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Zur Geschichte der Rathenower Oberschule

von Oberstudienrat Dr. H. Schirrholz, Direktor der Erweiterten Karl-Marx-Oberschule

Wieviel Leid der zweite Weltkrieg über die Menschheit gebracht hat, ist zahlenmäßig den meisten bekannt, doch wird damit noch keine konkrete Vorstellung verbunden. Anders ist es schon, untersucht man eine Erscheinung in ihrer Reflexion auf die eigene Umwelt. Dann erhalten die Ziffern und Statistiken Leben. Jeder, der das Ende der faschistischen Herrschaft in Berlin miterlebte, kennt das Grauen, das der Endphase dieses Verderben bringenden Krieges innewohnte.

Das weiß auch der Bürger Rathenows, der miterleben musste, wie seine Stadt, die bislang vom Kriege nur wenig verspürt hatte, im April/Mai 1945 in Schutt und Asche sank, weil einige Verbrecher etliche Stunden länger leben wollten und dafür die Begeisterungsfähigkeit einer verhetzten Jugend nutzten. Als etwa die Hälfte der Häuser der Stadt in Flammen aufgegangen, im Bersten der Granaten in sich zusammengesunken war, befanden sich unter diesen mehr als 50 Prozent der Schulgebäude. Diese Feststellung reizt zu einem Gleichnis: Deutschland war nicht nur eine materielle, es war - und es bleibt problematisch, was schlimmer ist - es war auch eine geistige Wüste unter der Willkürherrschaft der Nazis geworden. Die Trümmer galt es wie den gesellschaftlichen Unrat gründlich zu beseitigen. Die antifaschistisch-demokratischen Kräfte, die nun das Zepter Oberschuleim Osten Deutschlands in die Hand bekamen, wussten sehr wohl um die Wichtigkeit und Bedeutung des Schulwesens. Hatten Generationen von deutschen Lehrern die Jugend der Nation verdorben, indem sie sie auf den Krieg als den Vater aller Dinge vorbereitet hatten - bei allen un¬bestrittenen Bildungserfolgen, die gerade an den höheren Schulen Deutschlands erzielt worden waren -, so sollte eine neue Lehrergeneration die Kinder des Volkes im Geiste des Friedens und der Völkerfreundschaft erziehen, der Hass auf Angehörige anderer Rassen und Nationen ausschließt. So richtig diese Absicht war, so schwer war sie zu verwirklichen, galt es doch nicht mehr und nicht weniger, als einen neuen Lehrerstand zu schaffen. Wie schwer, doch wie erfolgreich dieser Weg beschritten wurde, mag vielleicht in einem Aufsatz des nächsten Heimatkalenders beschrieben werden. Hier sei nur der Hinweis gestattet, dass in Rathenow das Schulwesen sich von manchem Lehrer trennen musste, der zu eng mit den Nazis verbunden gewesen war. Zudem fehlten - infolge des Krieges - viele Lehrkräfte, die entweder gefallen waren oder sich in den Kriegsgefangenenlagern befanden. Es waren also viele „Neulehrer“ erforderlich. Ihre ersten Schritte im Beruf taten sie unter Anleitung bewährter älterer, antifaschistischer Kollegen. Ich denke dabei gerade an den ehemaligen Rektor Zierenberg, den die Nazis für viele Jahre aus dem Beruf verbannt hatten, der vielen jungen Lehrern eine große Hilfe war.

Anders sah es in personeller Hinsicht an den Oberschulen aus. Das war ganz allgemein so, nicht nur in Rathenow. Die Oberschule, auf Grund ihres damals wesentlich höheren Niveaus als das der Grundschule, erforderte sorgfältig geschulte, akademisch ausgebildete Lehrkräfte. Als Ende 1945 die wenigen Schulen Rathenows ihre Pforten wieder öffneten, hatte sich daher an der Zusammensetzung des Kollegiums der Oberschule nicht sehr viel geändert.

