Vom alten und neuen Heimatmuseum in Rathenow
von Dr. Rudolph Guthjahr
Schon seit dem Jahre 1902 wurden in Rathenow Altertümer gesammelt. Im Jahre 1909 gründeten dann einige tätige Heimatfreunde den Havelländischen Heimat- und Museumsverein. Wäre es nicht den unseeligen Kampftagen 1945 zum Opfer gefallen, dann hätte unser altes Museum 1959 seinen fünfzigsten Geburtstag feiern können. Unter den jetzigen Umständen haben wir uns mit einer bescheidenen Feierstunde im Kulturbund begnügt, wobei unser Bundesfreund Walther S e e g e r, ein Mitglied unseres Museumsbeirates, einen Lichtbildervortrag geh
alten hat.
Es hat lange gedauert, ehe das alte Heimatmuseum seine Schätze zeigen konnte. Noch über den ersten Weltkrieg hinaus fristeten die Sammlungen ihr Dasein in Bodenkammern, soweit sie nicht bei einzelnen Museumsfreunden privat untergebracht waren.
1922 wurden zwei bescheidene Räume im Kreishaus zur Verfügung gestellt, die sich mit unserer jetzigen Heimatstube nicht messen konnten. Dabei war schon eine ansehnliche Anzahl schöner Objekte für das Museum zusammengetragen worden. Besonders hervorheben wollen wir die reichen jungsteinzeitlichen Funde der Kugelamphorenkultur. Es dauerte noch bis zum Jahre 1930, bevor die Bemühungen um ausreichende Räume für die Museumssammlungen Erfolg hatten. Dann endlich wurden sechs Zimmer im alten Rathaus am Markt zur Verfügung gestellt. Das altersgraue Gebäude erhob sich auf dem heutigen Platz der Jugend. Es hatte viele Jahre als Gerichtsgebäude gedient. Am 13. August 1930 konnte darin das Heimatmuseum eingeweiht werden. Mit der Zeit wurde das ganze Haus für Museumszwecke freigestellt, abgesehen von den Räumen, die das Stadtarchiv und die Wohnung des Museumspflegers Max K l e w i t z für sich beanspruchten. Reiche Sammlungen kamen hier zusammen, aber die Ausstattung der Räume war dürftig und ließ die Gegenstände nicht recht zur Geltung kommen. Alles war der Initiative und der Erfindungsgabe der Heimatfreunde überlassen, da es an Geld fehlte, um einen würdigen Rahmen zu schaffen. Es wäre leicht gewesen, harte Kritik am alten Vereinsmuseum zu üben. Aber immer sind doch Sorgenkinder die liebsten Kinder ihrer Eltern, und so hatten viele alte Rathenower ihr Museum trotz seiner Mängel in ihr Herz geschlossen.
Dass Rathenow die Stadt der Optik war, fiel den Museumsfreunden recht spät ein. Trotzdem wird es schwer sein, den Wert der kleinen optischen Sammlung zu ersetzen, die zum Schluss doch noch zusammengebracht wurde. Sind doch auch die wertvollen privaten optischen Sammlungen mehr oder weniger ein Opfer des Krieges geworden. Und Rathenow soll doch unbedingt ein ansehnliches Brillenmuseum haben. Zwei Räume füllte der Militarismus mit Waffe
n und Erinnerungen an die Rathenower Garnison. Auch die „Kolonien“ waren mit einer ethnologischen Kollektion vertreten. In die übrigen Zimmer teilten sich stadtgeschichtliche Erinnerungen, Handwerk und Hausrat aus Urväterzeiten. Für die Vorgeschichte war ein dreifenstriger Magazinraum da, der die Fülle der Funde nicht mehr fassen konnte. Eine weitere schöne vorgeschichtliche Sammlung musste in Premnitz gelassen werden. Auch von ihr sind nur Trümmer erhalten geblieben. Recht stiefmütterlich wurde die geologische Sammlung in die Ecke gedrängt. Sie enthielt u. a. Mammutzähne aus Marzahne und weitere Knochenreste eiszeitlicher Großsäugetiere. Ein Moosherbarium war vorhanden, eine Zier- und Vogelsammlung. Großmutters Stübchen enthielt ein Spinett, alte Möbel und Kleidungsstücke. Es ist unmöglich, all die Schätze aufzuzählen, die hier auf engstem Raum zusammengepfercht waren.
