Barnewitzer Dorfchronik
von Constanze Pollatschek
TEIL II
Herr von Stein, der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde, hat den ersten Teil der Barnewitzer Dorfchronik aufgezeichnet. Anfang der dreißiger Jahre endet diese Chronik. Nach Aussagen von Dorfbewohnern soll von Stein den Teil der Chronik, der sich auf die Zeit der Naziherrschaft bezog, 1945 vernichtet haben. Wir, zwei Studenten der Fakultät für Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig, wollen im Jahre 1960 versuchen, die Dorfchronik weiterzuführen. Unsere Nachzeichnungen über die Jahre der Naziherrschaft stützen sich vor allem auf die Schulchronik, die die Lehrer Sander und Grothe geführt haben. Das Material von der Zeit nach 1945 sammelten wir in Gesprächen mit Einwohnern von Barnewitz . Der letzte Teil der alten Chronik bezieht sich auf die große Trockenheit im Jahre 1934.
Wir möchten noch einmal zurückschalten auf die Jahre 1932/33. In dieser Zeit der großen Klassenschlachten, der revolutionären Kämpfe zwischen der Kommunistischen Partei und den Hitlerfaschisten, geschahen auch im Dorf Barnewitz andere Dinge als nur Aussaat und Ernte, und die Bauern beschäftigten sich mit mehr Problemen als nur mit dem Wetter und den Marktpreisen. Der Klassenkampf ging nicht spurlos an Barnewitz vorüber. 1932 zählten NSDAP und SA 12 Mitglieder. Führer der Ortsgruppe war der Herr von Stein. Die Aktivität dieser Gruppe zeigte sich unter anderem darin, daß in Barnewitz die Eröffnung einer Filiale der Konsumgenossenschaft durch die SPD von den Nazis hintertrieben wurde. (Bei den Wahlen siegten die Nazis mit großer Stimmenmehrheit. Die nationalsozialistische Demagogie verfehlte ihre Wirkung nicht. Aber auch die KPD erlangte hier beträchtlichen Einfluß.
Vergleichen wir die Wahlergebnisse:
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31.07.1932
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06.11.1932
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05.03.1933
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SPD
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119
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88
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71
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NSDAP
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201
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169
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214
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KPD
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22
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47
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40
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Zentrum
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2
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Deutschnationale
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24
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39
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Deutsche Volkspartei
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1
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Deutsche Staatspartei 2
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Christlich-sozialer Volksdienst
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1
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Kampfbund Schwarz-Weiß-Rot
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1
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56
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Ungültige
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2
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Wahlberechtigte
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370
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346
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383
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Das Mehrparteiensystem wurde 1923 auf 10 Parteien reduziert. Im April 1933 war die Ortsgruppe der NSDAP wieder 52 Mann stark, nachdem sie vorher auf 8 Mitglieder zusammengeschrumpft war. Faschistische Organisationen wuchsen auch in Barnewitz wie Pilze aus der Erde:
- Ortsgruppe der deutschen Christen
- Luftschutzbund
- NS-Volkswohlfahrtzelle
- NS-Frauenschaft
- HJ und BDM
Wer kein Nazi war, wurde beiseite geschoben. Im Staatsdienst bestehen zu wollen, das bedeutete „Pg.“ zu sein. „Im Zuge der "Gleichschaltung der Gemeindeverwaltungen“ —, so hieß es nach damaligem Recht und Gesetz.
Und dann wurde nach dem 30. Juni 1934 Gemeindevorsteher Barsikow seines Postens enthoben. Bürgermeister wurde ein Nazi, der Ortsgruppenleiter der NSDAP, Herr von Stein. Alle Gemeinderäte waren in der Hitlerpartei. Lehrer und andere Staatsangestellte wurden ebenfalls gleichgeschaltet.
Frau Grothe erzählt, daß ihr Mann, der damals in Barnewitz Lehrer war und sich immer aus der Politik heraushalten wollte, schließlich doch gezwungen wurde, der NSDAP beizutreten.
