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Zur Geschichte der Gastwirtschaft August Gericke

von Guido Gericke 

Der Brauer August Gericke sen. (1827-1917), verheiratet mit der am 08.11.1857 geehelichten Wilhelmine Harzmann (1829-1906), Tochter des Brauers Johann Harzmann aus Seedorf bei Genthin, besaß eine Schankkonzession. Diese erhielt bereits sein Vater Johann Christoph Gericke, letzter Brauer der Gutsbrauerei, vom damaligen Rittergutsbesitzer Anfang des 19. Jahrhunderts für seine treuen Dienste als Brauer geschenkt.
Im Jahre 1866 kaufte er das Grundstück in Jerchel vom Kossathen Wernicke. Dieser lies damals sein gesamtes Gehöft mit Garten parzellieren, heute Märkische Straße Nr. 6 bis Nr. 14 und verkaufte die 6 Parzellen. Drei Jahre später lies August Gericke sen. ein Haus mit einer Schankstube und einem Nebengelass auf dem Grundstück errichten. Das Geschäft entwickelte sich gut und die Räumlichkeiten erschienen nach 20 Jahren zu klein. Durch Fleiß und Entbehrungen nicht nur der Eltern, sondern auch seinerseits, konnte August Gericke jun. (1858-1918, langjähriger Gemeindevertreter) nach seiner Heirat am 06.07.1888 mit Marie Gorgas (1863-1934), der Tochter eines Schmiedemeisters aus Viesen, im Jahre 1890 dieses Wohnhaus mit Schank- und Gaststube mit dem dazu gehörigen Saal errichten. Im gleichen Jahr wurde sein erster Sohn geboren. Eine Scheune kam 1899 hinzu und 1908 wurde am Saal eine Bühne angebaut, um Veranstaltungen in einem besseren Bild erscheinen zu lassen.
Der 1. Weltkrieg brachte in der Familie sehr viel Leid, womit gravierende Veränderungen verbunden waren. Im Jahre 1916 übernahm man die Poststation vom Gastwirt August Kähne, Besitzer des Erbkruges. Noch im gleichen Jahr fällt der jüngste Sohn Paul mit 20 Jahren bei Verdun in Frankreich. Ein Jahr später stirbt der Großvater August Gericke sen. mit 90 Jahren. Als ob dies noch nicht genug schwere Schicksalsschläge in kurzer Zeit waren, stirbt im Februar 1918 August Gericke jun. und im März fällt der älteste Sohn Franz mit 28 Jahren bei Lille in Frankreich.
Jetzt musste von einer Frau, die in drei Jahren soviel Leid und Entbehrungen erfahren hat, eine richtungweisende emotionsfreie Entscheidung getroffen werden. Ihre Entscheidung war, Weiterführung des Gast- und Landwirtschaftsbetriebes für den einzigen Sohn, der noch im Krieg war und der „überleben muss“. Diese Hoffnung ging in Erfüllung und der Sohn Otto sen. der den 1. Weltkrieg mit 27 Jahren überlebt hatte, konnte mit seiner Mutter die 50jährige Tradition weiterführen.
Otto Gericke sen. (1891-1945) heiratete am 10.05.1921 Marie Schulz, die Tochter des Jercheler Schiffer und Landwirt August Schulz. Für die eventuelle Erweiterung der Gastwirtschaft, kaufte er im August 1926 vom Nachbarn, Schmiedemeister Friedrich Danker, die Stellmacherei und vom Bruder dem Schmied Ernst Danker, die Schmiede. Das Wohnhaus kaufte später der andere Nachbar Wilhelm Tramp. Der Kauf des Grundstückes erwies sich Jahre später als gute Kapitalanlage und ermöglichte die Erweiterung der Gastwirtschaft in den Dreißigerjahren voranzutreiben. Denn 1936 wurde ein Reichsarbeitsdienstlager am Ortsausgang in Richtung Nitzahn für Meliorationsarbeiten errichtet (Errichtung des Schöpfwerkes Jerchel 1938). Dies belebte das Geschäft, die Bewirtung von Gästen nahm zu und die Räumlichkeiten wurden zu klein. Im Jahre 1939 war es endlich soweit, die fertige Planung (Baukosten ca. 6000 Reichsmark) umzusetzen. Die Stellmacherei und die Schmiede sollten als Saal, der alte Saal als Schankraum mit zwei Gastzimmern, sowie der alte Schankraum als Küche umgebaut werden. Das Baumaterial war auch schon vorhanden und dem Baubeginn stand eigentlich nichts im Wege.
