750 Jahre Rathenow
Kurzer Abriß der Geschichte der Stadt
Von Joachim Freimuth
Ein Wort zuvor
Der nachfolgende Beitrag ist dem 750jährigen Jubiläum der ersten Nennung des Namens Rathenow gewidmet. Er soll dem Leser einen kurzen Überblick über die Geschichte der Kreisstadt Rathenow vermitteln. Auf Grund des zur Verfügung stehenden Raumes und um den Rahmen des Heimatkalenders nicht zu sprengen, ist dieser Überblick kurz gehalten worden. Den interessierten Leser weise ich deshalb auf die zahlreichen ausführlichen Artikel hin, die in den vergangenen neun Jahrgängen unseres Heimatkalenders erschienen sind. In ihnen findet der Leser alle wichtigen Einzelheiten, die das Bild über die Vergangenheit unserer Stadt abrunden.
Über die Entstehung der Stadt
Rathenows Entstehung als deutsche Stadt ist in engem Zusammenhang mit der Eroberung des Gebietes östlich der Elbe durch die deutschen Feudalherren im 12. und 13. Jahrhundert zu sehen.
Im Jahre 1134 belehnte der deutsche König Lothar von Supplinburg den Grafen Albrecht von Ballerstedt mit der Nordmark. Das ist das Gebiet, das wir heute etwa als die Altmark ansprechen können. Dieser Feudalherr dehnte seine Besitzungen weit über die Elbe hinaus aus. Der mächtigste Slawenfürst zu dieser Zeit in unserer weiteren Heimat war Pribislav, dessen Sitz sich in Brandenburg befand. Dadurch, daß er sich mit Albrecht verbündete und das Christentum annahm, war der politische Untergang seines Volkes besiegelt. Die beim großen Slawenaufstand im Jahre 983 zerstörten Bistümer Havelberg und Brandenburg wurden wieder aufgebaut, und mit Hilfe der Kirche wurde die Dezimierung bzw. Ausrottung der Slawen mit großer Grausamkeit betrieben.
Auch die im Gebiet des heutigen Rathenow lebenden Slawen blieben von dieser Entwicklung nicht verschont.
Nachdem dieser geschichtliche Prozeß abgeschlossen war, schickten die neuen Landesherren in alle Teile des alten deutschen Reiches Werber aus, um deutsche Menschen zur Ansiedlung für die Gebiete östlich der Elbe zu gewinnen. Tausende verließen ihre alte Heimat und zogen ins Land östlich der Elbe. Die zunehmende Unterdrückung der Bauern durch die Feudalherren erleichterte diesen Vorgang. Gleichfalls zogen viele Menschen aus ihrer von Naturkatastrophen verwüsteten Heimat fort.
Für die Entstehung einer deutschen Siedlung Rathenow war entscheidend der günstige Übergang über die Havel. Kilometerweit nach Norden und Süden verwehrte der Fluß den Einwanderern mit seinen flachen und sumpfigen Ufern den Übergang. Hier aber trat ein Höhenzug — der heutige Weinberg — bis dicht an den Fluß heran und gestattete einen bequemen Übergang. So ist es zu verstehen, daß diese günstige Übergangsstelle von immer mehr Menschen aufgesucht wurde. Dieser Paß über die Havel wurde dann sehr bald von einer burgähnlichen Anlage gesichert, die dem Markgrafen von Brandenburg gehörte. Im Schutz dieser Anlage siedelten sich deutsche Einwanderer am Nordzipfel des Weinberges an. Mittelpunkt dieser neuen Siedlung war die Kirche, die an der gleichen Stelle stand, wie die heutige St. Marien-Andreas-Kirche, wie dann auch der Teil um die Kirche noch der älteste der ganzen Stadt ist. Von hier aus dehnte sich die Siedlung nach Westen aus über den Mühlenplatz, der der erste Marktplatz gewesen ist. Die heutige Lenin-Allee wird die nördliche Begrenzung der neuen Gemeinde gewesen sein.
Dies war die Ausdehnung der Stadt, als Siegfried II., Bischof von Brandenburg, eine Urkunde ausstellte, in der er die Grenzen seines Sprengels festlegte. Dieses Dokument wurde im Jahre 1216 ausgestellt und ist deshalb so wichtig, weil hier der Name Rathenow erstmalig urkundlich erwähnt wird.
Über den Namen Rathenow
Seit die Geschichte der Stadt Rathenow geschrieben wird, versuchen auch die Autoren, den Namen der Stadt zu deuten. Jedoch halten alle Deutungen wissenschaftlichen Anfechtungen nicht stand. Im Jahre 1960 veröffentlichte Herr Julius Bilek, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Slawistik der Deutschen Akademie der Wissenschaften, in der Zeitschrift „Märkische Heimat" eine Arbeit über die Namen der Städte Brandenburgs. In dieser Arbeit weist der Verfasser eindeutig die nordwestslawische Herkunft des Namens unserer Stadt nach. Dadurch haben wir den Namen Rathenow als „den Sitz eines Kriegers" auszulegen.
Die Stadt blüht auf
Die Entwicklung zur Stadt vollzog sich allmählich im 13. Jahrhundert. Das können wir aus einer Reihe von Urkunden ersehen, in denen der Gemeinde städtische Rechte verliehen wurden. So heißt es in einer Urkunde aus dem Jahre 1288: Wir bekennen, daß die Bürger unserer Stadt Rathenow vollkommen und unverkürzt alle jene Rechte und Freiheiten genießen sollen, deren sich die übrigen Städte unserer Erblande erfreuen ... Auch wollen wir nicht, daß irgend einer, er sei, wer er wolle, durch unsere Landrichter oder Offiziere die Rechte und Freiheiten der vorhin genannten Bürger beeinträchtige ... Die Gerichtssachen aber soll der Richter dieser Stadt und kein anderer schlichten.
Diese Urkunde zeigt uns deutlich den städtischen Charakter Rathenows. Von großer Wichtigkeit für die Bürger war die Verleihung der niederen Gerichtsbarkeit, wurde doch dadurch den willkürlichen Urteilen der Feudalherren ein Ende gesetzt. Aus dem gleichen Jahr stammt die erste Erwähnung des Stadtgrabens, der noch heute den Umfang der Altstadt genau erkennen läßt. Dieser Graben entstand allmählich aus der eigenen Arbeit der Bürger, die eine Senke zwischen beiden Erhebungen des Weinberges durchstachen und einen Graben anlegten, der zu dieser Zeit ausschließlich Verteidigungszwecken diente.
Den für eine mittelalterliche Stadt notwendigen Landbesitz erhielt unsere Stadt einmal im Jahre 1294, als ihr das Dorf Jederitz verliehen wurde. Im Jahre 1319 übergab Markgraf Waldemar der Stadt das Gut Rodenwalde mit seinem 7 000
Morgen großen Wald. Dieser Wald wurde in den Statuten der Stadt von 1612 als das beste Kleinod bezeichnet, das zu dieser Stadt gehört.
Die Entwicklung wurde vorläufig abgeschlossen im Jahre 1295. Zu dieser Zeit war die Stadt über die heutige Lenin-Allee nach Norden hin hinausgewachsen. Sie hatte den noch heute deutlich erkennbaren Umfang angenommen. Die Straßen waren im Gegensatz zum ursprünglichen Teil der Stadt klar und übersichtlich angelegt. Im Jahre 1295 befahlen die Markgrafen von Brandenburg den Abriß der Burg Rathenow, weil Burg und Stadt sich weder vertrügen, noch auch gegen feindliche Überfälle zugleich sich halten können. Sie schenkten ihren getreuen Bürgern die Steine der Burg sowie deren Grund und Boden und versprachen ihnen zugleich, daß weder an der nämlichen Stelle noch anderswo in der Nähe der Stadt je wieder eine Burg aufgebaut werden sollte.
Noch heute erinnern an diese Frühzeit der Rathenower Geschichte die Straßennamen Große und Kleine Burgstraße.
Die Verleihungen von Rechten und Schenkungen an die Stadt durch die Markgrafen von Brandenburg waren zu keiner Zeit aus reiner Freundlichkeit geschehen. Die Markgrafen von Brandenburg erkannten vielmehr rechtzeitig, daß sie durch solche Handlungsweise ihre eigene Macht stärkten. Je reicher und mächtiger die Städte waren, desto mehr Steuern konnten sie an den Landesherren abführen, desto besser konnten sie den Landesherren gegen aufständische und räuberische Feudalherren militärisch unterstützen.
Durch die Verleihung zahlreicher Rechte wurde Rathenow eine sogenannte Immediatstadt, die mit anderen Städten dieser Art in der Mark Brandenburg folgendes gemein hatte: Sie unterstand nicht der Gerichtsbarkeit eines Feudalherren, sondern ihr Magistrat übte allein die niedere und hohe Gerichtsbarkeit aus. Das Appellationsgericht war das höchste in der Mark, das kurfürstliche. Ihre Bürger waren von allen Diensten, Lasten und Abgaben, die die Bewohner des flachen Landes bedrückten, befreit. Rathenow gehörte zu den Städten der Mark, die im Namen des Landesfürsten durch die Formel: Unsere Prälaten, Grafen, Herren, Ritterschaft und Städte zu Huldigungs- und Landtagen eingeladen wurden.
Im Jahre 1320 starb das Geschlecht der regierenden Markgrafen aus. Sie hatten es verstanden, durch eine kluge städtefördernde Politik auch ihre Macht zu stärken.
Kriege und Fehden hemmen die Entwicklung der Stadt
Nach dem Aussterben der Askanier fiel die Mark Brandenburg als erledigtes Reichslehen an den deutschen König und römischen Kaiser. Kaiser Ludwig der Bayer verlieh seinem Sohn Ludwig I. die Mark. Das geschah im Jahre 1324. Dieser hatte s
chwer um seine Anerkennung zu kämpfen. In diesen unsicheren und abergläubischen Zeiten, als es keine starke Zentralgewalt mehr gab und die Teilfürstentümer sehr zum Schaden des Volkes immer stärker wurden, fiel die Mark Brandenburg einem gewissenlosen Betrüger zum Opfer. Dieser gab sich als Markgraf Waldemar aus. Erst nach langen und verheerenden Kämpfen konnte der Einfluß dieses Betrügers gebrochen werden. Viele Städte und Dörfer waren verwüstet. Der im Jahre 1348 erstmalig in Mitteleuropa auftretende „Schwarze Tod" raffte ebenfalls Tausende dahin. Um seine Anerkennung durchzusetzen, verlieh Ludwig der Stadt Rathenow die vor der Stadt Rathenow liegenden Mühlen. Noch heute liegen diese an der gleichen Stelle, an der sie von jeher gestanden haben. Diese Verleihungsurkunde datiert aus dem Jahre 1351. Gleichzeitig gestattete der Markgraf den Bürgern der Stadt, Holz für städtische Zwecke aus seinen Wäldern zu entnehmen.
