Das Ländchen Friesack in der friderizianischen Epoche
von Dr. Henning von Koss
Über den im fortschreitenden 18. Jahrhundert sich ausbreitenden Zeitgeist fällt der Verfasser der dreibändigen v. Bredowschen Familiengeschichte, Graf v. Bredow-Liepe, ein im Ganzen zu herbes Urteil. Er äußert sich wie folgt:
„Von dem neumodischen Geiste französischer After-Philosophie angesteckt, und den Traditionen
frommer, väterlicher Sitte abhold, kehrte ein großer Teil der sogenannten gebildeten Welt, insbesondere unter dem Adel, damals der Sittenstrenge der Vorfahren, ihrer Wirtschaftlichkeit und Genügsamkeit den Rücken, während Genußsucht und eine bis zur Frivolität sich steigernde Geringschätzung der sittlichen Grundlagen des Lebens an deren Stelle traten. Die bedauerlichen Folgen konnten nicht ausbleiben und traten nur zu bald, ähnlich wie bei dem moralischen und finanziellen Bankerotte zu Anfang des 17. Jahrhunderts, in der Zerrüttung des Familienlebens und der wirtschaftlichen Interessen zu Tage."
Freilich hat jede Epoche ihre charakteristischen Eigenheiten, und die des Rokoko wird u. a. durch zunehmende Freigeisterei, durch moralische Leichtfertigkeit und durch Verfeinerung des Lebensstils gekennzeichnet. Diesem Zeitalter haftet tatsächlich etwas Morbides an; aber blickt man nach Preußen, besonders in die Mark und ins Ländchen Friesack, so läßt sich doch feststellen, daß hier zwar das, ach, so verspielte, vertändelte Rokoko der eingebornen Nüchternheit, Derbheit und Geradlinigkeit ein paar schnörkelhafte Verzierungen, meinetwegen auch Verunzierungen anheften konnte, daß aber der Kern märkischen Wesens, Pflichttreue, Zuverlässigkeit und Standfestigkeit, nicht angekränkelt wurde, sondern sich in allen Wechselfällen dieses für Preußen so bedeutungsvollen Jahrhunderts glänzend bewährt hat.
Wir betrachten die Zeitläufte aus der Nußschale des Ländchens Friesack, und es ist nicht unsere Absicht, uns in den Strudel großer geschichtlicher Begebenheiten zu stürzen. Wir bleiben im Ländchen und bei seinen Menschen, in Sonderheit bei denen, die dort Geschichte im Kleinen gemacht haben, also bei den Bredows, und wir werden feststellen, daß sie fortan, der preußischen Entwicklung folgend, mehr, als bisher aus ihrer engeren Heimat heraustreten und als Offiziere, im Hof- und Staatsleben eine oft sehr beachtliche und rühmliche Rolle spielen. Wir wollen davon Kenntnis nehmen, aber nicht dabei verweilen, denn das Leben im Ländchen Friesack plätschert nun ebenfalls in verzweigten Bahnen dahin und kann nur noch in vielen Einzelbildern eingefangen werden, deren bescheidenes Eigenlicht nicht durch den helleren Glanz großer Ereignisse überstrahlt werden soll, an denen Bredows aller Familienzweige teilnehmen durften.
Es wurde schon gesagt, daß Burg Friesack, der alte Stammsitz der Familie, und die einstige „Residenz" des Ländchens, mit dem Verschwinden ihrer Mauern auch ihre ursprüngliche Bedeutung verloren hatte, und es war auch dem eng an die Burg gelehnten Städtchen nicht gelungen, in eine repräsentative Rolle hineinzuwachsen.
