In Rathenow vor 100 Jahren
von Joachim Freimuth
Die Entwicklung Rathenows verlief noch ziemlich gleichförmig und ruhig. Noch wirkte sich das belebende ökonomische Element, die optische Industrie im Jahre 1863, nur zögernd aus. Trotzdem vermittelt uns der Verwaltungsbericht der Rathenower Obrigkeit aus jenem Jahr einige interessante Einzelheiten, die hier aufgezeichnet werden sollen.
Rathenow hatte im Jahre 1863 6 740 Einwohner, die sich auf 652 Wohnhäuser verteilten. Zu diesen gesellten sich weitere 660 Soldaten, die zu dieser Zeit noch alle in Bürgerquartieren lebten.
Die wirtschaftliche Lage der Stadt war günstig, wie aus dem Bericht des Magistrats hervorgeht.
Folgen wir ihm wörtlich: Der Verkehr in hiesiger Stadt hat sich im Laufe des Jahres gehoben. Mehrere kaufmännische Geschäfte sind neu eingerichtet worden, die Fabrikation der Steine in und um Rathenow lieferte anfänglich sehr gute Erträge, sank aber am Schluss des Jahres infolge der Aussicht auf Kriegsunruhen.
Die optischen Industrieanstalten, die Dampf- und Wassermühlen, die Dampf- und Schneidemühlen, die Wollgarnspinnerei-Fabrik, die Rohgoldleisten-Fabrik und die Ofen-Fabrik haben das ganze Jahr hindurch mit vermehrten Arbeitskräften gearbeitet. Der Seidenbau dagegen hat kaum nennenswerte Erträge geliefert. Die Zahl der in der optischen Industrie beschäftigten Arbeiter ist bereits beträchtlich gewachsen: Die Zahl der in den beiden optischen Fabriken von Emil Busch und Schulze & Bartels und bei den kleineren selbständigen Glasschleifern und Bügelmachern beschäftigten Arbeiter beläuft sich auf zirka 430. Die in dem Situationsbericht erwähnten Kriegsunruhen beziehen sich auf den bevorstehenden Krieg zwischen Preußen, Österreich und Dänemark, der der erste der drei Einigungskriege war, die Bismarck führte, um das Deutsche Reich durch „Blut und Eisen“ zu einigen. Diese Kriegsvorbereitung kommt in dem Verwaltungsbericht folgendermaßen zum Ausdruck: Seit dem 1. Dezember des Jahres ist die Mobilmachung ausgesprochen und es sind von da an bis zum Jahresende untergebracht worden l 160 Mann und 500 Pferde. Die drei Escadrons, welche hier in Garnison standen, sind am 17. u
nd 18. Dezember zur Bundes-Exekutions-Armee nach Schleswig-Holstein abmarschiert.
Ein anderes Problem, das die Gemüter unserer Stadtväter im Jahre 1863 beschäftigte, ist der Bahnbau, durch den sich die neue, kapitalistische Zeit ankündigte. Folgen wir wieder dem Verwaltungsbericht wörtlich: Das zu Ende des vorigen Jahres aufgetauchte Projekt einer von Berlin über Rathenow zu führenden ist soweit gediehen, dass die Vorarbeiten für eine Eisenbahnlinie von Berlin über Rathenow - Tangermünde, und einerseits Stendal - Salzwedel - Ülzen, andererseits Neuhaldensleben - Helmstedt, gleichzeitig aber auch die zu einer Eisenbahnlinie von Berlin über Rathenow, Tangermünde, Gardelegen, Giffhorn, Lehrte angefertigt und dem Königlichen Handelsministerium eingereicht worden sind, welches sich für die letztere Linie als die zweckmäßigere entschieden. . . Die Stadt-Kommune Rathenow hat, um den Bau zu fördern, den Beschluss gefasst, mit 150 000 Talern Stammaktien sich bei demselben zu beteiligen. Außerdem sind von Privaten an 40 000 Taler Stammaktien gezeichnet worden. Leider hat sich der Bau durch die ausgebrochenen Kriegsunruhen, in welche unser Vaterland mit Dänemark verwickelt ist, vorläufig auf geeignetere Zeiten verschoben werden müssen. Außerdem hat sich jetzt ein Komitee gebildet, zum Bau einer Eisenbahn, welche sich an die von Stargard, Schwedt nach Angermünde projektierte anschließen und von Angermünde über Gransee, Neuruppin, Neustadt/Dosse, Rathenow nach Genthin führen soll.
Die von unserer Stadt mit so großen Hoffnungen begleiteten Eisenbahnprojekte haben sich bis auf
die große Bahnlinie nach Stendal, Hannover zerschlagen. Das Interesse daran beweist aber, dass man hier sehr wohl den Wert dieses neuen Transportmittels erkannte. An der Rathenower Schule, die sich dort befand, wo sich heute die Neue Schule erhebt, unterrichteten im Jahre 1863 22 Lehrer und 2 Lehrerinnen. Aus dem Verwaltungsbericht geht auch hervor, dass es damals eine enorme Schulraumknappheit gab. So gab es Klassen mit 74, 71, 63 und 61 Kindern. Etwas, was heute dank der großzügigen Unterstützung des Staates vollkommen entfallen ist, war damals an der Tagesordnung, das Schulgeld. 2 958 Taler an Schulgeld flössen in die Stadtkasse. Damit wurde nicht ganz die Hälfte der Schulkosten gedeckt. Über 3 600 Taler zahlte die Stadtkasse für die Schule dazu. Das gesellige Leben vor 100 Jahren war wenig entwickelt, was ja kein Wunder war, wenn man bedenkt, dass die Masse der Einwohner, die Arbeiter, täglich 12 bis 14 Stunden arbeiten musste und dass der Verdienst kaum zum Notwendigsten reichte. Zwölf Vereine bemühten sich um die geistige Bildung der Bürger: der ökonomische Verein, drei Gesangvereine, ein Turnverein, zwei Jünglingsvereine, ein Vorschusskassenverein, drei Sterbekassenvereine, eine Freimaurerloge.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1963 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 12.11.07 von Robby Schmalz
Fotos: Archiv Thonke
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