Dieser Erfolg dem Landesherren gegenüber war für lange Jahre der letzte. Die Verwirrungen infolge des Fehlens einer Zentralgewalt in der Mark Brandenburg nahmen immer mehr zu. Dieses nutzte der Erzbischof von Magdeburg aus, der der westliche Nachbar der Mark Brandenburg war. Noch heute ist die Havel, kirchlich gesehen, die Grenze zwischen den Landeskirchen Brandenburg und Magdeburg.
Im Jahre 1394 hielt der adlige Räuber unter dem Krummstab aus Magdeburg die Zeit für gekommen, die Stadt Rathenow als wichtigen Paß über die Havel und Einfallstor in die Mark zu erobern. Er wählte dazu den Winter, da im Sommer infolge der natürlichen Hindernisse eine Annäherung an die Stadt nicht möglich war. Am 4. Dezember 1394 überfielen die Söldner des Erzbischofs die Stadt, raubten sie vollkommen aus und trieben die Einwohner auf die Landstraßen hinaus. Der Ertrag dieses Raubzuges war so reich, daß über hundert Wagen mit Beutegut nach Magdeburg geführt wurden. Erst im Jahre 1396 konnten die Bürger der Stadt wieder ihre Stadt betreten, nachdem Kaiser Wenzel den Erzbischof gezwungen hatte, die Stadt zu räumen.
Von nun ab können wir feststellen, daß die Entwicklung der Stadt stagniert. Ständig wurde der Fleiß der Bürger zu kriegerischen Zwecken für irgendwelche Fürsten und Adlige verwendet.
Wenige Jahre danach geriet die Stadt in den Besitz der Familie Quitzow.
Diese Quitzows waren die gefürchtetsten Raubritter in der ganzen Mark Brandenburg, die durch ihre Raubzüge das Land in Atem hielten und jeden Fortschritt lahmten. Die landesherrliche Gewalt war lange Zeit gegen sie machtlos. Die Gebrüder Quitzow benutzten die Stadt Rathenow als Ausgangspunkt für ihre Raubzüge in das Erzbistum Magdeburg, wobei sie jedesmal die Stadt zwingen konnten, eine Anzahl Bürger als Bewaffnete zu stellen.
Dieser Zustand dauerte fort bis zum Jahre 1411. In diesem Jahr berief Kaiser Sigismund den Burggrafen von Nürnberg, Friedrich von Hohenzollern, zum neuen Statthalter der Mark Brandenburg. Dieser neue Landesherr machte sehr schnell Schluß mit dem Raubritterunwesen in der Mark, wobei ihn besonders die Städte mit Geld und Bewaffneten unterstützten. Im Jahre 1412 unterwarf sich auch Rathenow dem neuen Landesherrn. Mit der Niederwerfung der Quitzows und ihres Anhangs kehrte wieder Ruhe in die Stadt ein. Die nunmehr als Kurfürsten des Deutschen Reiches fungierenden Hohenzollern haben zunächst versucht, durch weitere Privilegien dem unheilvoll darniederliegenden Wirtschaftsleben der Städte aufzuhelfen. Im Jahre 1446 verlieh Kurfürst Friedrich II. der Stadt das Salzmonopol, d. h., der Rat der Stadt war allein berechtigt, Salz zu verkaufen. Dazu kam noch der halbe Schleusenzoll. Im 16. Jahrhundert wurde in Rathenow im heutigen kleinen Archenarm die erste Schleuse auf der Unterhavel gebaut.
Rathenows Entwicklung im 15. und 16. Jahrhundert
Wenn auch die Entwicklung der Stadt nach außen hin nicht mehr sichtbar war, ging die Entwicklung innerhalb ihrer Mauern weiter. Später als in anderen Städten entwickelten sich in Rathenow die Zünfte der Handwerker. Als erste selbständige Zunft schlossen sich die Böttcher im Jahre 1521 zusammen. Im Jahre 1544 folgten die Schneider. Die Huf- und Waffenschmiede bildeten in den Jahren 1550 und 1551 eigene Zünfte. 1583 folgten die Tischler und 1590 die Kürschner.
Die revolutionären Ereignisse der Reformation und des deutschen Bauernkrieges gingen an Rathenow wie an den anderen Städten der Mark fast spurlos vorüber.
In die Zeit des 16. Jahrhunderts fällt der Umbau der Kirche in den gotischen Stil. Er begann im Jahre 1517 und war erst im Jahre 1580 beendet. Der Rat der Stadt hat zu die
sem Bau 40 000 Steine aus der Ratsziegelei geschenkt. Alle heute noch vorhandenen Mauern des Kirchenschiffs stammen aus dieser Zeit. Der Turm wurde noch mehrmals erneuert. Seine heutige Gestalt erhielt er in den Jahren 1821 bis 1829. Auch dieses alte Gebäude wurde von den Faschisten in ihre Kriegshandlungen direkt einbezogen, so daß es im Jahre 1945 schwerste Beschädigungen erlitt. Im Jahre 1959 war die Kirche soweit wieder hergerichtet, daß sie den Christen der Stadt Rathenow als Stätte des Gottesdienstes zur Verfügung stand.
Aus der Zeit des 16. Jahrhunderts stammt auch die erste Erwähnung des Rathauses. Als Jahreszahl wird 1564 genannt. Es stand an der heutigen Südseite des Platzes der Jugend und wurde im 2. Weltkrieg so schwer beschädigt, daß sich ein Wiederaufbau nicht mehr lohnte, zumal es schon vor diesem Kriege ein erstrangiges Verkehrshindernis darstellte.
Da in dieser Zeit die schriftlichen Quellen reichlicher zu fließen beginnen, erfahren wir mancherlei, was zuvor im Verborgenen blieb. Feuer, Krankheiten,
Hochwasser bedrohten ständig das Leben der Menschen. Die primitive Technik des Häuserbaus sowie der Brandbekämpfung ließen große Teile der Stadt in Schutt und Asche versinken, obwohl der Einsatz aller Bürger vorbildlich war. So brannten im Jahre 1575 116 Wohnhäuser ab. Im Jahre 1576 waren es 64 Häuser, und 1595 brannten 75 Wohnhäuser ab.
Auch die Hochwasserkatastrophen riefen ständig Unruhe hervor, obgleich sie der Stadt selbst nie etwas anhaben konnten. Doch war immer ein großer Teil der Feldmark bedroht und damit die Ernte in Gefahr. Die heute voll wirksamen Schutz- und Regulierungsmaßnahmen lassen uns kaum ahnen, welche Gefahr das Hochwasser vergangener Jahrhunderte darstellte. In alten Rathenower Chroniken ist der 12. Februar 1566 das erste überlieferte Datum einer großen Überschwemmung. Auch im Jahre 1595 vernichtete das Hochwasser die ganze Ernte.
Noch vor genau 40 Jahren wurden im Havelland Millionenschäden durch Hochwasserkatastrophen angerichtet.
Als das 16. Jahrhundert zu Ende ging, hatte unsere Stadt schätzungsweise eine Einwohnerzahl von 2 500 Menschen. Eine Zeit verhältnismäßiger Ruhe ging zur Neige. Seitdem die Hohenzollern im Jahre 1415 Markgrafen von Brandenburg und damit Kurfürsten des deutschen Reiches geworden waren, hatte kein Krieg mehr die Stadt bedroht. Das lag jedoch nicht an dem Friedenswillen der Landesherren, sondern daran, daß Rathenow und die Mark Brandenburg abseits des Geschehens der großen Politik jener Zeit lag.
Die Ereignisse des 17. Jahrhunderts
1. Der Dreißigjährige Krieg
Im 17. Jahrhundert hielten die europäischen Großmächte die Zeit für gekommen, ihre Gegensätze auf deutschem Boden auszutragen. Begünstigt wurden sie durch das Verhalten der deutschen Fürsten, die sich gewissenlos dem verkauften, der ihnen am meisten zahlte. So entwickelte sich aus dem Prager Fenstersturz im Jahre 1618 ein Krieg, der bis dahin der furchtbarste war, den das deutsche Volk kennenlernte und nur noch durch die Schrecken des 2. Weltkrieges übertroffen wurde.
Nachdem der Krieg schon
8 Jahre in West- und Süddeutschland getobt hatte, breitete er sich auch nach Norden und Osten aus. Während des Zeitabschnittes, den wir den dänisch-deutschen Krieg nennen, rückte am 12. Februar 1626 ein Heerhaufen des Grafen von Mansfeld unter dem Befehl des Obersten Kniphusen vor die Stadt und forderte sie zur Übergabe auf. Da die Bürger auf die Unterstützung des Landesherren hofften, verweigerten sie zunächst die Übergabe. Darauf begannen die Mansfelder, die Stadt mit schwerem Geschütz zu beschießen. Da auf die Hilfe des unfähigen Kurfürsten nicht zu rechnen war, öffneten die Bürger die Tore der Stadt. Seit diesem Tage wurde Rathenow für 22 bittere Jahre nicht mehr frei von Kriegsvolk. Die Bürger mußten sehr bald die bittere Wahrheit erfahren, daß alles Gerede vom Schutz der bedrohten Religion nur ein Vorwand war für die Reichen und Mächtigen, sich noch mehr auf Kosten der Bauern und Bürger zu bereichern. Alle versprachen den Bewohnern der Stadt, Eigentum und Besitz der Bürger zu schonen, aber niemand hielt sich daran. Alle wußten aus den Bürgern herauszupressen, was nur herauszupressen war.
Schon diese erste Einquartierung brachte viele Rathenower an den Rand des Ruins. Die Folgen dieser Repressalien waren, wie es in einem Brief an den Kurfürsten hieß, daß viele Bürger wegen dieser Bedrängnis aus Herzeleid und Gram dahinstarben, viele auch Haus und Hof stehen ließen, weil sie nichts zu brechen und zu beißen hatten, sich sowohl bei den Mansfeldern als auch dem Kurfürsten anwerben ließen. Im Herbst 1626 standen bereits mehr als 50 Häuser leer, ganz zu schweigen von der großen Anzahl Witwen, die jetzt vorhanden waren.