Aber die Zeitgeschichte mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges am 01.09.1939 lies alle Hoffnungen schwinden, denn es kam ein Baustop und alles blieb beim Alten. Der einzige Sohn, der seine Kellnerlehre im Restaurant „Zum Dortmunder“ in Brandenburg erfolgreich bestanden hatte, wurde im Herbst 1943 nach dem halbjährlichen Dienst im Reichsarbeitsdienst mit 17 Jahren zum Wehrdienst eingezogen. Er versuchte und setzte alles daran diesen wahnwitzigen Krieg erst in Dänemark, dann beim Rückzug in Polen bis Berlin zu überleben. Otto Gericke sen. wird Anfang Mai 1945 in seiner Gastwirtschaft von den Bevollmächtigten der sowjetischen Armee aufgefordert, da er Dorfältester war und im Ort Verantwortung trage, sich von seiner Frau und Tochter zu verabschieden. Er durfte nichts mitnehmen und auch nicht persönliche am Körper tragende Gegenstände übergeben, wie zum Beispiel seine Taschenuhr für den im Krieg befindlichen Sohn und wurde auf einen Militärwagen abtransportiert. Das der Abschied für immer sein würde, war zu diesem Zeitpunkt nicht erkennbar.
Endlich war der Krieg vorbei und die Entscheidung wiederholte sich, wie zu jener Zeit des 1. Weltkrieges. Wie geht es weiter - für Marie Gericke war klar mit der Tochter den Gast- und den Landwirtschaftsbetrieb für den hoffentlich zurückkehrenden Mann und den Sohn weiterzuführen. Diese Entscheidung ist begründet auf der Tatsache, dass ihre Schwiegermutter es Bewiesen hatte, was in einer so hoffnungslos erscheinenden Situation möglich ist und sie stand damals allein vor der Entscheidung. Der Saal wurde von der sowjetischen Besatzungsmacht für die Nutzung als Lazarett beschlagnahmt und man wurde nur geduldet. Das Baumaterial (z.B. 15.000 Steine) aus dem Bauvorhaben, wurde im Auftrag des Bürgermeisters für das errichten eines Behelfshaus eingezogen.
Nach der Befreiung von dem Kriegsterror hätten die Lebensumstände des Sohnes Otto Gericke jun. fast seinen Tod bedeutet. Er kam im November des gleichen Jahres aus englischer Gefangenschaft und wurde nach eigenen Angaben vermutlich nur deswegen früher entlassen, weil er an Typhus im Endstadium erkrankt war. Zitat von ihm: „Haut und Knochen und sterben könne er auch Zuhause“ - dies wurde im schon im Gefangenenlager unterbreitet. Das Erschütternste für ihn war, dass sein Vater von der sowjetischen Besatzungsmacht verschleppt wurde. Erst nach der Wende, hat die Familie 1990 durch eigene Recherchen herausgefunden, dass er am 1. August 1945 in einem NKWD - Lager (Jamlitz - Lieberose) verstorben war. Todkrank und total abgemagert, den Vater verloren, froh endlich das elterliche Haus betreten zu können, konnte ihm der Wunsch aber nicht erfüllt werden.
Denn die menschliche Belastbarkeit und Demütigung der Familie nahm durch eine unvorhersehbare, nicht akzeptierbare Endscheidung des Landkreises Jerichow II, eine einschneidende Wende, von unberechenbaren Ausmaß, durch ein Schreiben vom 07.11.1945. Man sei Enteignet auf Grund des Gesetzes der Bodenreform vom 3. September 1945 Artikel II, § 2 Punkt b und habe das Grundstück bis spätestens Sonnabend den 10. 11.1945 zu räumen. Original zitiert: „Außer ihr notwendigstes Privateigentum fällt vorläufig alles andere für die kommenden Flüchtlinge zur Beschlagnahme (einschließlich totes und lebendes Inventar). Der Bürgermeister wird Ihnen somit andere Wohnungsräume zur Verfügung stellen. Unterschrift: Leiter des Amtes für Bodenreform“ Die Familie zog in das elterliche Haus der Mutter in die Steege, welches heute nicht mehr existiert. Das Grundstück gehört mittlerweile zur Hausnummer 7. Die neuen Mieter des Hauses zogen erst einmal in die Gastwirtschaft. Man nimmt an, dass der Hintergrund dieser Enteignung die Machenschaften des von der Besatzungsmacht eingesetzten Kommissars waren, welcher Miteigentümer des alten Erbkruges war. Vielleicht um die Konkurrenz zu beseitigen?
