Die Biedermeierzeit im Ländchen Friesack
von Dr. Henning von Koss
Es war nicht mehr das friderizianische Preußen, das nach Beendigung der Freiheitskriege auf dem Wiener Kongreß „wiederhergestellt" wurde, und obgleich es sich der Fläche nach etwas vergrößert hatte, war man doch aus verschiedenen Gründen mit dem neuen Dasein nicht recht zufrieden. Die von allen Patrioten erhoffte deutsche Einheit war nicht verwirklicht worden, und im Lande selbst, namentlich in den
Städten, rumorten die aus Frankreich importierten Freiheitsbegriffe, die sich um das große Schlagwort Demokratie rankten. Eine neue Epoche bahnte sich an, aber sie nahte sich, wenigstens in Preußen, nicht „mit Brausen", sondern auf leisen Sohlen und meldete ihre Ansprüche zunächst in literarischer Form an, während das tägliche Leben in fast geruhsamen Bahnen dahinplätscherte.
Besonders in den preußischen Stammprovinzen, und nicht zuletzt im Ländchen Friesack, ging es nach der Befreiung vom napoleonischen Joch ausgesprochen ruhig und friedlich zu, und soweit von Reformen die Rede war, erstreckten sie sich auf das Gebiet der Wirtschaft. Übrigens hatte die im Jahre 1808 vom Freiherrn vom Stein geschaffene Städteordnung das politische Gesicht des Städtchens Friesack insofern geändert, als es sich seitdem selbst regierte und der Bredowschen Jurisdiktion nicht mehr unterstand. Aus den Akten des Friesacker Stadtarchivs geht aber deutlich hervor, daß der nunmehr regierende Bürgermeister seine liebe Not hatte, um nicht nur die Bürgerschaft, sondern sogar den ihm persönlich unter stellten Polizeidiener, den einzigen Repräsentanten der städtischen Exekutive, in Raison zu halten, denn dieser Ordnungshüter betrank sich auf Schützenfesten, nannte die Bürger „Plunder" und überschritt selbst die Polizeistunde, so daß der Bürgermeister sich gezwungen sah, ihn unter den Zwang einer Instruktion von 13 Paragraphen zu stellen, die sein dienstliches Verhalten regeln sollte, aber einem Diktat viel ähnlicher sah als einer Instruktion. Die städtische Demokratie trug damals noch durchaus patriarchalische Züge und entbehrte auch des Rohrstocks nicht. So bat der Bürger Krumrey noch im Jahre 1839 den Bürgermeister schriftlich, seinen ungeratenen Sohn August in Polizeigewahrsam zu nehmen und ihm durch den Polizeidiener 20 Hiebe geben zu lassen. Fünf bis sechs Tage sollte der Bursche, der aus der Lehre gelaufen war, sitzen und jeden zweiten Tag noch 10 Hiebe zusätzlich erhalten, „bis er anlobt, gut zu werden". So streng waren damals noch die Bräuche!
Für die Bredowschen Besitzungen im Ländchen Friesack bedeutete die lange, mit dem Ende der Freiheitskriege beginnende Friedenszeit eine Epoche des Aufschwungs und des Gedeihens, die das Elend und die Not der Franzosenzeit rasch vergessen ließ. Zwar flogen den aus dem Kriege heimkehrenden Söhnen des alten Geschlechts keine gebratenen Tauben in den Mund, und sie mußten hart um jeden Fortschritt ringen, aber es wehte damals gerade in den weiten Gefilden der Agrikulturwissenschaft ein frischer Wind, und wer ihn zu nutzen verstand, kam rasch vorwärts.
Auf fast allen Bredowschen Gütern im Ländchen Friesack saßen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hervorragend tüchtige Männer, die als Land- und Forstwirte
erfolgreich arbeiteten und das Wohl der rasch wachsenden Gesamtfamilie förderten. Unter ihnen nimmt Carl Ludwig Friedrich Wilhelm v. Bredow aus dem Hause Wagenitz einen besonderen Rang ein, und da er überdies ein typisches Kind der kulturell so fruchtbaren Biedermeierzeit gewesen ist, wollen wir bei ihm verweilen.
Er hatte 1814, nach dem Tode seines jüngeren Bruders Wilhelm, der im ersten Jahr der Freiheitskriege als einziger Bredow gefallen war, dessen Besitz, das Rittergut Wagenitz, übernommen, nachdem er bis dahin schon 12 Jahre lang sein eigenes Gut Grimme im Anhaltischen erfolgreich bewirtschaftet hatte.