Dazu war es zu klein. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts besaß Friesack 190 Wohnhäuser, 46 Scheunen und 900 Einwohner, überwiegend Ackerbürger, und da es bis zum Beginn des Jahrhunderts fünfmal ganz und zweimal teilweise abgebrannt war, bot es nicht viel Sehenswertes. Sein höchster Stolz war eine von Friedrich dem Großen privilegierte „Medizin-Apotheque", die der Apotheker Elias Simon Brocks betrieb, nachdem, wie wir gesehen haben, bis dahin der Friesacker Schloßherr in Krankheitsfällen mit Arzneimitteln ausgeholfen hatte.
Eine städtische Chronik aus dieser Zeit existiert nicht, und das Wenige, was aus Kirchenbüchern und sonstigen Aufzeichnungen ersichtlich ist, lohnt die Niederschrift nicht, es sei denn, daß man die noch von keiner „Aufklärung" durchleuchteten Wahrnehmungen des Friesacker Oberpfarrers Strietz zitieren will, der folgendes „gantz genau und mit Verwunderung beobachtet" hat:
„Anno 1731 um Maria Verkündigung, da der Rhin noch mit eis und schnee bedecket gewesen, hat man etliche große Maden auf dem Schnee und Eis wahrgenommen, und im Jahre 1739 um Egidien ist in dem hiesigen Gefilde ; Hagel und eis Stücken gefallen, welche die Gestalt eines sterns, eines rades, eines auges, eines ochsenhauptes mit ; 2 Hörnern, eines krebses und dergleichen gehabt, auch ziffern, sonderlich die Ziffer 56."
Wir kehren aus dem Städtchen in das Land Friesack zurück, wo in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mehrere Ortschaften als Stammsitze neuer Linien und Zweige : der Bredowschen Familie erhöhte Bedeutung gewonnen hatten. Von Wagenitz war schon die Rede, wo der Hauptmann Ludwig v. Bredow einen neuen Mittelpunkt des Familienlebens geschaffen hatte. In seiner Nachbarschaft wuchsen sich die Rittergüter Landin, Briesen und später Stechow zu „Zweigstellen" des Wagenitzer Hauses aus, während das alte Rittergut Klessen neuer Stammsitz der älteren Friesacker Linie wurde, die später den Grafentitel erhielt und sich auf die Rittergüter Klessen, Burg Friesack, Görne und Liepe verteilte.
Die Bredower Linie des alten Geschlechts behauptete sich auf den Rittergütern Hage, Senzke und Retzow, und so ließ sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mit unbestreitbarem Recht sagen, daß das Ländchen Friesack „fest in Bredowscher Hand" sei. Seit dieser Zeit kam auch der jahrhundertelange Kampf um die Scholle soweit zum Stehen, daß eine gewisse Krisenfestigkeit erzielt werden konnte, wenn auch innere und äußere Anfechtungen noch lange eine Rolle spielen sollten.
Von den vier Söhnen des Hauptmanns Ludwig v. Bredow verdient Ernst Wilhelm, der einzige Sohn aus der zweiten Ehe seines Vaters mit Wilhelmine Freiin v. Metzsch, besondere Beachtung, weil er in seiner Person den äußeren Glanz der friderizianischen Epoche widerspiegelt und als größter Grundherr im Ländchen Friesack einen bescheidenen Teil dieses Glanzes auch auf seine märkische Heimat ausstrahlen ließ.
