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Otto Lilienthal

von Walther Oelert

Die Sehnsucht der Menschen, frei wie der Vogel in der Luft zu schweben, ist so alt wie die Menschheit selbst. Die griechische Sage berichtet von den Versuchen des Ikarus, sich zu lichten Höhen emporzuschwingen, die mit einem jähen Absturz endeten. Auch das große Universalgenie des Mittelalters, Leonardo da Vinci beschäftigte sich mit diesem Problem. Dreihundert Jahre später stürzte der Schneider von Ulm, Albrecht Berblinger, mit seinem Flugapparat in die Donau, aus der er nur mit Mühe und Not gerettet werden konnte. Im Jahre 1783 stieg der Franzose Montgolfier mit seinem von heißer Luft getragenen Ballon in die Höhe. Den uralten Traum der Menschheit, das vogelähnliche Fliegen zu ver­wirklichen, blieb Otto Lilienthal vorbehalten.

Er wurde am 23. Mai 1848 geboren. Mit 13 Jahren verlor er den Vater. Die feingeistige Mutter war dadurch vor die Notwendigkeit gestellt, den Lebens­unterhalt für die Familie — es waren noch der Bruder Gustav und die Schwe­ster Marie da, — mit eigener Arbeit zu erwerben. Sie ermöglichte es auch unter persönlichen Entbehrungen, daß die Kinder das Anklamer Gymnasium be­suchen konnten.
Bei den Jungen zeigte sich, frühzeitig ein starkes Interesse für die Technik. Otto besuchte deswegen die Gewerbeschule in Potsdam. Nach­dem er sie mit guten Zeugnissen verlassen hatte, nahm er eine Beschäftigung bei der Fa. Schwartzkopf, Berlin, auf, einmal um sich praktische Fähigkeiten anzueignen und zum anderen, um sich Geld für sein weiteres Studium zu ver­dienen, das er 1867 an der Gewerbeakademie in Berlin aufnahm. Allerdings wurden die Ersparnisse nicht so reichlich, daß sie ihn vor dem damals entbeh­rungsreichen Leben eines mittellosen Studenten hätten bewahren können. Er mußte zum Beispiel eine jener Schlafstellen in Anspruch nehmen, in denen, wie man sagte, das Bett nicht kalt wurde, weil zwei Schlafburschen es abwech­selnd benutzten. Es war ihm deshalb lieb, daß er dieses Schicksal bald mit sei­nem Bruder teilen konnte, der nach Berlin gekommen war, um sich an der Bauakademie als Architekt auszubilden. Gustav konnte sogar durch den Ver­kauf seines Tretrades zu dem gemeinsamen Lebensunterhalt beisteuern. Dieses „Tretrad zur Beförderung eines Fahrgastes“ wie Gustav auf die von ihm ent­worfene Konstruktionszeichnung geschrieben hatte, war von den Brüdern ge­meinsam gebaut worden, als sie noch Schüler waren.

Nach Beendigung seines Studiums leistete Otto seinen Militärdienst ab und trat dann als Ingenieur in eine Maschinenfabrik ein. Jetzt hatte er ein gesicher­tes Einkommen, zumal der Hang zum Tüfteln, der ihn schon in der Schulzeit mit seinem Bruder verband, zu einer Reihe von Erfindungen führte. Eine Schrämmaschine brachte ihm allerdings, wohl infolge der Wirtschaftskrise in den Gründerjahren, wenig Gewinn. Aber auch seine Unerfahrenheit in ge­schäftlichen Dingen möchte dazu beigetragen haben. Um eine andere Erfin­dung nämlich, dem Anker-Steinbaukasten, waren die Brüder in raffinierter Weise betrogen worden. Der Hersteller, die Fa. Friedrich Richter in Rudolstadt, verdiente ein Vermögen daran.

Nach langjährigen Versuchen konstruierte Otto Lilienthal einen Schlangenrohr-Dampfkessel, der den Bau einer Dampfmaschine für kleinere und mittlere Betriebe ermöglichte. Hierauf sicherte er sich ein Patent und gründete zu des­sen Verwertung eine eigene Maschinenfabrik. Mit dieser Erfindung hatte er mehr Erfolg, denn sie entsprach einem fühlbaren Bedürfnis. Weitere Patente, zum Beispiel eine Verbesserung seines Schlangenrohrkessels, der Bau von Nebel­hörnern, für die er einen großen Absatz fand, sicherten ihm einen bescheidenen Wohlstand, so daß er sich schließlich ein kleines Eigenheim in der Nähe seiner Fabrik in Lichterfelde einrichten konnte. Seinen Bruder Gustav, der inzwischen ein angesehener Architekt geworden war, unterstützte er bei der Verwertung von einigen Erfindungen auf dessen Spezialgebiet Kinderspielzeug. Ein Rechen­apparat und ein Metallbaukasten von ihm waren weit verbreitet.