Inzwischen war Wallenstein kaiserlicher Oberbefehlshaber geworden. Sein auf eigene Kosten angeworbenes Heer rückte in breiter Front nach Norden vor, um dem Kaiser ganz Deutschland zu erobern. Im Frühjahr 1627 rückten kaiserliche Truppen vor die Stadt Rathenow und warfen ihre Gegner hinaus. Sie brachten der Stadt einen ganz enormen Schaden. In der Zeit ihres Aufenthaltes von 1627 bis 1630 mußten die Einwohner Rathenows an Barleistungen insgesamt 57 573 Taler aufbringen. Die Zahl der ständig anwesenden Söldner belief sich auf 300 bis 500. Daneben mußten die Bürger für jeden Soldaten täglich 2 Pfund Brot, 2 Pfund Fleisch und 2 Maß Bier aufbringen.
Der Krieg dehnte sich immer weiter aus. Im Jahre 1630 griff der Schwedenkönig Gustav Adolf ein. Er nahm die Gelegenheit wahr, große Teile deutschen Landes an sich zu reißen und die Ostsee zu einem schwedischen Meer zu machen. Die schwedischen Söldner entwickelten sich während ihrer Anwesenheit zu dem schlimmsten Greuel, zur schlimmsten Plage, die das deutsche Volk zu ertragen hatte. Die Zahl der von ihnen angerichteten Schandtaten ist Legion. Noch heute erinnern viele Tatsachen an diese Leidenszeit.
Auf dem Vormarsch nach Süden kamen schwedische Truppen auch nach Rathenow. Für die ersten schwedischen Soldaten im Jahre 1631 mußte die Stadt über 7700 Taler aufbringen.
Im gleichen Jahr wurde die große Stadt Magdeburg durch die Truppen des Generals Tilly vollkommen eingeäschert. Das war eines der schwersten Einzelschicksale, die sich in Deutschland ereigneten. Flüchtlinge aus der Elbestadt, die sich in Rathenow ansiedelten, brachten diese Kunde in die Stadt.
Das Jahr 1632 brachte für unsere Stadt dem absoluten Höhepunkt der Not und des Leidens. Inzwischen waren alle bedeutenden Feldherren des Krieges tot. Es kam zu keinen geschlossenen Kriegshandlungen mehr. Der Krieg artete immer mehr zu großangelegten Raub- und Beutezügen einzelner Heeresabteilungen aus. Am 7. Mai 1636 wurden die in Rathe
now anwesenden Schweden von Kaiserlichen verjagt. Zwei Tage später waren sie wieder Herren der Stadt. Im August näherten sich abermals kaiserliche Truppen der Stadt. Um freies Schussfeld zu haben, befahl darauf der Kommandant der Schweden, die vor dem Stein- und Jederitzer Tor liegenden Gebäude niederzubrennen. So gingen am 10. August 1636 19 Wohnhäuser, 60 Scheunen und 5 Vorwerke in Flammen auf. Am 3. September stürmten die Kaiserlichen die Stadt und plünderten sie restlos aus. Die Disziplinlosigkeit der Sieger ging so weit, daß sie einen eigenen Offizier töteten, der Auswüchse der Plünderer verhindern wollte. Der kaiserliche General von Klitzing hatte den Hauptmann von Uplitz beauftragt, die Kirche vor der Plünderung zu schützen. Als dieser den plündernden Soldaten den Zutritt verwehren wollte, wurde er von diesen erschossen. Große Verluste erlitt auch das Rathaus. Hier wurden wertvolle Urkunden vernichtet oder so beschmutzt, daß sie nicht mehr brauchbar waren.
Die Zeit des Leidens war noch nicht vorbei. Erst am 20. Oktober 1648 wurde der Frieden von Münster und Osnabrück verkündet.
Dieser Krieg war ein nationales Unglück für unser Volk. Neben den ungeheuren Menschenverlusten waren es vor allem die politischen Folgen, die schwerwiegend waren. Bis in die neueste Zeit hinein wirkte sich politische Kleinstaaterei aus, die durch diesen Friedensschluß festgelegt wurde. Doch müssen wir annehmen, daß sich niemand Gedanken um die Friedensbedingungen gemacht hat. Es ging vielmehr wie ein Aufatmen durch die Menschen, daß das jahrelange Morden nun zu Ende war. Auch in Rathenow gingen die verbliebenen Bürger tatkräftig an den Wiederaufbau.
2. Die Ereignisse des Jahres 1675
Die Atempause, die den Menschen gegönnt wurde, war nur kurz. Noch nicht einmal dreißig Jahre waren nach dem Westfälischen Frieden vergangen, da ging erneut die Furie des Krieges über das deutsche Volk und speziell über die Einwohner der Mark Brandenburg hinweg. Die Großmächte Europas schickten sich an, auf Kosten der ohnmächtigen deutschen Kleinstaaten die Ergebnisse des Westfälischen Friedens zu korrigieren. Der französische König Ludwig XIV. führte seine Eroberungskriege im Westen durch, während vom Norden her Schweden weitere deutsche Gebiete erobern wollten.
Mit französischen Geldern gespickt, fielen die Schweden von Mecklenburg her im Dezember 1674 in die wehrlose Mark Brandenburg ein, da der Kurfürst von Brandenburg mit dem neu gebildeten Heer auf dem westlichen Kriegsschauplatz weilte. Die Chronisten jener Jahre berichteten übereinstimmend, daß die entmenschten schwedischen Soldaten Greueltaten vollbrachten, wie sie nicht einmal im Dreißigjährigen Krieg vorgekommen waren. Am 8. Juni 1675 besetzte das schwedische Dragonerregiment von Wangelin mit 600 Mann die Stadt Rathenow. Damit stand die schwedische Streitmacht an drei Havelübergängen bereit (Havelberg, Rathenow, Brandenburg), weiteres deutsches Land zu überfallen.
Wie so viele andere mußte auch unsere schwergeprüfte Heimatstadt wieder die Last der schwedischen Besetzung ertragen.
Inzwischen hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm von den Vorgängen in der Mark Brandenburg erfahren und beschlossen, die Schweden zu vertreiben. Das war ein großes Wagnis, galten doch die Schweden zu dieser Zeit als die besten Soldaten der Welt. Aber der Kurfürst konnte sich bei diesem Vorhaben ganz auf die Bevölkerung verlassen, die seine Maßnahmen mit allen Kräften unterstützte, um mitzuhelfen, die verhaßten Schweden zu vertreiben. Am 11. Juni traf das brandenburgische Heer in Magdeburg nach einer aufsehenerregenden Marschleistung ein. Größte Eile, strikte Geheimhaltung, verbunden mit vorbehaltloser Unterstützung der Bevölkerung, brachten dem Unternehmen einen vollen Erfolg. Am 15. Juni gegen zwei Uhr morgens begann der Zangenangriff auf Rathenow von Westen und Süden her. In erbittertem Handgemenge wurde die Stadt eingenommen und die schwedische Besatzung aufgerieben.
Nur einen Tag hielt sich das abgehetzte brandenburgische Heer in Rathenow auf, dann ging es weiter, den fliehenden Schweden nach, die sich in aller Eile und völlig überrascht aus der Mark zurückziehen wollten. Bauern und Förster führten das Heer durch die unwegsamen Sümpfe des Havellandes. Drei Tage nach der Einnahme Rathenows wurden die Schweden bei Fehrbellin gestellt. In einer blutigen Schlacht wurde das mehr als doppelt so starke schwedische Heer von den Brandenburgern geschlagen und für immer aus dem Lande vertrieben. Der Alpdruck einer schwedischen Besetzung war von der Bevölkerung genommen. Zur Erinnerung an diese Ereignisse wurde das Sandsteindenkmal des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Jahre 1738 auf dem heutigen Schleusenplatz errichtet. Es steht in unmittelbarer Nähe der Wasserpforte, durch die brandenburgische Musketiere als erste in die Stadt eindrangen. Die Verbindungsstraße zwischen dem Stadtkern und dem Stadtteil Rathenow-West erhielt den Namen Schwedendamm, zur Erinnerung daran, daß über diese Straße die Reste der von den brandenburgischen Dragonern überwältigten Wache am heutigen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark flohen.
Irgendwelchen Dank für die große Unterstützung, die die Bevölkerung der Stadt und des Havellandes dem brandenburgischen Heer geleistet hat, erhielt sie nicht. Im Gegenteil, der Rat der Stadt sank immer mehr zu einem bloßen Befehlsempfänger des landesherrlichen Willens herab, während die Bauern schonungslos der immer weiter um sich greifenden Leibeigenschaft preisgegeben wurden.
Rathenow wird preußische Garnison
Die Entwicklung unserer Heimatstadt verlief in den folgenden Jahren zwar friedlich, aber äußerst schleppend. Ein übermächtig gewordener Adel riß alle entscheidenden Positionen an sich und ließ ein reiches Bürgertum nicht aufkommen. Der Weg des neuen Königreiches Preußen zum Militärstaat tat ein Übriges, den Fleiß und das Einkommen der Bewohner zu vernichten.
Dieser Entwicklung zum Militärstaat Preußen verdankt Rathenow seine Vergrößerung. Im Jahre 1733 wurde auf Befehl des Königs Friedrich Wilhelm I. mit dem Aufbau der Neustadt östlich der bisherigen Stadt begonnen, um die Möglichkeit zu schaffen, berittenes Militär unterzubringen. Im Jahre 1741 war der Aufbau abgeschlossen, und die Neustadt erhielt eine Mauer mit zwei Stadttoren. Das waren das Berliner Tor und das Brandenburger Tor. Diese Vergrößerung der Fläche der Stadt bedeutete keineswegs ein Ansteigen der Bevölkerung. Im Gegenteil, infolge der schlechten wirtschaftlichen Lage war eine rückläufige Tendenz zu verzeichnen. Erst nach dem Siebenjährigen Krieg (1756—1763) können wir eine zögernde Zunahme verzeichnen. Wie schlecht die Lage in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war, schreibt Samuel Christoph Wagener in seiner Rathenower Chronik: . . ., daß der größte Teil der aus Ackerbürgern und Gewerbetreibenden bestehenden Einwohner es auch bei redlichstem Fleiß zu nichts bringen könne, ja oft nicht einmal ohne Nahrungssorgen sei. An das Zurücklegen eines Notpfennigs sei nicht zu denken.
