Der Gülper See und seine Seltenheiten
Von Artur Zietemann
So mannigfaltig die Landschaft des Kreises Rathenow, früher Westhavelland, in größeren Waldungen, weiten Wiesen und großen Luchflächen, aber tauch an verstreuten, größeren Seen ist, ebenso artenreich ist auch die Vogelwelt unseres Kreises, insbesondere was seltene Vögel, Durchzügler und Wintergäste aus. den nordischen Ländern betrifft. Bevor näher auf die später erwähnten seltenen Tiere eingegangen wird, erst einige Worte über den Gülper See, einer unserer größten 'Seen im Kreise, und der infolge seiner Lage und Beschaffenheit geradezu ein Eldorado unserer Vogelwelt und ihrer Seltenheiten ist. 
In der Nordwestecke des Kreises Rathenow Hegt, eingebettet in der weiten [Landschaft, rings von Wiesen, Weiden und Ackerflächen begrenzt, der 573 ha (= 2202 Morgen) große und 2 bis 3 Meter tiefe Gülper See. Der Untergrund des Sees ist sandig und fest; nur in der Mitte befindet sich eine Morastschicht von etwa 6 Meter Stärke, darunter lagert jedoch wieder eine feste Sandschicht. Von Osten bis Süden bildet der See ein breites, langsam tiefer werdendes sandiges Flachufer. Hingegen wird der See von Südwesten bis Nordosten von einem bis 1000 Meter tiefen Schilf- und Rohrgürtel begrenzt. Zufluß erhält der See in der Hauptsache durch den Rhin, der das westliche Rhinluch durchfließt und je nach der Gegend verschiedene Namen besitzt. Anfänglich heißt er der Mühlen-Rhin, später der alte Rhin, der Klessener und schließlich der Friesacker Rhin. Dieser (Rhin ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem teilweise kanalisierten Rhin, der aus dem Haussee bei Zechlin, nahe der Mecklenburgischen Grenze, entspringt, Rheinsberg, Neuruppin, das große Rhinluch, Fehrbellin und den Dreetzer See durchfließt, sich einige Kilometer unterhalb dieses Sees mit dem vorgenannten alten Rhin vereinigt, um nun gemeinsam in den Gülper See zu fließen. Ein weiterer Zufluß ist der Bärengraben, der ebenfalls mit diesem gesamten Fluß- und Kanalsystem in Verbindung steht. Leider ist dieser Bärengraben aber äußerst stark verkrautet und versandet, so daß er fast überhaupt kein Wasser mehr aufweist und daher kaum noch als Zufluß zum Gülper See anzusprechen ist. Hier muß besonders die Wasserwirtschaft in Neustadt und Neuruppin angesprochen werden, die in Zukunft dafür sorgen muß, daß der Bärengraben das wieder wird, was er früher gewesen ist, ein wasserführender Zufluß zum Gülper See. Durch diese Regulierung wird eine stärkere Durchflutung des Sees erreicht, was wiederum einen stärkeren und besseren Fischabwachs zur Folge haben und dadurch zu einer noch besseren Versorgung unserer Bevölkerung mit Fischen beitragen wird, ist doch der Gülper See einer unserer fischreichsten Seen innerhalb des Kreises.
Schon seit vielen Jahrzehnten liegt die Fischbewirtschaftung und Fischaufzucht in den bewährten Händen der alteingesessenen Familie Schröder auf dem Gahlberg am Gülper See. Der Abfluß des Gülper Sees zur Havel erfolgt durch die „Kehle" am Gahlberg und ist durch das dortige Wehr regulierbar. Ein weiterer Ab- bzw. Zufluß .war bislang der Lankengraben oberhalb des Gülper Wehrs. Dieser Graben ist aber neuerdings durch eine Kahnschleuse abgesperrt und kommt daher weder als Ab- .noch als Zufluß in Frage.
