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Verpflichtender Name: Paracelsuskrankenhaus

von Dr. med. Richard Hinze

Die Entwicklung zu einer höheren Gesellschaftsform spiegelt sich in einem jeden Gemeinwesen am deutlichsten in den öffentlichen Einrichtungen wider, die dem allgemeinen Wohl dienen, ganz besonders in denen des Gesundheitswesens. So lässt sich auch die Entwicklung des Rathenower Krankenhauses gut mit den historischen Gegebenheiten der entsprechenden Zeitabschnitte in Parallele bringen.

Die ersten Anfänge einer öffentlichen Krankenanstalt in Rathenow gehen auf das Jahr 1844 zurück, also auf die Zeit, in der die zunehmende Industrialisierung das Bedürfnis hervorrief, den krankheitsbedingten Ausfall wertvoller Arbeitskräfte durch Pflege und Behandlung in einer öffentlichen Einrichtung möglichst zu verkürzen (1808: Eröffnung der ersten Brillenschleiferei in Rathenow!). Es wurde damals in der früheren Ziegelstraße - die heute nicht mehr existiert - eine öffentliche Krankenstube mit 20 Betten eingerichtet. Der erste Krankenhausneubau am jetzigen Platze wurde wahrscheinlich 1888 errichtet, also um die Zeit, in der die zunehmende Macht der werktätigen Massen die Bismarckschen Sozialreformen, u. a. die allgemeine Krankenversicherung, erzwang. Dieses kleine Haus, in dem sich heute nur noch 3 Arzt- bzw. Schwesternwohnungen befinden, genügte schon sehr bald der steigenden Belegung nicht mehr, so dass schon 10 Jahre später zwei weitere große Krankensäle angebaut werden Paracelsus Krankenhausmussten (die beiden 14-Betten-Zimmer der Inneren Männerstation). 1906/07 erfolgte dann der Neubau der jetzigen Inneren Abteilung und eines Operationsraumes (heute Endoskopieraum der Inneren Abteilung). Das Krankenhaus fasste damals 100 Betten. Die ärztliche Betreuung lag in den Händen des Chirurgen Dr. Schäfer und des praktischen Arztes Dr. Brohm, der die internen Fälle behandelte; beiden stand je ein Assistenzarzt zur Seite. Nach dem Tode Dr. Brohms wurde 1925 Professor Kohler von der 1. Medizinischen Universitätsklinik der Charite als leitender Internist und Röntgenologe berufen. Ihm ist der Aufbau einer regelrechten Inneren Fachabteilung mit klinischem Labor sowie einer Röntgenabteilung zu danken. Außerdem führte er neue, damals noch hochmoderne Untersuchungsmethoden, wie Blasen- und Mastdarmspiegelung, ein. Ein Jahr später konnte bereits die Röntgen-Bestrahlungsanlage in Betrieb genommen werden - in jenen Zeiten eine ungewöhnliche Neuerung für ein kleineres Krankenhaus!

In den Jahren 1927/28 wurde dann der jetzige Hauptteil des Krankenhausgebäudes, der Neubau der chirurgisch-gynäkologischen Abteilung, errichtet, gleichzeitig ein neues Kesselhaus und eine Leichenhalle mit Desinfektionsraum und Garage. Die Kapazität des Hauses erreichte damit 220 Betten. Die älteren Gebäudeteile standen danach allein der Inneren Abteilung zur Verfügung; die Röntgenanlage musste allerdings in einem Trakt feuchter und dunkler Kellerräume untergebracht werden. Die Nazizeit und die Zeit des 2. Weltkrieges brachten verständlicherweise keine Fortschritte - man war ja vollauf mit Werken der Zerstörung beschäftigt! Schlimm sah das Erbe dieser Zeit aus, als nach den ersten schweren Nachkriegsjahren wieder mit dem planmäßigen Aufbau eines leistungsfähigen, modernen Krankenhausbetriebes begonnen werden konnte. Zwar waren die Gebäude im wesentlichen erhalten, aber alle Räume in einem hochgradig verwahrlosten Zustand, dunkle abgestoßene Wandanstriche, primitive, zerbeulte Betten, mangelhafter Matratzen- und Wäschebestand, kaum Mobiliar, keinerlei Gardinen. Im großen Operationssaal fehlten z. T. die Fensterscheiben, so dass er unbenutzbar war. Alle Operationen mussten in dem kleinen septischen Saal dParacelsus-Krankenhausurchgeführt werden. Von chirurgischer Asepsis konnte infolgedessen kaum die Rede sein. Das Instrumentarium war völlig verrottet. Die Heizung war ungenügend und fiel während des Winters 1947/48 ganz aus, so dass die Ärzte im Wintermantel Visite machen mussten und die Patienten ihre Federbetten mitbrachten, sofern sie welche besaßen. Die Krankensäle waren mit Wanzen verseucht, gegen die in der Folgezeit verzweifelt angekämpft werden musste. Im ganzen Haus waren 6 Ärzte tätig, die auch die neu eingerichtete Poliklinik mitbetreuen mussten. Besonders katastrophale Zustände herrschten in der Infektionsabteilung, in der 40 ständig vollbelegte Betten in wenigen dunklen Räumen des Untergeschosses zusammengepfercht waren, allen Grundsätzen der Hygiene und des Seuchenschutzes hohnsprechend. Der damals schon 65jährige Professor Kohler musste zeitweise aus Mangel an Assistenzärzten den ganzen Betrieb der Inneren und Röntgenabteilung allein durchführen. Dass unter diesen Umständen natürlich nur das Nötigste getan und keine großen diagnostisch-therapeutischen Leistungen vollbracht werden konnten, liegt auf der Hand.

