein. Ähnliche Magazine und Speicheranlagen, wie sie zur Zeit Friedrichs II. gebaut wurden, standen in Schwedt (Oder) als Tabakspeicher, in Lübben als Kornspeicher, in Küstrin als Kornspeicher, die aber kleiner als das Magazingebäude in Rathenow waren. Der Brand schwelte ungefähr noch 10 Tage und die Straßen Rathenows waren mit fliegender Asche bedeckt. Das noch brauchbare Holz wurde noch zerschnitten und konnte teilweise für die damals entstandenen Kasernen verwendet werden. Es sind leider nur wenige übersichtliche Fotos von dem Riesengebäude vorhanden, die nur eine unübersichtliche Ansicht des Gebäudes gestatteten. Bauunterlagen und Pläne über den gewaltigen Bau sind im Staatsarchiv nicht mehr vorhanden. Neben den ehemaligen Wassermühlen ist dieses gewaltige Bauwerk wohl als das bedeutendste technische Kulturdenkmal Rathenows aus alter Zeit anzusprechen.
Noch bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, ungefähr um das Jahr 1798, kelterte Christian Brösicke, ein alter ehemaliger Weingärtner Rathenows, 17 Oxholft Wein nach Wagners Chronik. In dieser Zeit waren noch 3 Weingärtner in Rathenow ansässig. Die geernteten Weintrauben wurden damals in einem auf dem nördlichen Teil d
es Weinberges stehenden Weinpressehaus gekeltert, welches an der Stelle der heutigen Kapelle stand. Auf mehreren älteren Kupferstichen älterer Rathenower Ansichten ist dieses alte Fachwerkhaus dargestellt neben manchem damaligen alten Gartenhaus. Das alte Weinpressenhaus muss ungefähr um 1860 abgerissen worden sein. Um 1900 erzählte mir ein damals 60jähriger Rathenower Gärtner, der mit dem Sohn des letzten Weingärtners Brösicke befreundet war, dass er beim Abriss des Pressenhauses mitgeholfen hätte. Der letzte Gärtner Brösicke konnte mir jedoch nicht viel über die alte Weinpresse erzählen. Er sagte mir unter anderem, dass das alte Gebäude ehemals einen turmartigen Aufbau auf dem Dache hatte.
Durch diesen Hinweis allerdings erkannte ich auf den Bildern das Weinpressenhaus wieder. Die eigentlichen Überreste der Weinpresse selbst wurden in einen alten Holzschuppen gelegt, der nun als Weinpressenhaus fälschlicherweise angesehen wurde. Diesen Schuppen zeigte mir einst der Gärtner Brösicke. Ich kann mich aber nur noch wenig auf Einzelheiten über das Aussehen der damaligen noch vorhandenen Reste erinnern. Ich war etwa 12 Jahre alt und weiß nur noch, dass ein länglicher, rund ausgearbeiteter Eichenklotz auf einem Gestell lag.
Wahrscheinlich war es die Wanne zur Aufnahme der Trauben, also der Preßzylinder. Es gibt, wie ich in Abbildungen eines Werkes über technische Kulturdenkmale ersehe, mehrere Systeme dieser Weinpressen. Der Verein Deutscher Ingenieure Deutschlands (VDI) hat unter Führung von Conrad Matschofs große Mühe und Arbeit aufgewendet, solche alten Kulturdenkmale der Technik zu erhalten oder zu schützen. In der Mark gab es noch ein Modell einer derartigen Presse in Senftenberg. Die ehemalige Weinpresse von Rathenow war also einmal ein technisches Kulturdenkmal.
Diese aufgezählten ehemaligen technischen Kulturdenkmale sind die ältesten uns bekannten, von welchen wir Nachricht haben. Sie entstanden aus dem Wissen und Können der ehemaligen alten Handwerksmeister aus Sammlungen und Bauhütten.
Landbaumeister und Mühlenbauer aus Spezial-Zünften, Zimmermeister und die ersten Mechanikermeister und Gießer der Hüttenwerke haben hier ihre Arbeit geleistet. Die Entstehungszeiten ihrer Werke liegen auf weite Zeiträume bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts verteilt. Nach dem Jahre 1800 beginnt das neue Maschinenzeitalter der Technik.
Zunächst das der Dampfmaschine, später die Elektrizität, Motoren usw. Die Kulturdenkmale aus diesem technischen Zeitalter sind allgemein an anderen Stellen
häufiger behandelt worden. Auch unsere Rathenower Industrie ist bekanntlich schon früh mit der modernen Maschinenindustrie verbunden gewesen. Gerade unsere Rathenower Optik, die nach 1800 sich zu einer Weltbedeutung entwickelte, hat heute noch Zeugen aus allen Städten ihrer Entwicklung in Fabrikmuseen und Spezialsammlungen aufzuweisen, die den Anspruch auf technische Kulturdenkmale erheben können. Diese zu pflegen und zu hüten ist Pflicht und Gebot aller verantwortlichen und fachwissenschaftlichen Stellen von Stadtverwaltung und Fabrikleitung der Betriebe Rathenows. Leider ist durch den Krieg und frühere Unkenntnis viel wertvolles Kulturgut verloren gegangen. Doch wollen wir uns bemühen, in Zukunft diese Zeugen alter Kultur den späteren Geschlechtern, so weit es möglich ist, zu erhalten.
Dieser Artikel wurde aus dem Rathenower Heimatkalender von 1957 entnommen.
Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz
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