Er hatte aus dem reichen Erbe seines Vaters, zunächst mit seinem Stiefbruder Christoph Friedrich gemeinsam, die Güter Wagenitz, Briesen, Landin, Kriele und mehrere Anteile an anderen Besitzungen erhalten und war, als Christoph Friedrich 1745 in der Schlacht bei Soor fiel, dem väterlichen Testament entsprechend, alleiniger Besitzer dieses umfangreichen Güterkomplexes geworden, während seine beiden Stiefbrüder Johann Ludwig und Georg Dietrich, die in der Hauptsache den außerhalb des Ländchens Friesack liegenden Grundbesitz ihres Vaters geerbt hatten, je 10000 Taler von ihm erhielten. Diese, auf das Testament des Hauptmanns Ludwig zurückgehende Erbregulierung hat, wie wir noch sehen werden, zu langwierigen, erbitterten Streitigkeiten Veranlassung gegeben, die, mit Bredowscher Zähigkeit und Hartnäckigkeit durchgefochten, Jahrzehnte überdauerten, aber nichts daran geändert haben, daß Ernst Wilhelm in seinem verhältnismäßig kurzen Leben — er ist nur 45 Jahre alt geworden — fast alle zivilen Ehren und Würden auf sich vereinigen konnte, die seine Zeit zu vergeben hatte. Er war nach Vollendung seiner juristischen Studien zunächst in den Dienst des Fürsten von Anhalt-Zerbst getreten, kam dann nach Wien und wurde mit 29 Jahren ordentliches Mitglied des Reichshofrats. Seine Heirat mit der Tochter des Vicepräsidenten dieser höchsten Reichsbehörde, des Grafen v. Hartig, trug dazu bei, sein Ansehen am Kaiserhof zu festigen, und daran änderte auch der zwischen Preußen und Österreich ausbrechende 1. Schlesische Krieg nichts. Als zwei Jahre später der Kurfürst von Bayern als Karl VII. zum Deutschen Kaiser gewählt wurde, ernannte dieser ihn zum Reichsgrafen, und Ernst Wilhelm hätte zweifellos eine glänzende Laufbahn in kaiserlichen Diensten vor sich gehabt, wenn nicht der Übergang der Kaiserkrone an den Gemahl Maria Theresias ihn bewogen hätte, als Preuße auf Dienste im Hause Habsburg zu verzichten. Sein König, Friedrich der Große, hat ihm diese Loyalität hoch angerechnet, verlieh ihm den Titel eines Wirklichen Geheimen Rats und Etatsministers, und ernannte ihn gleichzeitig zum Grand-Maitre de la Garderobe, d. h. zum Träger eines mit Pflichten nicht verbundenen Hoftitels. Seit 1745 lebte Ernst Wilhelm als wahrhafter Grandseigneur teils in Berlin und teils auf seinen Gütern im Ländchen Friesack, von denen er Landin bevorzugte. In Berlin bewohnte er ein Palais in der Wilhelmstraße, und in den zehn Friedensjahren, die dem Siebenjährigen Kriege vorausgingen, war sein Haus der Mittelpunkt eines glänzenden höfischen Gesellschaftslebens. Wie eng seine Beziehungen zur Königlichen Familie waren, geht schon aus der Tatsache hervor, daß allein 7 Mitglieder des Königlichen Hauses, darunter die regierende Königin, bei der Taufe seiner zweiten Tochter Patenstellen vertraten.
Aber kehren wir ins Ländchen Friesack zurück, dessen größter Grundbesitzer Ernst Wilhelm war, und in dem seine Tätigkeit mannigfache Spuren hinterlassen hat. Landin war, wie schon gesagt, sein Lieblingswohnsitz, und durch ihn ist das Gut, seiner repräsentativen Erscheinung nach, stark in den Vordergrund getreten. Ursprünglich war Landin, wie die meisten Dörfer des Ländchens, eine Luchinsel, und wahrscheinlich hat hier in grauen Zeiten eine Wasserburg gestanden, denn das erst vom Hauptmann Ludwig gebaute Herrenhaus ruht auf Kellergewölben, deren Mauern stellenweise 14 Fuß dick sind. Vermutlich ist diese Burg, von der sich keine Kunde erhalten hat, frühzeitig durch die größere und stärkere Burg Friesack in ihrer Bedeutung herabgedrückt worden und verfallen, so daß Landin lange Zeit hindurch in der Geschichte des Ländchens Friesack keine Rolle spielte, obgleich es mit den ihm west- und nordwärts vorgelagerten Hügeln, dem Teufelsberg und dem Rütscheberg, Schauplatz der meisten Bredowsagen ist. Vom Teufelsberg und Lippel Bredow war schon die Rede, und der Rütscheberg, dessen Gipfel einst eine Kapelle getragen hat, soll entstanden sein, als dem Teufel, der auf Lippel Bredows Geheiß einen Damm über das Luch bauen sollte, der Sack riß, so daß der darin enthaltene Sand auf einmal herunterfiel.
