Meine Erinnerungen an das Kriegsende in Böhne
von Lilli Tross, geb. Burgemeister
„Wenn ich an die Tage im Anfang des Monats Mai 1945 zurückdenke, so bleibt mir und meiner Familie der Abzug der deutschen Truppen in Richtung Wald nach Westen eine schmerzhafte Erinnerung. Nun waren wir ohne Schutz den Russen ausgeliefert und konnten als Waffe nur noch die weiße Fahne in Form eines Tischtuchs aus dem Fenster hängen.
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Lilli Tross (li) und russische Soldaten im Mai/ Juni 1945 in Böhne
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Am 5.5.45 in den frühen Morgenstunden war es dann so weit. Wir hörten Schritte von Soldaten und die ersten russischen Laute, ehe die schweren Panzer über das Pflaster rollten. Da man uns geraten hatte, die Haustür offen zu halten, dauerte es auch nicht lange, bis die ersten russischen Soldaten ins Haus kamen und nach „Uhri, Uhri“ suchten. Ich war damals gerade 19 Jahre alt und hielt es für geraten, mich nicht zu zeigen. Wo ich alles Zuflucht gesucht habe, kann ich kaum mehr aufzählen, doch meiner Mutter war es zuletzt gelungen, mich hinter einem Stapel Betten zu verstecken, so daß mein Versteck in dem Gewühl der vielen Flüchtlinge, die bei uns Zuflucht gesucht hatten, nicht auffiel.
Böhne war ja gegen Ende des Krieges voller Flüchtlinge und Evakuierter aus den bombengeschädigten Städten Westdeutschlands, aus Berlin und in zunehmendem Maß auch aus dem Osten, die in allen möglichen Häusern Zuflucht gesucht hatten. Auch ich war mit meiner Mutter, meinem Bruder und einer Tante aus Berlin im Haus meines verstorbenen Großvaters untergekommen. Bei den vielen Kindern, die meist vor den russischen Soldaten ängstlich zu weinen anfingen, war es uns gelungen, die ersten 5 Tage zu überstehen.
Danach kam ein Stab von 15 Russen in unser Haus und belegte bis auf 2 Räume das ganze Haus. Es wurden sofort Telefonleitungen installiert und Fahrzeuge auf unserem Hof abgestellt (1 LKW und ein Jeep für den Major, der den Stab befehligte). Ein Dolmetscher erklärte uns, daß wir alles abschließen sollten, die Soldaten aber nichts nehmen dürften. Das waren ganz neue Töne für uns und ließen uns Hoffnung schöpfen. Dafür sorgte auch der freundliche Koch, der sämtliche Fleischgerichte zu Suppe verarbeitete und dann den großen Kochtopf meiner Mutter zum Abwaschen „überreichte“. Die Essensreste haben uns gute Dienste geleistet.
Da diese Gruppe von Soldaten unter Führung des Majors und einiger Offiziere gute 5 Wochen bei uns „wohnten“, entwickelte sich ein beinahe nachbarliches Verhältnis. Mein jüngerer Bruder Fritz verstand sich gut mit den Soldaten und lag oft mit dem Fahrer des LKWs zum „Reparieren“ unter dessen Wagen. Der Fahrer hieß Tschaiken und kam aus Taschkent, einem Ort, der uns dadurch zum Begriff wurde. Als man ankündigte, dass eine Fahrt nach Spandau zum Bierholen geplant war, fuhr mein Bruder mit. (Es hätte sich ja eine Gelegenheit zum Nachschauen ergeben können, ob das Haus in dem sich unsere Wohnung befand noch stand). Er kam auch wohlbehalten mit den Russen wieder zurück, allerdings ohne in unseren Stadtteil zu kommen.
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Siegesfeier in Böhne Major ( mi. v.) und Stab
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Bei der „Siegesfeier“ im Garten entstand dann das Photo vom Major und seinem Stab, das später in einer improvisierten Dunkelkammer im Oberstock mit anderen Schnappschüssen entwickelt wurde. Das zweite Photo zeigt mich mit einer Flüchtlingsfrau auf der Treppe zum Hof, wo wir mit Gemüseputzen beschäftigt waren und sich eine Gruppe von Soldaten ungeniert dazugesellte. Man hatte ja Zeit, der Krieg war überstanden, und die einzige Aufgabe der Truppe bestand darin, daß man die Männer des Dorfes nacheinander auf ihre Nazi-Vergangenheit überprüfte. Dazu wurden sie einer nach dem anderen in unseren Ställen auf dem Hof „verwahrt“ und dann dem Major vorgeführt. Bei dem sommerlichen Wetter standen alle Fenster offen, so dass man die Stimme des Dolmetschers gut hören konnte und teilweise auch die Antworten der Verhörten.
Einer von ihnen, der Lehrer Martin Mertens, ist nach diesem Verhör wohl in ein Lager gekommen und von dort nie mehr zurückgekehrt.
Nach guten vier Wochen zogen „unsere“ Russen ab, es hieß, man käme nach Berlin - und wir verrammelten erneut Haus und Hof. Zu unserem Erstaunen kamen sie eines Abends wieder und quartierten sich wie gehabt in unserem Haus ein. Es gab ein fast fröhliches Wiedersehen. Nach einer Woche erklärten sie uns: “Wir gehen über die Elbe!“. Das war der Zeitpunkt, als laut Abkommen unter den 4 Siegermächten die 3 Westsektoren von Berlin den westlichen Alliierten überlassen wurden und die Russen dafür Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt besetzten. Damit war auch für uns diese friedliche Zeit unter russischer Besatzung endgültig beendet.
Redaktionell von Hans-Jürgen Wodtke bearbeitet
Hier mehr Ínformationen zu den letzten Kriegstagen in der Region um Rathenow
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