Die Tatsache, daß Otto Lilienthal während seiner Studienjahre die sozialen Verhältnisse in den Arbeitervierteln Berlins aus eigenem Erleben kennengelernt hatte, trug dazu bei, daß er als Fabrikbesitzer nicht zum Ausbeuter wurde. Er beteiligte seine Arbeiter am Gewinn seines Unternehmens. Auch um die He­bung des kulturellen Niveaus der unbemittelten Bevölkerung bemühte er sich. Indem er sich mit größeren finanziellen Mitteln an dem „Berliner Ostendtheater“ (das spätere Rose-Theater) beteiligte, trug er dazu bei, daß diese Kulturstätte zu einem echten Volkstheater mit für jeden erschwingliche Eintrittspreise werden konnte. Der „Freien Volksbühne“ stand er ebenfalls nahe. Eine Auf­führung von Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ erschütterte ihn so, daß er da­durch angeregt wurde, selbst zur Feder zu greifen. Aus eigenem Erleben schöpfte er die Gedanken für ein zeitkritisches Werk mit dem Titel „Moderne Raub­ritter“.

Vor allem aber gestatteten ihm nun seine Lebensverhältnisse, seinen Jugend­traum, den vogelähnlichen Flug des Menschen, zu verwirklichen. Ein aben­teuerliches Jugendbuch hatte den beiden Brüdern den Anstoß dazu gegeben, sich näher mit dem Vogelflug zu befassen. Seitdem ließ sie der Gedanke nicht los, daß es auch dem Menschen möglich sein müsse, sich in die Lüfte zu er­heben, wenn es ihm gelänge, den Vogelflug nachzuahmen.

Schon als Schüler machten sie ihre ersten Flugversuche. Auf dem Dachboden des Elternhauses hatten die Brüder ihre Werkstatt eingerichtet. Der erste Appa­rat bestand aus einem Flügelpaar aus Buchenstäben, die annähernd rechteckig angeordnet und mit Stoff bespannt waren. Sie wurden am Rumpf befestigt und mit den Armen bewegt. Daß der erste Versuch kaum rühmlicher endete als der des Schneiders von Ulm, schreckte die beiden nicht ab. Sie versuchten es mit anderen Formen und anderen Bespannungen. Einmal verwandten sie dazu Gänsefedern. Dann konstruierten sie einen Schwingenmechanismus mit drei Flügelpaaren, die sich gegenläufig bewegen ließen. Er wurde mit der stär­keren Kraft der Beine bewegt. Auch dieser Apparat lieferte keinen genügenden Auftrieb. Die Erfolglosigkeit all dieser Versuche und das weitere nun auf wissenschaftlicher Grundlage betriebene Studium des Vogelfluges führte zu der Erkenntnis, daß die Muskelkraft allein nicht ausreicht, um den Menschen in die Luft zu erheben.

Während seiner Militärzeit hatte Otto Gelegenheit, sich auch mit dem Fliegen „leichter als Luft“ auseinanderzusetzen. Sein Truppenteil war mit zur Belage­rung von Paris kommandiert gewesen. Otto beobachtete die Luftballons, die die Franzosen aus der belagerten Stadt aufsteigen ließen, um die Verbindung mit den unbesetzten Gebieten Frankreichs aufrecht zu erhalten. Er sah wohl viele Ballons heraus-, aber keinen hineinfliegen. Die Ballons waren Spielbälle des Windes, dem der Mensch seinen Willen nicht aufzwingen konnte. Dieses Anschauungsbeispiel überzeugte Otto Lilienthal davon, daß der freie Flug des Menschen nur mit dem Prinzip „schwerer als Luft“ zu verwirklichen sei, sein bis­heriger Weg also richtig war, auch wenn er noch nicht zu einem Erfolg geführt hatte. Er wollte seinen weiteren Weg ganz systematisch und schrittweise gehen: vom Schritt zum Sprung, vom Sprung zum Flug, vom Gleitflug zum Segelflug — mit Antriebsmaschine zum freien Flug.