Man hat von diesen, unmittelbar aus dem Luch aufsteigenden Hügeln einen weiten Blick über das Ländchen Friesack und über das Havelland, und die reizvolle Umgebung Landins macht es begreiflich, daß Ernst Wilhelm hier lieber wohnte, als in dem größeren, aber nicht so schön gelegenen Hause in Wagenitz. Er hat in großzügiger Weise dafür gesorgt, daß Landin zu einem der repräsentativsten Herrensitze des Havellandes ausgebaut wurde. Das schon von seinen Eltern erbaute Haus richtete er wohnlicher ein und errichtete ihm gegenüber noch ein zweites, langgestrecktes Wohngebäude, ein für die Unterbringung vieler Gäste bestimmtes Kavalierhaus. Gleichzeitig legte er, anschließend an die Wohngebäude, einen 40 Morgen großen Park an, den ersten im Ländchen Friesack, und seiner Ausstattung nach den schönsten. Viele tausend Fuhren Mergelerde dienten als Unterlage, und über tausend junge Buchen wurden aus dem Zootzenwalde herangefahren, um Laubhecken und Alleen zu schaffen. Er gründete eine Baumschule, eine Maulbeerpflanzung von 30000 Bäumen, eine Obstplantage und eine große Orangerie mit Gewächshäusern. Seine Obstbäume, auserlesene und seltene Sorten, bezog er aus der Chartreuse bei Paris und aus anderen Ländern, und seine Gartenanlagen kosteten ihn insgesamt mehr als 30000 Taler.
Ernst Wilhelms Tätigkeit richtete sich aber nicht nur auf Verschönerung, sondern auch auf Verbesserung seines ausgedehnten Grundbesitzes. Er hat in Wagenitz, Briesen und Landin zahlreiche Meliorationen durchgeführt, Neuland unter den Pflug genommen, Luchwiesen entwässert, mehrere neue Wirtschaftsgebäude errichtet und die Landwirtschaft auf seinen Gütern wesentlich intensiviert. Er war nicht nur der erste Grandseigneur seines Namens, sondern, trotz aller Großartigkeit seiner Lebensführung, ein durchaus bodenständiger Mann, der seine ererbte Scholle liebte und sie keineswegs nur als Geldquelle betrachtete. Er war mehr, als ein a la mode-Kavalier, und daß er nicht allein im Ländchen Friesack, sondern auch im Kreise seiner Brüder und Vettern eine Einzelerscheinung geblieben ist, liegt zum Teil an den Besonderheiten der damaligen „großen Welt", zu der er seinem Range und der damit verbundenen Lebensführung nach gehörte, zum Teil aber auch daran, daß die meisten Bredows der friderizianischen Zeit als Offiziere in der preußischen Armee standen und einen durchaus anderen Typ repräsentierten, als dieser zum Reichsgrafen avancierte Vetter. Ernst Wilhelm hat keine Söhne hinterlassen und sein Geschlecht nicht fortgesetzt. Er starb, erst 45 Jahre alt, 1755 in Berlin und wurde mit großem Gepränge im Wagenitzer Erbbegräbnis beigesetzt. Sein Tod verschärfte einen „Bruderkrieg", der schon zu seinen Lebzeiten zwischen seinen beiden Stiefbrüdern aus der ersten Ehe seines Vaters und ihm, dem einzigen Sohn aus zweiter Ehe, begonnen hatte und in einen wahren Rattenkönig von Prozessen ausgeartet war. Natürlich ging es dabei um Erbauseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern des Wagenitzer Hauses, und der größte Rufer (man kann auch Raufer sagen) in diesem Streit war Ernst Wilhelms ältester Stiefbruder Johann Ludwig, Oberst in einem Kürassierregiment und Erbe der Priegnitzer Güter seines Vaters, des Hauptmanns Ludwig. In Johann Ludwig spukte zweifellos, um mit Theodor Fontäne zu reden, etwas von Hartwig II. nach, und der Umgang mit ihm war selbst für friedfertige Menschen sehr schwierig. