Informativ
|
Geschichte(n)
|
Einkaufen
|
Dienstleistungen
|
Kontakt
Übersicht
Regionale Personen
Regionale Kunst & ...
Regionalgeschichte
 Bamme
 Barnewitz
 Behnitz
 Buckow bei Grossw...
 Buckow bei Nennha...
 Böhne
 Bützer
 Damme
 Döberitz
 Ebelgünde
 Falkensee
 Friesack
 Gräningen
 Großwudicke
 Grütz
 Gülpe
 Havelland
 Hohennauen
 Jerchel
 Kotzen
 Kriele
 Liepe
 Milow
 Nauen
 Nennhausen
 Neufinkenkrug
 Paretz
 Premnitz
 Rathenow
 Rhinow
 Ribbeck
 Schollene
 Seegefeld
 Semlin
 Steckelsdorf
 Stechow
 Strodehne
 Stölln
 Vieritz
 Wagenitz
 Zollchow
Historische Souvenirs
Souvenirs der Rathenower Brautradition

Geschmack aus Sachsen-Anhalt

Weine aus der Saale-Unstrut-Region!

Erleben Sie die Vielfalt einheimischer Weine demnächst hier!

zurück Zu dieser Seite sind keine Kommentare vorhanden! Seite drucken


Ein Schloß wurde Kulturhaus

von Richard Rabenalt

Als Schuljunge kam ich dann und wann nach Nennhausen. Jedesmal reizte es mich, durch das Gitter, das den Vorhof des Schlosses von der Straße abgrenzte, zu spähen, um etwas von den Geheimnissen zu er­gründen, von denen in meiner Vorstellung das Schloß erfüllt war. Wohnte doch darin ein leibhaftiger Graf. Und das war — so hatten es unsere Lehrer uns eingebläut — ein Abglanz des kaiserlichen Gottesgnadentums. Das ist lange her. Heute tummeln sich Kinder unbefangen im Hofe des ehemaligen Schlosses. Und die Erwachsenen, die am Feier­abend dem von hohen alten Bäumen umgebenen Gebäude zustreben oder die Ruhe des ausgedehnten und wohlgepflegten Parkes genießen, fühlen sich durchaus als Herren des Hauses. Folgen wir ihnen durch die wappenverzierte Tür bis in die Vorhalle des 1. Stockes, so umgibt uns dort von den anstoßenden Räumen her ein vielstimmiges Singen und Klingen. Hier hat die Kunst eine Heimatstätte.

Friedrich de la Motte Fouque
Schon einmal in der Geschichte des im Jahre 1737 erbauten Schlosses waren die Musen hier zu Gast. Es war in den Jahren von 1803 bis 1831, als Friedrich de la Motte Fouque, nachdem er sich mit der Tochter des damaligen Gutsherrn August von Briest vermählt hatte, hier wohnte. Von hier zog er aus, um als Leutnant der freiwilligen Jäger an den Freiheitskriegen 1813 teilzunehmen. Als Major kehrte er 1815 nach Nennhausen zurück. Seinen Degen legte er in der Kirche nieder, wo er noch heute aufbewahrt wird. Die patriotische Begeisterung des deutschen Volkes für die Freiheitskriege fand auch in dem poetischen Werk Fou­ques Ausdruck. Die „Gedichte vor und während dem Kriege 1813“ und die „Jägerlieder“ gehören zu den -besten seines lyrischen Schaffens. Von ihnen ist das Lied „Frisch auf zum fröhlichen Jagen“ in den deutschen Volksliederschatz eingegangen. Obwohl sich aus dem umfangreichen Ge­samtwerk Fouques darüber hinaus kaum etwas der Nachwelt erhalten hat, so zählte er doch zu den bedeutendsten Dichtern der Romantik. Heinrich Heine sagte von ihm: „Sein Lorbeer ist von echter Art.“ Von seiner lebhaften Phantasie, seiner Gestaltungskraft, seiner leichtfließen­den Feder erzählt Varnhagen von Ense in den „Denkwürdigkeiten“ bei der Schilderung eines Besuches in Nennhausen: „. . . die üppigste Fruchtbarkeit und die anmutigste Leichtigkeit ließen ihm alles zu Gedichten und Reimen werden, was er nur berührte, und diese Art von Stegreifdichten, die stete Gegenwart und Flüssig­keit dieser poetischen Regung und Äußerung, erhöhte für seine näheren Freunde, die das Hervorbringen mit ansahen, den Reiz und die Wärme seiner Dichtergebilde . . . Jeder Tag und jede Stunde, besonders aber regelmäßig der frühe Nachmittag, fanden Fouque zum Schreiben aufgelegt. Und dann schrieb er seine Sachen, Lyri­sches oder Dramatisches und gleicherweise epische Prosa, fast ohne auszustreichen, ununterbrochen hin, so schnell die Feder laufen mochte.“ Berühmt geworden ist Fouques „Undine“. E. T. A. Hoffmann — auf sie aufmerksam geworden — entschloß sich, diesen Stoff als Oper zu kom­ponieren. Zur großen Freude des Komponisten war Fouque bereit, die Erzählung selbst als Opernbuch zu bearbeiten. Die Oper, am 3. August 1816 im Kgl. Schauspielhaus uraufgeführt, wurde ein großer Erfolg. Sie erlebte noch 22 Wiederholungen, denen durch einen Theaterbrand ein Ende gesetzt wurde. Dabei verbrannten die Dekorationen, die kein ge­ringerer als Schinkel entworfen hatte. Ein weiteres Werk, zu dem sich der Komponist E. T. A. Hoffmann und der Dichter Friedrich de la Motte Fouque zusammengefunden hatten, war das Festspiel „Tassilo“.