Entbehrt der Gülper See auch jeglicher landschaftlicher Reize, und ist er daher auch keineswegs mit unseren landschaftlich schöner gelegenen, rings von Wald umstandenen anderen Seen innerhalb unseres Kreises zu vergleichen, so steht er doch mit seinen Seltenheiten, insbesondere was Vögel anbelangt, wohl an erster Stelle nicht nur im Kreise Rathenow, sondern wohl auch im gesamten Bezirk Potsdam. Es würde hier bestimmt zu weit führen, sollte man all die Vögel aufzählen, die den Gülper See als ihr Biotop auserwählt haben. Es kommen dann ferner noch die teilweise seltenen Vögel in Frage, die den großen See auf ihrem Frühjahrs- und Herbstzug als Rast- und Futterplatz für einige Zeit auserwählen. Hat man Glück, kann man zu dieser Zeit hier Vögel antreffen, deren Heimat der hohe Norden oder die Weite der großen Sowjetunion ist. Als eine der größten Seltenheiten des Gülper Sees ist daher die fast ständige Anwesenheit des bei uns sonst kaum noch vorkommenden und vom Aussterben bedrohten Kormorans — Phalacrocorax osrbo sinensis —in mehreren Exemplaren anzutreffen. Es dürfte daher interessieren, nähere Einzelheiten über das Leben und die Gewohnheiten dieses bei uns so äußerst selten gewordenen Vogels zu erfahren.
Im vergangenen Jahrhundert war der Kormoran noch in ganz Norddeutschland ein sehr verbreiteter Brutvogel. Er liebte die Geselligkeit und brütete stets in mehr oder weniger großen Kolonien. Man hat zu damaliger Zeit Brutkolonien festgestellt, die mehrere tausend Paare beherbergten. Ja, es soll in diesen Brutkolonien Bäume gegeben haben, auf denen mehr als 30 Nester vorhanden waren. Mitte der achtziger Jahre hatte sich der Kormoran so stark vermehrt, daß sogar Militär zum Abschuß und zur Vernichtung der Brutkolonien herangezogen werden mußte. Der Grund zur restlosen Vernichtung derartig .großer Brutkolonien ist darin zu suchen, daß der Kormoran ein noch ärgerer Fischräuber ist als der Fischreiher. Besteht dessen Nahrung nur zu etwa 60 Prozent aus Fischen, so lebt der Kormoran ausschließlich von Fischen.
Nach Heinroth soll er bis zu 750 Gramm Fische je Tag zu sich nehmen. Es läßt sich somit leicht errechnen, was eine größere Kormorankolonie täglich an Fischnahrung verbraucht. Damit war das Todesurteil über diesen Vogel gesprochen. Aus seinen Brutkolonien vertrieben, von seinen Nestern verjagt, ständig verfolgt, wo er sich nur blicken ließ, ist der Kormoran heute bis auf ganz geringfügige Reste in Deutschland ausgerottet worden. Wie mir Dr. Mansfeld vor einiger Zeit mitteilte, hatte er anläßlich einer Tagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft die Gelegenheit, in Ostfriesland eine kleinere Kormorankolonie zu besuchen, die etwa 50 Brutpaare beherbergte. Es dürfte dieses die letzte Kolonie sein, die sich noch bei uns in Deutschland befindet.
Nach dem Gesetz zur Erhaltung und Pflege der heimatlichen Natur — Naturschutzgesetz vom 4. August 1954, § 9 — Allgem. Schutz für nichtjagdbare wildlebende Tiere — gehört auch .der Kormoran zu den Tierarten, die im Gebiet der DDR unter Naturschutz stehen. Der Kormoran gehört zur Ordnung der Ruderfüßer. Er ist der einzigste Vogel aus dieser Ordnung, der hin und wieder noch in der DDR anzutreffen ist. :Die anderen Mitglieder dieser Ordnung, Pelikane, Tölpel, Scharben, kommen hier überhaupt nicht vor, es sei denn äußerst selten als Durchzügler oder als Irrgäste. Die Ruderfüßer unterscheiden sich von der Ordnung der Entenvögel, zu der die Schwäne, Gänse, Enten und Säger gehören, dadurch, daß alle vier Zehen durch Schwimmhäute miteinander verbunden sind. Bei den Entenvögeln dagegen sind nur die drei Vorderzehen durch Schwimmhäute miteinander verbunden. Der Kormoran ist gänsegroß, hat ein dunkles, schwärzliches Gefieder, das nur an den Kopfseiten und an der Kehle weißlicher erscheint, sonst aber einen wundervoll blaugrünen Metallschimmer 'besitzt. Der Schnabel ist schlank, etwa 8 'Zentimeter lang und endigt in einem kräftigen Haken. Die Iris des Auges ist grün. Der Kormoran kann ausgezeichnet schwimmen und tauchen; 'beim Schwimmen liegt der Körper tief im Wasser, der Hals wird aufrecht gehalten. Die Winterheimat des (Kormorans sind die Meeresküsten und die südlichen Gegenden um das Mittelländische Meer. Bei uns stellt er sich zum Brutgeschäft im März ein und verbleibt hier bis August, September. Einzelne Exemplare versuchen auch bei uns zu überwintern. Das Flugbild des Kormorans ist mit keinem anderen Vogel zu verwechseln; durch den im Fluge ausgestreckten Hals, den verhältnismäßig langen Schwanz und infolge der vom Körper rechtwinklig gehaltenen Schwingen gleicht er genau einem durch die Luft fliegenden schwarzen Kreuz.