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, daß seine Stiefmutter, die zweite Frau seines Vaters, ihren Gatten, der im hohen Alter kaum noch Herr seines Willens gewesen sei, zu Gunsten ihres Sohnes Ernst Wilhelm beeinflußt hätte, so daß die beiden Söhne aus erster Ehe viel zu kurz gekommen seien. Von dieser nie bewiesenen und zweifellos unrichtigen Behauptung ausgehend, bombardierte Johann Ludwig seinen Stiefbruder mit gerichtlichen Klagen und seinen König mit Beschwerden, deren Zahl mit einem Dutzend nicht zu niedrig beziffert ist, und deren Gehässigkeit ihres gleichen sucht. Als im Jahre 1755 Johann Ludwigs jüngerer Bruder Dietrich, der sich anfänglich auf seine Seite gestellt hatte, starb, und als wenige Monate später auch Ernst Wilhelm aus dem Leben schied, setzte Johann Ludwig, der sich als Alleinerbe betrachtete, den Prozeß fort und wandte sich jetzt auch gegen die Erben seines Bruders Georg Dietrich, so daß die Prozesse nicht nur den Beginn des Siebenjährigen Krieges, sondern diesen selbst überdauerten und nach dem Tode Johann Ludwigs im Jahre 1765 der nächsten Generation als Erbteil verblieben.
Daß Johann Ludwig, der älteste Sohn des um sein Haus und das Ländchen Friesack so hochverdienten Hauptmanns Ludwig v. Bredow, die Hauptschuld an diesen unerfreulichen Ereignissen trägt, ist nicht zweifelhaft. Wes Geistes Kind er war, wird durch einen an sich geringfügigen Vorgang gekennzeichnet, der hier wiedergegeben sei. Johann Ludwig hatte kurz vor seinem Tode von einem Herrn Schulze ein Haus in Berlin gekauft, Vor diesem Haus lag ein Baumstamm, den Schulze nach dem Verkauf des Hauses wegräumen ließ, weil er ihn nicht mitverkauft hatte. Prompt klagte Johann Ludwig auf Herausgabe des Baumstamms, wurde abgewiesen und mußte die Kosten tragen. Diese beliefen sich allein für das Honorar des Schulzeschen Anwalts auf sieben Taler, worüber sich Johann Ludwig beim König beschwerte. Friedrich verfügte Einsendung der Akten weil es „kaum glaublich sei, daß aus einer so unbedeutenden Sache solche Kosten entstehen könnten." Ob Johann Ludwig um die Zahlung der Kosten herumgekommen ist, weiß man nicht, aber daß er ein Querulant war, wird durch diesen Vorgang deutlich. Vielleicht wäre der streitsüchtige Mann friedlicher gewesen, wenn er das nahe Erlöschen seines Hauses hätte vorhersehen können, denn sein Sohn Friedrich Ludwig, der im Jahre 1804 starb, verlor seine drei Söhne noch zu seinen Lebzeiten durch den Tod, und der gesamte Lehnsbesitz des Wagenitzer Hauses fiel den beiden letzten Enkeln des Hauptmanns Ludwig, den Söhnen Georg Dietrichs v. Bredow zu. Von den drei Bredowschen Linien, die sich in den Besitz des Ländchens Friesack teilten, ist das Haus Klessen im 18. Jahrhundert öffentlich wenig hervorgetreten, besaß aber in der Person seines Seniors, des Kammerherrn Gebhardt Ludwig Friedrich v. Bredow, ein angesehenes und geachtetes Oberhaupt. Was die Familiengeschichte seinem Oheim, dem Hauptmann Ludwig nachrühmt, nämlich, daß er einer der letzten Repräsentanten des