Carl Ludwig war, seinen geistigen Fähigkeiten nach, ein vielseitiges Talent, wie es der märkische Boden nur selten hervorgebracht hat. Die Landwirtschaft betrieb er nach Thaerschen Grundsätzen und bereicherte die Agrikulturwissenschaften auch selbst um wichtige Erkenntnisse, die sich für ihn so vorteilhaft auswirkten, daß Wagenitz zu einem der reichsten und bestbewirtschafteten Güter des Havellandes emporblühte. Binnen weniger Jahre genoß das Gut den Ruf eines landwirtschaftlichen Mekka, zu dem aus nah und fern die Besucher strömten, um sich von dem erfolgreichen Besitzer beraten zu lassen. Dessen Fähigkeiten erstreckten sich aber nicht allein aufs Wirtschaftliche, sondern fanden ein noch viel weiteres Betätigungsfeld im Naturwissenschaftlichen. Es gab innerhalb der naturwissenschaftlichen Disziplinen kaum ein Gebiet auf dem Carl Ludwig nicht zu Hause gewesen wäre. Mit den namhaftesten Gelehrten des In- und Auslandes, u. a. mit Alexander v. Humboldt, stand er in enger Verbindung, gehörte zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften als korrespondierendes Mitglied an und legte in einem großen Saal des Wagenitzer Schlosses umfangreiche Sammlungen an, die an Reichhaltigkeit ihres Gleichen suchten. Sie waren eine unerschöpfliche Fundgrube für Insektenforscher, Mineralogen, Botaniker, Zoologen, Ornithologen und Ichthyologen und bargen Seltenheiten, die ständig durch Gelehrte in aller Welt auf Kosten Carl Ludwigs vermehrt wurden.
Trotz seiner umfassenden wissenschaftlichen Arbeit fand Carl Ludwig noch Zeit für öffentliche Betätigung. Als im Jahre 1823 die erste landständische Verfassung in Preußen ins Leben gerufen wurde, wählte die havelländische Ritterschaft den damals 45jährigen zu ihrem Vertreter im Provinziallandtag, und er hat auch hier Hervorragendes geleistet.
In seinem Privatleben entwickelte Carl Ludwig, der seines langen, schwarzen Vollbarts wegen im Kreise seiner Verwandten Onkel Moses genannt wurde, eine Originalität, die ihn als typischen Repräsentanten der „vormärzlichen" Zeit ausweist, den Begriff Biedermeier sofort lebendig werden läßt und lebhaft an manchen Helden Dickensscher Romane erinnert. Darüber hat eine seiner Nichten, Hedwig v. Bismarck, deren Mutter eine geborene v. Bredow aus Stechow war, und die als Kind und junges Mädchen oft in Wagenitz gewesen ist, sehr anschaulich in ihren Lebenserinnerungen berichtet, so daß uns das Bild des gelehrten Onkel Moses plastisch vor die Augen tritt.
Im häuslichen Kreise regierte nicht er, sondern seine resolute, sehr tüchtige, aber überaus sparsame Frau Caroline, geb. v. Spital, die den selten abreißenden Besucherstrom nicht eben verwöhnte, so daß sich die Diners der guten Tante Caroline keiner großen Beliebtheit erfreuten. Um diesen Rayon des Hauses kümmerte sich Onkel Moses wenig. Ihm genügte es, wenn sein Lieblingsessen, Kalbfleisch, möglichst oft auf den Tisch kam, und das geschah auch, obgleich es vorkam, daß Onkel Moses, unmittelbar nach dem Genuß eines Kalbsbraten seine Frau fragte: „Aber Carlinchen, warum gibt es denn gar kein Kalbfleisch mehr?" Den ganzen Vormittag über pflegte Onkel Moses „in oft unbeschreiblich wenig courfähiger Toilette" inmitten seiner Sammlungen zu sitzen, von ausgestopften Vögeln, Schmetterlingen und Insekten umgeben, und dort fühlte er sich am wohlsten. Indessen fuhr er auch häufig nach Berlin, wo er eine eigene Wohnung m der Schützenstraße besaß. Sofern ihn in der Hauptstadt keine beruflichen Pflichten festhielten, besuchte er die Museen, ließ sich schon in aller Herrgottsfrühe von seinem Kutscher hinfahren und vertiefte sich dann so intensiv in seine Studien, daß er Raum und Zeit vergaß, und daß Kutscher und Pferde vor dem Portal so lange warten mußten, bis sie „dem Hungertode nahe" waren. Wenn diese Reisen von Wagenitz nach Berlin angetreten wurden, ging tags zuvor ein riesiger Packwagen mit Lebensrnitteln und Gepäck ab, dem am nächsten Morgen die große, gelbe Reisekutsche mit ihren Insassen folgte. Hedwig Bismarck hat in ihren Lebenserinnerungen eine solche Reise aus dem Jahre 1834, die sie mitgemacht hat, so lebendig beschrieben, daß sie am besten selbst zu Worte kommt.