Das Bestreben der preußischen Könige, für ihre vielen Kriege eine vom Ausland unabhängige Industrie zu besitzen, fand auch in Rathenow seinen Niederschlag. In der Neustadt wurde eine Tuchmanufaktur aufgebaut. Das Gebäude ist heute noch erhalten und steht in der Wilhelm-Külz-Straße gegenüber der Einmündung der Bergstraße. Im Zusammenhang mit dem Ausbau dieser Tuchmanufaktur befahl König Friedrich II. den Aufbau eines Dorfes vor den Toren der Stadt, in dem die Arbeitskräfte wohnen sollten. So wurde von 1765—1767 das Dorf Neufriedrichsdorf gebaut. Dieser königliche Befehl war ein Akt reiner Willkür, denn der Bauplatz lag auf dem Grund und Boden des der Stadt gehörenden Waldes. Dadurch wurde der Stadt ein beträchtlicher Schaden zugefügt. Jedoch mußten sich die Bürger dem königlichen Befehl beugen. In diesem Dorf wurden 50 Weberfamilien angesiedelt. Diese waren jedoch so arm und verdienten auch so wenig, daß das Bettlerunwesen Überhand nahm. Erst durch das Aufblühen der optischen Industrie im 19. Jahrhundert besserte sich die Lage der Einwohner von Neufriedrichsdorf, wie das Dorf nach seiner Gründung genannt wurde.
Im Zuge der großen Verwaltungsreform des Jahres 1952 wurde dieses Dorf, das jahrzehntelang ein Zankapfel zwischen der Stadt und dem preußischen Staat war, in die Stadt Rathenow eingemeindet.
Rathenow während der Zeit von 1806 bis 1815
Die großen politischen Ereignisse ausgangs des 18. Jahrhunderts mit der großen französischen Revolution und ihren weitreichenden Folgen gingen an unserer Stadt scheinbar spurlos vorüber. Der überhebliche Dünkel des preußischen Adels der französischen Revolution und besonders den militärischen Auswirkungen gegenüber sollte sich sehr bald bitter rächen. Den militärischen Erfolgen der französischen Armeen auf allen Kriegsschauplätzen Europas wurde keine Beachtung geschenkt, so daß die nationale Katastrophe von 1806 unausbleiblich war. Noch zu Beginn des Krieges im Jahre 1806 äußerten die Offiziere des in Rathenow stationierten Leibcarabinieri-Regiments ihre Verachtung gegenüber dem kleinen Napoleon, den sie mitsamt seinen Armeen rasch über den Haufen rennen würden. Doch kam es ganz anders. In der Doppelschlacht von Jena und Auerstädt wurde das preußische Heer so geschlagen, wie noch nie zuvor ein Heer von Napoleon besiegt wurde. Das Rathenower Regiment wurde in alle Winde zersprengt und hat seine Garnison nie mehr gesehen. Unter den Schlägen Napoleons brach der morsche preußische Staat vollkommen zusammen. Auf ihrer schmählichen Flucht nach Osten kamen Abteilungen der preußischen Armee auch durch Rathenow. Bezeichnenderweise gehörten zu den ersten Flüchtlingen, die in Rathenow Station machten, der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., und die Königin Luise. Seit dem 19. Oktober 1806 ergoß sich dann ein unaufhörlicher Strom von flüchtenden Soldaten durch unsere Stadt. Interessant ist die Tatsache, daß der damalige Hauptmann Gneisenau als Quartiermacher in die Stadt kam. Sieben Jahre später war aus dem unbekannten Hauptmann der große Gegenspieler Napoleons geworden, der einen entscheidenden Anteil am Sieg der verbündeten Armeen über Napoleon hatte. Am 28. Oktober 1806 wurde Rathenow von französischen Truppen besetzt. Das war der Beginn neuer Leiden und neuer Not, wenngleich wir feststellen müssen, daß unsere Stadt noch glimpflich davonkam. Das lag daran, daß Rathenow an keiner Etappenstraße der französischen Armee lag, wie z. B. unsere Nachbarstädte Brandenburg und Genthin. Trotzdem hatten unsere Bürger, wie überall in Preußen, unter der Last der Abgaben an die übermütigen Sieger und an den Folgen des Tilsiter Friedens im Jahre 1807 schwer zu tragen.
Die von den bürgerlichen Reformern jener Jahre in schwerem Kampf gegen den König durchgesetzten Maßnahmen wurden auch in Rathenow wirksam. Im August 1809 wurde eine Stadtverordnetenversammlung und ein Magistrat aus den Reihen der Bürger gewählt. Einschränkend muß jedoch gesagt werden, daß nur Bürger wählen durften, die ein ganz bestimmtes, verhältnismäßig hohes Einkommen hatten. Zum ersten Bürgermeister nach der Städteordnung wurde der reiche Kaufmann Christian Hübener gewählt. Erster Stadtverordnetenvorsteher wurde der Buchbindermeister Bartels. Diese erste Selbstverwaltung trat ein schweres Erbe an. Es galt vor allem, die vom preußischen Staat eingegangenen Verpflichtungen gegenüber Frankreich zu erfüllen. Um die fehlenden Geldmittel zu beschaffen, wurden damals große Mengen Holz aus der Stadtforst geschlagen und verkauft.
Im Jahre 1809 flackerten überall in Deutschland kleinere Aufstände gegen Napoleon auf. Viele junge Männer kamen in dieser Zeit über die Elbe aus dem neugeschaffenen Königreich Westfalen, um sich nicht als Soldaten für Napoleon mißbrauchen zu lassen. Unsere Bürger durften es sich zur Ehre anrechnen, wenn sich der französische Oberpräfekt in Magdeburg bei der preußischen Regierung beschwerte, daß die Stadt Rathenow ein Herd unruhiger Köpfe sei.
Dem kühnen Zug des Majors v. Schill im Jahre 1809 gegen Napoleon schlossen sich auch mehrere Rathenower an. Nach dem gescheiterten Unternehmen ließ Napoleon 11 Schillsche Offiziere erschießen. Darunter befanden sich auch der Sohn der in Rathenow wohnenden Witwe v. Trachenberg, Leutnant v. Trachenberg, und der Sohn des hiesigen Steuerinspektors, Leutnant v. Keller. Noch einmal mußte die Bevölkerung der Stadt und des ganzen Havellandes große Opfer für die Franzosen bringen, als diese zu ihrem Überfall auf Rußland rüsteten. Doch dann schlug auch für Rathenow die Stunde der Befreiung. Im Frühjahr 1813 wurden im ganzen Havelland das 5. Kurmärkische Landwehr-Infanterieregiment und das 5. Kurmärkische Landwehr-Reiterregiment aufgestellt. Beide Regimenter kamen im Herbstfeldzug 1813 zum Einsatz und haben sich in heldenhafter Weise in den siegreichen Schlachten zur Abwehr französischer Angriffe auf Berlin bewährt.
In seinem Freiheitskampf gegen Napoleon wurde das deutsche Volk in starkem Maße von Verbänden der russischen Armee unterstützt. So rückte auch in Rathenow im März 1813 ein russisches Corps unter Führung des Generals Tschernitscheff ein, wo es von der Bevölkerung feierlich begrüßt wurde. Bis zum Beginn der großen Schlachten dieses Jahres führte diese Abteilung russischer Soldaten mehrere Streifzüge über die Elbe in von französischen Truppen besetzte deutsche Staaten durch. Die Bevölkerung unserer Stadt nahm aktiven Anteil an der großen Spendenaktion „Gold gab ich für Eisen", mit deren Hilfe die großen Heere ausgerüstet wurden. Geld- und Sachspenden verließen trotz allgemeiner großer Armut der Bevölkerung die Stadt, um den Kämpfern gegen Napoleon eine gute Ausrüstung zu geben. Im Kampf um die Befreiung des Vaterlandes starben 53 Einwohner der Stadt.
Die optische Industrie entwickelt sich
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Rathenow ein Industriezweig von dauerndem Bestand, ein Industriezweig, der bis zum heutigen Tage Rathenows Weltruf begründen und festigen half: die optische Industrie. Als Begründer dieser Industrie wird der Pfarrer Johann Heinrich August Duncker bezeichnet. Duncker wurde am 14. Januar 1767 als Sohn des Rathenower Pfarrers Johann Jakob Duncker geboren. Schon als Student zeigte er großes Interesse für physikalische Arbeiten. Diese kamen ihm zugute, als er im Jahre 1789 als Predigergehilfe seines Vaters zu arbeiten begann. Die drückende Not zwang ihn dann bald, seine in Halle erworbenen Kenntnisse anzuwenden. Bei seinem Gedanken, Brillen nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten anzufertigen, kam ihm die allgemeine wirtschaftliche Lage auf diesem Gebiet entgegen. Brillen wurden zu dieser Zeit allein im süddeutschen Raum ohne jede Kenntnis oder Anwendung optischer Regeln gefertigt und von fachunkundigen Händlern auf Jahrmärkten verkauft. Als Theologe durfte Duncker kein Gewerbe ausüben, deshalb suchte er beim König um die Genehmigung nach. Diese erhielt er auch, wohl deswegen, weil Duncker zusagte, invalide Soldaten und Waisenkinder zu beschäftigen. Im Jahre 1800 gründete er dann die optische Industrieanstalt. Sie befand sich auf dem Dachboden des jetzigen in veränderter Form erhaltenen Pfarrhauses. Die ersten Arbeiter waren invalide Soldaten und Waisenkinder.
Dunckers Verdienst liegt vor allem darin, daß er den Kampf gegen die Schundbrille aufnahm und den Qualitätsgedanken durchsetzte. Er war der erste in Deutschland, der auf Grund wissenschaftlicher Kenntnisse Brillengläser herstellte. Diese Qualitätsarbeit war es dann auch, die der
neugegründeten optischen Industrieanstalt über alle Klippen des wirtschaftlichen und politischen Niedergangs von 1806 bis 1815 hinweghalf, so daß wir ab 1815 eine zunächst langsame, dann aber, besonders nach der Reichsgründung 1871, eine schnelle Aufwärtsentwicklung feststellen können. Im Jahre 1820 erkrankte Duncker an unheilbarer geistiger Umnachtung, wurde aber erst am 14. Juni 1843 durch den Tod erlöst. Im Jahre 1834 zog die optische Industrieanstalt endgültig in das Eckhaus Berliner — Brandenburger Straße (heute: HO-Drogerie) um. Hier begannen 29 Arbeiter mit der Produktion. Als Emil Busch im Jahre 1845 die Anstalt übernahm, waren bereits 67 Arbeiter beschäftigt. Um diese Zeit wurden jährlich etwa 10 000 Paar Brillengläser produziert, von denen etwa die Hälfte exportiert wurde. Bemerkenswert ist auch, daß Rußland zu den ersten und eifrigsten Kunden der Rathenower optischen Industrieanstalt gehörte. In Petersburg (Heute: Leningrad) und Moskau befanden sich ständige Lager der Rathenower Erzeugnisse. Die Arbeitszeit betrug in dieser Zeit 12 bis 13 Stunden täglich. Diese Zeit wurde nur durch eine kurze, unregelmäßige Mittagspause unterbrochen. Auch am Sonntag wurde gearbeitet. Erst als die Zahl der Arbeiter durch die Erweiterung dieses Betriebes sowie durch Neugründung von Fabriken stark anstieg, konnten sie durch Kampfmaßnahmen bis zum ersten Weltkrieg einen 9- bis 10stündigen Arbeitstag durchsetzen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der in der optischen Industrie Beschäftigten stark an. Im Jahre 1860 gab es 6 600 Einwohner. Davon waren etwa 400 in der optischen Industrie beschäftigt. Zehn Jahre später war die Zahl der Einwohner auf rund 8 000 gestiegen, von denen 589 in der optischen Industrie tätig waren. Dabei dürfen wir nicht an der erschütternden Tatsache vorbeigehen, daß zu dieser Zahl noch weitere 335 Frauen und 677 Kinder unter 14 Jahren hinzukamen. Diese Zahlen zeigen uns deutlich, daß die Ausbeutung der Arbeiter so groß war, daß Frauen und Kinder mitarbeiten mußten, um die primitivsten Bedürfnisse der Familie befriedigen zu können.