Rathenow hatte bis zur Zerstörung über zwei Oberschulen verfügt, über das ehemalige Gymnasium, das nach der Schulreform von 1937 Staatliche Oberschule hieß, und die Oberschule für Mädchen. Letztere war aus dem ehemaligen Lyzeum in der Schleusenstraße hervorgegangen, hatte dann aber das Gebäude am Ebertring erhalten, das seit 1945 von der Roten Armee genutzt wird. Das alte Gymnasium war durch Kriegseinwirkungen bis auf die Grundmauern zerstört worden. Auf seinem Gelände erhebt sich heute das Gebäude der Neuen Schule. Die höheren Schulen RathenoDie Neue Schulews hatten vor 1945 einen guten Ruf genossen. Als der Unterricht wieder aufgenommen wurde, begann er für die Schüler beider Oberschulen in einem Flügel jenes Mammutschulbaus, der vor 1945 Jahnschule hieß. Dieses Provisorium - das ist keine Empfehlung für unsere Stadt - dauert noch heute an. Es ist schwierig für eine schulische Einrichtung, Gastschule zu sein. Zum Kollegium der Schule gehörten in der ersten Nachkriegszeit u. a. Prof. Felsch, Dr. Durhold, Dr. Gärtner, Studienrat Rabe, die Studienrätinnen Eichert, Eiselen, Gehlhaar, Dr. Sehl-Kusmin und Wiesenberg. Geleitet wurde der Lehrkörper von einem Dr. Weiler, von dem man persönlich so wenig wie von seinem Bildungsgang weiß. Auf die Gerüchte, die über ihn im Umlauf waren, sei hier nicht eingegangen, ebenso wenig auf die Ursachen seines Ausscheidens. Seine Nachfolge hatte die fachlich wie pädagogisch sehr befähigte Studienrätin Fräulein Wiesenberg übernommen.

Im Juni 1946 war das Gesetz über die „demokratische Schulreform“ angenommen worden. Gewiss, das Attribut „demokratisch“ wurde nach 1945 vielen Begriffen beigegeben. Kaum irgendwo war es jedoch mehr am Platze als bei diesem Gesetz, das mit einem der größten Übel der alten Zeit, mit dem Bildungsprivileg der Begüterten, brach. War der Besuch der früheren Oberschule grundsätzlich von der finanziellen Lage und der gesellschaftlichen Stellung der Eltern abhängig, so wurde hier der erste Schritt getan, um den Kindern der werktätigen Massen den Weg zu höherer Bildung zu erschließen. Im Zuge dieser Entwicklung war auch die Umwandlung der Rathenower Oberschule in eine ,,12stufige Einheitsschule“ erfolgt, darin den Gedanken der Einheit des Bildungswesens zum Ausdruck bringend, der im Schulgesetz enthalten ist. Dies bedeutete für Rathenow, dass ein Schultyp entstand, in dem sowohl Schulanfänger wie Oberschüler unterrichtet wurden. Das hat zwar ernste Mängel für die Verwaltung und Leitung der Schule, die notgedrungen zur Mammutschule wurde, doch war der Gedanke, der diesem Gebilde zugrunde lag, richtig.