„Wir frühstückten wie gewöhnlich in der Halle", erzählt sie, „indes Onkel Moses in seiner Stube blieb. Endlich schickte Tante mit der Frage hinein, ob wir abfahren könnten. Es kam der Bescheid zurück, die Damen sollten nur immer einsteigen, der Herr Baron würde bald kommen. Wir stiegen also ein, die Tante im Fond, meine Cousine Clara (eine Tochter des Hauses) und ich auf dem Rücksitz.... Wir saßen wartend im Wagen — Onkel Moses kam nicht. Tantes Laune sank in jeder Minute um mehrere Grad. Endlich erschien er, und nun brach der lang zurückgehaltene Sturm auch gewaltig los. Onkel kam mit einer „Spille", einer von weißer Baumwolle gestrickten Nachtmütze, im warmen Flauschrock und mit einem dicken, wollenen Tuch um den Hals, an den Füßen Riesenfilzschuhe, und graue Inexpressibles an den Beinen.
„Aber Carl, so kannst Du doch nicht nach Berlin fahren!" ertönte Tantes empörter Ruf.
„Na, Carlinchen, wart's doch man ab, das kommt alles anders." Mit diesen beruhigenden Worten setzte sich Onkel in den Wagen. Tante schüttelte den Kopf, mußte sich aber in das Unvermeidliche fügen, und die Fahrt ging los. Auf dem Bock saßen Kutscher Schmidt und August, der Diener. Letzterer hatte ein riesiges Paket Kleidungsstücke auf dem Schoß. Wozu? — Die Antwort auf diese Frage ist eben das Spassige der Geschichte. Nach kurzer Fahrt, als die Sonne höher gestiegen war, rief Onkel Moses, da ihm der Flauschrock zu warm wurde:
„August, ich will mich umziehen!"
Beide, der Diener mit dem großen Paket bewaffnet, entschwanden hinter dem Wagen, und bald erschien Onkel in leichterer Toilette. Nach weiterer Fahrt wehten kühlere Lüfte. Abermaliges Verschwinden der Beiden und Erscheinen in wärmerer Weste und Halstuch. So gab es noch öfteren Garderobenwechsel, den Tante jedesmal mit Achselzucken und Kopfschütteln begleitete.
Endlich, am Nachmittag, gelangten wir an jene Stelle der Charlottenburger Chaussee, wo jetzt die ihrem Zweck entrückten Steuerhäuser stehen. Berliner von heute, denke Dir, daß Onkel Moses damals, es war im Sommer des Jahres 1834, dort Staatstoilette machte für seinen Klub, der im Teichmannschen Hause in der Tiergartenstraße versammelt war. Onkel verschwand also mit August in den Büschen und trat dann in vollem Glanz hervor: Gelbe Nanking-Inexpressibles, halbhohe Lederschuhe, blauer Frack mit blanken, gelben Knöpfen, den Johanniterorden auf der Brust. Dies war nun der letzte Akt der Reisetoilette, denn die Tiergartenstraße war auch damals schon zu belebt, um nochmals Änderungen vorzunehmen. Wir langten, nachdem wir den Onkel im Klub abgesetzt hatten, in der bescheidenen, aber recht geräumigen Wohnung an, wo die würdige Sophie, Tantes langjährige Kammerjungfer, die tags zuvor mit dem Packwagen angekommen war, uns mit bereit gehaltenem Kaffee empfing und erquickte."
Carl Ludwig erfreute sich auch am Königlichen Hof in Berlin großer Anerkennung, was noch in den letzten Regierungstagen König Friedrich Wilhelms III. dadurch zum Ausdruck kam, daß er und seine gesamte Nachkommenschaft in den preußischen Freiherrnstand erhoben wurden. Er starb, 67 Jahre alt, 1845 in Berlin. 
