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Die Flucht aus Ostpreußen über Böhne nach Oldenburg

von  Klaus- Peter Lange

Mein Elternhaus stand in Rosenberg (Westpr.), ( Prabuty) Provinz Ostpreußen, in der Linken Mauerstraße 17. Mein Vater war Mitinhaber der Tischlerei Rudolf Lange & Söhne, die von meinem Großvater gegründet wurde. Die Gebäude stehen auch heute noch.
Wohnhaus Familie Lange in Prabuty Werkstatt der Famile Lange in Prabuty

Rosenberg, Wohnhaus Lange (1989)

Rosenberg, Werkstatt Lange (1989)

Mit dem Angriff auf Polen am 01.09.1939 hatte der 2. Weltkrieg begonnen. Als ich am 05. November 1939 in Rosenberg geboren wurde, war bereits Krieg. Mein Vater war bei meiner Geburt schon als Soldat eingezogen worden. Er war, wie meine Mutter, damals 35 Jahre alt. Meine Brüder waren 10, 8 und 6 und meine Schwester 4 Jahre alt. Meine ersten Lebensjahre, glaube ich, waren eigentlich problemlos. Mein Vater hatte, wie jeder Soldat, nur ab und zu Fronturlaub und ich war dann nicht begeistert, dass solch ein "fremder Mann" bei meiner Mutter war. Ich wiederum soll die schlechte Angewohnheit gehabt haben mich durch ruckeln an der Stirnwand mit meinem Bett in Bewegung gesetzt zu haben. Dies gefiel meinem

Familie Lange 1942

Familie Lange 1942 (in der Mitte K.-Peter)

Vater wiederum gar nicht. Es gab dann Ärger, aber trotzdem wurde ich langsam älter. Anfang 1945 kam die Front immer näher. Eine Flucht war noch verboten. Vorsichtshalber hatte meine Mutter aber eine große Holzkiste mit den notwendigsten Haushaltsgegenständen und liebgewordenen Erinnerungsstücken nach Möthlowshof bei Rathenow geschickt. Noch glaubte sie wohl, eine Rückkehr würde irgendwann möglich sein. In Möthlowshof wohnte die Familie eines Bruders meiner Mutter.

Dann kam der 20.Januar, der Geburtstag meines Vaters, und der Tag an dem wir unsere Heimat verlassen mussten. Mit dem letzten Personenzug fuhren wir aus Rosenberg in Richtung Westen, nach Rathenow. Sicherlich wurden wir mit dem überfüllten Zug auch deshalb mitgenommen, weil man eine Mutter mit 5 Kindern nicht auf dem Bahnsteig stehen lassen konnte. Ich war inzwischen 5 Jahre alt. Mein ältester Bruder war 15 Jahre und in der Hitlerjungend. Er wollte eigentlich an die Front und das Vaterland retten und nicht den „Führer“ verraten. Mein Großvater, mit dem wir im gleichen Haus wohnten, hatte ihm aber unmissverständlich klar gemacht, dass er zuerst für seine Mutter und seine Geschwister zu sorgen
Auf der Flucht

Kinder, Frauen, Alte- alle auf der Flucht

hatte.
Wie wir genau nach Möthlowshof gekommen sind und wie lange die Fahrt gedauert hat, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich kann mich jedoch erinnern, dass es für mich während der Reise unerklärlich war, dass neben den Gleisen Lokomotiven und ganze Züge lagen. Wie waren die dort nur hingekommen? Spannend fand ich es, wenn wir warmes Wasser von der Lokomotive vorne holen mussten und ich mitgehen durfte. Im Übrigen war es sehr eng und stickig in den überfüllten Personenwagen. In Berlin fuhren wir mit der S-Bahn. Ich stand an der Tür und schaute hinaus. Auf einer Brücke hielt die Bahn und die Türen öffneten sich automatisch. Ich stieg aus und erkannte aber offenbar, dass man dort nicht aussteigen sollte. Also trat ich wieder zurück in die Bahn. Unmittelbar danach gingen die Türen wieder zu und die S-Bahn fuhr weiter. Hier wäre ich fast eins der vielen Suchkinder geworden, denn den Vorgang hatte meine Mutter nicht bemerkt. Bei den Verwandten in Möthlowshof angekommen war das Zusammenleben nicht ganz problemlos. Immerhin mussten zusätzlich 6 Personen in die Wohngemeinschaft aufgenommen werden und alle mussten ziemlich zusammenrücken.

Auch hier rückte die Front näher. Rathenow wurde bombardiert. Es fielen "Christbäume"; Brand- und Phosphorbomben. Dies konnten wir beobachten. Dann überrollte uns die Front, erst kamen die
Rathenow April 1945 Blick von der Jedritzer Straße Richtung Lönsstraße