Katastrophal waren die Pflegeverhältnisse: der Diakonie-Verband, der bis 1948 die Schwestern gestellt hatte, hatte zum 1. April 1948 wegen Zwistigkeiten mit der Verwaltung den Vertrag gekündigt und kurzfristig alle geschulten Schwestern abgezogen. Das plötzlich aufgetretene Vakuum wurde mit einigen freien Schwestern und den Absolventen eines halbjährigen Fortbildungskurses für Lazaretthelferinnen aufgefüllt; insgesamt standen nur 22 Schwestern sowie einige Schülerinnen und Pfleger, z. T. ohne Examen, zur Verfügung. Im ganzen Hause fanden sich nur 4 ältere erfahrene Schwestern, alle anderen waren Anfängerinnen. Besonders hemmend für jede vernünftige Arbeit wirkten sich die ständigen Zwistigkeiten im Hause aus, der Geist des gegenseitigen Misstrauens zwischen Ärzteschaft und Verwaltung, zwischen denen Schwestern und Hilfspersonal hin- und hergerissen wurden.

Seitdem hat sich vieles verändert! Wenn wir heute mit Stolz sagen können, dass das „Paracelsus-Krankenhaus“ Rathenow, wie es seit 1954 heißt, eines der modernsten eingerichteten und leistungsfähigsten Kreiskrankenhäuser unserer Republik darstellen dürfte, so ist das in erster Linie der Gemeinschaftsarbeit einer verhältnismäßig kleinen Gruppe von Mitarbeitern zu danken, die dem Hause über schlechte und gute Jahre die Treue bewahrt haben. Lang und oft mühsam war der Weg, der zu diesem Erfolg geführt hat, aber er hat sich gelohnt, denn heute wissen die Menschen in unserem Kreise, dass sie sich im Augenblick der Gefahr für Leben und Gesundheit auf die Hilfe der Ärzte und Schwestern ihres Krankenhauses verlassen können, und dieses unerschütterliche Vertrauen ist der schönste Lohn für alle Mühen und Sorgen, die der Aufbau in den vergangenen Jahren gekostet hat! Heute umfasst das Paracelsus-Krankenhaus in einem durch drei neue Pavillons erweiterten Gebäudekomplex sechs klinische Fachabteilungen (innere, chirurgische, frauenärztlich-geburtshilfliche, Kinder-, Augen- und Röntgenabteilung) und die Poliklinik mit vier Abteilungen im Hause (allgemeinärztliche, innere, chirurgische und Frauenabteilung) sowie fünf weiteren Abteilungen in Außenstellen (Kinder-, Augen-, Hals-Nasen-Ohren-, zahnärztliche Abteilung und die Jugendzahnklinik mit kieferorthopädischer Spezialabteilung). Dazu kommt noch die neu eingerichtete Bäder-Abteilung in der Wilhelm-Külz-Straße. Das Haus enthält 405 Betten in zum größten Teil modern eingerichteten hellen und freundlichen Krankenräumen. Ein geradezu prachtvoller Operationssaal — um den uns schon viele Ärzte aus größeren Einrichtungen beneidet haben! —, eine großzügig angelegte moderne Röntgeneinrichtung, zwei klinische Laboratorien mit modernsten Geräten ermöglichen es den Ärzten, auch in schwierigen Fällen die richtige Diagnose zu stellen und bis auf wenige Spezialfälle alle in Betracht kommenden Operationen auszuführen. Ein Stab von über 30 Ärzten und Zahnärzten und über 300 Schwestern, Pfleger, technische Assistentinnen, Verwaltungs- und Wirtschaftspersonal, Sekretärinnen, Hebammen, Reinigungskräfte und Helferinnen verschiedenster Art sind im Hause, in den weit verzweigten Außenstellen und angeschlossenen Einrichtungen tätig. Fast alle großen wie kleinen Patienten und auch fast alle Krankheiten, leichte wie