einfachen, schlichten, patriarchalischen Sinnes gewesen sei, gilt auch für Gebhardt Ludwig, der trotz aller Vorliebe für französische Sprache und Bildung, die er mit vielen seiner Zeitgenossen teilte, altdeutsche Biederkeit und Redlichkeit in sich vereinte. Das läßt schon der Wahlspruch erkennen, den er für sich erkoren hatte: „Vor mich gut und hinter mich falsch, den hole der Teufel und brech' ihm den Hals." Gebhardt Ludwig verfügte neben umfassender Bildung vor allem auch über zwei Tugenden, von denen jeder wirtschaftliche und materielle Erfolg im Leben abhängt, Sparsamkeit und Fleiß, und diesen Tugenden verdankte er es, daß er am Abend seines Lebens in sein Erbregister unter den oben zitierten Wahlspruch das lateinische Bekenntnis schreiben konnte: „Ecce quomodo dei benedictio ditat et äuget." (Siehe wie Gottes Segen bereichert und mehrt.) Er hat nicht nur seine drei Güter Klessen, Dicte und Görne musterhaft bewirtschaftet und in ihrem Ertrage verbessert, sondern er erwarb auch umfangreichen Grundbesitz in Mecklenburg, der Heimat seiner Gemahlin, einer geborenen v. Perkentin. Mit dieser Erwerbung hatte er freilich in späteren Jahren Pech, denn als der Siebenjährige Krieg ausbrach, wurde Mecklenburg, das auf der Seite der Gegner Preußens stand, von preußischen Truppen besetzt und mußte erhebliche Kontributionen zahlen, zu denen nun auch der stockpreußische Patriot Gebhardt Ludwig große Summen beisteuern mußte. Das verleidete ihm diesen „ausländischen" Besitz, und er verkaufte ihn kurz nach dem Kriege wieder. In seinem Familienleben hat Gebhardt Ludwig manchen Schicksalsschlag hinnehmen müssen. Schon 1751 verlor er seine Gemahlin, an der er mit großer Liebe hing, und die ihm nicht weniger, als sechs Söhne und sechs Töchter geboren hatte, die bei ihrem Tode noch alle am Leben waren; — aber noch zu seinen Lebzeiten starben ihm vier Töchter und zwei Söhne. Als er selbst im Jahre 1772, fast achtzigjährig starb, war von seinen vier überlebenden Söhnen nur der älteste, Georg Friedrich, verheiratet und hatte mit seiner Gemahlin, Florine Juliane geb. v. Briest, einen Sohn. Georg Friedrich starb früh, und Florine heiratete nach Ablauf des Trauerjahres seinen jüngeren Bruder Balthasar, der nach kaum zweijähriger Ehe ebenfalls starb. Auch hierdurch ließ sich Florine nicht entmutigen und heiratete 1781 ihren jüngsten Schwager Gebhard, den sie auch noch um dreizehn Jahre überlebt hat. Sie starb erst im Jahre 1808 in Görne, ihrem Witwensitz, wo auch ihr Porträt hing.
Theodor Fontäne hat achtzig Jahre nach ihrem Tode bei einem Besuch in Görne lange vor diesem Porträt gestanden und sinnend auf „die stattliche Dame" geblickt, die im Laufe von 20 Jahren drei Brüder geheiratet hatte. Später schrieb er in seine Aufzeichnungen den reizenden Satz: „Sie muß bei der Konsequenz ihrer Wahl eine Vorliebe für die Bredows gehabt haben." Die drei Ehen Florines sind, bis auf die erste, kinderlos geblieben, und auch aus dieser ist nur ein Sohn, Friedrich Ludwig Wilhelm, hervorgegangen, der nun als einziger Enkel Gebhard Ludwigs nach dem Tode seines Vaters und seiner fünf Oheime den gesamten Klessener Lehns-besitz erbte, nämlich, Klessen, Friesack, Liepe, Görne, Dicte und das Vorwerk Damm.