Nach seiner Rückkehr setzte er die Flugstudien gemeinsam mit seinem Bruder fort. Versuche mit Drachen dienten dazu, die Bedingungen des Segelfluges ein­gehend zu untersuchen. Darüber vergingen Jahre. Otto lernte Auftrieb und Luftwiderstand berechnen. Hierzu hatte er auf seinem Grundstück eigens eine Versuchsanlage geschaffen. Auch die Bedeutung verschiedener Profile von Tragflächen erkannte er dabei. Im Jahre 1886 traten die beiden Brüder dem 1881 gegründeten „Deutschen Verein zur Förderung der Luftschiffahrt“ bei. Am 29. Oktober 1888 hielt Otto dort seinen ersten Vortrag, dem weitere folgten. Im Jahre 1889 erschien in der R. Gaertnerschen Verlagsbuchhandlung Berlin die von Otto Lilienthal verfaßte Schrift:
„Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Ein Beitrag zur Systematik der Flugtechnik.
Sie enthält auf 195 Textseiten mit 80 Skizzen und 8 lithographischen Tafeln alles, was die beiden Lilienthals bis dahin an theoretischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen zusammengetragen hatten. Mit solchem wissenschaftlichen Rüstzeug ausgestattet, gingen sie an die Kon­struktion eines neuen Flugapparates. Wir würden ihn heute als Hanggleiter bezeichnen. Um ihn erproben zu können, bauten sie im Garten eine Absprung-vorrichtung, von der aus sie Sprungweiten von 7 Metern erreichten. Nun sahen sie sich nach einem Gelände um, das ihnen weitere Sprünge ermöglichen sollte. Sie fanden es auf dem 64 m hohen Spitzberg bei Derwitz. Gustav war zu die­ser Zeit beruflich so stark in Anspruch genommen, daß er seinen Bruder nur noch selten dorthin begleiten konnte. Dieser fand aber in seinem Techniker Hugo Eulitz und in dem Mühlenbesitzer Schwach gute Freunde und treue Hel­fer.
Auf diesem Gelände erreichte Otto Lilienthal Flugweiten von 25 Meter. Der französische Hauptmann Ferber, der sich ebenfalls mit Flugversuchen be­schäftigte, schrieb darüber einmal: „Den Tag, an dem Lilienthal seine ersten fünfzehn Meter in der Luft durchmessen hat, fasse ich auf als den Tag, seit dem die Menschheit fliegen kann.“ Der spätere Professor Kästner machte dort die ersten fotografischen Aufnahmen eines fliegenden Menschen. Zur Freude der Kinder wurde einmal die ganze Familie mit aufgenommen. Tapfer kämpfte die stets bereite Gattin ihre Sorge um das Schicksal ihres Mannes nieder; die Flüge waren bei dem einfachen Apparat nicht ungefährlich. Schwierigkeiten be­reitete die Erhaltung der Gleichgewichtslage in der Luft. Lilienthal begegnete ih­nen, indem er zunächst ein Seiten-, später auch ein Höhenleitwerk einbaute. Schließlich hatte er ihn so weit vervollkommnet, daß er ein Patent darauf an­melden konnte.
Lilienthals FlugapparatEs wurde ihm im Jahre 1893 mit der Patentschrift Nr. 77916 erteilt und durch das Zusatzpatent vom 29. Mai 1895, das insbesondere die Gleichgewichtserhaltung betraf, ergänzt. Wenn wir heute Otto Lilienthal als den Vater des Segelflugsportes bezeichnen, so sind wir dazu auch deswegen berech­tigt, weil er bei der Konstruktion seines Flugapparates gleich die sportliche Verwendung im Auge hatte. Dieser war so gebaut, daß er nach Lösen von zwei Spanndrähten zu einem verhältnismäßig kleinen Packen zusammengefaltet und so leicht transportiert werden konnte.Aber die Versuche gingen weiter, wobei sich Lilienthal auch bereits mit Modell­versuchen für Motorflugzeuge befaßte. Zunächst galt es jedoch, den Segelflug sicher beherrschen zu lernen.
Besonders günstige Ergebnisse erzielte er mit einem Doppeldecker. Das Übungsgelände wurde, um lange Anfahrtswege zu vermeiden, bald zu den Sandgruben in Südende, bald auf die Steglitzer „Mai­höhe“ verlegt. Nicht weit von seiner Wohnung, am Karpfenteich in Lichter­felde, ließ er einen 15 m hohen Hügel aufschütten, in dessen Kuppe ein Raum zum Aufbewahren des Flugzeuges eingebaut war. Dieser „Fliegeberg“, wie er bald im Volksmund hieß, wurde bald ein beliebtes Ausflugsziel für die Ber­liner. Darunter befanden sich als häufige Gäste auch Offiziere der Lehranstalt der Preußischen Luftschifferabteilung. Als besonders gern gesehenen Gast konnte Lilienthal den Maler Arnold Böcklin und dessen Sohn Carlo begrüßen.
Auch viele Freunde aus aller Welt besuchten ihn in dieser Zeit, denn der Name Lilienthal hatte auch im Ausland bereits einen guten Klang. Zu diesen Gästen zählten der Marineingenieur Percy Pilcher aus England, der Österreicher Wil­helm Kreß, P. W. Preobrashenski von der Russischen Technischen Gesellschaft, Moskau, sowie der Aerodynamiker Professor N. J. Shukowski. Ihnen allen und noch vielen, die hier nicht alle genannt werden können, stand Otto Lilienthal mit Rat und Tat freundschaftlich zur Seite und teilte ihnen uneigennützig seine Erfahrungen mit.