Die Entwicklung der Stadt im 19. Jahrhundert
Die Entwicklung der Stadt erfolgte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam und zögernd. Die Ursachen dafür liegen in der allgemeinen deutschen Entwicklung. Der Wiener Kongreß bestätigte im Gegensatz zum Willen des deutschen Volkes die deutsche Kleinstaaterei, so daß sich die Wirtschaft und der Handel nur sehr langsam entwickeln konnten.
Ehe der Einfluß der optischen Industrie wirksam werden konnte, nahm die Ziegelindustrie im Rahmen des oben geschilderten Umfanges einen verhältnismäßig guten Aufschwung. In Rathenow und der Umgebung entstanden zahlreiche Betriebe, die vor allem den Bedarf der Hauptstadt Berlin decken mußten. Die Rathenower Steine waren wegen ihrer Qualität und ihrer schönen roten Farbe in Berlin sehr gefragt. Auch der Holzhandel mit Hamburg nahm einen verhältnismäßig großen Aufschwung, da auf dem Weg dorthin nur wenige Zollschranken zu überwinden waren. Auch der Transport war durch den ausschließlichen Wasserweg billig. Besonders einige adlige Großgrundbesitzer der Rathenower Umgebung erwarben sich durch die Verschleuderung der Wälder große Reichtümer. Als wichtigstes Bauvorhaben in dieser Zeit wurde der Kirchturm neu gebaut. Der alte mußte wegen Baufälligkeit abgetragen werden. Das war im Jahre 1818. Bis zum Jahre 1828 wurde er in seiner jetzigen Gestalt aufgebaut. Vorher wurde in der Stadtverordnetenversammlung ein Entwurf des großen Architekten Schinkel abgelehnt. Dem Informationsbedürfnis der städtischen Bevölkerung wurde durch die Schaffung der ersten Zeitung in unserer Stadt Rechnung getragen. Am 1. Juni 1816 erschien das erste Rathenower Wochenblatt, das später zum Kreisblatt umgeschaffen wurde. Es wurde in den Räumen des jetzigen Heimatmuseums hergestellt und verkauft. Dem umfassenden Informationsbedürfnis stand seinerzeit jedoch eine außerordentlich scharfe Zensurbestimmung gegenüber. Um die Herrschaft des Königs und des Adels nicht zu gefährden, waren Nachrichten politischen Inhalts generell verboten, so daß sich unser Wochenblatt auf den Abdruck amtlicher Bekanntmachungen und Anzeigen beschränken mußte. Diese einschneidende Zensur wurde erst allmählich nach der Revolution von 1848/49 gelockert.
Als einen Fortschritt für die damalige Zeit müssen wir die Tatsache ansehen, daß am 4. Oktober 1834 zum ersten Male in der Entwicklung der Stadt eine regelmäßige Straßenbeleuchtung eingeführt wurde. Es waren Öllaternchen, die aus Berlin kamen, da in der Hauptstadt bereits Gasbeleuchtung vorherrschte. Bis zur Einführung des Gaslichtes in Rathenow im Jahre 1866 wurden in unserer Stadt etwa 40 Öllampen aufgestellt. Die Mittel zur Unterhaltung dieser Beleuchtung wurden u. a. aus den Einnahmen der Hundesteuer genommen. Noch bevor die Eisenbahn zum beherrschenden Verkehrsträger in Deutschland wurde, richteten interessierte bürgerliche Kreise im Jahre 1842 eine regelmäßige Dampferverbindung zwischen Berlin und Hamburg ein. Durch diese wichtige Verbindung, die Rathenow berührte, erhielt unsere Stadt erstmalig regelmäßigen Anschluß an den internationalen Handel.
Die bürgerliche Revolution von 1848/49, die viele Länder Europas erfaßte, hinterließ ihre Spuren auch in Rathenow. Die durch Hungersnot und Wirtschaftskrise hervorgerufene Mißstimmung unter der Bevölkerung führte zu Auseinandersetzungen, die ihren Höhepunkt am 14. November 1848 erlebten, als sich Einwohner der Stadt dem Ausmarsch der Garnison widersetzten. Man wollte verhindern, daß die Truppen zur Niederschlagung der Revolution in anderen Städten eingesetzt werden sollten. Erst nach mehrstündigem Kampf gelang es der Garnison, durch das Brandenburger Tor (heute Übergang der Brandenburger in die Große Milower Straße) zu entkommen und nach Brandenburg zu marschieren. Angesichts dieser Vorfälle befahl der König von Preußen, daß Rathenow nie mehr Garnison werden solle, und die führende Zeitung in Preußen bemerkte, daß Rathenow eine der schlechtest gesinnten Städte der Monarchie sei. Erst nach dem Sieg der reaktionären Kräfte erhielt die Stadt wieder eine Garnison durch das 3. Brandenburgische Husarenregiment im Jahre 1851. Dies geschah erst nach vielen demütigen Bittgängen des Großbürgertums. Im März des Jahres 1850 wurden 26 Bürger der Stadt in Brandenburg wegen der Beteiligung an der bewaffneten Aktion vom 14. November 1848 zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Es spricht für die Einwohner unserer Stadt, daß sie die Stadtverordneten zwang, für die Angehörigen der Verurteilten Unterstützung zu zahlen.
Um die Arbeiter, Handwerker und Kleinbürger vom politischen Kampf abzulenken, wurden sogenannte Notstandsarbeiten ausgeschrieben, in deren Verlauf die erste von Rathenow ausgehende Chaussee gebaut wurde. Ihr Bau begann im Jahre 1848 und war erst 1856 beendet. Es ist die noch heute existierende Verbindung Rathenow-Bamme-Mützlitz-Brandenburg.
Die Zeit nach der bürgerlichen Revolution in Rathenow ist durch einen stetigen Aufschwung des Kapitalismus und das damit verbundene Anwachsen der Arbeiterklasse gekennzeichnet. Dem Bedürfnis nach höherer Bildung der Arbeiter und der Heranbildung eines Technikernachwuchses für die aufstrebende optische Industrie trug der Schulneubau Rechnung, der im Jahre 1854 am Schulplatz seiner Bestimmung übergeben wurde. Daraus entwickelte sich später die Oberschule für Jungen mit stark naturwissenschaftlichem Teil. Diese Schule bestand bis 1945 und fiel gleichfalls der Zerstörung durch die Faschisten zum Opfer. An der gleichen Stelle wurde am 1. September 1956 die Neue Schule als polytechnische Oberschule ihrer Bestimmung übergeben.
Am 15. Oktober 1866 flammten erstmalig die neuen Gaslaternen auf. Die Gasanstalt befand sich zunächst in der Berliner Straße, Ecke Bahnhofsstraße und wurde im Jahre 1902 an ihre heutige Stelle im Süden der Stadt verlegt. Aber noch immer war unsere Stadt weit entfernt von einem Gemeinwesen, das wir modern nennen können. Dafür sprechen leider die vielen Choleratoten, die im Jahre 1866 zu beklagen waren. Aber fast 40 Jahre mußten noch vergehen, ehe hier eine Änderung erfolgte. Im Jahre 1887 wurde die Kanalisation angelegt und im Jahre 1902 das Wasserwerk in Betrieb genommen.
Als Bismarcks Gewaltpolitik mit der Gründung des deutschen Reiches ein Ziel erreicht hatte, stieg die Einwohnerzahl der Stadt sprunghaft an. Durch eine Reihe von Gesetzen gewann Bismarck große Teile des Bürgertums. Eines davon betraf die Erleichterung der Abwanderung der ländlichen Bevölkerung in die Städte. Dadurch strömten zahllose Menschen vom Lande nach Rathenow, in dem Glauben, hier bessere Arbeitsbedingungen vorzufinden. Erreichte die Einwohnerzahl im Jahre 1870 die 8000-Grenze, betrug sie zehn Jahre später bereits 11 300 Menschen. Im Jahre 1885 waren es bereits 13 000 Einwohner, 1890 16 300 Einwohner, und als das 20. Jahrhundert begann, lebten 21 000 Menschen in unserer Stadt.
Die unmittelbare Folge war ein großes Anwachsen des Stadtgebietes. Es dehnte sich besonders nach Norden und Osten aus. Vom Jahre 1881 ab wurden die Straßenzüge nördlich der Berliner Straße bebaut, reguliert und durch Querstraßen miteinander verbunden. Den größten Einfluß für die Ausdehnung nach Osten übte die Eröffnung der Eisenbahnlinie Berlin-Rathenow-Stendal-Hannover am 1. Februar 1871 aus. Damit hatte unsere Stadt Anschluß an das internationale Eisenbahnnetz gefunden. Alle anderen Eisenbahnprojekte zerschlugen sich jedoch. Nachdem die Vorzüge dieses modernen Verkehrsmittels offenkundig geworden waren, wollte nun auch der Adel des Havellandes nicht zurückstehen. Für ihn galt es besonders, durch die Eisenbahn die landwirtschaftlichen Produkte schneller an die Orte des Verbrauches zu transportieren. So wurde im Jahre 1901 die eingleisige Schmalspurbahn Rathenow-Nauen in Betrieb genommen. Im Jahre 1904 folgte dann noch die Eisenbahnlinie Brandenburg-Rathenow-Neustadt/Dosse.
