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Nach Schätzungen haben etwa 14 Millionen Deutsche* ihre Heimat in den ehemaligen Ostgebieten verlassen müssen. Rund zwei Millionen Menschen starben auf der Flucht durch Gewalt- und Kriegshandlungen, sie erfroren, verhungerten oder starben an Erschöpfung und Krankheit. Allein zwei Millionen Ostpreußen mussten ihre Heimat verlassen. Die ehemalige Provinz Brandenburg hat in den ersten Monaten nach dem Ende des Krieges etwa eine Million Flüchtlinge aufgenommen. 50.000 Flüchtlinge waren es im damaligen Kreis Westhavelland. Nach Erinnerungen von Einwohnern der Gemeinde Böhne lebten 1946/47 etwa 600 Menschen im Ort. Das ist ein Bevölkerungszuwachs um etwa 100%.

Flucht aus dem ostpreußischen Sommerau* in das brandenburgische Böhne

von Hans-Jürgen Wodtke www.ibewodtke.de

 Meine Vorfahren lebten wohl schon ewig in Ostpreußen. Belegen lassen sich aber nur noch die Daten meiner Urgroßeltern. Diese wurden Anfang des 19. Jahrhunderts in Sommerau geboren. Soweit mir bekannt, waren alle meine Vorfahren Bauern und besaßen eine mittlere Wirtschaft etwa 2 km entfernt vom etwa 800 Seelendorf Sommerau*.
Ansicht des Bauernhofes Machholz in Sommerau Ortslage von Sommerau

 Bauerhof der Familie Macholz in Sommerau

 Ortslage Sommerau

Aus den mir überlieferten Informationen weiß ich, dass meine Familie im polnisch-litauischen Ursprung zu suchen ist. Diese Wurzeln haben für meine Familie immer eine Rolle gespielt und somit für eine Achtung gegenüber den Menschen slawischer Herkunft gesorgt.

Am 13. Januar 1945 trat die Rote Armee in breiter Front und gewaltiger Übermacht gegen das damals noch weitestgehend unbesetzte

Rote Armee im Vormarsch

Russische Panzer auf dem Vormarsch

Ostpreußen an. In nur wenigen Wochen erreichten die Spitzen der Roten Armee bereits die Oder und teilten damit das östliche, hinter der Oder gelegene, Deutschland in zwei Teile. Den nördlichen Teil bildeten die ehemaligen deutschen Gebiete Pommern und Ostpreußen. Als die Panzerspitzen am 21. Januar 1945 das etwa 10 km entfernte Deutsch-Eylau erreichten, kam der Befehl zur Räumung von Sommerau.
Bei Mittagstemperaturen von minus 21°C mussten sich meine Vorfahren ebenfalls auf den Treck begeben. Die „Besatzung“ des mit vier Pferden bespannten Pferdewagens bestand aus meiner Großmutter (48), meiner Tante (22), meiner Mutter (20), zwei aus Danzig evakuierten Mädchen (10 und 11) und zwei alten und gebrechlichen Familienangehörigen.
Meine Mutter erzählte mir oft von diesem, für sie einschneidenden Erlebnis, wie sie und ihre Familie bei kaltem, klarem Winterwetter ihre geliebte Heimat verlassen mussten. In der Ferne war deutlich die Abwehrschlacht um Deutsch-Eylau zu hören und versetzte alle Treckmitglieder in Sorge um das eigene Leben. Das schnelle Vordringen der Roten Armee ließ für die Flucht nur den Weg Richtung Norden offen. In welcher Hast und mit welcher Angst bei mörderischen Nachttemperaturen von bis unter minus 30°C die Frauen, die ersten etwa 30 km zurückgelegt haben müssen, lässt sich heute nur erahnen. Belegt ist, dass gerade auf dieser ersten Wegstrecke ihnen die Rote Armee sehr nahe gekommen sein muss. Gelungen ist es ihnen in Marienburg über die Nogatbrücke und in Dirschau über die Weichselbrücke, vor deren Sprengung, an das jeweils andere, rettende Ufer zu kommen.

Nogatbrücke bei Marienburg Weichselbrücke bei Dirschau

Nogatbrücke bei Marienburg

Weichelsbrücke bei Dirschau

Vermutlich zwischen der Nogat und der Weichsel wurde bei einem der vielen erzwungenen Halts der Wagen der Nachbarn bei der anschließenden Weiterfahrt des Trecks vom Wagen meiner Familie getrennt. Auf dem Wagen der Nachbarn befand sich zu diesem Zeitpunkt das eine der Danziger Flüchtlingsmädchen. Meine Familie hat dieses Mädchen nie wieder gesehen. Recherchen nach Kriegsende haben ergeben, dass der Wagen der Nachbarn offensichtlich nicht mehr über die Weichselbrücke fahren konnte und bei der weiteren Flucht über das zugefrorene Frische Haff verschollen ist.