Viele der werten Leser werden den Kormoran aus Abbildungen her kennen und wissen, daß man sich seine Geschicklichkeit im Fischfang in den ostasiatischen Ländern zunutze gemacht hat, indem man dem Kormoran einen Metallring um den Hals legte und dazu abrichtete, die erbeuteten Fische an seinen Betreuer im Boot abzuliefern. Den Kormoran bei uns aber in freier Natur schon jemals beobachtet zu haben, werden .bisher sehr wenige die Freude und das Glück gehabt haben.
Anfang Mai vorigen Jahres konnte ich auf dem Gülper See einen Kormoran, auf einem aus dem Wasser ragenden Pfahl sitzend, gut beobachten. Einige Tage später sah ich frühmorgens 6 Exemplare, die auf Reusenpfählen mitten im See -saßen. Mit dem Kahn ließen sie sich auf ungefähr 150 bis 200 Meter an sich herankommen, um dann nach der anderen Seeseite abzustreichen. Da ein An- und Abflug der Vögel nicht festgestellt werden konnte, bestand die Vermutung, daß sich die Vögel hier oder in der Nähe doch noch einmal zu einer Brut entschließen würden. Dr. Makatsch teilte mir zwar mit, daß nach seiner Ansicht es sich wohl um noch nicht fortpflanzungsfähige Exemplare handelt, die sich nur zeitweise in den hiesigen fischreichen Gewässern auf- halten. Vielleicht machen sie eines Tages doch noch einen Brutversuch, da ja die Kormorane bereits auch früher in der Mark Brandenburg als Brutvögel heimisch waren.
Bis Mitte Mai konnte ich die Kormorane fast jedes Mal mit dem Fernglas beobachten, sobald ich am Gülper See war. Bei meinen späteren Besuchen blieben sie dann aber verschwunden. Erst Anfang Juni konnten wieder zwei Stück festgestellt werden.
Da der Kormoran die große Vorliebe hat, sich in bereits bestehende Fischreiher- oder Saatkrähenkolonien anzusiedeln, 'besuchte ich im Mai eine größere Fischreiherkolonie in der bestimmten Erwartung, hier ein Brutvorkommen des Kormorans festzustellen. Eine einwandfreie Feststellung war aber bisher nicht möglich, da die Bäume bereits die ersten Blätter entwickelt hatten. Eine diesbezügliche Rücksprache mit dem zuständigen Revierförster führte auch zu keinem positiven Ergebnis. Hingegen hatte die Rücksprache, die ich mit einem Fischermeister eines ebenfalls größeren Sees wegen einer anderen Angelegenheit zu führen hatte, einen erfreulichen Erfolg. Im Laufe des Gespräches teilte er mir mit, daß er des öfteren auf seinem See 3 bis 4 Kormorane beobachtet hatte. Ein Brutvorkommen -wurde jedoch in Abrede gestellt, da er den Abflug der Vögel vom See jeden Abend beobachten konnte. Trotzdem könnte die Möglichkeit bestehen, daß die Vögel hier brüten, da der See eine sehr große sumpfige Verlandungszone besitzt, die mit ausgedehnten Strauch- und auf einigen festen Stellen teilweise auch mit einzelnen Baumgruppen bestanden ist. Ein Betreten dieses Geländes ist aber wegen des sumpfigen und morastigen Untergrundes stets mit Lebensgefahr verbunden. Anfang Juni erhielt ich von diesem Fischermeister einen toten Kormoran, der sich am Vortage unter Wasser in einer Reuse gefangen hatte und umgekommen war. Den Vogel habe ich präparieren lassen.
