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Die Inflationszeit in Deutschland und das Rathenower Notgeld vor 30 Jahren

Ing. Gerhard Seiffert

Unsere älteren Bürger werden sich der Geldentwertung vor 50 Jahren, die gleichzeitig Not und Elend mit sich brachte, gut erinnern. Für unsere heutige Generation klingt es märchenhaft, daß in und nach dem 1. Weltkrieg wegen Geldknappheit fast alle größeren Städte gezwungen waren, große Mengen Notgeld ohne Golddeckung zu drucken.

Aus alten Unterlagen ist zu ersehen, daßNotgeld man in Deutschland um die Jahrhundertwende für 7,964 g Gold 20,00 Mark in Münzen oder Noten erhielt. Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 wurde dieses Verhältnis gestört, denn die Kriegsfinanzierung sowie die Produktion für den Krieg beherrschten den Markt. Das erste Notgeld wurde in Rathenow im Frühjahr 1917 gedruckt. Die damalige Westhavelländische Vereinsbank (heutige Genossenschaftsbank für Handwerk und Gewerbe in der Berliner Straße) gab der Babenzienschen Hofdruckerei den Auftrag, Gutscheine über l, 2, 5, 10 und 50 Pfennig zu drucken. Als die ersten Geldscheine im Verkehr waren, erhob der Magistrat von Rathenow Einspruch wegen des im Druck benutzten Stadtwappens. Nach einer Änderung wurde neues Notgeld diesmal in Magdeburg gedruckt. Im Mai des gleichen Jahres kamen vier neue Werte zu 5, 10, 25 und 50 Pfennig zur Ausgabe. Im November erschienen zwei neue Notgeldscheine in Werten von 5,00 und 10,00 Mark.
Ein großer Teil dieser ersten Buntgedruckten Notgeldscheine war bald vergriffen, Sammler hatten sich ihrer bemächtigt. Danach erschienen die Husaren-und die optische Serie in 50, 75, 80 und 90 Pfennigwerten.

Die bunt bebilderten Darstellungen des Notgeldes trugen schelmenhafte Verse. Sie sollten die Verbrechen der Kriegstreiber in der Vergangenheit überdecken.

Damit begann die Inflation (lat. = Aufblähung). Sie war zunächst eine Folge der Ausgaben für den Krieg. Nur zu einem Teil wurden sie durch Steuern gedeckt. Nach Beendigung des ersten Weltkrieges 1918 wurde im Versailler Vertrag festgelegt, daß Deutschland für die Kriegsschäden aufkommen müsse.

Besonders Frankreich war an hohen Reparationskosten interessierNotgeldt, um Deutschland zu schwächen und die Vorherrschaft zu erlangen. Im Januar 1921 wurde die Summe auf 226 Milliarden Mark festgelegt. Durch diese Reparationszahlungen wurde der Sturz des Wertes der Mark beschleunigt. Ohne Gegenwert gingen damit Reichsmarkbeträge ins Ausland. Der Reallohn sank, weil die Löhne ständig hinter den Preissteigerungen zurückblieben. Am Ende des Jahres 1921 nahm das Tempo der Entwertung zu, und die Inflation erreichte ihren ersten Höhepunkt. Auf ihn folgte nach einem gewissen Stillstand von August 1922 bis Januar 1923 der nächste. Im August 1922 wurden bereits 800,00 Mark für einen Dollar gerechnet. Ein Zentner Kartoffeln kostete etwa 300 und ein Liter Milch etwa 40 Mark. Im November war der Wert der Papiermark auf ein Tausendstel der Goldmark gesunken.

In vielen Betrieben wurde bereits gestreikt, weil die Arbeiter mit ihren Löhnen nicht mehr das Notwendigste kaufen konnten. Die Lebenslage der Werktätigen verschlechterte sich täglich, zuletzt stündlich.

Im Dezember 1922 kostete ein Brot etwa 300 Mark, eine Woche später musste man schon 500 Mark bezahlen.

Für ein 20-Mark-Goldstück musste man am 15. Januar 1923 35 000 Mark geben, am 22. Januar stand der Kurs auf 70 000 Mark und am 19. Februar auf
80 000 Mark.

Ein Pfund Wurst kostete jetzt bereits 100 000 Mark, ein Glas Bier 5 000 Mark.

Die Löhne stiegen zwar auch, aber sie trabten in einem ansehnlichen Abstand hinter den Preisen her. Ehe der ausgezahlte Lohn umgesetzt werden konnte, war er nur noch die Hälfte wert. Ein irrsinniger Wettlauf begann. Selbst bei täglichen Lohnzahlungen standen die Ehefrauen am Werktor, um mit dem erhaltenen Geld noch etwas kaufen zu können.

Immer wieder mußte neues Notgeld gedruckt werden. Zwei neue Werte Rathenower Notgeld erschienen im Oktober 1922 in 500 und 1 000 Mark. Im August 1923 sollte eine auswärtige Druckerei für die Stadt Rathenow zwei neue Scheine herstellen, jetzt aber über 500 000 und l 000 000 Mark. Diese Druckerei war aber so überlaufen, daß die ehemalige Rathenower Zeitungsdruckerei (Berliner Straße, heutige Milchbar) einspringen mußte.

Die laufende Verteuerung, der Wucher sowie der Papiermangel führten immer wieder zu Streiks und ähnlichen Aktionen.

Anfang September erschien einseitig gedrucktes Notgeld von 5 und 10 Millionen Mark. In Magdeburg kam schließlich im Oktober 1923 für die Stadt Rathenow noch ein 50-Millionen-Mark-Schein zum Druck.

Mit noch größeren Werten, die in die Milliarden gingen, gab sich die Stadt Rathenow nicht mehr ab.

Ein Liter Vollmilch kostete inzwischen 4 600 000 Mark.

Bis zum November war der Wert des deutschen Geldes in einem Ausmaß gesunken, wie es in der Währungsgeschichte aller Länder bisher noch niemals beobachtet worden war.

Alle Werktätigen Deutschlands waren zu tausendfachen Millionären geworden! In Wirklichkeit waren sie durch die imperialistische Kriegsdemagogie und deren Folgen (Inflation) ein in Not und Elend gestürztes Volk.

Die Bevölkerung drängte danach, endlich wertbeständiges Geld zu erhalten. Nach dem Stande der damaligen Vorbereitungen konnte die Rentenmark aber nicht vor Mitte November ausgegeben werden. Diese Nachkriegskrise führte in den nächsten Jahren zu starken sozialen Spannungen. Erst durch die totale Niederlage des Faschismus nach dem 2. Weltkrieg wurden sie in einem Teil Deutschlands durch die Arbeiterklasse gelöst, in der Deutschen Demokratischen Republik.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1973, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz

 


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