Doch es ging nicht immer alles so glatt mit der Gleichschaltung. In der Schulchronik muß der Lehrer und Faschist Sander das bestätigen. Zum Erntetag am 30. September 1934 schickte man 15 Arbeiter aus Rathenow nach Barnewitz, und Sander klagt: „Nur ein Landwirt nahm die Volksgenossen freundlich auf. Handwerker und Landarbeiter mußten die Leute aufnehmen. Verschiedene Gäste kehrten mit dem nächsten Zuge wieder nach Rathenow zurück. Der Geist der Volksgemeinschaft läßt bei unseren Bauern noch viel zu wünschen übrig.“
1939 brach der Krieg aus, und da wurden die Bauern von keinem mehr erst nach ihrer Bereitwilligkeit gefragt. 50 Männer aus Barnewitz mußten auf das „Feld der Ehre“ ziehen und gegen die Klassenbrüder aller Länder Europas kämpfen. Viele kehrten nie zurück. Es gibt viele Waisen und Witwen im Dorf.
Otto Lauf, Adolf Petrich und andere trugen schwere Verwundungen und Verkrüppelungen davon. Und wer sollte weiter die Arbeit tun? Die Faschisten schleppten aus den überfallenen Nachbarländern Arbeitskräfte nach Deutschland. Auch hier in Barnewitz mußten viele Polen, grausam losgerissen von ihrer Heimat, auf den großen Höfen arbeiten. Die meisten polnischen Fremdarbeiter „organisierten“ sich der Großgrundbesitzer von Knoblauch aus Buschow und die Barnewitzer Großbauern. Immer mehr wurde das Dorf in den Krieg einbezogen.
Seit dem 15. Juli 1940 lag hier Soldateneinquartierung. Immer häufiger überflogen englische und amerikanische Flugzeuggeschwader das Dorf in Richtung Berlin.
Am 18. April 1944 warfen sie einen Teil ihrer Bombenlast über Barnewitz und der Kreisstadt Rathenow ab. Viele Höfe und auch die alte Kirche wurden zerstört, 18 Barnewitzer und 7 Fremdarbeiter kamen ums Leben.
Die letzten Kriegsjahre wurden die schrecklichsten. Im Januar und Februar 1945 kamen in eisiger Kälte große Flüchtlingstrecks aus dem Osten. Einige dieser Menschen fanden in Barnewitz eine Bleibe, die anderen zogen weiter. Und dann, mit dem Frühling, kam der rote Sturm aus dem Osten.
Die sowjetischen Truppen kesselten Berlin ein. Im Kreis Rathenow wurde gekämpft.
Am 25. April wurde Barnewitz von sowjetischen Truppen besetzt. Der Krieg war damit für diese Gemeinde faktisch zu Ende. Das „1000-jährige Reich“ versank nach 12 grausamen Herrschaftsjahren in Schutt und Asche.
Eine der ersten Maßnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht in dem von ihr besetzten Teil Deutschlands war die Anordnung der Bodenreform auf dem Lande, genauso wie 1917 eine der ersten Maßnahmen der jungen Sowjetmacht die Befreiung der Bauern und der Erlaß eines Dekrets über den Boden für Rußland gewesen ist. Die sowjetische Besatzungsmacht stützte sich auf die Beschlüsse des Potsdamer Abkommens, das kurz zuvor von den Siegermächten Sowjetunion, USA und Großbritannien unterzeichnet worden war. Alle Wirtschaften mit über 100 Hektar sollten entschädigungslos enteignet werden, damit die verderbliche Machtstellung der Großgrundbesitzer und Junker ein für allemal gebrochen werden konnte.
In Barnewitz wurde eine Bodenreformkommission mit dem Vorsitzenden August Beauvais gewählt. Sie bekam am 10. Oktober 1945 die Anweisung, unverzüglich die Landverteilung zu organisieren. Tag und Nacht wurden alle Einzelmaßnahmen vorbereitet, und am 13. Oktober 1945 erhielten über einhundert Landarme, Landlose, ehemalige Landarbeiter und Umsiedler bis zu 5 Hektar Ackerland aus dem ehemaligen Besitz der Wangerin, Beeilte, Bathe, Barsekow, Nennhaus, Erlenhoff, Catoli, Zwillenberg und des Junkers von Knoblauch. Bei der feierlichen Übergabe mahnte ein KPD-Genosse aus Rathenow, immer das Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft zu hüten, um eine Garantie für die Erhaltung der Errungenschaften der Bodenreform zu haben. Die neuen Ackerschläge wurden vorläufig abgesteckt und sollten, später noch genauer vermessen werden. Im November 1945 wurde auch der Wald aufgeteilt. Jede Wirtschaft erhielt etwa vier Hektar, der Rest wurde zu Gemeinde- und Staatswald erklärt.