Anläßlich der Besichtigung eines weiteren größeren Sees dicht an der Kreisgrenze in Begleitung des zuständigen Revierförsters konnte ebenfalls ein Kormoran festgestellt werden.
Viele der Leser werden sich nun fragen: „Woran kann ich denn nun eigentlich einen Kormoran erkennen; weiß ich denn genau, ob jener Vogel dort draußen auf dem See nun ein 'Kormoran ist oder nicht?" Hierzu kann folgendes gesagt werden. Einige Merkmale sind ja bereits bei der direkten Beschreibung des Kormorans genannt worden. Es gibt aber noch drei weitere präzise Merkmale, die einzig und allein nur für den Kormoran zutreffend sind; für andere Vögel treffen sie niemals zu. Diese charakteristischen Merkmale sind:
1. das bereits erwähnte Flugbild, welches mit einem schwarzen Kreuz sehr große Ähnlichkeit hat;
2. sitzt der Kormoran größtenteils aufrecht, den Kopf schräg erhoben, auf Reusenpfählen und großen Zweigen, die aus dem Wasser ragen, weniger auf Buhnenköpfen;
3. bei dieser Gelegenheit pflegt er die vom ständigen Schwimmen und Tauchen nassen Schwingen ausgebreitet in den unglaublichsten Stellungen und Verrenkungen in der Sonne zu trocknen und hin und wieder auch damit zu fächeln. -In dieser Stellung hat er sehr große Ähnlichkeit mit Adler, die man oft mit ausgebreiteten Schwingen auf Kappen und Münzen vorfindet.
Sollte nun dieser oder jener Leser Lust und Interesse haben, diesen so überaus seltenen Vogel in der freien Natur beobachten zu wollen, so muß er den Landweg von Prietzen nach Gülpe gehen bis zu der Stelle, wo der Deich diesen Weg berührt, und wo sich die Tafel „Naturschutzgebiet" befindet. Hier betritt man jetzt den Deich und sieht mit dem Fernglas halb links die mitten im See stehenden Reusenpfähle bzw. in etwas weiterer 'Entfernung den großen kahlen Zweig, der aus dem Wasser hervorragt. Dieses sind die beiden Stellen, auf denen sich bei seiner Anwesenheit der Kormoran, das fliegende schwarze Kreuz, fast regelmäßig aufhält.
Hat der Beobachter Glück und hat er sich geschützt aufgestellt, kann er von dieser Deichstelle auch die zweite große Seltenheit vom Gülper See, Europas größten Adler, den Seeadler — Haliaetus .albicilla — mit der gewaltigen Flügelspannweite von etwa 2,50 Meter, der hier sein Revier hat und den 'großen See oft nach Beute absucht, sehr 'gut beobachten. Es ist ein einmaliges Erlebnis, diesen gewaltigen Adler mit seinen riesigen, rechteckförmigen Schwingen, dem kurzen keilförmigen weißen Schwanz (s. Abb.), dem mächtigen gelben Schnäbel und den starken ebenfalls gelben Ständern mit den langen, dolchartigen Fängen über dem See kreisen zu sehen. Ein solch großes, ungeschlachtes Flugbild weist keiner unserer sonstigen Raubvögel auf. Es hinterläßt einen imponierenden Eindruck, wenn dieser Adler mit seinen gewaltigen Schwingen langsam in schwerem Ruderfluge über die weite Wasserfläche streicht und nach Beute Ausschau hält. Gerade über den Seeadler ließe sich noch sehr viel berichten. Fand ich doch hier am Gestade des Sees einen toten Seeadler, der von ruchloser Hand abgeschossen worden war.