Teckszenen
zermalter und zerschossener Treck

 Teckszenen

Die vorrückende und nach Norden zur Ostsee strebende Rote Armee zwang meine Familie immer weiter nördlich auszuweichen, um schließlich bei Stettin über die Autobahnbrücken die Oder und deren Nebenarme überqueren zu können.
Meine Mutter hat mir oft von den übermenschlichen Strapazen berichtet, die ihnen Eis, Schnee und gefrierender Regen bereiteten. Das wichtigste Augenmerk galt dabei immer den Pferden, dem Wagen und dem Pferdegeschirr. Oft haben sich die Frauen in der Nacht auf ihr Pferdegeschirr in irgendwelchen zugigen Scheunen oder Stätten zum Schlafen gelegt. Neben dem Wetter waren der Hunger und die Angst doch noch den Soldaten der Roten Armee in die Hände zu fallen ihre Hauptsorgen.
Für die Trecks gab es bestimmte Vorgaben, wohin diese führen sollten. Der Treck meiner Familie hatte Waren an der Müritz als Ziel. Wann sie ihr Ziel erreichten, lässt sich heute nicht mehr genau belegen. Belegbar ist aber, dass Anfang März die Oderbrücken bei Stettin gesprengt wurden. Als der Treck in Waren/Müritz aufgelöst wurde, zog nur noch ein Pferd den Wagen. Die anderen drei Pferde hatten die ungeheuren Anstrengungen nicht überstanden.

Anders als andere Verwandte von mir, die noch heute an der Müritz leben, setzte meine Familie ihren Weg mit der Bahn Richtung Süden nach Rathenow fort. Rathenow war schon zu Beginn des Trecks als Ziel von meiner Familie ausgewählt worden, um im, in der Nähe gelegenen Böhner Ortsteil, Möthlowshof vorübergehend ein neues Zuhause zu finden. Ausschlaggebend für die Wahl dieses neuen Wohnortes war, dass dort die damals einzigen Verwandten außerhalb Ostpreußens lebten - die Familie meines Cousins mütterlicherseits.

Treckverlauf der Familie Machholz / Wodtke von Ostpreußen nach Böhne

etwaiger Treckverlauf (blaue Linie)

Nach ca. 8 Wochen in Eis und Schnee, in Schlamm und Dreck, in Elend und Not bekamen meine Familie und alle die mit ihnen unterwegs waren bei Oma und Opa Worm wieder so etwas wie ein zu Hause. Meine Mutter erzählte oft, wie die Frauen es nach so langer Zeit genossen, sich wieder einmal mit warmem Wasser richtig zu waschen.
Meine Mutter beging am 04.04.45 ihren 21. Geburtstag. Mit 21 Jahren war sie bereits länger als ein Jahr Kriegswitwe, ihr Bruder wurde in Russland vermisst, ihr Vater kämpfte zu diesem Zeitpunkt in dem immer kleiner werdenden Kessel von Pillau und ihre Heimat war wohl für immer verloren. Genau einen Monat später, am 04. Mai 1945 in den späten Abendstunden besetzten die ersten russischen Soldaten Möthlowshof sowie den Wilhelminenhof. Was sich damals in den Köpfen der Menschen abgespielt haben muss, kann man heute nur erahnen. Etwa 800 km unter den unmenschlichen Bedingungen geflohen, ständig die Angst im Nacken und jetzt überrollt vom russischen Heer und dessen schlimmen Ruf.

Bilder aus "glücklichen" Tagen in Sommerau

Waldtraud Wodtke ( geb. Kingerske) und Edith Schwarzlose ( geb. Kingerske) Erich Wodtke, Ernst Machholz und Hans Kingerske Waldtraud Wodtke ( geb. Kingerske) Hans Kingerske und Edith Schwarzlose ( geb. Kingerske)

Die Schwestern Waldtraut und Edith (v.l.)

Schwiegersohn,Vater und Sohn -
nur einer kam wieder (v.l.)

Die Geschwister Waldtraut,
Hans und Edith (v.l.)

Wie es dennoch gelungen ist, Schlimmeres zu verhindern, ist mir nur ansatzweise bekannt. Großen Anteil daran hatten wohl Oma und Opa Worm und die Kinder anderer Flüchtlingsfamilien, die ein gut funktionierendes System zum Schutz der Frauen und des Hab und Gutes entwickelt hatten.
Wann meine Familie vom Möthlowshof zum Wilhelminenhof gezogen ist, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen. Belegt ist, dass sie aber bereits am 06. Juni 1946 als mein Großvater aus russischer Gefangenschaft heimkehrte auf dem Wilhelminenhof lebten. Zu diesem Zeitpunkt lebten auf dem Wilhelminenhof zwischen 70 und 80 Personen (heute 16 Personen). Es handelte sich dabei ausschließlich um Flüchtlinge, überwiegend Frauen und Kinder. Meine Mutter und meine Tante hatten zu dieser Zeit guten Kontakt zu einem deutschsprachigen russischen Offizier. Dieser hat über alle Frauen des Wilhelminenhofes schützend die Hand gehalten, so dass niemandem "größeres" passiert ist oder das spärliche Hab und Gut geraubt wurde.