Wie überall vollzog sich die Bodenreform auch in Barnewitz nicht ohne Schwierigkeiten. Zwei Beispiele sollen das illustrieren. Da war Fritz Beelitz, bislang einer der Übelsten aus der Oberschicht des Dorfes. 1914 schon hatte er eigenhändig den Bauunternehmer Carl Krause umgebracht. Kurz darauf meldete er sich kriegsfreiwillig und — ging straffrei aus. Aus dem Krieg zurückgekehrt, war er fortwährend bestrebt, seinen Besitz zu vergrößern. Das Geld dafür sog er aus denen, die sich bei ihm verdingen mußten. Der Mensch galt ihm nichts, er hatte ja schon 1914 bewiesen, daß er um seines Reichtums willen bereit war, über Leichen zu gehen. Umso überraschender kam es, als er eines Tages unverhofft seine Wirtschaft an seinen Sohn abtrat. Wieder waren dunkle Dinge im Spiel. Beelitz hatte Frauen, die bei ihm arbeiteten, mißbraucht und ihnen Geld in die Hand gedrückt, um sie zu Abtreibungen zu veranlassen. Die Sache drohte, bekannt zu werden, und um seinen Besitz dem gerichtlichen Zugriff zu entziehen, überschrieb Fritz Beelitz sen. seine Wirtschaft an Fritz Beelitz jun. Jetzt, 1945, sah er sein Parasitendasein endgültig in Gefahr geraten. Heuchlerisch intrigierte er gegen die Bodenreformkommission und spielte sich auf einmal als Demagoge auf. Doch Beelitz scheiterte, mußte scheitern, weil für Subjekte seinesgleichen kein Platz mehr war. Er verschwand aus dem Dorf mit der Drohung: „Ich werde wiederkommen!“ Aber Beelitz kam nicht wieder.
Andere gewissenlose Elemente versuchten, die tiefen Veränderungen im Dorf, die die Bodenreform mit sich brachte, für egoistische Interessen auszunutzen. Und als es ihnen nicht gelang, wollten, sie Rache an der Gerechtigkeit üben. Ein gewisser Neuberg legte Feuer im Viehstall des August Beauvais und versuchte, die Gemeindekasse zu entwenden. Er wurde, der Brandstiftung verdächtig, verhaftet, jedoch dank einiger gleichgesinnter Fürsprecher wieder auf freien Fuß gesetzt. Er entzog sich später durch die Flucht nach dem Westen jeder Verantwortung.
Es war kein Zufall, daß die Rache ausgerechnet den Vorsitzenden der Bodenreformkommission, August Beauvais, treffen sollte. Er, und später Fritz Tumoscheit, spielten bei der Bodenreform in Barnewitz eine entscheidende Rolle. August Beauvais war es, der die gesamte Landaufteilung organisierte, er war es, der das Neue gegen solche Leute wie Beelitz erfolgreich verteidigte, während sich andere Mitglieder der Bodenreformkommission unter verschiedenen Vorwänden vor ihrer Funktion drückten. Als alter Sozialdemokrat hatte er nach 1945 als einer der ersten begriffen, daß die Macht der Großgrundbesitzer auf dem Dorf nur durch eine Bodenreform endgültig gebrochen werden konnte, und daß von Anfang an für eine gerechte und sinnvolle Verteilung von Boden und Maschinen gekämpft werden mußte. Subjekte wie Beelitz und Neuberg haben den Lauf der Geschichte nicht aufgehalten: sie stellten sich dem Neuen, der Bodenreform, entgegen und mußten untergehen. Gesiegt haben solche Menschen wie August Beauvais und Fritz Tumoscheit, die nicht gegen, sondern mit der Geschichte waren. Gesiegt hatte der Fortschritt. Das zeigte sich nicht nur an der Bodenreform, das zeigte zum Beispiel auch der erste neue Bürgermeister nach der Befreiung von Barnewitz durch die Rote Armee.