Vergebens wurden besondere Kostbarkeiten während dem Krieg nach Nordend verlagert, um sie in Sicherheit zu bringen. Dort verloren wir die alten Wiegendrucke, zwei schöne Talerfunde, die Doublesachen der Optik, das Hängebecken der Bronzezeit aus Nennhausen und andere unersetzliche Werte.
1. Nur ganz geringe Reste der alten Museumsbestände konnten aus den Trümmern des Rathauses gerettet werden.
2. In den ersten Jahren nach 1945 schien es ganz aussichtslos, für den Wiederaufbau unseres Heimatmuseums zu arbeiten.
3. Das Kollektiv der alten Heimatfreunde bestand nicht mehr: der alte Max Klewitz liegt in Steckelsdorf begraben. Hermann Günther ist tot. Otto Muth und Walther Specht ruhen auf dem Rathenower Friedhof.
4. Und doch hat sich mit der Zeit wieder ein kleiner Trupp gefunden, der dieses Ziel ins Auge fasste.
Zu den wenigen Museumsgegenständen, die im Stadtarchiv den Grundstock für eine neue Sammlung bildeten, kam dann eine größere Sammlung optischer Ausstellungsstücke, die 1953 von den Rathenower Optischen Werken und von anderen Betrieben unserer Heimatstadt der Stadtverwaltung übergeben wurden. Zwei kleine Zimmer wurden in der Rosa-Luxemburg-Straße 5 als „Heimatstube“ für das neue Museum freigegeben. Hier ist der Stadtarchivar als ehrenamtlicher Museumsleiter eingesetzt. Seitdem sind die Sammlungen wieder zu beachtlichem Umfang angewac
hsen. Weder die Heimatstube noch das Magazin im Stadtarchiv reichen dafür aus. In den beiden Räumen unserer Heimatstube kann nur ein Bruchteil dessen gezeigt werden, was wir neu gesammelt haben. Der vordere Raum enthält Optik; augenblicklich sind hier unsere Etuis und die historischen Stücke der Brillensammlung ausgestellt, ferner Mikroskope und Ferngläser.
Der zweite Raum zeigt einen Teil unserer biologischen Sammlung. Die beiden Adler, der Bisonkopf, der Elchkopf und die Kreuzotter verfehlen den starken Eindruck auf unsere kleinen Besucher nie. Hier zeigen wir auch die aus den Ruinen des Rathauses gerettete große Geldkiste und die Wetterfahne von 1692. Ein alter Zinnkrug von 1632 zählt schon zu unseren Neuerwerbungen, ebenso das Modell einer Havelzille, das uns Ernst Börsch geschenkt hat. Montags und freitags ist die Heimatstube von 15 bis 16.30 und jeden Dienstag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Besuch ist rege, er lässt uns hoffen, dass die Jugend auch unser neues Kreismuseum einmal gern aufsuchen wird. Denn das wichtigste in einem jeden Museum sind ja die Besucher.
Vielleicht tadelt mancher, dass wir so wenig für unsere Heimatstube werben. Ja, liebe Freunde, wir haben viel zuwenig Raum, sogar in den beiden Zimmern, die wir heute schon zeigen können, müssen noch Arbeiten erledigt werden, für die ein „richtiges Museum“ eigene Räume zur Verfügung hat. Die Besichtigung durch Schulklassen ist nur mit Hilfe einer gewissen „Verkehrsregelung“ möglich. Trotzdem sind uns alle Schulen herzlich willkommen wie auch jeder erwachsene Besucher. Glücklicherweise wird aber diese Raumnot in absehbarer Zeit ihr Ende finden. Durch Ratsbeschluss ist uns das Barockhaus Karl-Marx-Platz 4 als Heim für das neue Kreismuseum zugesichert worden. Sobald das neue Kaufhaus fertig ist und die HO-Verwaltung umziehen kann, werden wir unser neues Museum einrichten. Die Vorarbeiten dafür haben bereits begonnen, sie können gar nicht früh genug begonnen werden, denn die sachgemäße Einrichtung eines Museumsraumes dauert ein Jahr. Da aber die Kreisbücherei ihrerseits schon darauf wartet, in der jetzigen Heimatstube ihre Freihandbücherei einzurichten, werden wir das neue Museum, sobald es frei wird, beziehen, um dann nach und nach die Räume zu ansehnlichen Museumsräumen umzugestalten. Wenn sich demnach das künftige Kreismuseum vorerst provisorisch in seinen Zimmern aufbauen muß, so wird es doch sogleich — dank seiner staatlichen bzw. städtischen Finanzierung — einen besseren Eindruck machen als das alte Vereinsmuseum.