Nach den vorliegenden Dokumenten wurde diese Enteignung im Frühjahr 1946 für null und nichtig erklärt, da sie Unrechtens war und nicht unter den Befehl Nr. 124 vom 30.10.1945 des Marschall Schukow fiel. Der Initiator wurde verurteilt und dem wieder Einzug stand nichts mehr im Wege. Die Krankheit überlebt, mit welcher Hilfe auch immer, konnte Otto Gericke jun. mit 20 Jahren das schrecklich durchlebte der letzten Jahre endlich hinter sich lassen. Nun konnte er endlich sein Geburtshaus wieder betreten und den Gast- und Landwirtschaftsbetrieb in 80 jähriger Tradition mit all seinen Hemmnissen und Entbehrungen mit Mutter und Schwester weiterführen. Die Mutter wurde auf eigenen Antrag im Juni 1946 Besitzerin von 4,5 Hektar Bodenreformland und zahlte einen Kaufpreis von 859,- Reichsmark dafür, um die Wirtschaftlichkeit zu verbessern. Das bewirtschaften des Gast- und Landwirtschaftbetriebes wurde durch das hohe Abgabesoll und die wenigen Naturalien, die man hatte, sehr eingeschränkt. Weiterhin wurde sie durch die Hilfe für die Neusiedler und anderer Bauern, weil man eine stationäre Dreschmaschine hatte, zeitlich in der Verwendung der eigenen Zeit sehr stark in Anspruch genommen. Nach dem herabsetzen, sowie nach der Abschaffung des Abgabesolls und der Lebensmittelkarten wurde eine wirtschaftliche Perspektive geschaffen, die der Entwicklung neuen Schwung gab, um eine Bewirtschaftung gewährleisten zu können. 1950 heiratete Otto Gericke jun. eine Flüchtlingstochter aus der Neumark (heute Polen), die er 1946 bei dem Verpacken von Reparationsmaschinen für die Sowjetunion in Genthin kennen gelernt hatte. Seine Schwester siedelt 1951 offiziell nach Westfalen über, wo die Heimat ihres Mannes ist, den sie 1950 in Jerchel geheiratet hatte.
Im Jahr 1955 hat man eine Entscheidung getroffen, die moralisch und emotional sehr brisant war, nach 10jährigem Hoffen auf die Rückkehr wurde Mann und Vater Otto Gericke sen. für Tod erklärt. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war die notwendige Regelung der Besitzverhältnisse, die nur so geklärt werden konnten. Von der Zwangskollektivierung war die Familie auch betroffen gewesen, die Landwirtschaftsflächen konnte man bis zum 01.01.1960 bewirtschaften. Man entschied sich gegen die Zwangseingliederung in eine LPG (landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft) und verpachtete die eigenen Landwirtschaftsflächen an den Landkreis Rathenow, der diese Flächen der LPG 8. März Jerchel zur unentgeltlichen Nutzung übergab. Die Konsequenz aus dieser Handlungsweise war, dass die Bodenreformflächen zwangsweise gegenüber der Regierungsproklamation von 1945, an den Bodenfonds des Staates zurückgegeben werden mussten. Im Juni 1963 starb Marie Gericke an Herzschwäche und der ihr Sohn Otto musste trotz der vorliegenden Todeserklärung für den Vater, erneut die Besitzverhältnisse regeln. Die schmerzlichen Erinnerungen, die man glaubte sie seinen vernarbt, wurden wieder aufgebrochen und in die Gegenwart zurückgeholt.