Solche anhaltenden freundschaftlichen und schöpferischen Beziehungen zu Dichtern, Musikern, Schauspielern bedingten viele gegenseitige Be­suche. Und so war Nennhausen oft Treffpunkt hervorragender Persön­lichkeiten aus dem Kunstleben jener Zeit.

Nach dem Tode seiner Gattin, die sich ebenfalls einen Namen als Schrift­stellerin erworben hatte, verlies Fouque Nennhausen. Mit ihm zogen auch die Musen aus. Das Gut wechselte dann mehrmals den Besitzer. Der letzte aus „adeligem Sproß“ war ein Reichsgraf von Westerhold, der noch heute als Großgrundbesitzer in Westdeutschland lebt. Nenn­hausen aber hörte im Jahre 1945 auf, ein Rittergut zu sein. Die Boden­reform beendete die Herrschaft einzelner über Menschen, Vieh und Boden. Dieser wurde den Bauern und Landarbeitern übereignet. Im Schloß fanden zunächst Umsiedler, die der barbarische Hitlerkrieg nach hier verschlagen hatte, eine vorläufige Unterkunft. Der Bodenreform folgte die Schulreform. Der Aufbau eines demokrati­schen Deutschland erforderte die Beseitigung aller Überreste der faschi­stischen Gewaltherrschaft auch im Bewußtsein und im Denken der Men­schen. Alle Bürger sollten wieder befähigt werden, ein demokratisches Deutschland selbst zu regieren. Mit diesem geistigen Erneuerungsvor­gang mußte schon bei der Schuljugend begonnen werden. Die alte Schule, die auf einem Bildungsvorrecht der Begüterten beruhte, hatte ihren Sinn verloren. Der Aufbau eines neuen, demokratischen Schulwesens war auf dem Lande besonders schwierig. Galt es doch, den bis dahin als unvermeidlich angesehenen Unterschied zwischen Land- und Stadt­schule völlig aufzuheben. Die Aufgabe, von der ein- oder zweiklassigen Dorfschule zu einer voll ausgebauten Achtklassenschule überzugehen, wurde durch die Einrichtung der Zentralschulen gelöst. Eine solche Zen­tralschule zog im Jahre 1948 auch in das ehemalige Schloß Nennhausen ein, nachdem die Umsiedler inzwischen eine feste Heimstätte gefunden hatten. Als in unserem Staate der Arbeiter und Bauern die polytechni­sche Oberschule mit einer zehnjährigen Schulpflicht eingeführt wurde, entsprach das ehemalige Schloß diesen höheren Anforderungen nicht mehr. Mit einem Kostenaufwand von 1,5 Millionen DM wurde in Nenn­hausen ein neues Schulgebäude errichtet, das den modernen -städtischen Schulbauten in jeder Hinsicht gleichwertig ist. Im Jahre 1959 begann dort der Unterricht.