Carl Ludwigs jüngster Bruder Ferdinand, der das Rittergut Briesen geerbt hatte, war ebenfalls ein weit über die Grenzen des Ländchens Friesack hinaus bekannter Mann. Schon als blutjunger Leutnant im Regiment Gensdarmes hatte er von sich reden gemacht, als er nach den unglücklichen Schlachten bei Jena und Auerstädt ein leuchtendes Beispiel von Entschlossenheit und Tatkraft gab. In der Königlichen Bibliothek in Berlin befand sich damals eine Montierungskammer des Regiments Gensdarmes, die den rasch nach Berlin vordringenden Franzosen in die Hände zu fallen drohte. Ferdinand erkannte die Gefahr, requirierte auf eigene Faust 14 auf dem Wochenmarkt am Opernplatz versammelte Bauernfuhrwerke, belud sie mit den Montierungsstücken und Waffen des Arsenals und brachte den Transport über die Oder hinweg in Sicherheit. Bis zum Tilsiter Friedensschluß kämpfte er in Ostpreußen mit den Resten der preußischen Armee gegen die Franzosen und kehrte dann, 94 Meilen weit, zu Pferde in seine havelländische Heimat zurück. Im Jahre 1810 nahm er den Abschied, heiratete und übernahm 1812 sein Erbteil, das Rittergut Briesen. Noch einmal zog er die Uniform an, als die Freiheitskriege ausbrachen, kämpfte als Premierleutnant bei Leipzig mit, zog mit der Blücherschen Armee über den Rhein und nahm an der Eroberung von Paris teil. Als Rittmeister kehrte er 1814, einen Tag nach der Geburt seines ältesten Sohnes Adalbert, der 56 Jahre später als Generalmajor die berühmte Attacke der Brigade Bredow bei Vionville kommandieren sollte, in die Heimat zurück, und widmete sich fortan mit großem Eifer und Erfolg der Bewirtschaftung seines Gutes Briesen.
Das Gut war bisher noch niemals Wohnsitz seiner Eigentümer gewesen und verdankte seine Existenz einer mittelalterlichen Wallfahrtskapelle, in deren Nachbarschaft sich nach und nach eine kleine Siedlung entwickelt hatte. Ferdinand ließ dort zwischen 1822 und 1825, wahrscheinlich durch den berühmten Baumeister Schinkel, eines der schönsten märkischen Herrenhäuser errichten, dessen Grundriß die Konturen des 1813 gestifteten Eisernen Kreuzes wiedergab. Neue Wirtschaftsgebäude schlössen sich an, eine großzügige, von den besten Gartenkünstlern gestaltete Parkanlage umrahmte den amutigen, am Saum großer Waldungen liegenden Besitz, und binnen weniger Jahre entwickelte sich Briesen zu einem der schönsten Rittergüter des Ländchens Friesack. Das nur durch das Luch und den Zootzenwald von Briesen getrennte Gut Lenzke kaufte Ferdinand an und errichtete gleichzeitig in der Nachbarschaft des Dorfes Bredikow das nach dem Vornamen seiner Frau Bernhardine, geb. v. Wulffen, genannte Vorwerk Bernhardinenhof. Wie sein Bruder Carl Ludwig wirtschaftete er nach den neuesten landwirtschaftlichen Erkenntnissen und erzielte namhafte Erfolge.
Als 1848 in Berlin die Revolution ausbrach und ganz Preußen erschütterte, duldete es den märkischen Edelmann nicht in der beschaulichen Ruhe seines Landsitzes. Er setzte sich mit schnellem Entschluß an die Spitze der Königstreuen im Havellande und bekämpfte den revolutionären Geist mit aller ihm eigenen Tatkraft. Prinz Wilhelm, der spätere Kaiser Wilhelm L, damals von den Revolutionären als „Kartätschenprinz" verschrien, fand in ihm einen seiner treuesten Anhänger und blieb dem um zehn Jahre älteren, der gleich ihm 91 Jahre alt geworden ist, Zeit seines Lebens sehr gewogen. Als im Jahre 1859 das Preußische Herrenhaus als 1. Kammer geschaffen wurde, in der auch die Familie v. Bredow ein Präsentationsrecht erhielt, war Ferdinand ihr erster Repräsentant in dieser höchsten Preußischen Standesvertretung.