Wir haben in der Heimatstube einige neue Vitrinen, wie sie das Museum am Markt niemals besessen hat. Und ein Plan, wie wir das Haus zuerst für unsere Zwecke verwenden wollen, liegt schon vor. Wenn wir die hinderlichen Zwischenwände wieder entfernen, haben wir ausreichenden Raum zur Verfügung. Davon würde aber die Wohnung für den Hausmeis
ter abgehen. Ein Büroraum, eine Werkstatt für praktische Museumsarbeit sind auch notwendig, ebenso mehrere Magazinräume. Der untere Saal und ein anschließendes Zimmer würden wechselnde Ausstellungen aufnehmen, im oberen Saal soll die Optik eine ständige Ausstellung bieten, ein weiterer Raum mit unseren Biedermeiermöbeln soll als Duncker-Zimmer eingerichtet werden, lebte doch Duncker zur Biedermeierzeit. Auch ein Barockzimmer scheint uns für das alte Barockhaus unerlässlich. Einen Raum braucht das Schlosser- und Schmiedehandwerk mit der Waffensammlung, einen anderen unsere einst weltberühmte Ziegelindustrie. Die biologischen Sammlungen (Jagd und Fischerei eingeschlossen) könnten wohl mehr als die beiden dafür vorgesehenen Räume füllen. Lilienthals Gedächtnis gilt es auch wach zu halten.
Die Schuhmacherwerkstatt (vielleicht auch dazu die Etuisfabrikation) sowie die Stellmacherwerkstatt werden zwei weitere Räume einnehmen. Dann wäre die kleine Gemäldegalerie einzurichten, die erst kürzlich im „Neuen Deutschland“ für jedes Kreismuseum gefordert wurde. Den Grundstock dazu verdanken wir unserem Heimatmaler Georg P e n n i n g. Und dann hätten wir ja immer noch die Faserverarbeitung (Premnitz, Rhinow, Landwirtschaft) unterzubringen. Damit wäre der vorhandene Raum reichlich gefüllt. Auch die Feuerspritze und andere Wagen müssten eine Stätte finden. Vieles wird zunächst ins Magazin kommen müssen. Aber auch diese Magazinräume müssen als Studienmagazine der Wissenschaft und Forschung zugänglich sein.
Dass der hier gezeigte Aufbauplan nicht nur auf dem Papier steht, möchten wir noch an einigen Einzelheiten zeigen. Unsere optische Abteilung verfügt über rund 600 Gläser und Linsen, 350 Brillen, 150 Klemmer und 100 Etuis. Dazu kommen noch Lupen, Lorgnetten, Instrumente aller Art und Werkzeuge. Auch die Fotografie, das Uhrmacher- und Glaserhandwerk sind in unserem Magazin gut vertreten und sollen sich dieser Abteilung „Feinmechanik und Optik“ anschließen, aus der später einmal das Brillenmuseum der DDR erwachsen wird.
Was die biologische Abteilung anbelangt, so wünscht die Naturschutzbehörde allein schon für unseren Seeadler ein besonderes Zimmer, das mit Bildern aus dem Leben dieses Vog
els und mit Karten über seine Verbreitung einst und heute auszustatten wäre. Ohne Zweifel könnten wir auch mit unseren .Kollektionen „Jagd“, „Fischerei" und „Wollhandkrabbenbekämpfung“ je ein Zimmer ausstatten.
Das Kunstseidenwerk Premnitz (das größte Werk dieser Art in Europa) hätte, zumal in Verbindung mit der Bastfaser Rhinow und der Landwirtschaft unseres Kreises, zweifellos Anspruch auf ebensoviel Räume wie die Rathenower Optik. Wir sehen schon, dass es nicht so einfach sein wird, hier überall die rechten Maßstäbe anzulegen.