Grundbesitz, Geld, das „von“ —, sie wurden bedeutungslos. Der einfache Bauer Künnemann wurde durch den sowjetischen Kommandanten als Bürgermeister eingesetzt. Aber trotz der Befreiung war das Leben sehr schwer.
Noch schwerer hatten es die Städter, die Berliner, Rathenower, Nauener —, wovon sollten sie leben, sich und ihre Kinder ernähren? Ihr letztes Hemd, ihren letzten Bettbezug brachten die Städter zu den Bauern, um es gegen einen Sack Kartoffeln, gegen irgend etwas Eßbares einzutauschen. Die Bauern bemühten sich, ihre Wirtschaften wieder in Gang zu bringen; die BHG gab denen, die über kein Saatgut verfügten, Saatgetreide und Saatkartoffeln, um die Aussaat zu sichern. Mit kurzfristigen Krediten kauften die Siedler Vieh. Nach Barnewitz kamen vor allem Kühe aus Thüringen.
Der Staat gewährte vielen Umsiedlern eine Sollermäßigung, teilweise bis zu 50 Prozent. Die Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS) halfen den Bauern mit Traktoren und Geräten. So konnte auch hier in Barnewitz das Leben allmählich normalisiert werden.
1949/50 wurde das Neubauern-Bauprogramm in Barnewitz verwirklicht. Die Arbeiter-und-Bauern-Regierung gab langfristige Staatskredite. Allmählich wurde die Wohnungs- und Stallraumnot überwunden. Bei dem Bombenangriff 1944 waren 90 Prozent aller Wirtschaftsgebäude und 60 Prozent des Wohnraumes zerstört worden. Nun wurden 29 Neubauten und ein Ausbau errichtet. Ziegel, Holz und andere Baumaterialien wurden zum Teil im Dorf selbst zusammengetragen. Die Schule wurde ebenfalls wieder aufgebaut. Sie erhielt den Namen Friedensschule, der Hoffnung und Verpflichtung zugleich ist.
Im Jahre 1952 begann in Barnewitz eine große, revolutionäre Umwälzung. Die Bauern Breuter, Timm, Kaschewski und Petrich bildeten während der Kartoffelernte eine Arbeitsgemeinschaft. Sie halfen sich bei der Ernte, um es sich leichter zu machen und schneller voranzukommen. Das war etwas Neues, und es sollte Auftakt zu noch größeren Neuerungen werden. Es begann damit, daß sich einige Bauern während der Frühstückspause am Feldrand zusammensetzten und über neue Wege der Landwirtschaft sprachen. Das Zentralkomitee der SED hatte auf der 2. Parteikonferenz über eine neue Wirtschaftsform, über eine neue Etappe in der Entwicklung der Landwirtschaft, über die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften diskutiert. Nun diskutierten die Barnewitzer Bauern darüber, und es gab viele Fragen. Bei Problemen, die man allein nicht klären konnte, halfen Funktionäre des Rates des Kreises. Und dann war es soweit. Auf dem Kalenderblatt stand das Datum 3. Dezember 1952, Gründungsversammlung der LPG in Barnewitz, die sich den Namen „Otto Grotewohl“ geben wollte. Und das waren die ersten: Otto Breuter, Franz Sommerfeld, Günter Kaschewski, Peter Jablinski, Fritz Tumoscheit, Robert Petrich, Hermann Newe, Marie Neitsch, Karl Bordewig. Dazu kamen noch die Frauen einiger Genossenschaftsbauern und einige andere Mitglieder, die heute verzogen oder verstorben sind. Über 20 Menschen gingen am 3. Dezember 1952 in Barnewitz den ersten Schritt von der zersplitterten Einzelwirtschaft zur sozialistischen Großraumwirtschaft und gaben dem ganzen Dorf ein Beispiel.
Die Genossenschaft begann damals sofort nach den Prinzipien des Typs III zu arbeiten. Voraussetzung für eine gemeinsame Viehhaltung boten die großen Ställe auf dem Hof des republikflüchtigen Mitz. Aber die Felder waren teilweise noch nicht abgeerntet. Bei großer Kälte, Eis und Schnee mußten die Zuckerrüben mit der Hand aus der Erde geholt werden. Schwer war der Anfang. Futtermittel und Saatgut reichten nicht aus. Die Genossenschaft war auf staatliche Unterstützung angewiesen. Aber der Elan, der Arbeitseifer und die Disziplin der ersten LPG-Bauern waren gut, und so ging es aufwärts.
