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Nächtlicher Spuk an der Munterkuhle

von Hermann Holzendorf

Noch vor 250 Jahren gab es einen Postweg, der von Genthin kommend über Vieritz, Wudicke, Ferchels, Neuwartensleben, Mahlitz, Klietz nach Sandau führte.
Ungefähr eine Meile nördlich von Wudicke liegt direkt an diesem Wege eine schulklassengroße Senke, die von den Wudickern "Munterkuhle" genannt wird. (Nach schneereichen Wintern ist sie noch immer mit Wasser gefüllt). Warum ich hierüber eine Geschichte erzählen will, wo es doch in Norddeutschland hunderte und aberhunderte solcher kleinen, "Sölle" genannte, wassergefüllter Löcher gibt, die ihre Entstehung der letzten Eiszeit verdanken?
Aber unsere Munterkuhle ist doch etwas Besonderes! Sie liegt mitten auf dem Klietzer Plateau, einer mit Sandbergen bedeckten und mit magerer Heide bewachsenen Hochfläche, die von Klietz an der Elbe im Westen bis nach Grütz an der Havel im Osten und von Kamern im Norden bis zum Pappert südlich von Wudicke reicht. Auf dieser großen Fläche gibt es weder Fluß noch Bach, weder See noch Weiher. Nur diese Munterkuhle. Was Wunder, wenn sich nicht um so einen Ort Sagen und Geschichten ranken, wie folgende, von mir aufgefundene:

Es war die Nacht vor der Walpurgisnacht (30. April - 1. Mai) .Überall rüsteten die Nacht- und Spukgestalten zu ihrem Luftritt zum großen Treffen auf dem Blocksberg (Brocken im Harz).
WalpurgisnachtHier an der Munterkuhle trafen sich die Spukgestalten aus dem Elb-Havel-Winkel zur Generalprobe und zum letzten Appell. Da kamen die Nachtmaare aus den Kamernschen Bergen auf ihren Hedemicken reitend, die Erdkauler vom weißen Berg auf Backofenwiepen, die Unterirdischen vom Mylberg auf Faßdauben durch die Lüfte segelnd, die Kobolde vom Lauseberg bescheiden auf Ziegenböcken reitend und die Gnome von Gütschow, die mit ihren langen Heppers (Sprungstangen der Dittmarscher) über Hecken und Gestrüpp hinwegsetzten.
Kurz, es war schon eine lustige und laute Gesellschaft, die sich hier vergnügte. Als Musikanten für ihren Tanz hatten sie die Tiere des Waldes gedungen: die Frösche gaben mit ihrem hellen Tenor die Melodie an, Unken und Uhus spielten die Bässe und die Wölfe wehrten mit ihrem Geheul als ehemalige Herren der Heide Neugierige ab. Zu trinken gab es übergenug aus der Munterkuhle, und bald stieg die Stimmung auf den Höhepunkt.
Doch nicht nur ausgelassene Freude gab es in dieser Nacht hier auf der weiten Heide. Großvater Tonn, ein kleiner Kossat aus Wudicke, war in die Heide gefahren, um Brennholz für Herd und Ofen zu sammeln. Am späten Abend auf der Heimfahrt ereignete sich das Unglück,: ein Rad seines Wagens brach und das Fuhrwerk stürzte um. Nachdem sich Großvater Tonn von seinem ersten Schrecken erholt hatte, schirrte er seine beiden Kühe aus und nahm den langen Weg unter seine müden Füße. Seine beiden Kühe schritten, von der Last der Holzfuhre befreit, munter ihrem Herrn voraus, wußten sie doch aus Erfahrung, daß auf dem halben Wege zum Stall die Munterkuhle mit herrlich frischem Tränkwasser lag.
Auch unser Pechvogel freute sich schon auf einen stärkenden Trank. Nach Mitternacht erreichten die drei die jetzt ruhig daliegende Labestelle, denn die nächtlichen Spukgestalten hatten sich im Hinblick auf den weiten Ritt zum Blocksberg entgegen ihrer üblichen Gewohnheit schon vor Mitternacht auf den Heimweg gemacht.
Großvater Tonn führte, wie es sich für einen Tierfreund geziemt, erst seine durstigen Kühe ans Wasser. Aber anstatt ihren Durst zu stillen, bäumten sie sich auf und sprangen zurück, ohne auch nur einen Schluck zu sich zu nehmen. Kopfschüttelnd kniete sich Großvater Tonn nieder um zu trinken. Auch er schreckte erst mal zurück, bis er begriff: die Munterkuhle war bis weit über die Hälfte mit Wein gefüllt und zwar, wie er nach dem zweiten Schluck feststellte, mit herrlichem, heimatlichem Wein vom Buckower Weinberg.
Opa Tonn auf nächtlicher TourWährend unser Genießer sich noch den Kopf über diesen Zauber zerbrach, zuckelten seine Kühe dem Dorfe zu, fanden ihren Stall und legten sich zur wohlverdienten Ruhe ins Stroh. Großvater Tonn, nachdem er sich ausgiebig am Wein gelabt hatte, verkroch sich ins Heidekraut, um seinen Rausch auszuschlafen. Am späten Vormittag des nächsten Tages - im Dorf hatte man schon eine Suchmannschaft zusammengestellt, um nach dem Besitzer der beiden Kühe zu fahnden - erreichte Großvater Tonn, noch ein wenig unsicher auf den Beinen, das Dorf.
Seine Geschichte vom Munterkuhlenwein wollte natürlich keiner glauben. Einerseits, noch nie ist einer vom Munterkuhlenwasser betrunken geworden, andererseits es gab weit und breit kein Weinlokal, und der alte Posthof in der Heide bei der Dorfstelle des ehemaligen Weilers Satoch war schon seit Generationen nur noch eine Ruine. Also, sollte es wahr sein, was Großvater Tonn in seinem Halbrausch von sich gab?
Bekanntlich soll es doch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde geben, als der Mensch sich zu erträumen wagt.
Die Meinungen waren geteilt, "Blödsinn", "Spökenkiekerei", das waren die Meinungen besonders der Frauen, die fürchteten, daß ihre Männer geschlossen in den Wald laufen würden und - wer weiß, wovon - volltrunken morgen oder wer weiß , wann, wieder auftauchen würden.
Der Dorfschulze schlichtete den Streit, indem er darauf hinwies, daß man doch den Wagen von Großvater Tonn suchen, reparieren und nach Hause holen müßte, das seien alle Männer dem Mitbürger Tonn schuldig. Aus Freude darüber, daß ihrem Dorfschulzen solch "kluge" Begründung eingefallen war, rüstete sich das ganze Dorf zur Heidefahrt.
Halt, nicht alle, die Frauen blieben kopfschüttelnd im Hause, denn für die "Rettungstat" hätten zwei kräftige Männer und ein Pferdegespann ausgereicht. Es wurde aber doch noch Spätnachmittag, bis zwei Dutzend Männer aufbrachen, denn vorher war Großvater Tonn, der doch die Truppe zum verunglückten Wagen führen mußte, nicht verhandlungsfähig. Es mußte wirklich "teuflisch" guter Wein sein, den Großvater Tonn entdeckt haben wollte.
Auf mitternächtlicher Heide hatten Stellmacher und Dorfschmied im Handumdrehen den Wagen zusammengeflickt, die Holzladung ebensoschnell umgeladen , und voller Ungeduld setzte sich der Troß zweifelnder, ungeduldiger, ungläubiger, hoffender oder auch einfach nur neugieriger Wudicker Bauern in Marsch, Richtung Munterkuhle. Die lag im Mondlicht, still und friedlich, als könne niemand "ihr Wässerchen trüben". Nichts erinnerte an den Trubel der vergangenen Nacht, Der Dorfschulze, dem man die Ehre des ersten Schluckes zugedacht hatte, verzichtete zugunsten Großvater Tonns, dieser zierte sich nicht lange, wußte er doch, was auf ihn wartete. Er warf sich auf die Knie, beugte den Kopf nieder und trank ...... klares, reines, frisches Munterkuhlenwasser, mit dem schon Generationen von Waldarbeitern und Heidebauern vor ihm ihren Durst gestillt haben.
Über die Stimmung, die hier am Wasserloch herrschte, braucht wohl nichts berichtet zu werden. Nur ein Stöhnen war zu vernehmen: unsere Weiber, wie können wir ihnen wieder unter die Augen treten? Doch klar und zukunftsfroh war die Stimme des Dorfschulzen zu hören: Wir fahren den weiten Weg über Buckow, der Wirt zum "Seeblick" hat noch einige Fässer "Buckower Spätlese" für besondere Anlässe im Keller und ein besonderer Anlaß wäre doch wohl der heutige Tag.


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