Hier am Gülper See begannen meine vielen mühevollen und langwierigen Beobachtungen und Feststellungen über die An- und Abflüge des Adlers, bis es mir denn endlich an Hand dieser Feststellungen gelang, den großen Horst mit dem Jungadler nach langen Mühen aufzufinden. Es war ein einmaliges, eindrucksvolles Bild, als die beiden gewaltigen Adler hoch am azurblauen Himmel, ohne, die großen Schwingen zu bewegen, ruhig ihre Kreise zogen. Deutlich konnte ich die gespreizten und nach aufwärts gebogenen Handschwingenenden sehen. Sobald die Adler beim Kreisen ihre Körper der Sonne zuwendeten, leuchtete der goldgelbe Hals auf; deutlich waren im Fernglas der vorgestreckte Kopf mit dem großen gelben Schnabel, der keilförmige reinweiße Stoß und die unter dem dunklen Federkleid sich scharf abhebenden beiden starken gelben Fänge, zu erkennen. Beim Kreisen ließen beide Adler oft ihre hell klingenden Schreie ertönen. Ein imponierendes Bild, diesen stolzen, gewaltigen Seeadler in freier Natur beobachten zu können.
Aber noch eine dritte Seltenheit birgt der Gülper See, und wer Glück hat, kann auch von dieser Stelle den Fischadler — Pandion haliaeetus — mit einer Flügelspannweite von etwa 1,60 Meter bei seiner eigenartigen Jagd beobachten. Ich hatte das Glück, im März, Mai und August dort ein Pärchen beim Fischfang beobachten zu können. Der Fischadler ist von den anderen Adlern und Raubvögeln leicht zu unterscheiden, ist doch die Oberseite der Flügel und des Körpers dunkelbraun, die Unterseite des Körpers dagegen schneeweiß. Der Kopf trägt eine schwache, aufrichtbare Haube. Das Flugbild zeigt lange, schmale, deutlich gewinkelte. Flügel und auf der weißen Flügelunterseite am Bug einen schwarzen Fleck. Der Schwanz ist dunkel gebändert. Auffallend ist noch der übergroße Schnabelhaken und die äußerst wehrhaften, nadelscharfen blaugrauen Fänge zum Erfassen der Beute, die nur aus Fischen, niemals aber aus Säugetieren oder Vögeln besteht. Es ist ein herrliches Bild, wenn der Fischadler hoch über dem See rüttelt; plötzlich legt er die Schwingen an und stürzt mit vorgestreckten Fängen in das hoch aufspritzende Wasser und verschwindet darin. Das Auge des Beobachters kann diesen Absturz gar nicht so schnell verfolgen, wie es geschieht. Nach einigen Sekunden erscheint der Fischadler wieder; einige wuchtige Flügelschläge und er erhebt sich mit seiner schuppigen Beute in den langen, scharfen blaugrauen Fängen in die Luft, ohne aber sich nicht noch vorher tüchtig geschüttelt zu haben, wie er dieses gewohnheitsgemäß nach jedem Sturz ins Wasser zu tun pflegt.
Eines Tages hatte ich auch Gelegenheit, einen Fischadler aus einem Buschversteck gut zu beobachten. Plötzlich flog ein zweiter Fischadler mit einem großen Weißfisch in den Fängen heran, bäumte auf einem Koppelpfahl auf - und begann, den großen Fisch zu kröpfen. Um das Gewicht und die Größe des Fisches festzustellen, sprang ich aus meinem Versteck. Aber weit gefehlt, mein Plan mißlang. Der Fischadler breitete seine großen Schwingen aus, und mit dem Fisch in seinen Fängen, den Kopf der Beute voran, strich er ab, um weit entfernt hinten am „Küdden" wieder ,auf einem Koppelpfahl aufzubäumen.
Ich komme nun zu der vierten, der größten Seltenheit, deren Anwesenheit ich wohl in nächster Nähe des Gülper Sees feststellen konnte und die auch von anderen Personen festgestellt worden ist, aber die bis jetzt noch niemand lebend gesehen hat. Diese allergrößte Seltenheit ist der Biber — Castor fiber albious.