April/Mai 1945 - Rathenow brennt

deutschen Soldaten und anschließend die Russen. Während dieser Tage waren wir im wahrsten Sinne des Wortes "zwischen den Fronten". Es wurde über uns hinweggeschossen. Nur eine Granate schlug neben dem Bauernhaus ein und es gab vor dem Haus den ersten Kriegstoten ganz in unserer Nähe. Neben der Einschlagstelle lag unser Kinderzimmer, in dem mein Cousin und ich schliefen. Es wurde zwar ein Schrank vor die Zimmertür geschleudert und einige Granatsplitte sollen im Zimmer gewesen sein, wir aber verschliefen dieses Ereignis und wie durch ein Wunder blieben wir beide völlig unverletzt.
Bevor die Russen kamen, wurden noch alle mit der Kiste vorausgeschickten Habseligkeiten versteckt. Tipps für sichere Verstecke bekam unsere Mutter von unseren Verwandten. Nachdem die Lage wieder einigermaßen sicher geworden war und man sich wieder auf die Straße trauen konnte, wollte sie die Dinge wieder einsammeln, aber alle Verstecke waren leer. Nun besaßen wir zwar kaum noch etwas, aber wir hatten zumindest unbeschadet überlebt. In den nächsten Tagen war die schlimme "Frau komm"-Zeit. Mir war deshalb eingebläut worden, zum Schutz zu schreien, wenn tagsüber ein Russe nur in die Nähe meiner Mutter kam. Nachts wurden die Frauen und Kinder an verschieden Orten versteckt. Im Bauernhaus war eine Milchkammer ohne Fenster und der Zugang wurde von den Russen nicht gefunden. Dies war einige Zeit das Versteck. Als es die Russen nicht mehr glauben wollten, dass nachts keine Frauen zu finden waren, wechselten wir in ein Nachbarhaus und schliefen dort in einem leeren Champignonzuchtkeller. All diese Vorsichtsmaßnahmen hatten Erfolg. Zu einer Vergewaltigung unserer Mutter und meiner Schwester ist es gottlob nicht gekommen.
Meinen größten Schreck habe ich auf Möthlowshof erlebt, als ich beim Spielen mit dem Hinterteil in den Trichter eines Exhaustors, eines Fördergeräts für Heu, gerutscht bin und höllische Angst hatte, dass das Gerät anlaufen könnte. Ich wurde dann aber unbeschadet aus meiner misslichen Lage befreit. Wegen der räumlichen Enge und der Dinge, die halbwüchsige Kinder nun mal unternehmen, kam es zu Spannungen mit unseren Verwandten und wir mussten in eine kleine Wohnung in den Nachbarort Böhne umziehen. In der Nähe dieser Wohnung waren die Russen untergebracht. Obwohl die Soldaten auch kaum etwas hatten, habe ich mir dort etwas Brot, und etwas Süßes, ich glaube es war nur loser Zucker, erbettelt. Die Zeit ging dahin und für mich war sie ziemlich normal.

Meine Mutter hatte erfahren, dass sich mein Vater nach Schleswig-Holstein durchgeschlagen hatte und sich von dort nach Schierbrok bei Oldenburg (Oldb) aus der Wehrmacht hatte entlassen lassen. Dies war
Passierschein zur Aussreise aus der russischen in die englische Zone in deutsch
Passierschein zur Aussreise aus der russischen in die englische Zone in russisch

Passierschein für Familie Lange von Böhne (russ. Zone) nach Oldenburg (engl. Zone)  in deutsch und russisch, unterschrieben vom Böhner Bürgermeister Otto Petroll

möglich, weil sein Vater und seine Schwester nach der Flucht Aufnahme in Schierbrok gefunden hatten. Meine Mutter wollte natürlich wieder zu ihrem Mann. Es gab noch Reisemöglichkeiten von West nach Ost und zurück. Eine Schwester meiner Mutter reiste deshalb zu uns, um uns auf unserer Reise nach Schierbrok zu unterstützen. Brandenburg wurde von den Russen verwaltet und aus dem russischen Bereich durfte man nur ausreisen, wenn man einen Passierschein besaß. Ein zulässiger Reisegrund war die Familienzusammenführung. Deshalb hat meine Mutter einen solchen Schein erhalten und so konnten wir gen Westen ausreisen. Die Fahrt ging sehr stockend voran, teilweise in offenen Güterwagen. Zwischendurch mussten alle wieder aus dem Zug heraus und es ging es ging zu Fuß zurück. Mit was auch immer wurden die russischen Posten bestochen. Die Zeit des Mordens und Vergewaltigens war zwar vorbei. Dafür wurde Jagd auf Männer im wehrpflichtigen Alter gemacht, die erst einmal als verdächtig galten. Mein  ältester Bruder wurde daher als Mädchen verkleidet damit er nicht, diesmal von den Russen, verhaftet wurde. Dann ging es zu Fuß über die grüne Grenze, und eines Tages kamen wir tatsächlich in Schierbrok an. Mein Vater kümmerte sich intensiv um eine Wohnung in Oldenburg. Im Dezember des Jahres 1945 wurden wir dann in eine Wohnung in der Ziegelhofstraße 78 eingewiesen, die aus vier kleinen Räumen von vielleicht 40 qm bestand. Hier konnten wir ein erstes gemeinsames, wenn gleich bescheidenes Weihnachten feiern. Aber auch hier in Oldenburg waren wir nicht sehr willkommen, weil wir 7 Personen waren und den Hauseigentümern Wohnraum nahmen. Die Grauen des Krieges sind an unserer Familie weitgehend vorbei gegangen. Doch der Krieg hat auch Wunden gerissen. Von den drei Brüdern meiner Mutter ist ein Bruder 1944 gefallen, ein weiterer ist verschollen und nur einer hat den Krieg überlebt. Von den Brüdern meines Vaters sind zwei Brüder bereits 1926 und 1928 in die USA ausgewandert. Sie haben uns nach dem Krieg mit Nahrungsmitteln und Kleidung unterstützt. Ein Bruder ist verschollen. Glücklicherweise wurde aber kein weibliches Familienmitglied ermordet oder vergewaltigt. Insoweit hatten wir, im Vergleich zu vielen anderen, ziemlich viel Glück.
Fotos: Klaus-Peter Lange (3)
Repros: Klaus-Peter Lange (2) und Archiv des Havelland-Kiosk (2)

Redaktionell bearbeitete von: Hans- Jürgen Wodtke im Januar 2006


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