Das Kollegium umfasste etwa 40 Lehrkräfte, unter ihnen sehr viele Neulehrer. Bei dem sehr verschiedenen Bildungsgang der letzteren, bei dem Abgang, der Pensionierung einer Reihe älterer Kollegen, besonders auch des Oberschulteils, herrschte daher im Kollegium eine erhebliche Fluktuation. Ähnlich sah es in der Schulleitung aus. Bis 1951 gaben sich eine Reihe von Direktoren die Klinke ihres Zimmers in die Hand. Die Schule, die Anfang 1949 den verpflichtenden Namen des großen Deutschen „Karl Marx“ trägt, wurde anfangs, wie schon dargelegt, von Dr. Weiler, danach von Fräulein Wiesenberg geleitet. Sie wurde von Herrn Gerhard Dannehl 1948 abgelöst, einem Neulehrer, der aus seinem früheren Beruf vor allem Verwaltungskenntnisse mitbrachte, die ihm sein gewiss schweres Amt erleichterten. Er leitete die Karl-Marx-Schule bis 1950. Unter seiner Amtszeit erfolgten erhebliche Veränderungen, die der Schule ein neues Gesicht gaben: Die soziale ZusaJahn-Schulemmensetzung der Schüler begann sich grundlegend zu verändern; viele Lehrkräfte der Oberstufe wurden durch junge Kollegen ersetzt, durch Neulehrer, die sich im Grundschulteil bewährt, autodidaktisch und durch Lehrgänge qualifiziert hatten. Es waren Jahre härtester Arbeit, von der sich die jungen Lehrer, die heute von den Ausbildungsstätten, in denen sie jahrelang auf den Lehrerberuf vorbereitet wurden, kommen, kaum einen Begriff machen. Der Neulehrer war Lernender und Lehrender in einer Person. Viele waren den schweren Weg des Kriegsteilnehmers und Kriegsgefangenen gegangen, dann im „Schnellverfahren“, in 6 bis 12 Monate dauernden Lehrgängen auf den Beruf vorbereitet worden. Als Schulamtsbewerber versahen sie ihren Dienst, unterrichteten 32 bis 34 Stunden wöchentlich, bereiteten sich - ohne Bücher, ohne ausreichend Papier, ohne übersichtliche Lehrpläne - auf den Unterricht vor sowie auf die erste bzw. zweite Lehrerprüfung, wofür sie wöchentlich einen Ausbildungsnachmittag besuchten. Dort zehrten sie vom Wissen und Können der älteren Kollegen, die sich selbstlos zur Verfügung stellten. Ihnen sei Dank! Sie erhielten dafür keinen Pfennig, genauso wenig wie irgendein Lehrer für zusätzliche Unterrichtsstunden bezahlt wurde. Honorierte Vertretungsstunden gab es nicht. Statt dessen fungierte der Lehrer als Verteiler „grauer Brötchen“ für seine Schüler, kontrollierte, ob auch jedes Kind seinen Napf voll dünner Suppe erhielt, war auch wohl noch als „Schuhobmann“ eingesetzt - und hatte selbst einen leeren Magen, besaß kaum einen vernünftigen Anzug, unterrichtete gar oft noch im umgefärbten Militärrock - und besaß dennoch jenen Elan, jene Tatkraft, jenen Willen zum Aufbau einer wirklich demokratischen Schule, dass man sich heute - etwas bitter - fragt, wo seid ihr geblieben, ihr guten Eigenschaften? Hinzugefügt sei noch, dass die Lehrergehälter seinerzeit sehr schmal waren. Der Verfasser dieses Artikels weiß noch sehr gut, dass sein erstes Gehalt nur etwas über 200 Mark betrug. Dabei denke man noch einmal an die Preise auf dem Schwarzen Markt! Zu den Erscheinungen jener Jahre gehörte auch, dass sich unter der Schülerschaft politisch aktive Gruppen bildeten, die der neu gegründeten FDJ angehörten, und Einfluss auf das schulische Geschehen nahmen und sich mit veraltetem oder gar reaktionärem Gedankengut auseinandersetzten. Dass dabei auch Porzellan zerschlagen wurde, liegt im Wesen dieses Umbruchs in der Nachkriegszeit. Diese Auseinandersetzung fand ihren Höhepunkt in den Lehrerkonferenzen und in der Lehrerweiterbildung. Progressive und veraltete Ansichten stritten oft erbittert miteinander, doch wurde dieser Kampf meist fair und mit der nötigen Toleranz geführt. Allerdings war das nicht immer der Fall, und auch das ist wohl ein dialektisches Ergebnis einer Übergangszeit.

Unter dem damaligen Schulleiter Dannehl wurden seitens der örtlichen Organe für Schüler das erste Mal in der Geschichte der höheren deutschen Schule Stipendien gezahlt, wenn soziale Bedürftigkeit vorlag. Vielen Schülern wurde das monatliche Schulgeld in Höhe von 20 Mark erlassen. Das war etwas politisch wie sozial außerordentlich Bedeutungsvolles. Die Weimarer Verfassung hatte auch - auf dem Papier - allen Kindern des Volkes, gleich welcher Herkunft, den Weg zu den höheren Bildungsstätten gestattet - aber nicht wirtschaftlich ermöglicht. So blieb der entsprechende Artikel der Verfassung eine platonische Liebeserklärung; nach wie vor blieb die Oberschule, wie noch heute in der Bundesrepublik, eine Domäne des Bürgertums, von der der Arbeiterjunge zwar nicht juristisch, aber ökonomisch im Wesentlichen ausgeschlossen war. Der Prozentsatz an Arbeiter- und Bauernkindern betrug vor 1945 unter den Oberschülern weniger als 5 Prozent. In den Jahren 1948 bis 1950 erhöhte er sich an der Rathenower Schule auf etwa 30 Prozent; Mitte der 50er Jahre waren es um 60 Prozent und gegenwärtig sind es 66 Prozent. Das entspricht der sozialen Zusammensetzung der Bevölkerung. In den folgenden Jahren - nach 1950 - wurden an der Rathenower Oberschule monatlich etwa 6 000 bis 8 000 DM an Unterhaltsbeihilfen gezahlt. Das Schulgeld entfiel gänzlich.