Im Februar 1953 traten auf einer öffentlichen Versammlung 32 weitere Bauern der LPG bei. Auch sie hatten die Vorteile der genossenschaftlichen Produktion erkannt. Eine Delegation aus neuen Mitgliedern der LPG besuchte Otto Grotewohl in Berlin. Solange die ältesten Barnewitzer auch zurückdenken mögen, so etwas hatte es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben. Weder unter dem Kaiser, noch in der Weimarer Republik, noch unter der Hitler-Diktatur waren einfache, werktätige Menschen, Bauern aus einem kleinen Dorf, zu einem der höchsten Staatsfunktionäre gefahren, um mit ihm über ihre Probleme zu diskutieren. Günter Kaschewski, damals Vorsitzender der Genossenschaft, sprach mit dem Ministerpräsidenten über die Aufnahme von Großbauern in die LPG. Zu dieser Zeit sollten Bauern mit mehr als 20 Hektar Landbesitz noch nicht in die Genossenschaften aufgenommen werden. Otto Grotewohl ließ sich die Lage in Barnewitz genau schildern, und das Ergebnis war, daß bald nach diesem Gespräch vier Barnewitzer Großbauern in die LPG aufgenommen wurden. Auch der örtliche Landwirtschaftsbetrieb mit etwa 300 Hektar LNF wurde der LPG angeschlossen. Wegen der schlechten Arbeitsmoral der Landarbeiter trennte sich die LPG jedoch im September 1953 vorläufig wieder vom ÖLB.
Der endgültige Zusammenschluß erfolgte im Frühjahr 1954. Bei Aussaat und Ernte half die MTS. Es wurden Voraussetzungen geschaffen, um auch die Frauen stärker in die genossenschaftliche Arbeit einzubeziehen. Damals wurden der Kindergarten und die Kinderkrippe errichtet, für deren Ausbau Otto Grotewohl 10 000 DM spendete. Für die Arbeitseinheit wurde 1953 ein Wert von 9,55 DM erreicht. Aber schon in diesem Jahr kam es zu großen Schwierigkeiten. 203 Schweine, der gesamte Bestand der LPG, gingen an der Schweinepest zugrunde, dazu 30 Jungrinder. Diese Verluste schwächten die LPG außerordentlich, obwohl die Ernte im gleichen Jahr gut geborgen und die Futtergrundlage gesichert wurde. Es dauerte mehrere Jahre, ehe sich die LPG wieder richtig erholt hatte.
In dieser Zeit wurden im Dorf nicht nur auf ökonomischem Gebiet große Anstrengungen unternommen, auch die kulturelle Betätigung und die Jugendarbeit nahmen einen Aufschwung. Mit staatlicher Unterstützung wurden Musikinstrumente gekauft: l Akkordeon, 3 Mandolinen, 2 Bandolas und l Schlaggitarre.
Der Lehrer Bast leitete eine Dorfkulturgruppe. Ähnlich war es in der Sportarbeit. 1954 konnte die MTS Nennhausen zur Betreuung von Buschow und Barnewitz einen Stützpunkt in Barnewitz einrichten. Der Maschinenpark wurde ständig erweitert, und die Arbeitseinstellung der Traktoristen verbesserte sich immer mehr. Der Außenbezirk Linde kam als dritte Feldbaubrigade zur Genossenschaft. In Linde ist seitdem die Schafzucht stationiert. 1954 gab es eine gute Ernte, besonders große Erfolge wurden beim Kartoffelanbau erzielt. Die LPG erntete 220 Doppelzentner je Hektar. In den folgenden Jahren festigte sich die Genossenschaft. Alte Gebäude wurden für neue Zwecke umgebaut, Neubauten errichtet. Bereits 1953 hatte man den Schweinestall für 200 bis 250 Plätze umgebaut.
