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Rathenower Rebensaft

 von Dr. R. Gutjahr

Dem Rathenower Stadtwappen war ehemals eine Weintraube beigegeben, Sie erinnerte an den Weinbau, der einst auf unserem Weinberge betrieben wurde, wie an so vielen Orten unseres Kreises und des ganzes Havellandes. In der Regel ist nichts davon erhalten geblieben, als die Flurbezeichnung „Weinberg" oder „Weingärten".
Die Rebe kam im 12. oder 13. Jahrhundert mit den deutschen Siedlern vom Rhein her zu uns. Die früher allmächtige Kirche brauchte den Wein beim Abendmahl, auch ihre Mönche und Priester waren einem guten Trunk nicht abgeneigt. Die ständige Einfuhr aus dem Reich war schwierig, daher bauten die trinkfesten Geistlichen ihre Reben auf den sonnigen und sandigen Höhen der Havel an.
Unser Brandenburger Wein war ein bescheidenes Gewächs. Die doch an recht derbe Kost gewöhnten Bürger hielten es für dringend nötig, ihn durch künstliche Mittel schmackhafter zu machen. Er wurde mit allerlei Wurzeln und Kräutern, mit Kirschen oder Himbeeren, wohl auch gelegentlich mit teuren ausländischen Gewürzen versetzt, sodann durchgegossen und abgeklärt. Diesen köstlichen Trank, der morgens zum Frühstück, aber besonders gern zum Mittagsmahl genossen wurde, nannten die Berliner „Klaret". War er mit Honig vermischt, hieß er „Weinmet". Der nur mit Kräutern versetzte Wein, den man oft als Arznei gebrauchte, wurde „Hippokras" genannt. Jeder Ort hatte seine eigene Weinsorte und wohl auch seine besonderen Rezepte. Die Weinberge bei Brandenburg waren die ältesten des Landes. Sie lieferten bereits 1173 eine reiche Ernte. Auch in Gortz uWeinbergnd Butzow reicht der Weinbau bis ins 14. Jahrhundert zurück. Unser Rathenower Wein mag ein ebenso hohes Alter haben und wurde in alter Zeit überall gern getrunken, Sogar der Rhinower Wein wurde bis nach Rußland exportiert. Erst der moderne Verkehr brachte späterhin unsere havelländischen Reben in Mißkredit. Der Kornbranntwein wurde ihnen vorgezogen oder edlere Weinsorten aus begünstigteren Ländern herangeschafft. Auf dem Klein-Kreutzer Weinberg, wo 1525 auf freiem Grund und Boden 43 Weingärten angelegt wurden, erntete man schon 1820 keine Trauben mehr. Bei uns hielt sich der Weinbau länger. Den Rathenower Bürgern war 1612 bei der Hochzeit „ein notdürftiger Trunk Rathenower Weines" erlaubt. Es soll hier 70 Weingärten gegeben haben. Ihre Zahl ging schon vor dem Dreißigjährigen Kriege zurück. Vielleicht haben die nüchternen protestantischen Geistlichen Anstoß an dem bescheidenen Saft unserer Reben genommen. Vielleicht war auch der Boden der Reben müde geworden. Jedenfalls mußten zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Bürger durch Androhen einer empfindlichen Strafe davon abgehalten werden, ihre Weinberge in Ackerland zu verwandeln. Selbst Pest und Kriegsnot der Schwedenzeit hat den havelländischen Weinbau nicht vernichten können. Er überstand sogar den harten Winter 1740, ging aber doch immer mehr zurück.
Über hundert Jahre lang pflegte die Weingärtnerfamilie Brösicke hier ihre Reben. 1789 war ein gutes Weinjahr, da erntete sie allein über 3500 Liter Wein.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts gab es noch acht Weingärten in Rathenow. 1804 hatte Brandenburg 35 Weinschenker und 62 Weinmeister aufzuweisen, Rathenow nur je drei. Der Weinschank gehörte zuerst dem Magistrat. Durch einen langwierigen Prozeß erreichte die Kaufmannsinnung, daß ihren Mitgliedern der Weinschank freigegeben wurde. Sie mußten aber von jedem Eimer Wein, den sie importierten, eine feste Abgabe zahlen. 1816 machte der adlige Jagdpächter unseren Weinbergsbesitzern das Leben sauer. Den Arbeitern pfiffen auf dem Weinberg die Kugeln um die Ohren. Ihre Rebenkulturen wurden durch Jäger und Hunde ruiniert. 1827 und 1834 war die Weinernte bei uns gut. Vor hundert Jahren hatte auch das Rittergut Curland bei Rathenow noch Weinanlagen.
1859 erbaute sich der Gärtner A. Brösicke eine neue Weinpresse. Sie stand bis 1923 in der Nähe der heute auch schon längst verfallenen Zigeunergräber auf dem jetzigen evangelischen Friedhof. Carl Brösicke war wohl unser letzter Weingärtner. 1873 bot er seinen vier Morgen großen Weinberg vor dem Brandenburger Tor mit gut tragendem Wein und Obstbäumen zum Verkauf an. Damit hörte der Weinbau bei uns auf. Doch es gibt heute noch hier und da in unserer Stadt kleine Spaliere, wo der Rathenower Wein liebevoll gepflegt wird. Diese Trauben werden aber alle gegessen und nicht mehr gekeltert.

Dieser Artikel wurde aus dem Rathenower Heimatkalender von 1957 entnommen.

Redaktionell bearbeitet am 15.11.07 von Robby Schmalz

 


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