Bei der endgültigen Gestaltung unserer Ausstellungen werden wir nicht von den vier Wänden ausgehen und bei den Exponaten aufhören. Unser Weg ist gerade umgekehrt. Erst kommen die Ausstellungsgegenstände. Sie werden gesichtet, mit Beschriftung und Bildmaterial erläutert, und dann wird der ganze Raum mit seinen Schaukästen und Vitrinen, mit der Beleuchtung und der Farbe der Wände darauf abgestimmt. Auch bei großzügigster staatlicher Hilfe werden wir unter diesen Umständen auf freiwillige Mitarbeit unserer Museumsfreunde nicht verzichten können. Allein schon für den Ausbau unserer Heimatstube, der ja doch nur dazu dient, Vorstudien für unser künftiges Museum zu machen, wurden bisher im Rahmen des Nationalen Aufbauwerkes über 100 Aufbaustunden geleistet. Daran beteiligten sich Helmut Haack, Gerd Müller, Gustav Pelzer und Wilhelm Möhle. Was die Mitglieder unseres Museumsbeirates darüber hinaus bisher getan haben, das wollen wir hier nicht noch besonders herausstreichen.
Auch aus seiner Mitte hat der Tod bereits ein Opfer gefordert. Unser Naturschutzbeauftragter Fritz K l e w i t z hat auch an dieser Stelle eifrig für die Heimatgeschichte gewirkt. Ausgeschieden sind ferner aus dem Museumsbeirat die Freunde Reinhold Eichhorst, Karl Lindemann und Otto Lorenz. Augenblicklich setzt sich der Beirat unter dem Vorsitz des Stadtarchivars und Museumsleiters wie folgt zusammen: Hermann Görn, Erika Gutjahr, Fritz Klewitz, Karl Mertens, Walter Mielecke, Gerd Müller, Manfred Flaue, Richard Rabenalt, Walther Seeger, Werner Schwarz und Arthur Zietemann.
Der Museumsbeirat tagt regelmäßig im Heim des Deutschen Kulturbundes. Gäste sind herzlich willkommen.
Wir können unmöglich an dieser Stelle alle Freunde und Förderer unseres neuen Kreismuseums nennen. Ihre Namen werden laufend in einem Schaukasten vor der Tür der Heimatstube bekannt gegeben. Sehr viele Sammelstücke erhielten wir aus Nachlässen. Lieber ist es uns aber, wenn wir mit den Gegenständen zugleich Auskunft über die Geschichte, die früheren Besitzer oder Hersteller der Sachen erhalten könnten und hören, wie sie im Volksmunde genannt wurden. Was aus Nachlässen stammt oder gar aus einer Altmaterialsammlung, hat leider nicht mehr die volle Aussagekraft.
Manches teure Andenken kann im Museum einen sicheren Platz finden, evtl. auch als Leihgabe.
An alle Einwohner unseres Kreises ergeht unser Aufruf:
Kommt in die Heimatstube und helft mit am Aufbau unseres neuen Heimatmuseums!
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1961 veröffentlicht und ist auch daraus übernommen worden.
Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz
Anmerkung der Redaktion: Aus dem damaligen Heimatmuseum wurde dann das Optikmuseum, welches sich im Kulturzentrum befindet.
Kommentare |

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| Kommentar: | 1 |
| von: | Martina Bleis |
| am: | 16.02.2006 |
| um: | 14:10:29 |
| Kommentar: | Wie in dem Artikel beschrieben entstand in der heutigen Schleusenstraße das neue Heimatmuseum. Aufgrund bautechnischer Mängel, die das Haus aufwies, zog das Museum 1984 in seine neuen Räumlichkeiten in der Rhinower Straße 19d. Dort war nicht genügend Platz um alle Exponate zu den unterschiedlichsten Thema wieder auszustellen. So gab es auf ca. 60m² eine Darstellung der optischen Geschichte. In einem anderen Raum fanden wechselnde Ausstellungen ihren Platz. Genau 10 Jahre später wurde das Heimatmuseum geschlossen und als Optikindustriemuseum 2004 im Kulturzentrum wiedereröffnet. |
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