Herr Dannehl verließ unsere Schule 1950, um eine andere zu überneh¬men. Das Schuljahr 1950/51 war eine Art Interregnum, da zunächst Herr Wolfsheimer, ein Lehrer für Naturwissenschaften, die Schule leitete, der dann aber bald an die ABF als Dozent berufen wurde. Ihm folgte - ebenfalls kommissarisch - der Geschichtslehrer Karl-Heinz Hartig, der mit außerordentlichem Fleiß die riesige Schule zu leiten wusste. Sie überforderte jedoch die Kräfte eines einzelnen. So wurde Anfang 1951 dem Verfasser dieses Aufsatzes, seinerzeit Rektor der Bruno-Bürgel-Schule in Rathenow, die Leitung der Karl-Marx-Schule übertragen und Herr Hartig als stellvertretender Direktor eingesetzt.

In diesem Schuljahr erfolgte die Trennung der bisher nach einem einheitlichen Lehrplan unterrichteten Schülerschaft in einen naturwissenschaftlichen und einen neusprachlichen Zweig. Wurde in dem ersteren in verstärktem Maße naturwissenschaftlich (mehr Mathematik, Physik, Chemie und Biologie), aber dafür nur in 2 Sprachen (Russisch und Englisch) unterrichtet, so erhielt der Schüler des letzteren eine stärker geisteswissenschaftlich betonte Ausbildung, wobei die Sprachen Russisch, Englisch und Latein einen großen Raum einnehmen. Diese Ausbildungsrichtungen bestehen noch heute, beide vermitteln ein absolut gleichwertiges Abitur und sind im Grunde genommen gleichermaßen gut als Voraussetzung für das Hochschulstudium geeignet.

Da sich die organisatorische Einheit des Grund- und Oberschulteils wenig bewährt hatte, strebte der neue Direktor die Aufteilung in Duncker-Gymnasiumzwei selbständige Schulen an, die zum l. September 1951 erfolgte. Es entstand die Karl-Marx-Grundschule. Sie ist später mit der Bruno-Bürgel-Schule zusammengelegt worden, die dann 1959 in der Friedrich-Engels-Schule aufgegangen ist. Bestehen blieb in ihrer 1951 geschaffenen Struktur die Karl-Marx-Oberschule, die, seit die ehemaligen Grundschulen zu 10-klassigen polytechnischen Oberschulen ausgebaut werden, die Bezeichnung „Erweiterte Oberschule“ trägt. Das war 1959. Seit etwa 10 Jahren hat diese Schule im Durchschnitt 12 Klassen zu unterrichten, jeweils drei Parallelklassen von der 9. Klasse bis zur 12. Die Schülerzahl bewegte sich in diesem Jahrzehnt stets um 300. In den letzten Jahren ist sie als Ergebnis der geburtenarmen Jahrgänge 1944 bis 1947 um mehr als 50 abgesunken. Seit kurzem ist wieder eine steigende Tendenz zu beobachten. 1946 und 1947 wurde nur je eine Klasse zum Abitur geführt. Von 1947 bis 1953 waren es jährlich zwei Klassen, 1954 drei und 1955 gar vier Klassen. Es war dies der bisher stärkste Abiturjahrgang (68 Abiturienten). Seit 1956 haben sich dann - mit Ausnahme von 1957, als es nur zwei waren - in jedem Jahr drei Klassen der Reifeprüfung gestellt.

Der Jahrgang 1961 war der zahlenmäßig stärkste Abiturjahrgang nicht nur nach dem Kriege, sondern in der Geschichte unserer Stadt überhaupt. Und dies dürfte er mit seinen 77 Abiturienten wohl auch für längere Zeit bleiben.

