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Der Gräninger Spring

von W. Fischer

Quellen entstehen dort, wo wasserstauende Bodenschichten die Erdoberfläche schneiden. Sie sind es, die unsere Bäche und Flüsse mit ihrem Wasser speisen. Wegen der Reinheit und Frische des Quellwassers, der reichen Tier- und Pflan­zenwelt in ihrer Umgebung gelten sie als Symbol des unerschöpflichen Lebens. Sie spielen daher in der Volkskunde eine große Rolle und begegnen uns in vielen Sagen, Märchen, Gedichten, Volksliedern und Malereien. In unserer Hei­matlandschaft sind die Quellen seltener geworden. Viele sind infolge der Absenkung und der starken Inanspruchnahme des Grundwassers versiegt und verschwunden.

Nach der Art des Wasseraustritts aus dem Boden unterscheiden wir drei Quell­typen: Bei dem Sturz- oder Sprudelquellen bricht das Wasser mit großer Kraft hervor und fließt schnell ab. Bei der Tümpelquelle sammelt sich das Wasser in einer Mulde und ergießt sich über dessen Rand in einen Bach. Am verbreitetsten bei uns im Flachland sind die Sicker- oder Sumpfquellen, deren Wasser weite Erdschichten durchsickern und in einen Quellsumpf verwandeln, der nur langsam entwässert.

Der Gräninger Spring am Osthang des Gräninger Berges (83 m), etwa 1000 m südlich des Dorfes Gräningen, ist eine typische Tümpelquelle. Sie muß jedoch früher mal eine Strudelquelle gewesen sein, denn sie hat eine ansehnliche Quellnische mit steilen Rändern aus dem Berghang herauserodiert. Heute liegt der Quellaustritt, der auch als Quellmund bezeichnet wird, am Grunde dieser Nische auf halber Bergeshöhe, und das hervorquellende Wasser füllt einen etwa 20mal 25 m großen Tümpel über morastigem Untergrund an. Am südlichen Uferrand des Quelltümpels liegt die Abflußstelle. Hier ergießt sich das reine und sauerstoffreiche Wasser in ein Rinnsal von 1-2 m Breite, das mit grobem ausgewaschenem Kies ausgefüllt ist, da alle feineren Bodenteilchen schnell fort­geschwemmt werden. In diesem Rinnsal, das das kalte, klare Quellwasser mit starkem Gefälle bergabwärts, führt, herrschen Lebensbedingungen wie in einer Sprudelquelle. Das Quellwasser selbst zeichnet sich durch die während des ganzen Jahres fast gleich bleibende Temperatur aus, die im Winter als warm, im Sommer als sehr kalt empfunden wird. Es gefriert im Winter auch nicht, weshalb die echten Quellpflanzen auch das ganze Jahr hindurch grün und frisch erscheinen.

Hier wachsen Quellpflanzen wie Bitteres Schaumkraut (Cardamine amara), Bachbunge (Veronica beccabunga), Flügel-Braunwurz (Scrophularia alata), Wasserminze (Metha aquatica), Kriechender Hahnenfuß (Ranunculus repens), eine Varietät des Ackerschachtelhalms (Equisetum arvense var. nemorale) und das Bach-Kurzbüchsenmoos (Brachythecium rivulare). Am Rande treten weitere feuchtigkeitsliebende Arten unserer Moore und Bachufer auf wie das Sumpf-Vergißmeinnicht (Myosotis palustris), Flügel-Johanniskraut (Hypericum acutum), Engelswurz (Angelice silvestris), Sumpf-Kratzdistel (Cirsium palustre) und Rohr-Glanzgras (Phalaris arundinacea). Die Ränder des Quelltümpels sind wegen ihrer Steilheit und lockeren Humusschicht schwer begehbar. Hier wachsen im Schatten hoher Laubbäume Schwarzpappeln, Hainbuchen und Buchen, einige Vertreter der Laubwaldflora. Dichtes Gebüsch, aus einheimischen Arten wie Faulbaum, Eberesche, Holunder, Brombeere und Hundsrose sowie ange­pflanzten fremdländischen Arten wie Flieder, Pfeifenstrauch, Spiersträucher (Spirea) bestehend, breitet sich zu beiden Seiten der Abflußrinne aus. Die Was­serflora des Tümpels selbst ist noch nicht näher untersucht. Die auf der Ober­fläche des Wassers flottierenden Wasserlinsen (Lemma minor) fallen auf. Die tierische Lebewelt des Quellwassers ist ebenfalls reich, bietet doch sein hoher Sauerstoffgehalt günstigste Bedingungen für die Kiemenatmung. Bach-Floh­krebse, Wasserasseln, Libellen, Steinfliegen- und Zuckmückenlarven und Was­serwanzen bevölkern den Quelltümpel. Eine weitere Eigentümlichkeit des Grä­ninger Spring ist der kurze Lauf des Quellbaches, der nach 250 m Länge wieder in den Boden versiegt an einer versteckten, von Gebüsch umstandenen Sumpffläche von wenigen Quadratmetern. Hier bildet das Weiße Straußgras (Agrostis alba) einen Flutrasen und hohe Brennesselstauden umsäumen diesen. Quellwasserrinnen, die nach mehr oder weniger langem Lauf wieder ins Erdreich verschwinden und ins Grundwasser übertreten, sind keine allzu seltene Er­scheinung. Sie werden oft als „Verlorenes Wasser“ bezeichnet. Wegen ihres wissenschaftlichen und heimatkundlichen Wertes wurde diese Quelle als Na­turdenkmal (Flächennaturdenkmal) unter Schutz gestellt. Sie sollte ein vorzügliches Wanderziel unserer Jugend sein. Wer dem Gräninger Spring einen Besuch abstattet, der sollte es nicht versäumen, die wenigen Schritte auf die Spitze des Berges zu wagen. Von hier hat man eine überraschend schöne Aus­sicht auf große Teile des Havellandes. Im Osten auf die weite Niederung des Großen Havelländischen Luches bis Nauen, im Süden auf die Kirchtürme von Pritzerbe und Brandenburg im Haveltal, im Westen auf Rathenow und die bewaldeten Höhen des Jerichower Landes im Elbhavelwinkel, im Norden schließ­lich auf die Waldhügel des Rhinower und Nennhäuser Ländchens. Hier befindet sich auf dem Hohen Rott bei Stechow auch eine Quelle, die jedoch während des größten Teiles des Jahres trocken liegt und nur noch wenig Wasser spendet.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1965 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen. 

Redaktionell bearbeitet von Michael Borgmeier


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