schwere, können in den verschiedenen Abteilungen klinisch und ambulant mit modernen Methoden sachgemäß behandelt werden. Die ganz besondere Fürsorge und ein besonderes fachliches Interesse gehört aber den Geschwulstkranken, für die im Paracelsus-Krankenhaus seit Jahren eine besondere Betreuungsstelle geschaffen wurde, die im Republikmaßstab als eine der ersten und vorbildlichsten angesehen wird. Für diese das Leben und die Gesundheit unserer Werktätigen bedrohenden gefährlichen Volkskrankheiten sind auf allen Spezialabteilungen ganz besonders gute Möglichkeiten zur Erkennung und Behandlung eingerichtet und ausgebaut worden, wie sie sonst im allgemeinen nur größeren Krankenhäusern vorbehalten sind. Von der speziellen endoskopischen Diagnostik mit Lungen- und Magen-Spiegel über differenzierte Laboratoriumsuntersuchungen bis zu modernsten Hilfsmitteln für große und größte chirurgische Eingriffe und Röntgen- und Radiumbestrahlung stehen alle Mittel zur Verfügung, die bei diesen Erkrankungen Hilfe bringen können. Eine besonders gut organisierte ambulante Nachsorge hilft bei der Weiterbetreuung nach der Entlassung aus der klinischen Behandlung. Weitgehende vorbeugende Maßnahmen sollen dafür sorgen, dass möglichst alle diese Kranken rechtzeitig der allein hilfeversprechenden ärztlichen Spezialbehandlung zugeführt werden können.

Noch ist nicht alles vollkommen in unserem Krankenhaus, und so sieht auch der Perspektivplan für unsere Einrichtung in den nächsten Jahren noch weitgehende Erweiterungen und Verbesserungen vor. Zurzeit beginnt der Bau eines neuen Kesselhauses, das ab 1962 die gesamte Energie- und Warmwasserversorgung des immer weitläufiger werdenden Gebäudekomplexes übernehmen soll, nachdem die alte Anlage längst überfordert ist und keine Erweiterungen mehr zulässt. Gleichzeitig beginnt der Neubau eines Schwesternwohnheimes, bestehend aus zwei Neubaublöcken, die mit 30 l- und 16 2 1/2-Zimmer-Wohnungen der Wohnraumnot unserer Schwestern und Assistentinnen steuern sollen, außerdem aber nach Fertigstellung die Einrichtung einer Krankenstation für Geschwulstkranke in den bisher von Personal bewohnten Räumen des Obergeschosses möglich machen werden. 1963 soll dann endlich der dringend benötigte Neubau einer größeren Entbindungsstation beginnen, da die bisherige längst den Anforderungen nicht mehr genügt, gleichzeitig wird damit der Raum für eine zweite chirurgische Frauenstation gewonnen, die ebenfalls sehr fehlt. Den Abschluss unseres Bauprogramms soll 1964/65 der Neubau eines Poliklinik-Gebäudes in der Forststraße bilden, das endlich die „drangvoll-fürchterliche“ Enge in der jetzigen Poliklinik beseitigen und die verstreuten Außenstellen unter einem Dach vereinigen wird. Da die Entwicklung auf allen Gebieten rastlos weitergeht, werden sich bis dahin sicher wieder neue Bedürfnisse und neue Pläne ergeben haben; für unsere Werktätigen in Stadt und Land wird aber die Erfüllung dieser vorerst konkret gesteckten Ziele eine wesentliche Verbesserung der gesundheitlichen Betreuung bedeuten und damit einen wertvollen Baustein beim friedlichen Neuaufbau eines neuen und schöneren Rathenow.


Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz

 


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