Die besten Schüler in den einzelnen Jahrgängen waren: 1946: Krafft Zucker, Wilhelm Pritzkow, 1947: Heinz Dürselen, 1948: Frithjof Kunz, 1949: Gisela Kraft, Gerhard Schönberg, der nach dem Studium auch als Lehrer an unserer Schule tätig war, 1950: Hans Möhring, 1951: Wolfgang Fürst, 1952: Hans-Georg Liebsch, Werner Wons, 1953: Kuno Hellberg, Joseph Wadas, 1954: Marlit Börsch, Waltraut Ziem, die von 1958 bis 1961 an unserer Schule unterrichtete, 1955: Inge Lühmann, Inge Steinfurth, 1956: Waltraut Böttcher, Hartmut Schulz, Wolfgang Strehlow, 1957: Inge Grunske, 1958: Winfried Baeker, Barbara Schulz, 1959: Ellen Buchholz, Sabine Rothenberg, Karin Siegel, 1960: Christine Bretthauer, Eckhard Fehlberg, Dieter Thiele, 1961: Marlies Frommhagen, Manfred Glende, Gerlinde Sperle.

Insgesamt hat unsere Schule von 1946 bis 1961 673 Abiturienten ins Leben entlassen. Viele von ihnen stehen als junge Wissenschaftler, Lehrer, Ärzte und Ingenieure, auch als Offiziere und Staatsfunktionäre, ihren Mann. Einige sind - außer den schon genannten - nach ihrem Studium als Lehrer an unsere Schule zurückgekehrt: D. Rösicke (Abitur 1955), L. Seeger (1956), E. Steingräber (1955), H. Tressel (1952). Gemeinsam arbeiten sie mit ihren ehemaligen Lehrern, ihren Kollegen, an der Erziehung und Bildung der Jugend.

Wir haben in vielen Jahren feststellen können, dass unsere Abiturienten recht gern von den Universitäten immatrikuliert werden, da sie über einen soliden Leistungsstand verfügen. So sind die Fälle selten, dass jemand, der sein Studium aufgenommen hat, es nicht durchstand. Mit vielen ehemaligen Abiturienten verbinden die Lehrerschaft der Schule noch manche enge persönliche Beziehung und Kameradschaft, was sich nicht zuletzt in den seit 1955 jährlich durchgeführten Traditionstreffen äußert. Sicher, es gibt auch andere ehemalige Schüler, die keinerlei Bindung mehr zur Schule haben und ihre Lehrer nicht mehr kennen. Doch wo gäbe es Erscheinungen ähnlicher Art wohl nicht? Sie zählen nicht stark.
Das Gesicht des Kollegiums hat seit Anfang der 50er Jahre recht feste Züge angenommen. Die Schulleitung setzt sich, mit Ausnahme der Jahre 1953 bis 1955,  in der ein Herr Walter Schmidtke die Funktion des Direktors ausübte, da sich der Verfasser an der Berliner Humboldt-Universität befand, aus ihm und seinem nun schon 10 Jahre amtierenden Stellvertreter, dem Biologen Oberlehrer Horst Lichtenberg, zusammen. Zum Stamm des Kollegiums gehören bei den Naturwissenschaftlern die Her¬ren Just, Mede und Frau Moritz, bei den Geisteswissenschaftlern Frau Jahnschule Westflügel zerstörtSchirrholz, geb. Großmann, und Frau Seeger, geb. Großmann, gegenwärtig am Deutschen Gymnasium in Bulgarien, die beide 1947 ihr Abitur an unserer Schule abgelegt hatten, und der Verfasser selbst. Über ein Jahrzehnt wirkt schon an unserer Schule der Sportlehrer Herr Lorenz. Mehrere Jahre unterrichtete hier die Anglistin Fräulein Vater, die dann in die Schulinspektion überwechselte. Der ehemalige Lateinlehrer der Schule, Herr Tiedemann, hat 1953 die Republik verlassen, der einzige in der Zeit von 1949 bis 1961. Herr Holzendorf, Herr Lingelbach, Frau Meyer, Herr Oelschläger, Herr Sparmann, Fräulein Scheele, um nur einige zu nennen, unterrichteten einige Jahre an der Schule, vorwiegend in der ersten Hälfte der 50er Jahre. Sie wurden in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrzehnts ersetzt durch die noch jetzt amtierenden Kollegen, die Herren Balzer, Bennclorf, Hennings und Hörn, Frau Hörn, Herrn Oberlehrer Mahnkopf, Frau Muchin und unsere ehemaligen, oben genannten Schüler. Diese Aufzeichnung wäre unvollständig, erwähnte sie nicht noch unsere „Alterspräsidentin“, Fräulein Engel, die, obwohl schon seit vielen Jahren pensioniert, unserer Schule immer wieder zur Hilfe eilt, wenn Personalmangel vorliegt - und das ist gar oft der Fall. Der Tod hat uns zwei sehr liebe und befähigte Kollegen entrissen: B. Schulz 1953 und O. Klein 1957. Fast ein Jahrzehnt wirkte in pflichtbewusstester Weise an unserer Schule Dr. Harry Münchow, der jetzt in Brandenburg, seiner Heimatstadt, tätig ist.