Die zwar erfreuliche, aber doch sehr störende Anteilnahme der Berliner an seinen Flugversuchen zwang Lilienthal, der ja dazu Ruhe und Konzentration brauchte, nach einem neuen Übungsgelände zu suchen, das auch gleichzeitig hö­here Leistungen ermöglichen sollte. Er fand es in den Rhinower Bergen. Die un­bewaldete Hügelkette, die sich 65 m über dem Flachland erhebt, läßt Flüge bei jeder Windrichtung zu. Dort konnte er auch alle bis dahin erreichten Flug­ergebnisse überbieten. Er erreichte Flugweiten von mehreren hundert Metern, wobei ihn der Hangaufwind oft weit über die Höhe seines Absprunges empor trug.
Dabei ging es nicht ohne Unfälle ab. Einmal, es war kurz vor Ostern des Jahres 1894, fuhren die beiden Brüder wieder in das Havelland. Die Versuche sollten diesmal auf der höchsten Erhebung, dem Gollenberg bei Stölln, durch­geführt werden.
Dabei stürzte Otto aus 20 m Höhe ab. Er kam aber mit gerin­gen Verletzungen davon, denn ein Prellbügel, den er erst kurz vorher als Verbes­serung des Apparates angebracht hatte, fing den Stoß zum großen Teil ab. Solche Zwischenfälle vermochten den Meister nicht abzuschrecken, unermüdlich pro­bierte und verbesserte er weiter. Sein treuer Helfer Paul Beylich mußte den Apparat an manchen Tagen an die 20mal den Hang hinaufschleppen. Oft wurde er dabei von der Stöllner und Rhinower Schuljugend unterstützt. Auch an den Stöllner Bergen hatte sich nämlich nach und nach zu den Flugversuchen ein zahlreiches Publikum, daß aus der Umgebung, selbst aus Rathenow kam, eingefunden.