Das ehemalige Schloß wurde nun, nachdem es für seine neue Zweck­bestimmung hergerichtet worden war und nachdem auch einige inzwi­schen sichtbar gewordenen erheblichen Bauschäden behoben wurden, dem Staatlichen Kulturhaus übergeben, das damit seine Wirksamkeit verviel­fältigen konnte. Das Kulturhaus ist bereits im Jahre 1955 in einer ehe­maligen Gaststätte eingerichtet worden. Dort standen ihm ein Saal, zwei Klubräume und ein Gaststättenraum zur Verfügung. Der Bedarf der ge­sellschaftlichen Organisationen an Sitzungs-, Tagungs- und Schulungs­räumen bewirkte, daß jene Räume in großem Umfange solchen Zwecken dienten. Das Bedürfnis nach kulturvoller Freizeitgestaltung mußte gegen­über den Aufgaben der Organisationen und der wirtschaftlichen Einrich­tungen manchmal etwas zurückstehen. Je mehr die sozialistische Kultur­revolution auch auf dem Lande immer größer werdende kulturelle Be­dürfnisse hervorrief, desto weniger genügten die vorhandenen Räume jenen Bedürfnissen. Mit der Übernahme der Räume im ehemaligen Schloß erhielt nun das Kulturhaus neben Verwaltungs- und Magazin­räumen zwei weitere modern eingerichtete Klubräume und einen Kam­mermusiksaal. Jetzt konnte es sich ungehemmt entfalten .Wenn in den einleitenden Betrachtungen gesagt wurde, daß im Kultur­haus die Kunst eine Heimstätte hat, so zeigt sich das am deutlichsten im Wirken der Volkskunstgruppen, die zum Kulturhaus gehören. Eine Bläser- und eine Zupfergruppe, eine Musikgruppe für Tanz- und Unter­haltungsmusik sowie ein gemischter Chor sind dort zu Hause. Dieses Ensemble hat schon eine ehrenvolle Geschichte, die mit dem Namen des verdienstvollen Musiklehrers und ersten Leiters des Kulturhauses Erich Eippert unlösbar verknüpft ist. Der Chor bildete sich bald nach dem zweiten Weltkrieg. Die weiteren Gruppen kamen nach und nach hinzu. Seine durch zielstrebige, unermüdliche Arbeit erworbene hohe Leistungsfähigkeit machte das Ensemble bald über die Grenzen Rathenows hinaus bekannt. Der Bauernkongreß in Potsdam, der Kongreß der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe in Schwerin, die Landwirt­schaftsausstellung in Leipzig-Markkleeberg, die Parkfestspiele in Sanssouci sind Stationen seiner Erfolge. Selbstverständlich fehlte es auch auf keiner größeren Volkskunstveranstaltung im Kreise Rathenow, z. B. den alljährlichen Festen der Volkskunst in Milow, dem Kienbergfest bei Prietzen und den Großveranstaltungen im Staatlichen Kulturhaus Rathenow.

Neben diesen Gruppen, die im eigenen Hause arbeiten, betreut das Staatliche Kulturhaus Nennhausen weitere 23 Gruppen in dem 16 Ge­meinden mit etwa 10 000 Einwohnern umfassenden Bereich der Motor-Traktor-Station Nennhausen. Jede dieser Gemeinden hat einen Dorf­klub, über den das Kulturhaus seine Aufgaben in den einzelnen Dörfern verwirklicht. 398 Veranstaltungen mit 17 771 Besuchern allein im Hause in Nennhausen sind die stolze Bilanz des Jahres 1961. Im ganzen MTS-Bereich wurden unter Mitwirkung des Kulturhauses 1517 Veranstal­tungen mit 58 548 Besuchern durchgeführt. Diese Zahl schließt die künst­lerischen und geselligen Veranstaltungen sowie die Kinovorstellungen in sich.

Auch Häuser haben ihre Geschichte. Wir erzählten einige Abschnitte aus der Geschichte des ehemaligen Herrenhauses und jetzigen Kultur­hauses in Nennhausen. Dabei erwähnten wir, daß das Haus bereits vor vielen Jahren eine kulturelle Bedeutung hatte. Aber welch ein Unter­schied besteht zwischen damals und heute. Damals war die kulturelle Betätigung auf den Kreis der „Herrschaft" beschränkt. Den Bauern und Landarbeitern, die die materiellen Voraussetzungen dafür schufen, blieb für ihre kulturellen Bedürfnisse die verräucherte Dorfkneipe. Erst die Arbeiter-und-Bauern-Macht vermochte Verhältnisse zu schaffen, die auch den Dorfbewohnern ermöglichen, an der Kultur, die sie durch ihre Arbeit mit hervorbringen, mit teilzunehmen. Das ist einer der Gründe, weshalb auch die Landbevölkerung fest zu unserem Staate der Arbeiter und Bauern steht.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1963 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


  Kommentare sind zu dieser Seite nicht vorhanden!

zurückSeite drucken
Regionale Dienstleister

Ausgewählte Dienstleister aus dem Havelland stellen sich vor

Werfen Sie einen Blick auf unser aktualisiertes Angebot!
 

 
© Havelland-Kiosk - All rights reserved - Powered by wodtke media