Da wir schon bei personellen Erscheinungen sind, muss noch der Schulsekretärin Frau Knütter gedacht werden, die, nach dem Weggang von Frau Klimek, seit 1949 in selbstloser Weise der Verwaltung vorsteht. 15 Jahre gehörte dann zur Besetzung der Schule das von uns allen hochgeschätzte Hausmeisterehepaar Börsen, das seit 1960 seinen wohlverdienten, beschaulichen Lebensabend führt, doch an kaum einer größeren Veranstaltung des Kollegiums fehlt. Mit dem gegenwärtigen Hausmeisterehepaar Steffen ist uns jedoch gleichfalls wieder ein sehr glücklicher Griff gelungen.
Vieles wäre aus dem schulischen Leben der letzten 17 Jahre zu berichten, es muss aber bei den wenigen Andeutungen bleiben, die hier um weniges noch ergänzt werden sollen.

Den Höhepunkt des Schuljahres bildet die Reifeprüfung. Die feierliche Entlassung des Jahrgangs erfolgt - da eine Aula fehlt - seit einigen Jahren in dem sehr repräsentativen Blauen Saal des Kulturhauses. Er ist der rechte Rahmen für die mit viel Liebe und Fleiß vorbereitete Feierstunde, die in der Regel ein gutes Niveau, zeigt. Während der großen Ferien pflegen die meisten unserer Schüler in den volkseigenen oder genossenschaftlichen Betrieben einige Wochen lang zu arbeiten. Sie helfen den Arbeitskräftemangel während der Urlaubssaison ein wenig lindern, vollbringen dabei also gesellschaftlich nützliche Arbeit. Gleichzeitig verdienen sie sich dabei eine nicht geringe Summe Geldes, das sie für Anschaffungen (nicht für Schulbücher, die erhalten die 86 Stipendienempfänger kostenlos vom Staat)Weinberg-Schule und private Reisen nutzen. Seit Jahren arbeiten unsere Jungen außerdem je 14 Tage im Rhin-Havel-Luch, um „Neuland“ gewinnen zu helfen. Überhaupt besitzen unsere Schüler viel Betriebsnähe, besonders seit der seinerzeit sehr umstrittenen Einführung des „Unterrichtstages in der Produktion“ (wöchentlich vier Stunden). Heute, besonders seit 1960 für die Klassen 10 bis 12 die berufliche Grundausbildung eingeführt worden ist, besteht an seinem Wert kein Zweifel mehr. In unserem uns sehr unterstützenden Patenbetrieb ROW, in dem Chemiefaserwerk Premnitz, im Werkzeugmaschinenbau Mögelin, im VEG Albertsheim und im Kreisbaubetrieb werden unsere Schüler vorbildlich betreut und auf die spätere Facharbeiterprüfung vorbereitet. Das Gerede von der „Kinderarbeit“ ist Geschwätz. Man frage unsere Schüler selbst, dann erhält man die richtige Antwort.