In den 60er Jahren war das private Wirtschaften vorbei und man wurde Kommissionshändler beim Konsumgenossenschaftsverband Kreis Rathenow e.G.m.b.H.. Ab Mitte der 70er Jahre konnte nun endlich in das Geschäft investiert werden, denn die älteste Tochter und der älteste Sohn von den drei Kindern, waren schon außer Haus. Sie sind verheiratet und wohnen im Westhavelland. Es konnte vieles auf den neusten Stand gebracht werden und die Hausfassade sollte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine Verjüngungskur erhalten. Das einschneidendste Jahr war das Jahr 1979, im September stirbt Otto Gericke jun. an einem Herzinfarkt und sinkt vor seinem geliebten Tresen zusammen. Zu dieser Zeit gab es für ihn keine Rettung, denn das Rettungswesen war nicht so ausgebaut wie heute. Dieser Verlust war nicht nur familiär zu spüren, er machte sich im ganzen Dorf bemerkbar, denn den Mittelpunkt des pulsierenden Lebens gab es nicht mehr. Denn Otto Gericke jun. war ein Gastwirt mit Leib und Seele. Er sah es als Berufung an, Gäste zu bewirten und ihnen ein paar schöne Stunden zu bereiten. Besonders bei den Kindern war er beliebt, denn wenn das Geld für eine Brause nicht gereicht hat, drückte er immer ein Auge zu, um den Kindern eine Freude zu bereiten. Wen man heute von ihm spricht, wird immer mit Respekt gesagt: „Der war „ Einmalig“, denn er ist immer Mensch geblieben und wir wären froh wenn wir eine Gaststätte mit einem solchen Wirt hätten.“ Ob die Gaststättentradition weitergeführt wird, rückte erst einmal in den Hintergrund.
Nach dreieinhalb Jahren Verarbeitung der schmerzlichen Situation war durch die familiären Interessen der einzelnen Beteiligten kein Kompromiss für die Weiterführung möglich, da die älteren Kinder schon eigene Familien hatten. Der jüngste Sohn wollte die Tradition weiterführen, aber die Situation mit all ihren Abwägungen, ließ nur eine Vernunftentscheidung (Kopfentscheidung) zu. Das drängen der politischen Führung im Dorf tat das Übrige und so hat man sich schweren Herzens entschlossen, die Gaststätte zu verkaufen. Im Frühjahr 1983 wurde die Gaststätte vom neuen Besitzer übernommen und weitergeführt. Dem Verkauf sollte nur dann zu gestimmt werden, wenn die Bedingung des Gemeinderates - Weiterführung der Gastwirtschaft beim Verkauf an die neuen Besitzer - erfüllt wird. Der jüngste Sohn wurde im Mai zum Wehrdienst eingezogen und die Mutter zieht in die, von der Gemeinde bereitgestellte, Wohnung. Die Mutter Ursula Gericke (1925-1983) stirbt im Dezember des gleichen Jahres, wie ihr Mann, an einem Herzinfarkt, denn sie war immer im Zweifel - War der Verkauf der traditionsreichen Gaststätte richtig? - welchen sie in den Monaten nach dem Verkauf nie verwinden konnte.
Beim Verkauf hatte der jüngste Sohn schon das Gefühl, sie haben es nicht im Blut, sie werden den Zuspruch nicht bekommen und nicht lange durchhalten. Der Gaststättenbetrieb und die damit 100 jährige Tradition dieses Hauses wurde mit dem Verkauf 1992 eingestellt.
Heute wird das Haus für Wohnzwecke genutzt, durch die Rekonstruktion ist es immer noch ein markantes Bauwerk im Ort und man kann sich an dem schönen Erscheinungsbild erfreuen. Von der einstigen Gastwirtsfamilie Gericke lebt nur noch der jüngste Sohn im Ort. Er war viele Jahre im Wirkungsbereich der Feuerwehr (Bahnitz, Möthlitz, Nitzahn, Knoblauch u. Jerchel 1986-91) tätig. Danach war er Wehrführer (1992-2004) und Bürgermeister (1993-2003) des Ortes. Heute ist er im Ortsbeirat und seit 1990 ununterbrochen ein gewähltes Mitglied im Kommunalparlament. Die Schwester ist 2002 im Alter von 50 Jahren verstorben, der Bruder lebt mit seiner Familie in der Nähe und die Schwester von Otto Gericke jun. lebt heute mit ihrer Familie immer noch in Westfalen.
Wie bereits berichtet haben sich die Generationen dieser Familie für das Gemeinwohl des Ortes immer eingesetzt und man kann schon von Jahrzehnte langer Tradition des Arrangement sprechen, obwohl das Schicksal nie Zeit lies mal richtig durchzuatmen. Es ist heute immer noch beeindruckend, trotz der Lebensschicksale, anerkennend über die Lebensleistungen langer schwerer Arbeit von Generationen zu berichten. Wenn man heute auf die ehemalige Gastwirtschaft und diese Familie zu sprechen kommt, hört man immer „ weist Du noch “ und die Geschichten sprudeln nur so raus (wie z.B. von Familienfeiern, Ernte- u. Dorffeste, der Gaststätte und dem Dorf selbst.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


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