Um die Zeit, als dieser Erbfall eintrat, 1796, war Friedrich Ludwig 33 Jahre alt und hatte damals schon mit seiner Gemahlin Christine geb. v. Otterstedt, neun Kinder, deren Zahl sich später auf siebenzehn, neun Söhne und acht Töchter, erhöhte. Zweifellos war er bemüht, in dieser Beziehung alles nachzuholen, was in der vorigen Generation versäumt worden war, und da die Mehrung seines Grundbesitzes mit der Mehrung seiner Nachkommenschaft gleichen Schritt hielt, schien ihm der Augenblick gekommen zu sein, um diesem Besitz- und Kinderreichtum durch eine Standeserhöhung die Weihe zu geben. Die Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. bot den äußeren Anlaß dazu, und Friedrich Ludwig hatte auch Erfolg. Der König erhob ihn und seine gesamte Nachkommenschaft durch Diplom vom 6. 7. 1798 in den preußischen Grafenstand.
So fiel am Ende der friderizianisdien Epoche ein Sonnenstrahl auf die ältere Linie der Friesacker Bredows und tauchte in Licht, was sich bald genug in dunkle Wolken hüllen sollte.
Die letzte der drei im Ländchen Friesack ansässigen Bre-dowschen Linien, das Haus Senzke, konnte sich in der f ri-derizianischen Zeit in bezug auf Kinderreichtum durchaus mit den beiden anderen Linien messen. Caspar Friedrich ' v. Bredow, der im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts auf Senzke und Retzow saß und in jeder Beziehung ein fürsorglicher Hausvater war, hat mit zwei Frauen siebenzehn Kinder gehabt, darunter nicht weniger als sechzehn Söhne, von denen allerdings sieben ganz jung gestorben sind. Die überlebenden neun Söhne haben nur zum kleineren Teil geheiratet, und nur zwei haben ihr Geschlechtfortgesetzt. Das hatte seine Ursache nicht zuletzt in der bekannten Abneigung Friedrichs des Großen gegen verheiratete Offiziere, die oft dazu führte, daß diese entweder gar nicht oder erst nach ihrer Verabschiedung heirateten. Von den neun Söhnen Caspar Friedrichs waren sechs aktive Offiziere, und alle haben in den Schlachten des Siebenjährigen Krieges mit Auszeichnung gekämpft, aber nur einer von ihnen, Friedrich Wilhelm, der als Rittmeister und Adjutant des Generals v. Seydlitz bei Zorndorf verwundet wurde und den Abschied nehmen mußte, hatte schon während seiner Dienstzeit geheiratet, und da er alle seine Brüder überlebte, fiel ihm nach und nach fast der gesamte Lehnsbesitz des Hauses Senzke zu. Als er 1805 starb, hinterließ er seinen beiden Söhnen die Güter Senzke und Pessin im Ländchen Friesack, sowie die in anderen Kreisen liegenden Güter Buchow-Carpzow, Ihlow und Wölsickendorf. Nur die ebenfalls im Ländchen Friesack liegenden Güter Retzow und Hage kamen an die Söhne seines jüngeren Bruders Philipp Friedrich.
So konnten von ursprünglich 16 Brüdern, die alle in Senzke das Licht der Welt erblickt hatten, nur zwei in ihren Kindern weiterleben, während alle anderen den weitverzweigten Stammbaum ihres alten Geschlechts nicht fortsetzen konnten. Es waren hervorragende Männer unter ihnen, z. B. der am preußischen Hofe hochangesehene Geheime Legationsrat Otto Friedrich v. Bredow, ein Hofmann und Kavalier im Sinne der Zeit, dem aber unter goldbordiertem Rock und weißem Spitzenjabot ein unverzagtes märkisches Herz schlug. Er bewohnte in Berlin ein eigenes Haus Unter den Linden, dort, wo hundert Jahre später das Palais des alten Kaisers stand, und er genoß das seltene Privilegium, in einer Equipage mit vier Pferden und ledernen Strängen fahren zu dürfen, was sonst nur Mitgliedern des Königlichen Hauses gestattet war. Der König schätzte ihn sehr, und Prinz Ferdinand, dem mehrere Bredows menschlich nahe standen, war eng befreundet mit ihm.