 Anmerkung:
* Nach der Kapitulation Polens 1939 wurden in das südöstliche Polen, das so genannte "Generalgouvernement" eine halbe Million Polen aus dem ehemaligen Korridor, Westpreußen und Posen deportiert, 2 Millionen polnische Zwangsarbeiter in das deutsche Reich verschleppt. Acht Millionen Polen, Ukrainer, Weißrussen und Balten mussten in der Folgezeit fliehen oder wurden von der Wehrmacht vertrieben. Insgesamt 5,5 Millionen Osteuropäer versklavten die Nazis als Zwangsarbeiter im Deutschen Reich. Als die Rote Armee drei Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in Berlin die deutsche Kapitulation entgegennahm, waren 14 Millionen russische Soldaten im Kampf gegen das Deutsche Reich gefallen und 7 Millionen russische Zivilisten im deutschen Vernichtungskrieg umgekommen. Quelle: http://www.example.com/

Poststempel Sommerau / Westp.* Sommerau wurde 1312 gegründet. Zum Ende des I. Weltkrieges gehörte der Ort zur Provinz Westpreußen. Im Ergebnis des Versailler Vertrages am 21. Juli 1922 wurden neue Verwaltungsbezirke geschaffen. Damit kam Sommerau zum Regierungsbezirk Westpreußen, der der Provinz Ostpreußen angeschlossen wurde. Am 26. Oktober 1939 wurde Sommerau Teil des neugebildeten Reichsgaus Westpreußen, später Danzig-Westpreußen. Der Regierungsbezirk führte dann wieder die frühere Bezeichnung Marienwerder.

Stand: 18.05.2007


Fotos: Archiv Wodtke,
Repros: Archiv Wodtke


  Kommentare

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Kommentar:2
von:Raphaela Rohm
am:16.03.2010
um:20:56:19
Kommentar:Hallo Herr Wodtke,
wie Ihre Vorfahren, so hat auch meine Großmutter Ottilie Rohm und mein Großvater in Ostpreussen in Sommerau gelebt. Im Krieg sind dann die 7 Kinder zu Fuß von dort geflohen. Die älteste war 16 Jahre alt, die jüngsten waren gerade mal 4 Jahre alt. Meine Großmutter war ihrer Ländereien enteignet worden und in ein Arbeitslager verschleppt. Die Deportation vom Arbeitslager ins Endlager hat sie wegen des schlechten gesundheitlichen Zustandes nur durch ein Wunder überlebt. Ottilie bracht unterwegs entkräftet zusammen. Der verantwortliche Soldat trat in die Frau ein und ließ sie mit dem Kommentar: für die ist eine Kugel zu Schade" einfach in Dreck und Kälte im Graben liegen. Was dann der Frau das Leben gerettet hat. Oma rappelte sich Nachts völlig verfroren dann wieder auf und kroch mehr als sie lief ihren eigenen Fluchtweg. Mein Opa fehlt mir in der Erinnerung völlig und von meinen Tanten sowie meinem Vater habe ich nicht mehr viele Informationen bekommen. Nach meiner Kenntnis hatte Opa dieses Gut, war Förster und irgendwie weg... Die Ländereien wurden enteignet und es gab noch viele Geschichten über die Zeit im Arbeitslager und auf der Flucht. Wie finde ich heraus, wo meine Wurzeln sind und wer möglicherweise noch etwas davon weiß?

Liebe Grüße
Raphaela Rohm

nicht nur wissbegieriges Kind mit 45 Jahren, sondern auch eine Mutter, die ihren Kindern ein Stück Geschichte weiter geben möchte.

Kommentar:1
von:Margot Wille
am:22.03.2006
um:18:19:18
Kommentar:Hallo Herr Wodtke
Habe mit großem Interesse Ihren Bericht über die Flucht ihrer Familie aus Ostpreußen geschildert. Auch die Famielie meines Vater ist aus Ostpreußen, dem Kreis Preuß. Eylau geflüchtet und hat ganz ähnliches erlebt.Leider ist mein Opa auf der Flucht gestorben und meine Tante kam in russ. Gefangenschaft. Meine Oma gelangte bis Dänemark. Ich habe einiges darüber gehört und ich finde gut, daß man auch dies nicht vergißt.Ich habe mitlerweile schon zweimal das Dorf in der russischen Enklave Kaliningrad besucht und kann jetzt vieles besser verstehen. Die Strecke die mit Pferd und Wagen bewältigt wurde ist unvorstellbar bei 20 Grad Minus.
Sie merken, es ist mir alles nah und ich komme ins erzählen.
Also vielen Dank . Geschichte ist spannend.
Herzl. Gruß
Margot Wille Mögelin

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