1955 wurde ein neuer Schweinestall für 200 Tiere errichtet. Durch einen Anbau erweiterte sich die Kapazität des Kuhstalles um 50 Plätze. 1956 kam ein Schweinemaststall für weitere 200 Schweine dazu. 1958 entstanden zwei Ställe für je 500 Hühner und der erste Rinderoffenstall für 60 Kühe. Der zweite Rinderoffenstall entsteht in diesem Jahr. Dazu kommen noch ein dritter Offenstall und ein Melkhaus, so daß die LPG 1963 über ein komplettes Rinderoffenstallkombinat verfügen wird. Daneben wird der Bau einer Schweinestraße mit 400 Plätzen in Angriff genommen. Die moderne Technik wird auch bei der Viehhaltung immer mehr angewandt. Am weitesten fortgeschritten ist jedoch die Mechanisierung im Feldbau. Ursprünglich ist Barnewitz von der Maschinenausleih-Station Retzow betreut worden. Später wurde der bereits erwähnte MTS-Stützpunkt der MTS Nennhausen eingerichtet, der seit seinem Bestehen kleinere und mittlere Reparaturen selbst ausführt und die Maschinen nur für größere Reparaturen nach Nennhausen schickt.
Ende 1959 verfügte der MTS-Stützpunkt Barnewitz unter anderem über 13 Traktoren, l Mähdrescher, l Kartoffelvollerntemaschine, 2 Kartoffellegemaschinen, l Mähhäcksler, l Mählader, 3 Binder, 3 Pick-up-
Pressen, l Heurechen (7,5 m Arbeitsbreite), l Heuauflader. Im Frühjahr 1960 wurde die Technik des Stützpunktes an die LPG „Otto Grotewohl“ übergeben.
Von den elf Traktoristen und Schlossern, die auf dem Stützpunkt arbeiten, sind inzwischen drei LPG-Mitglieder geworden: Heinz Strohbach, Hermann Sträub und Josef Jäger. Die Verschmelzung des MTS-Stützpunktes mit der LPG soll zu einer noch besseren Ausnutzung der technischen Kapazitäten führen. Die LPG wird künftig selbst für Organisation und den Einsatz der Maschinen verantwortlich sein. Andererseits wächst das Interesse der MTS-Arbeiter, die zur Genossenschaft übertreten, für die LPG, also auch für sich selbst, gute Arbeit zu leisten.
Neben der LPG „Otto Grotewohl“ bestehen in Barnewitz seit einiger Zeit noch zwei kleinere Genossenschaften vom Typ I. Die LPG „Guter Anfang“ wurde am 1. Dezember 1959 gegründet. Wesentlichen Anteil an ihrem Zustandekommen hatten die Ortsgruppe Barnewitz und der Kreisverband Rathenow der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands.
Die LPG „Guter Anfang“ arbeitet ohne gemeinsame Viehhaltung. Sie vereinigt zehn Mitglieder und besitzt eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 83,86 Hektar. Wiesen und Weideflächen konnten bereits durch Austausch mit der LPG „Otto Grotewohl“ zusammengelegt werden. Die Ackerflächen liegen noch weit verstreut. Ein Austausch wird erst vor der diesjährigen Herbstbestellung möglich sein. Alle Mitglieder der LPG „Guter Anfang“ gehören bereits seit langem der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe an. Der LPG-Vorsitzende Erich Wieland ist außerdem Vorsitzender der Ortsgruppe der LDPD, stellvertretender Bürgermeister und Abgeordneter des Kreistages Rathenow. Die Genossenschaft hat sich vorgenommen, schon in diesem Jahr rentabel zu arbeiten und den Plan für die einzelnen Produkte nach Möglichkeit überzuerfüllen.
Die zweite Genossenschaft vom Typ I ist die LPG „Frieden“. Sie entstand in den Tagen, als Barnewitz endgültig den Weg zum vollgenossenschaftlichen Dorf beschritt. Ihr Gründungstag ist der 1. April 1960. Sie umfaßt zur Zeit acht Mitglieder und besitzt 48,13 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Vorsitzender ist Rudolf Hohm. Im Herbst sollen einige Flächen mit der LPG „Otto Grotewohl“ ausgetauscht werden, damit eine komplexe Bodenbearbeitung möglich wird. Nachdem noch 12 Bäuerinnen und Bauern in die LPG Typ III aufgenommen wurden, war Barnewitz vollgenossenschaftlich. Die LPG „Otto Grotewohl" bearbeitet nun 1093,62 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Auf der letzten Vollversammlung der Genossenschaft im März 1960 wurde nach einer langen, gründlichen Diskussion von den Mitgliedern der LPG beschlossen, sich mit den LPG in Buschow und Möthlow zu einer Groß-LPG zusammenzuschließen. Diese drei Gemeinden gehören zu einem Hauptdorfbereich. Die Genossenschaft wird von einem zentralen Vorstand geleitet; großzügige Perspektivplanung und Spezialisierung werden in solch einem Großbetrieb möglich gemacht. In diesem Jahr, 1960, werden die drei Genossenschaften noch getrennt abrechnen, ab 1. Januar 1961 wird der Zusammenschluß auf allen Gebieten rechtsgültig sein.