Für den 9. August 1896 hatte Otto Lilienthal mit dem amerikanischen Journa­listen R. W. Wood eine Fahrt in die Stöllner Berge vereinbart. Im letzten Augen­blick sagte dieser jedoch ab. So trat Lilienthal die Reise allein an. In Rathenow nahm er eine Droschke nach Stölln. Unterwegs, auf die am Himmel kreisenden Störche weisend, meinte er zu seinem Wagenführer: „Genauso will ich es heute auch machen.“ Nun wußte Kuhlbars, daß sein Fahrgast der „fliegende Mann“ war. In Stölln angekommen, erwartete ihn in der Gaststätte Herms be­reits Paul Beylich.
Am Gollenberg hatten sich wieder zahlreiche Zuschauer eingefunden. Es wehte ein frischer Wind aus nördlicher Richtung, der aller­dings infolge der wechselnden Bewölkung recht böig war. Nach drei gelungenen Probeflügen stellte sich der Flieger eine größere Aufgabe. Sie leitete die große Tragödie seines Lebens Gedenkstein an der Absturzstelle in Stöllnein. Zuerst ging sein Flug horizontal hinaus. Plötzlich wurde der Apparat durch eine Bö 30 m über die Talsohle hinausgetragen. Der den Flug genau beobachtende Monteur hielt die Situation keineswegs für ge­fährlich. Er erwartete die entsprechenden Maßnahmen des Ingenieurs. Tatsäch­lich verlagerte dieser das Schwergewicht nach vorn, wie die Situation dies er­forderte. Die Wirkung entsprach aber nicht den Erwartungen. Die Bö, die den Auftrieb bewirkt hatte, wurde in diesem Augenblick von einem abwärts gerich­teten Luftstrom abgelöst. Der Flieger konnte den Schwerpunkt nicht schnell genug nach hinten verlagern, und der Apparat stürzte vornüber hinab in die Tiefe.
Beylich lief sofort zu dem Verunglückten, der besinnungs- und bewe­gungslos am Boden lag. Der benachrichtigte Kuhlbars erschien mit möglichster Eile. Vorsichtig wurde der Schwerverletzte auf den Wagen gehoben und zum Gasthaus Herms gebracht. Der inzwischen eingetroffene Sanitätsrat Dr. Niendorf aus Rhinow stellte nach sorgfältiger Untersuchung einen Bruch der Wirbel­säule fest.
Die Familie wurde sofort benachrichtigt. Gustav traf noch am selben Abend in Stölln ein. Er fand seinen Bruder bei vollem Bewußtsein vor. Am nächsten Tage begleitete Dr. Niendorf den Schwerkranken bis Berlin.
Agnes, die treue Lebensgefährtin, die stets um das Leben des geliebten Gatten ge­bangt hatte, erwartete ihn schmerzgebeugt auf dem Lehrter Bahnhof und ge­leitete ihn in die Klinik des berühmten Chirurgen Bergmann. Bis zum letzten Augenblick wich sie nicht von seiner Seite. Um 17.30 Uhr, am 10. August 1896, erlag der „fliegende Mann“ Otto Lilienthal seinen schweren Verletzungen. „Opfer müssen gebracht werden“ — sollen seine letzten Worte gewesen sein.
 
Otto Lilienthal gehört zu den Deutschen, auf die wir stolz sind. Sein Werk war im umfassendsten Sinne des Wortes Pionierarbeit für das Flugwesen. Aber erst Jahrzehnte nach seinem Opfertod fand das ehrende Gedenken, das ihm die Bewohner des Ländchens Rhinow und auch viele Rathenower bewahrten, an der Stätte, an der er sein rastloses Wirken um die Kunst des Fliegens jäh be­enden mußte, sichtbaren Ausdruck.
Stölln, die Otto-Lilienthal-GemeindeDas schönste Denkmal, das ihm gesetzt werden konnte, ist wohl die Segelflug­station des Flugsportklubs „Otto Lilienthal“ am Fuße des Gollenberges. Eine kleine Steinpyramide, am Nordostabhang des Gollenberges von Segelfliegern aufgerichtet, zeugt davon, daß sie ihren Meister nicht vergessen haben. Aber dieses schlichte Denkmal war nur den Eingeweihten bekannt. Erst vor kurzem hat die Gemeinde Stölln einen Weg dorthin angelegt und ein Hinweisschild an dessen Abzweigung von der Landstraße Stölln — Neuwerder angebracht. Erwo­gen werden sollte, ob nicht die Lilienthalsammlung, die Herr Dr. Gutjahr im Rathenower Heimatmuseum dankenswerterweise angelegt hat, in Stölln in einer Heimatstube als Außenstelle des Kreis-Heimatmuseums ausgestellt werden könnte. Der 70. Jahrestag des tragischen Ereignisses vom 9. August 1896 wäre ein geeigneter Anlaß dazu.

 Im Sommer des Jahres 1964 schuf der in Stölln wohnende bekannte Maler und Zeichner Heinz Behling auf Anregung des damaligen Direktors der Oberschule Rhinow, Herrn Altendorf, im Treppenhaus des neuen Schulgebäudes ein Wand­bild.
Geschickt die Steigung der Treppe ausnutzend, stellte der Maler den Flieger frei über dem Abhang schwebend, bestaunt von einer bunten Zu­schauermenge dar. Damit hat auch die Stadt Rhinow die jahrzehntealte Ehren­schuld gegenüber dem Wegbereiter des Menschenfluges Otto Lilienthal ab­getragen

mehr Infos unter http://www.otto-lilienthal.de/otto_l.htm

Dieser Artikel erschien im Rathenower Heimatkalender 1966 und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V. daraus übernommen

Vertiefende Informationen zum Wirken von Otto Lilienthal in der Region findet man hier


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