Aus seinen späteren Lebensjahren wird eine Episode berichtet, die ihn kennzeichnet. Während der französischen Revolution war eine Zeit lang der Abbe Sieyes französischer Gesandter in Berlin. Als dieser während einer Hoffestlichkeit laut mit revolutionären Phrasen um sich warf, erhob sich plötzlich der alte Legationsrat v. Bredow und herrschte ihn an: „Wenn Er nicht sofort Sein loses Mundwerk hält, so werfe ich Ihn, so wahr ich hier stehe, zum Fenster hinaus!" Der Abbe zog es vor, keine Probe aufs Exempel zu machen und verschwand eiligst.
Der jüngste der 16 Brüder, Caspar Friedrich, trat jung in den Hofdienst und wurde Hofmarschall beim Prinzen Ferdinand, der im Schloß Bellevue residierte. Caspar Friedrich genoß das Vertrauen des Prinzen in so hohem Maße, daß er nicht nur dem Hofstaat vorstand, sondern auch die prinzliche Vermögensverwaltung leitete. Der Prinz hat ihn sehr geliebt und ihm nach seinem frühen Tode — Caspar Friedrich starb im Alter von nur 35 Jahren — einen Gedenkstein im Park des Schlosses Bellevue setzen lassen, der heute noch steht. Auch einen selbst verfaßten Nachruf widmete der Prinz dem Verstorbenen. Darin heißt es: „Er besaß die Redlichkeit und Offenherzigkeit der alten Deutschen . .. nebst der Standhaftigkeit und Entschlossenheit des echten Stoikers."
Aus demselben Holz war auch der dritte der Senzker Brüder geschnitzt, die in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in der preußischen Hauptstadt eine Rolle gespielt haben, der Oberst und Kommandeur des berühmten Berliner Regiments Gensdarmes, Emanuel Friedrich v. Bredow. Mit 17 Jahren war er als Junker in dies Regiment eingetreten, zog mit ihm in den Siebenjährigen Krieg, kämpfte bei Lobositz, Roßbach, Leuthen, Zorndorf und Hochkirch mit, erhielt den Pour le meVite, wurde, erst 26 Jahre alt, zum Rittmeister befördert, blieb bei seinem Regiment und fehlte weder bei Liegnitz noch bei Torgau, den weiteren Ehrentagen dieser Elitetruppe. Nach dem Kriege avancierte er zum Major, heiratete in Berlin eine Gräfin v. Podewils und bezog das spätere Radziwillsche Palais in der Wilhelmstraße. Im Jahre 1777 wurde er zum Kommandeur des Regiments Gensdarmes ernannt, dem er seit 28 Jahren ununterbrochen angehörte und genoß in der Hauptstadt großes Ansehen. Leider war auch ihm kein langes Leben beschieden, denn er starb, ohne Kinder zu hinterlassen, erst 48 Jahre alt. Auch diese Bredows waren Söhne des Ländchens Friesack und haben durch ihr Leben und Wirken ihrem Namen und ihrer Heimat Ehre gemacht, wenn sie auch keine Erben hinterlassen haben.
Dieser Beitrag stammt aus dem Buch "Das Ländchen Friesack und die Bredows - Eine Wanderung durch sechs Jahrhunderte" von Dr. Henning von Koss.
Für mehr Informationen über Friesack in den Rathenower Heimatkalendern, ím Buch " Amtsbereich Friesack" oder für die besonderen Stunden "Friesacker Burggeist".
Redaktionell bearbeitet von Michael Borgmeier
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