Auch die Verlegung der Kreisverwaltung des Kreises Westhavelland von der Berliner Straße an den östlichen Rand der Stadt hatte sehr viel für die Erschließung dieses Gebiet zu bedeuten. Im Jahre 1895 wurde das jetzt noch bestehende Gebäude der Kreisverwaltung seiner Bestimmung übergeben. Es wurde 1945 sehr schwer beschädigt und 1950/51 in seiner heutigen Gestalt wieder aufgebaut.
Zu erwähnen seien noch die Inbetriebnahme des Elektrizitätswerkes im Jahre 1904 und die Eröffnung des Krankenhauses in der jetzigen Paracelsus-Straße im Jahre 1886. Obwohl das Gebäude im Jahre 1907 erweitert wurde, konnte es bis in die neueste Zeit hinein niemals den tatsächlichen Bedürfnissen Rechnung tragen.
Im Westen machten sich um die Jahrhundertwende gleichfalls große Veränderungen bemerkbar. Die Interessen des Handels und des steigenden Schiffsverkehrs machten den Neubau einer Schleuse außerhalb der Stadt (bisher ging der gesamte Schiffsverkehr durch die Stadtschleuse) notwendig. Diese wurde im Jahre 1900 dem Verkehr übergeben. Im Zusammenhang damit entstand allmählich ein neuer Ort, der den Namen Neue Schleuse annahm. Dieser Ort wurde gegen jede Vernunft nicht nach Rathenow eingemeindet, sondern blieb als selbständige Gemeinde im Kreis Jerichow II bestehen.
Eine selbständige Arbeiterpartei auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus entsteht
Karl Marx und Friedrich Engels sahen es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben nach der Revolution von 1848/49 an, die deutsche Arbeiterbewegung vom Bürgertum zu lösen und eine selbständige Arbeiterpartei auf der Grundlage des dialektischen und historischen Materialismus zu gründen. Als Ergebnis dieser Bemühungen wurde im Jahre 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach gegründet. Ihre ersten Führer waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Von hier aus breitete sich die Partei in allen Gebieten Deutschlands aus, zunächst in den großen Industriegebieten, dann aber war sie überall in Deutschland zu finden. Nach Rathenow kam die organisierte Arbeiterbewegung zur Zeit des Sozialistengesetzes, mit dem Bismarck die ihm gefährliche Arbeiterbewegung bekämpfen wollte. Die ersten Aktionen gehen auf das Jahr 1881 zurück, als zum ersten Male Wahlzettel mit sozialdemokratischen Wahllosungen an den Häusern der Stadt klebten. Im Jahre 1883 wurden die ersten Fachvereine sozialistischer Richtung gegründet. Es waren die Maurer, Zimmerer und Tischler, die sich zusammenschlossen. Wann die Ortsorganisation der Arbeiterpartei genau gegründet wurde, ist bis jetzt noch nicht ermittelt worden. Doch geschah das im Zusammenhang mit der Vorbereitung der im Februar 1890 stattgefundenen Wahlen, die das schändliche Sozialistengesetz endgültig zu Fall brachten. Da alle Arbeiterorganisationen illegal waren, gründeten Rathenower Arbeiter ihre Parteiorganisation unter dem Tarnnamen „Verein zur Erzielung volkstümlicher Wahlen" oder kurz genannt Wahlverein. Das muß im Jahre 1889 gewesen sein. Schon im ersten Jahr ihres Bestehens konnte die Parteiorganisation 250 Mitglieder verzeichnen. Als das Sozialistengesetz am 30. September 1890 zu Fall gebracht war, zählte die Rathenower Parteiorganisation bereits 300 Mitglieder. Danach entwickelten die Rathenower Arbeiter zahlreiche eigene Organisationen, die unter großen materiellen Opfern aufrechterhalten wurden und zur Stärkung der Arbeiterklasse beitrugen.
Im Jahre 1891 gründeten sangesfreudige Rathenower Arbeiter den Gesangverein Vorwärts. Er erreichte in der Zeit der Weimarer Republik seine Blüte, als er zu den besten Arbeiterchören Deutschlands gehörte. Am 21. März 1892 hoben turnfreudige Arbeiter den Turnverein Freiheit aus der Taufe. Gerade diese Arbeiterorganisation war es, die über die Zeiten hinweg ihre Wirkung bis in unsere Tage ausstrahlte. Unendlich viel hat dieser Turnverein für den Arbeitersport getan. Seine Mitglieder waren es, die nach der Zerschlagung des Faschismus im Jahre 1945 darangingen, eine neue Sportbewegung aufzubauen. Mit Rat und Tat standen sie immer bereit, bis der Nachwuchs herangewachsen war, der dann die Geschicke lenken und leiten konnte. Im Jahre 1897 folgte dann der Radfahrerverein Solidarität. Im Jahre 1894 wurde die Ortsorganisation des deutschen Metallarbeiterverbandes gegründet. Das war neben der Partei die wichtigste und einflußreichste Arbeiterorganisation in Rathenow. Sie erfasste vor allem die Arbeiter der optischen Betriebe. Als die Ausbeutung der Kinder und Jugendlichen immer krassere Formen annahm und die Arbeiterpartei sich nicht immer mit der nötigen Entschiedenheit für die Jugend einsetzte, gründeten Jugendliche überall in Deutschland eigene Verbände der Arbeiterjugend. Am 2. Mai 1907 wurde auch in Rathenow die Organisation der Arbeiterjugend gegründet. Sie erfolgte im damaligen Lokal Rehfeld, heute Konsum-Gaststätte, in der Goethestraße. Die Arbeiterjugend wurde der herrschenden Klasse sehr bald in ihrem Kampf gegen den preußischen Militarismus gefährlich. Deshalb wurde im Jahre 1908 das Reichsvereinsgesetz geschaffen, das den Jugendlichen jede eigene Organisation verbot. Es spricht aber für den Mut der jungen Menschen jener Jahre, daß sie niemals den Zusammenhalt verloren.
Kampfaktionen der Rathenower Arbeiter
Die Rathenower Arbeiterklasse und ihre Organisationen wurden sehr bald nach ihrer Gründung von den rechten Kreisen der SPD beherrscht.
Es war damals nirgends leichter als in Rathenow, einem Arbeiter vorzugaukeln, daß er es durch eigene Tüchtigkeit jederzeit selbst zum Unternehmer bringen könne. Um einen optischen Betrieb einzurichten, bedurfte es keiner großen Mittel. Nur wenige Maschinen auf engstem Raum aufgestellt waren nötig. Auch Material war wenig nötig, da es sich um eine lohnintensive Industrie handelte. So entwickelten sich in Konjunkturzeiten viele optische Klein- und Kleinstbetriebe, deren Zahl in die Hunderte ging. Die Inhaber waren keine Arbeiter mehr, sondern nannten sich jetzt Unternehmer. Dazu kommt, daß ein großer Teil der optischen Erzeugnisse exportiert wurde. Die aus diesen Exporten erzielten Extraprofite verwendeten die Kapitalisten dazu, Arbeiter durch hohe Löhne, Kleinaktien oder Arbeiterwohnungen zu gewinnen. Die Zahl der Facharbeiter war in Rathenow verhältnismäßig hoch. So erklärt sich das Eindringen kleinbürgerlicher Lebensweise in die Rathenower Arbeiterschaft und das Entstehen der Arbeiteraristokratie.
Trotzdem greifen die Arbeiter oft genug zu der Kampfmaßnahme des Streiks, um ihre Lebenslage zu bessern. Im Jahre 1898 streikten die Schiffszimmerer der Rathenower Werften. Ihr Lohn betrug bei elfstündiger Arbeitszeit 28 bis 30 Pfennig pro Stunde. Durch fünf Streikaktionen bis zum ersten Weltkrieg erkämpften sie einen Stundenlohn von 40 Pfennig. Im Juli 1902 brach bei Nitsche & Günther, einem optischen Großbetrieb, ein Streik aus, der bis zum 30. Oktober dieses Jahres dauerte. Der Streik brach zusammen, weil die Unternehmer mit Hilfe verräterischer Gewerkschaften zum Austritt aus dem Metallarbeiterverband bewegten, indem sie allen Austretenden die eingezahlten Mitgliedsbeiträge zurückerstatteten. Im Jahre 1905 setzten Rathenower Bauunternehmer Italiener als Streikbrecher ein, als die Maurer in den Ausstand traten.
Besondere Aktivität entfalteten die Arbeiter, wenn Wahlen zum Reichstag bevorstanden. Im Jahre 1893 war es dem persönlichen Eingreifen von August Bebel und Wilhelm Liebknecht zu verdanken, daß in dem für die Stadt Rathenow zuständigen Wahlkreis der Kandidat der Arbeiterpartei gewählt wurde. Bebel und Liebknecht sprachen zu den Rathenower Wählern im Lokal „Zur Erholung", heute Waldschloß. Im Jahre 1911 wurde Wilhelm Pieck, der erste Präsident der DDR, verdächtigt, ein „Radikalinski" zu sein, als er die dringend notwendige theoretische Schulung der Arbeiter forderte.
Dagegen konnte Eduard Bernstein, ein führender Reformist in der SPD, im gleichen Jahr vier Schulungen von Funktionären durchführen, in denen er seine schädlichen Auffassungen vom friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus vertreten konnte. Noch einmal bewiesen die Rathenower Arbeiter ihre Kampfkraft, als sie mithalfen, daß im Jahre 1912 die SPD zur stärksten Partei im Reichstag wurde. In Rathenow war der Wahlsieg der SPD so überwältigend, daß die reaktionäre Mehrheit auf dem Lande dagegen nicht ankam. Jedoch sollten sich die Hoffnungen, die die Arbeiter mit diesem Wahlsieg verknüpften, nicht erfüllen. Die Führung der SPD war nicht gewillt, den Forderungen nach Frieden nachzugeben und den Kampf gegen die drohende Kriegsgefahr energisch zu führen. Vielmehr wirkte das Gift des Revisionismus bereits so stark, daß die Mehrheit der Führung bedingungslos zu würdelosen Vaterlandsverteidigern herabsank und die herrschende Klasse den ersten Weltkrieg entfesseln konnte.