Wie sieht nun das vollgenossenschaftliche Dorf Barnewitz zur Zeit aus?
Die LPG „Otto Grotewohl“ bestimmt mit ihren Bauten und vielen Höfen, mit ihrem Vieh und ihren Maschinen weitgehend das Gesicht des Dorfes. Ein Kulturraum mit Fernsehapparat, eine Schwesternstation, Kindergarten und Kinderkrippe, das sind die Errungenschaften des neuen Dorfes. Ein weiter Weg war es von den Trümmern des Jahres 1945 bis zu diesen Errungenschaften. Mit der Bodenreform begann das neue Leben, und mit der Schaffung des vollgenossenschaftlichen Dorfes im Frühjahr 1960 hat das neue Leben einen vorläufigen Höhepunkt gefunden. Einen entscheidenden Anteil an der Demokratisierung der Verhältnisse und dem allmählichen Aufbau des Sozialismus haben die Parteien und demokratischen Massenorganisationen. Die Ortsgruppe der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands spielte eine führende Rolle bei der Schaffung der LPG „Otto Grotewohl“ im Jahre 1952.
Zu den ersten Genossenschaftsbauern gehörten die Genossen Tomuscheit, Breuter und Sommerfeld. 1953 wurde innerhalb der LPG eine Betriebsparteigruppe gebildet, der 1958 die Ortsgruppe angeschlossen werden konnte. Heute umfaßt die Parteigruppe in Barnewitz 35 Mitglieder. 29 sind Genossenschaftsbauern. In der Gemeindevertretung arbeiten neun Genossen der Partei. Der Genosse Bordewig ist Mitglied der Kreisleitung der SED. Die Parteigruppe verwirklicht in Barnewitz die führende Rolle der Arbeiterklasse auf allen Gebieten des Lebens. Sie hatte entscheidenden Anteil an der Festigung der Genossenschaft und dem Übergang zum vollgenossenschaftlichen Dorf. Sie wird entscheidenden Anteil haben an der Entwicklung von Barnewitz zum blühenden sozialistischen Dorf. Gemeinsam mit der Partei der Arbeiterklasse arbeiten die DBD und die LDPD im Demokratischen Block. Die Demokratische Bauernpartei Deutschlands, deren Ortsgruppe 1950 gegründet wurde und 1952 24 Mitglieder zählte, besteht heute mit 9 Mitgliedern. Ihr Vorsitzender, der Berufsschullehrer Siebelack, ist Mitglied des Gemeinderates.
Die Liberal-Demokratische Partei, deren Ortsgruppe 1948 gebildet wurde, arbeitet heute mit 8 Mitgliedern. Ein Mitglied der LDPD, Otto Piesker, war vor einigen Jahren Bürgermeister; Erich Wieland, Vorsitzender der LPG „Guter Anfang“, ist vertretender Bürgenmeister. So arbeiten die Parteien in der Nationalen Front gemeinsam zum Wohle des Dorfes.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1961 veröffentlicht und wurde mit Gestattung des Rathenower Heimatbundes e.V.daraus übernommen.
Anmerkung der Redaktion: Bei dem vorstehenden Beitrag handelt es sich um ein Zeitdokument welches den damaligen Zeitgeist wiederspiegelt. Redaktionell wurde der vorstehende Beitrage um die Grafiken und Bilder ergänzt.
Redaktionell von Hans- Jürgen Wodtke bearbeitete
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| Kommentar: | 1 |
| von: | Sven Tepperwien |
| am: | 06.01.2011 |
| um: | 13:58:48 |  | |
| Kommentar: | Gibt es einen \"Teil 1\" der Dorfchronik? Wo ist er zu finden?
LG, Sven Tepperwien |
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