Bei dieser offenbar sehr naturwissenschaftlich ausgerichteten Ausbildung wird die musische Seite keinesfalls vergessen. Zum Bild unserer Schule gehört der leistungsstarke, bekannte Chor, den unser Musiklehrer H. Tressel vor 6 Jahren ins Leben rief. Er hat sich durch seine Qualität einen so guten Namen gemacht, dass der Chor gar nicht allen Aufforderungen zum Singen nachkommen kann. Ein Drittel der Schülerschaft verbringt - freiwillig - viele Stunden bei Proben und Auftritten. Dieser unser Schulchor hat einen berühmten Vorgänger, der um 1950, zur Zeit des 1. Deutschlandtreffens, sowie 1951, als die Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin stattfanden, wo er das DDR-Programm mitgestaltete, seine Blütezeit erlebte. Geleitet wurde er von ehemaligen Schülern, späteren Lehrern, Lilian Schmidt und danach Heinz-Dieter Nachtigall. Dieser Chor, der durch Jugendliche aus den Betrieben verstärkt wurde, gehörte später nicht mehr zur Schule, sondern existierte als FDJ-Chor der Stadt Rathenow. Gleichwohl sind aus ihm viele unserer besten Schüler und Funktionäre des Jugendvorstandes hervorgegangen, von denen heute manche in verantwortlichen Positionen arbeiten. Das musische Klima ist auch durch häufige Theater- und Konzertbesuche bestimmt. Wenn die Berliner Städtischen Sinfoniker in Rathenow gastieren, sind fast alle Schüler unter den begeisterten Zuhörern. Sogar die Staatsoper in Berlin ist Ziel häufiger Besuche, die durch ein seit Jahren schon bestehendes Anrecht geregelt werden. Nicht zuletzt drücken sich das Verständnis und die Freude an der Kunst in den oft recht guten darstellenden Arbeiten aus, die im Kunsterziehungsunterricht unter Leitung des stellvertretenden Direktors entstehen.

Freude und Frohsinn atmen auch die Faschings- und Schülerbälle, die unter Regie des 11. Jahrgangs in jedem Tertial veranstaltet werden. Auch feiern die Klassen oft recht originell inszenierte Klassenfeste. Alles geschieht gemeinsam mit den Lehrern. Dies und die vielen gemeinsamen Wanderungen und Fahrten, die Schüler und Klassenlehrer an den Wandertagen, vor allem aber in den großen Ferien, durchführen, sind Grundlagen jenes guten Verhältnisses, das in der Schule herrscht. Höhepunkt der Wanderungen ist dann die Skifahrt der angehenden Abiturienten jedes Jahrgangs, die uns für 14 Tage nach Arnsfeld ins Erzgebirge führt. Doch darf nur der daran teilnehmen, für dessen Abitur keine Gefahr besteht.

Abschließend sei noch der engen Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat gedacht. Gemeinsam mit den Lehrkräften regelt er in ebenso verantwortungsbewusster wie taktvoller Art das schulische Geschehen. Das ist nicht zuletzt das Verdienst seiner Vorsitzenden. In der ersten Hälfte der 50er Jahre war dies der Mechanikermeister Herr B. Jakobs, und nun übt schon im 6. Jahr der kaufmännische Direktor der ROW, Herr W. Osterburg, diese wichtige Funktion aus.

Viel Schönes und Erfreuliches wurde hier erwähnt. Es wäre falsch, zu glauben, wir hätten nicht auch Tiefpunkte und schwere Stunden erlebt. Es gab derer manches Mal sogar zu viele. Seit einigen Jahren hat zudem das Maß an beruflicher und gesellschaftlicher Belastung unserer Lehrer einen Umfang angenommen, dass man manchmal besorgt den Gesundheitszustand seiner Kollegen betrachtet. Wenn dennoch zielstrebig und tüchtig, mit gutem Erfolg, gearbeitet wird, so spricht dies von der hohen Arbeitsmoral und dem beruflichen Ethos des Kollegiums.
 
Dieser Beitrag wurde im Rathenower Heimatkalender von 1963 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 12.11.07 von Robby Schmalz

Anmerkung der Redaktion: In den Sommerferien 1964 zog die EOS "Karl-Marx" in die Schleusenstraßen, in das Gebäude des ehemaligen Rathenower Lyzeums. Aus diesem Schulstandort  wurde nach 1990 das "Duncker- Gymnasium"  Im Sommer 2007  fusionierten das Duncker- Gymnasium und das Jahn- Gymnaisum am Standort des Jahn-Gymnasiums am Standort F.-Ebert-Ring/ Jahnstraße. Damit wurde der gymnasiale Schulzweig in Rathenow wieder komplett zum Ausgangspunkt, der Jahn-Schule, zurückgeführt.

 


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