Kriegs- und Nachkriegszeit
Als die künstlich hochgepeitschte Begeisterung der ersten Mobilmachungstage des Jahres 1914 verrauscht war, machten sich sehr bald all die Sorgen und das Leid des Krieges bemerkbar. Trotz aller Beteuerungen und aller Erklärungen der stark zensierten Rathenower Presse ließ sich nicht verheimlichen, daß auf allen Gebieten des täglichen Lebens empfindliche Einschränkungen vorgenommen werden mußten. Die hohen Verluste brachten es mit sich, daß nach und nach alle großen Rathenower Gaststätten zu Reservelazaretten umgewandelt wurden. Die Bevölkerung wurde während der Dauer des Krieges niemals die Last von Einquartierungen los. Bereits am 18. Februar 1915 wurde die Brot- und Mehlrationierung eingeführt. Am 14. Juni 1915 verbot der Rathenower Militärkommandant eine vom Wahlverein einberufene Versammlung in der Goldenen Sonne, die sich gegen den Krieg richten sollte. Im Laufe des Jahres 1916 wurden alle Lebensmittel und Gebrauchsgüter rationiert. So gab es u. a. 60 g Butter und 30 g Margarine pro Woche, wobei die Butterzuteilung zeitweise auf 30 g in der Woche absank. Deshalb machte sich sehr bald eine Anti-Kriegsstimmung bemerkbar.
Am 4. Mai 1917 demonstrierte eine große Zahl Jugendlicher gegen die Zwangsjugendwehr, die geschaffen wurde, um vor der Einberufung der entsprechenden Jahrgänge die Jugendlichen vormilitärisch auszubilden, damit diese schneller an die Front kämen. Als im August des gleichen Jahres die herrschende Klasse wieder einen „Sieg" verkündete, boykottierten die Rathenower Einwohner fast vollständig die Aufforderung, ihre Häuser zu beflaggen. Mehrere Protestversammlungen der Arbeiter verliefen zunächst erfolglos. Anfang des Jahres 1918 führten die Rathenower mehrere kurze Streiks durch, die durch den Einfluß rechter Gewerkschaftsführer ergebnislos verliefen. In dieser Zeit waren die Preise durchschnittlich um 300 Prozent gestiegen, die Löhne aber nur um 55 Prozent.
Der Krieg ging zu Ende. In Deutschland brach die Novemberrevolution aus, der Kaiser wurde verjagt. Überall wurden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. In Rathenow verliefen diese historisch so außerordentlich wichtigen Tage relativ ruhig. Ausdruck der Revolution war, daß am 10. November 1918 auf dem alten Turnplatz eine große Volksversammlung stattfand, auf der der Vorsitzende des Metallarbeiterverbandes im Rathenower Bereich sprach. Da er dem rechten Flügel der SPD angehörte, war er nicht gewillt, der Revolution in Rathenow zum Siege zu verhelfen, sondern begnügte sich mit revolutionären Phrasen. Die Verwaltung stellte sich auf den Boden der Tatsachen und versprach, im Amt zu bleiben. Weder der ehemalige Oberbürgermeister Lindner noch der Landrat von Bredow wurden ihrer Ämter enthoben und durch Anhänger der Revolution ersetzt. So wurden auch in Rathenow von Anfang an die Schwächen der Revolution deutlich sichtbar. Am 11. und 12. November wurde der Arbeiter- und Soldatenrat gewählt. Ihm gehörten u. a. an Franz Laege, der bekannte Chirurg Dr. Reincke und Dr. Heinemann. Seine Aufgabe bestand in der Kontrolle des Staatsapparates, der Betreuung der zurückkehrenden Soldaten und der Versorgung der Bevölkerung. Wie überall, so wurde auch bei uns nie versucht, die Staatsmacht selbst in die Hände zu nehmen. Dagegen wurde gestattet, daß gegen den Arbeiter- und Soldatenrat ein Bürgerrat gebildet werden konnte, der zum Sammelbecken aller reaktionären Kreise der Stadt wurde. Während der ereignisreichen Tage des Januar 1919 wurde in Rathenow die Ortsgruppe der KPD gegründet. Die Leitung übernahmen die Genossen Karl Gehrmann, Otto Weber, Karl Wutschke und Franz Archuth. Wie im großen, so sorgte auch in Rathenow die rechte SPD ständig dafür, daß es zwischen den beiden Arbeiterparteien zu starken Gegensätzen kam, die sich lähmend auf den revolutionären Kampf auswirkten. Am 19. Januar 1919 wurden die Wahlen zur deutschen Nationalversammlung durchgeführt. Die Wahlbeteiligung war außerordentlich stark. Die SPD errang über 8 000 Stimmen, während die KPD nicht in Erscheinung trat, da auf ihrem Gründungsparteitag beschlossen wurde, sich nicht an dieser Wahl zu beteiligen.
Im Jahre 1920 versuchte die Reaktion zum ersten Male, die junge Republik zu stürzen und die Macht zu ergreifen. In machtvollen Aktionen der Arbeiterklasse wurde jedoch der Kapp-Putsch zerschlagen. Auch in Rathenow traten die fortschrittlichen Kräfte geschlossen auf. Am 15. März 1920 um 9 Uhr begann der Generalstreik. Bis auf die lebenswichtigen Betriebe wurden alle Betriebe, Geschäfte und Dienstgebäude geschlossen. Um 10 Uhr wurde im Volksgarten (heute: Sportpalast) eine große Kundgebung durchgeführt, auf der Vertreter der KPD und SPD in gemeinsamen Erklärungen gegen den Putsch protestierten. Als Ausdruck der großen Entschlossenheit kam es dann zu einer machtvollen Protestdemonstration der Rathenower Bevölkerung, an der sich mehrere tausend Bürger beteiligten. Es war die bis dahin größte Demonstration, die Rathenow gesehen hatte. Unter diesem Eindruck unterstützten Stadtverordnetenversammlung und Magistrat den Generalstreik und erklärten, daß sie nur eine auf gesetzlichem Wege zustande gekommene Regierung anerkennen. Dieses Beispiel zeigt, daß die Arbeiterklasse unüberwindlich ist, wenn sie einheitlich handelt.
Unter dem Einfluß der Arbeiterklasse, insbesondere der Abgeordneten der KPD, in der Stadtverordnetenversammlung bemühte sich der Magistrat in den zwanziger Jahren, die Schäden des Krieges zu beseitigen. Drückend war die Wohnungsnot. In den Kriegsjahren wurde keine einzige Wohnung gebaut. Dazu kam, daß im benachbarten Premnitz eine große Pulverfabrik entstand, das heutige Chemiefaserwerk „Friedrich Engels". Das hatte zur Folge, daß viele Arbeiter und Angestellte in Rathenow untergebracht werden mußten. Viele Neubauten entstanden in den 20er Jahren, die aber nie ausreichten, um jeden Bedarf zu decken. So wurde nördlich der Curlandstraße die Nordsiedlung gebaut. Ihre Bebauung begann im Jahre 1919 und setzt sich bis in unsere Tage fort. Gegenwärtig erfährt der Ausbau der Nordsiedlung eine weitere Belebung durch den Aufbau einer modernen Großmolkerei im Wert von über 11 Millionen MDN. Sie wird die alte Molkerei in der Dr.-Otto-Nuschke-Straße ablösen und eine einwandfreie Verarbeitung der immer größer
werdenden Menge Milch garantieren. Auch die Häuser in der Havelberger, Potsdamer und Spandauer Straße entstanden. Der von den Rathenower Arbeitern gegründete Wohnungsbauverein baute etwa 300 moderne Wohnungen am Friedrich-Ebert-Ring, die seinerzeit große Beachtung fanden und zu den modernsten Wohnbauten der Stadt zählten. In den Jahren 1926 bis 1928 wurde das jetzige Paracelsuskrankenhaus ganz beträchtlich erweitert und damit endlich der für die Kranken benötigte Platz geschaffen. Die Nazizeit brachte keine Fortschritte. Erst unter der Arbeiter-und-Bauern-Macht wurden neue Erweiterungsbauten hinzugefügt, u. a. die Kinderstation, die am 19. September 1959 übergeben wurde. Der Aufbau am Ebertring wurde abgerundet durch die Übernahme einer neuen Schule. Am 11. Januar 1930 wurde die Jahnschule ihrer Bestimmung übergeben. Heute beherbergt dieses Gebäude zwei polytechnische Oberschulen, die Friedrich-Engels-Schule und die Bruno-H.-Bürgel-Schule. Weiter wurde während dieser Zeit die Hagenschule in der Großen Hagenstraße, die im Jahre 1886 gebaut wurde, in eine allgemeine Berufsschule umgewandelt. Alle diese geschilderten sozialen Fortschritte in den zwanziger Jahren waren möglich, weil in der Stadtverordnetenversammlung Rathenows die beiden Arbeiterparteien ständig zusammen die Mehrheit hatten und dadurch Beschlüsse zum Wohle der gesamten Bevölkerung herbeiführen konnten. Im Jahre 1925 trat die Stadt aus dem Kreis Westhavelland aus und bildete einen eigenen Kreis. Der Anlaß war dadurch gegeben, daß Rathenows Einwohnerzahl die 25 000-Grenze überschritt.
Die Zeit des Faschismus
Die zuletzt geschilderten Ereignisse können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich auch in Rathenow die politische Lage zuspitzte. Besonders in den Jahren der Weltwirtschaftskrise wuchs die faschistische Gefahr. In Rathenow bestand, wie überall in Deutschland, unter den Mitgliedern der Arbeiterparteien und den parteilosen Gewerkschaftlern grundsätzlich die Bereitschaft, den Faschismus abzuwehren. Jedoch wurde diese Einstellung stets durch die feindliche Haltung der SPD-Führung zunichte gemacht. Das ging so weit, daß Genossen der SPD aus ihrer Partei ausgeschlossen wurden, weil sie an Veranstaltungen der Rathenower KPD teilgenommen haben. Im Oktober 1932 wurde durch das geschlossene Auftreten der Rathenower Arbeiter eine faschistische Kundgebung mit dem Prinzen August Wilhelm von Hohenzollern verhindert. Bei den Juliwahlen zum deutschen Reichstag stimmten trotz der gewaltigen faschistischen Propaganda über 7 000 Menschen der Stadt für die beiden Arbeiterparteien, während nur rund 5 000 für die Nazis dagegenstanden. Selbst als die Faschisten bereits die Macht übernommen hatten, konnte die Rathenower KPD eine Protestdemonstration durchführen, an der über 2 000 Menschen teilnahmen.
Am 30. Januar übernahmen die Faschisten die Macht gegen den Willen der Mehrheit des deutschen Volkes. Trotz eines unerhörten Terrors konnten die Nazis bei den Märzwahlen 1933 keine Mehrheit erringen, auch in Rathenow nicht. In der Stadtverordnetenversammlung standen 13 Faschisten 15 Vertretern der Arbeiterparteien gegenüber. Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 verzeichneten die Faschisten rund 6 000 Stimmen, während über 9 000 Bürger der Stadt für die Arbeiterparteien stimmten. Mit grausamer Gewalt, mit Lug und Trug wurde dieses Ergebnis von den Faschisten korrigiert. Viele aufrechte Antifaschisten der Stadt wurden verhaftet und grausam gefoltert, in Konzentrationslager gesperrt und getötet.
