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Der nächtliche Spuk an der St.-Marien-Andreas-Kirche

von Arthur Zietemann

Kürzlich brachte mir die Christel von der Post einen Brief meines lieben, alten Freundes Walter vom Kirchplatz.

Freund Wolter versteht es meisterhaft, Jungvögel derart an sich zu gewöhnen, dass sie, obwohl sie ihre volle Freiheit genießen, doch immer wieder in die Wohnung ihres Pflegers zurückkehren. Viele Bewohner dieses Stadtbezirkes werden sich noch der stets munteren Dohlen, der Jackies, erinnern, die Freund Wolter aufzog. Wie er mir nun schrieb, sollte ich mich zur abendlichen Stunde bei ihm einfinden, um mir den Spuk anzusehen, der zur nächtlichen Stunde sein Unwesen an der alten, ehrwürdigen St.-Marien-Andreas-Kirche treibt. Ich stellte mich auch frühzeitig bei ihm ein. Jedoch die Zeit war noch zu früh. Wir hatten somit noch genügend Zeit, das muntere Leben und Treiben unserer gefiederten Freunde am alten Kirchturm beobachten zu können. Äußerst zahlreich sind hier unsere immer munteren Dohlen vertreten, die Vögel mit denAlte St. Marien Kirche „silbernen Augen“, denn in der Jugend ist die Iris hellblau, um sich im Alter silberweiß zu verfärben. Das Geschrei und Gezeter dieser so klugen Tiere nimmt kein Ende. Um wie viel lauter wird dieses erst sein, wenn im Frühjahr der Kampf um die Nistplätze beginnt, ist doch die kleine Dohle der einzige Höhlenbrüter unter den Rabenvögeln. Immer wieder umkreisen die Dohlen mit lautem Geschrei den alten Kirchturm. In einem Granateinschussloch bemerken wir, nur undeutlich erkennbar, einen Vogel, der, nachdem er etwas mehr zum Vorschein kommt, als ein junger, noch nicht ausgefärbter Turmfalke festgestellt wird. Der Turmfalke steht unter Naturschutz, da seine Nahrung vorwiegend aus Feld- und Wühlmäusen und größeren Insekten besteht. Inzwischen ist, wie Hermann Löns sie treffend nennt, die „Ulenflucht“ angebrochen, die Zeit zwischen Dämmerung und Nacht. Schon etwas vorher hatten wir im Dachgiebel eines Nachbarhauses auf dem Boden unseren neuen Beobachtungsstand bezogen. Von hier aus haben wir einen guten Blick auf den östlichen Kirchengiebel. Zwei größere Löcher Im Giebel müssen beobachtet werden, denn immer an dieser Stelle soll sich der Spuk zuerst zeigen. Unsere Ferngläser werden scharf auf beide Löcher eingestellt, die anscheinend tief in das alte Gemäuer hineinreichen. Ich frage mich, was soll hier nur für ein Spuk oder Geist erscheinen, in unserer aufgeklärten Zeit der Atome und Mondraketen, wo der Mensch schon nach den Sternen greifen will.

Inzwischen ist der Vollmond hochgekommen und bescheint von links mit seinem fahlen Licht den Kirchengiebel mit den beiden Öffnungen. Das Innere der beiden Öffnungen wird jedoch nicht vom Mondlicht erleuchtet und bleibt daher in Dunkelheit gehüllt. Weiter wird beobachtet, doch nichts ist zu sehen, nur hinter uns auf dem Boden hören wir die Mäuse piepen und rascheln. Doch jetzt! Hat es nicht den Anschein, als bewegte sich etwas im Innern des einen Loches? Wahrhaftig, der Spuk beginnt, der Geist erscheint! In der Öffnung bemerken wir etwas Weißes, es kommt weiter nach vorn, und es erscheint jetzt, deutlich im Nachtglas erkennbar, ein schmales, unheimliches Gesicht. Dieses Gesicht füllt die Öffnung aus und hat große Ähnlichkeit mit dem Greisengesicht eines Seemannes von der Waterkant mit seiner silberweißen Bartkrause. Dunkle Punkte deuten die Augenöffnungen an. Wiegend hält dieser unheimlich anmutende Kopf nach beiden Seiten Ausschau und gibt dabei schauerliche, schnarchende Töne von sich. Das Gesicht scheint die volle Öffnung auszufüllen. Wir blicken nun zu dem größeren Loch nach rechts, auch dort schauen jetzt ebenfalls zwei wiegende, nach rechts und links blickende, angsterregende Greisengesichter heraus. Uns beiden auf dem dunklen Boden könnte unheimlich und tatsächlich gruselig werden, hätten wir nicht schon längst, wie gSt. Marien Kircheewiss auch Sie, lieber Leser, den nächtlichen Spuk an der alten St.-Marien-Andreas-Kirche erkannt. Es ist eine Schleiereulenfamilie, die im Ostgiebel der Kirche ihr Asyl hat und zu nächtlicher Stunde von hier aus auf Beute ausfliegt. Noch längere Zeit haben wir diese äußerst nützlichen, in der Nachtzeit ganz besonders munteren, aber trotzdem unheimlich wirkenden Vögel beobachten können. Da ihre Nahrung überwiegend aus Mäusen besteht, stehen die Schleiereulen ebenfalls, wie alle anderen Eulen und Käuze, unter Naturschutz. Für diejenigen werten Leser aber, die sich gern einmal bei Tage eine Schleiereule genau ansehen möchten, rate ich, die Station der Jungen Naturforscher am Ferchesarer Weg, hinter dem Bahnübergang, links, aufzusuchen. Der Stationsleiter, Freund N e a d e r, wird Ihnen gern die dortige Schleiereule zeigen. Wenn Sie der Eule dann noch eine oder mehrere frisch gefangene Mäuse mitbringen, wenden Sie, werter Leser, äußerst ergötzt sein über die mannigfaltigen Bewegungen und Verrenkungen, zu denen diese Eule imstande ist. Sie werden sehen, wie sie ein Auge zukneift, den Kopf hin und her wiegt, ihn schüttelt und dabei fauchende und schnarchende Laute, untermischt mit Schnabelklappen, von sich gibt.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1961 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz

 


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