Der gräfliche Zweig des Friesacker Hauses der Bredows ist in der Biedermeierzeit nach außen hin wenig hervorgetreten. Die sieben Söhne und vier Töchter des Grafen Friedrich Ludwig, der im Jahre 1806 die unerfreuliche Bekanntschaft mit dem Schwager Napoleons, dem Marschall Murat gemacht hatte und 1820 gestorben war, lebten in den Jahrzehnten vor der Revolution von 1848 in kaum gestörter Ruhe auf den Besitzungen ihres Hauses, von denen namentlich Görne recht eigentlich als Familienmittelpunkt gelten konnte.
Nur einer der Söhne, Ludwig Friedrich Wilhelm, hatte eine völlig neue Note in den traditionellen Werdegang Bredowscher Söhne gebracht, indem er weder Offizier, noch Landwirt, noch Landrat, sondern Bergassessor und später Oberberghauptmann wurde und damit eine Laufbahn wählte, für die ihm seine märkische Heimat nicht den geringsten Anreiz bieten konnte, aber schon Onkel Moses hatte ja bewiesen, daß im Ländchen Friesack auch außergewöhnliche Charaktere heranreiften und das geistige Lokalkolorit bereicherten.
Kehren wir am Ende dieser im Ganzen so beschaulichen Epoche noch einmal in das Städtchen Friesack zurück! Es war in den Jahren 1800 und 1825, wie schon so oft im Lauf seiner Geschichte, abgebrannt und fiel diesem Unglück im September 1841 abermals zum Opfer. Dieser Brand zerstörte nicht nur den Wirtschaftshof des gräflichen Ritterguts, sondern auch die gleichfalls im ehemaligen Burgbereich stehende Kirche. Nur die unter ihr liegende, seit langer Zeit unbenutzte Bredowsche Gruft blieb erhalten und wurde damals, bevor sie endgültig zugeschüttet werden sollte, geöffnet. Dabei kam auch das Grab des im Jahre 1438 gestorbenen Ahnherrn des Friesacker Hauses, Hassos II. v. Bredow, zum Vorschein, der dem ersten Hohenzollernfürsten als Hauptmann der gesamten Mark Brandenburg treu gedient hatte und einer der hervorragendsten Männer seines Geschlechts gewesen ist.
Theodor Fontane, der im Jahre 1889 Friesack besuchte, hat sich an Ort und Stelle von der Graböffnung berichten lassen und darüber folgendes notiert:
„Eine Steinplatte mit der Umschrift Hasso v. Bredow und der Jahreszahl 1438 deckte das Grab. Außer der Umschrift befand sich auch der Umriß einer Rittergestalt auf der Steinplatte. Das Grab selbst war eng und überwölbt. In ihm lag ein Mann von über 6 Fuß Größe, neben ihm ein zweihändiges Ritterschwert. Das zweihändige Ritterschwert kam in die Waffensammlung nach Wagenitz, der Grabstein ging verloren, die Gruft selbst wurde zugeschüttet. An jenem Tage sprach noch einmal ein märkisch Ritterantlitz zur Welt, das die Quitzowtage gesehen und während derselben eine politische Rolle gespielt hatte."
Damals wurde auch das ehemalige Burggelände, soweit es noch als Gutshof gedient hatte, endgültig geräumt. Graf Karl Georg Gebhard Friedrich v. Bredow, derzeitiger Herr auf Burg Friesack, verlegte den gesamten Gutsbetrieb vor die Stadt an die nach Klessen und Görne führende Straße, wo auch ein neues Gutshaus errichtet wurde. Die bei der Verlegung ausgegrabenen Fundamente früherer Burgbaulichkeiten dienten dabei als Baumaterial, und so verschwand auch ein großer Teil dessen, was unter der Erde noch von der alten Burg vorhanden gewesen war. Burg Friesack war jetzt nur noch ein Name.
Dieser Beitrag stammt aus dem Buch "Das Ländchen Friesack und die Bredows - Eine Wanderung durch sechs Jahrhunderte" von Dr. Henning von Koss.
Für mehr Informationen über Friesack in den Rathenower Heimatkalendern, ím Buch " Amtsbereich Friesack" oder für die besonderen Stunden "Friesacker Burggeist".
Redaktionell bearbeitet von Michael Borgmeier
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