Wie überall in Deutschland gab es auch bei uns in Rathenow eine Schar mutiger Menschen, die vor der Macht des Faschismus nicht zurückschreckte, sondern mutig den Kampf aufnahm und somit die Ehre des deutschen Volkes hochhielt.
Es sind dies: Franz Archuth, Arthur Bey, Fritz Bergmann, Johanna Conrad, Karl Dietz, Willi Falke, Arthur Grüneberg, Otto Ganzke, Otto Haupt, Hermann Hausner, Wilhelm Hermann, Christof Hilf, Walter Hoff, Arthur Jakobsthal, Franz Jeremias, Walter Jeschke, Richard Kotulla, Erwin Kühn, Alfred Kärnth, Karl Köpke, Otto Meier, Ruth Mohr, August Nagel, Max Otto, Ida Rogge, Margarete Reisel, Wilhelm Ritzmann, Otto Rosin, Hermann Schmidt, Paul Nabel, Johann Schneider, Willi Schulz, Richard Schwichtenberg, Max Siegemund, Otto Sommer, KurtThiel, Willi Thiede, Josef Triebe, August Wartenberg, Erich Winkler, Otto Weber, Gustav Wieprecht sen., Gustav Wieprecht jun., Hermann Zapf und Paul Zimmermann.
Ferner:
Erwin Walsleben, nach zehnjähriger Haft in den KZ Börnicke, Oranienburg und
Sachsenhausen im Jahre 1945 ermordet.
Ernst Meier Im Jahre 1936 verstorben
Heinz Rabe Im Jahre 1948 verstorben
Karl Gehrmann Im Jahre 1953 verstorben
Wilhelm Wittstock Im Jahre 1951 verstorben
Otto Ulrich Im Jahre 1945 verstorben
Klara Zimmermann Im Jahre 1953 verstorben
Adolf Rapsch Im Jahre 1946 verstorben
Sehr bald bezogen die Faschisten die Stadt Rathenow in ihre Kriegsvorbereitungen ein. Alle Maßnahmen, die der Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung dienten, wurden entweder vollkommen eingestellt oder sehr stark reduziert. Von einer Fortführung des in den zwanziger Jahren begonnenen Wohnungsbauprogramms war keine Rede mehr. Nur die primitiven Häuser der Südsiedlung entstanden, hauptsächlich als Unterkünfte für das hier aufgebaute Zweigwerk zur Flugzeugproduktion. Im Norden der Stadt wurde ab 1937 das große Kasernenviertel gebaut, wo Tausende junger Menschen auf den Krieg vorbereitet wurden.
Am 1. September 1939 brach der zweite Weltkrieg aus. Rathenow blieb zunächst von allen äußeren Einwirkungen verschont. Je mehr Länder Europas
die Faschisten eroberten, desto mehr kamen Angehörige unterjochter Völker nach Rathenow und wurden hier hauptsächlich als Zwangsarbeiter in der optischen Industrie eingesetzt. Zunächst waren es Polen und Franzosen, später in immer größerer Zahl Angehörige der Sowjetunion. Doch der Krieg kehrte mit zunehmender Dauer auch nach Rathenow zurück. Am 18. April 1944 griffen amerikanische Bomberverbände unsere Stadt an und hinterließen Tote und Trümmer. 60 Bürger der Stadt waren die ersten Opfer unter der Zivilbevölkerung. Das Apollo-Theater in der Berliner Straße wurde zerstört. Viele Geschäfte in der Berliner Straße gingen in Trümmer. In der Perleberger Straße wurden ganze Häuser zerstört. Am Lutherplatz, Ebert-Ring, in der Forststraße, Potsdamer Straße wurden schwere Schäden verzeichnet.
Je mehr sich der Krieg seinem Ende zuneigte, desto chaotischer wurden die Zustände in der Stadt. Die von Hitler befohlene Evakuierung der Bevölkerung in den Gebieten östlich der Oder stellte die damalige Stadtverwaltung vor unlösbare Probleme. Man war nicht in der Lage, diese bedauernswerten Menschen einigermaßen menschlich unterzubringen. So mußten alle größeren Lokale und Schulen, so weit sie nicht als Lazarette eingerichtet waren, als Notunterkünfte dienen.
In ihrer Grausamkeit gingen die Faschisten so weit, daß sie die Verteidigung der Stadt Rathenow befahlen, als die sowjetischen Truppen am 16. April 1945 die letzte Offensive begannen. SS-Verbände, und Angehörige der Wehrmacht kämpften vom 25. April bis zum 6. Mai 1945 in Rathenow nur, damit die Nazigrößen sich der Verantwortung durch die Flucht entziehen konnten. So tragen die Faschisten die volle Verantwortung an der schlimmsten Katastrophe, die unsere Stadt in ihrer 750jährigen Geschichte betroffen hat.
Als am 8. Mai 1945 mit der Kapitulation der Reste der faschistischen Wehrmacht der Krieg zu Ende war, schien das Ende unserer Stadt gekommen zu sein. Wohin man auch blickte, überall sah das Auge nur eine einzige trostlose Verwüstung, in der es kein Leben zu geben schien. Doch die Sowjetarmee war nicht zur Vernichtung gekommen. Sie setzte das normale Leben sehr bald wieder in Gang, gestützt auf deutsche Antifaschisten, die im Feuer des Kampfes gegen die Faschisten ihre Feuertaufe empfangen hatten und nun tatkräftig darangingen, eine neue Ordnung aufzubauen. Die vielen stillen Heldentaten, die in jenen Jahren vollbracht wurden, alle aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, deshalb soll nur die große Linie verfolgt werden.
Als Sofortmaßnahme wurde eine ganze Reihe von Geschäften aller Art wieder eröffnet und mit Lebensmitteln versorgt, so daß wenigstens ein Minimum der Versorgung gesichert war. Die Mühle und die Molkerei nahmen ihre Arbeit auf. Am 1. Oktober 1945 wurden in der heutigen Geschwister-Scholl-Schule und im Gebäude der ehemaligen Jahnschule der Unterricht aufgenommen. Am 18. Oktober 1945 nahmen 12 Aktivisten der ersten Stunde auf dem Gelände der heutigen ROW die Produktion auf und bauten damit unter unsäglichen Schwierigkeiten einen Betrieb auf, der heute der größte der Stadt ist und mit seiner Produktion Weltgeltung besitzt. Die Namen dieser 12 Aktivisten sind: Elly Kemnitz, Otto Brauer, Paul Bielicke, Paul Hebs, Otto Hewig, Franz Herregott, Erich Kopsch, Kurt Krummbiegel, Robert Schulze, Ernst Schuhmacher, Willi Teichmann, Friedrich Knoche.
Tatkräftig wurde in den nächsten Monaten und Jahren das riesige Trümmerfeld beseitigt, das in Rathenow lagerte. Groß waren die Schäden. Von 10 600 Wohnungen waren 2 661 zerstört. Dazu kamen noch 11 öffentliche Gebäude und die St. Marien-Andreas-Kirche. Insgesamt gesehen war die Stadt zu 54 Prozent zerstört worden.
Ihr Vertrauen in die neue Ordnung bewies die sowjetische Verwaltung nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik, indem sie am 10. November 1949 alle Rechte und Pflichten in die Hände einer schon lange vorher bestehenden Selbstverwaltung legte.
In dieser Zeit begann der erste Abschnitt des Wiederaufbaus der Stadt. Im Zentrum der Altstadt entstand der Platz der Jugend, der seinen Namen zu Ehren des 1. Deutschlandtreffens der Jugend im Jahre 1950 erhielt. Gleichzeitig entstand das Gebäude mit dem heutigen Ton- und Technik-Laden in der Berliner Straße. Im Osten der Stadt wurde das schwerbeschädigte Kreishaus instand gesetzt und seiner Bestimmung als Verwaltungsgebäude wieder übergeben.
Im Jahre 1953 begann dann der großangelegte Wiederaufbau der Stadt. Die ersten Wohnblocks entstanden am Lutherplatz. Es folgte der Abschnitt Friesacker, Goethe-, Forststraße. Hier in der Forststraße entstand der erste Ladenblock der Stadt. Dieser Abschnitt wurde 1957 fertig. Inzwischen begann es sich im Zentrum gewaltig zu rühren. Am 1. September 1
956 wurde die Neue Schule ihrer Bestimmung übergeben. Am 7. Oktober 1956 wurde der Grundstein für das Kulturhaus gelegt. Am gleichen Tage des Jahres 1958 wurde es feierlich eingeweiht. Zu beiden Seiten der Berliner Straße schossen die Wohnblöcke aus der Erde, die mit ihren modernen und großangelegten Geschäften heute der Stolz der Stadt sind. Zum Tag der Republik des Jahres 1961 wurde der große Komplex Kaufhaus-Tanzcafe fertig, und ein Jahr später war die letzte Lücke geschlossen. Für den Aufbau der Berliner Straße gab unser Staat 16,7 Millionen MDN aus. Gleichzeitig damit wurde die Berliner Straße erheblich verbreitert und höher gelegt und mit einer leistungsstarken und modernen Beleuchtung versehen. Hand in Hand damit baute die AWG „Havelland" die Stadt auf, wobei der Schwerpunkt in der Altstadt lag. Am Mühlenplatz, in der Leninallee, in der Baustraße, überall entstanden neue Wohnungen. Für rund 15 Millionen MDN wurden von dieser Genossenschaft Wohnungen gebaut. Das alles bedeutet, daß in den letzten Jahren über 2 000 neue Wohnungen gebaut wurden. Insgesamt wurden für den Wiederaufbau der Stadt Rathenow in der Zeit von 1950-1964 37,8 Millionen MDN ausgegeben.
Mit diesem kurzen Überblick über die stolze Bilanz der vergangenen 20 Jahre soll der Bericht über die Geschichte der 750jährigen Stadt Rathenow beendet sein. Gerade die letzten 20 Jahre haben uns gezeigt, daß wir mit dem eingeschlagenen Weg die richtigen Konsequenzen aus der Geschichte unserer Stadt, unseres Volkes gezogen haben. Deshalb blicken wir voller Stolz und Optimismus in die Zukunft, die auch für unsere Kreisstadt Rathenow heller denn je erstrahlt.
Redaktionell bearbeitet am 07.11.07 von Robby Schmalz
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