Ich will nun nicht noch einmal eingehend über die seltsamen Lebensgewohnheiten dieses vom Aussterben stark bedrohten Tieres schreiben, tat ich doch dieses bereits in Nr. 3 des „Rathenower Kultur-Spiegels" vom August vorigen Jahres. Ich möchte hier nur nochmals die Daten festhalten, an denen die Anwesenheit von Biber einwandfrei festgestellt werden konnte:
1. im Jahre 1935 bei dem Dorfe Gülpe. Es waren mehrere angeschnittene bzw. bereits umgestürzte Weiden, die alle den charakteristischen sanduhrähnlichen Anschnitt trugen; 2. etwa im Jahre 1:343, ganz genau ließ sich das Jahr nicht mehr feststellen, wurde an einem benachbarten See von einem Fischermeister ein Tier beim Benagen eines Weidenknüppels festgestellt. An Hand von Biberaufnahmen konnte das Tier vom Fischermeister erst jetzt einwandfrei als Biber angesprochen werden;
3. war im Mai vorigen Jahres ein Biber in einen Aalsack, der im Rhin in nächster Nähe vom Gülper See aufgestellt war, geraten und leider ertrunken. Dieser tote Biber -war das Beweisstück dafür, daß sich im oder in nächster Nähe vom Gülper See Biber aufhalten. Es ergeht daher nochmals an alle Wassersportfreunde, Angler, Fischer und Schiffer die Bitte, bei passender Gelegenheit auf nachstehende charakteristische (Merkmale zu achten, die unweigerlich die Anzeichen für die Anwesenheit von Biber im Gelände sind:
1. die charakteristisch angenagten Bäume — sanduhrartige Schnittstelle,
2. die bemerkenswerte Schleifspur des Schwanzes — „der Kelle" —, die unverkennbar ist,
3. auf eventuell errichtete Dämme oder Burgen.
Sollten derartige Anzeichen der Biber an irgendeiner Stelle festgestellt werden, so wind gebeten, Nachricht an den Verfasser dieses Artikels zu geben. Der präparierte Biber wurde seinerzeit 14 Tage lang dm Schaufenster der hiesigen Volksbuchhandlung der Bevölkerung zur Absicht ausgestellt. Das Tier wies folgende Maße auf:
Körperlänge 82 Zentimeter, Schwanzlänge 28 Zentimeter, Gewicht 17 1/2 Kilogramm.
Da der größte Biberexperte in der DDK, Professor Dr. Hinze, die Anwesenheit von Biber in hiesiger Gegend kaum für möglich hielt, fuhren wir eines Tages nach Rhinow. Der Biber wurde genau vermessen. Kopf, Rumpf, Schwanz und Läufe und die sich ergebenden Maße zeigten, verglichen mit bereits schon früher festgestellten Maßen der Elbebiber, daß es sich tatsächlich doch um einen Biber aus den Reservaten an der Elbe handelte.
Somit wären die größten Seltenheiten am Gülper See, der auch darum das jüngste Naturschutzgebiet unseres Kreises geworden ist, in großen Zügen allgemein gewürdigt. Es ließe sich ja noch sehr viel mehr über diesen See mit seiner großen und verschiedenartigen Vogelwelt berichten, jedoch würde dieses hier wohl zu weit führen.
Ich will nicht schließen, ohne noch einer Seltenheit zu gedenken, die nicht zu der Vogelwelt am Gülper See gehört, sondern baulichen Charakter trägt, und die es verdient, umgehend als Naturdenkmal unter Schutz gestellt zu werden.
Diese Seltenheit ist die alte Prietzener (Windmühle aus dem Jahre 1773 am Gülper See.
Im Innern dieser alten .Mühle befindet sich nachstehender äußerst interessanter Mühlenspruch, der da lautet :
„Als eine neue Dosse ward gegraben durch Knollings Horst und Lievengraben, auch der Riehn ward zugeschmissen, die Riehne Wasser Mühle weggerissen, da ließ auch die Wind Miihl bauen, die Frau von Quast in Hohennauen, zu Prietzen an der breiten See. O Gott, in Gnaden sie anseh, daß sie niemals stille steh, sondern immer mühl und geh!'" Dieses wünscht von Herzen der Bau Meister Zemmelin aus .... im Jahre 1773.
Möge diese Abhandlung dazu beitragen, bei allen Lesern in- Stadt und Land die Diebe zu unserer Heimat zu wecken, das Verständnis für Natur und ihre Geschöpfe zu verstärken, gleichzeitig aber auch die Freude und das Interesse für unsere heimatliche Tierwelt zu vertiefen. Den durch frühere sinnlose Ausrottung vom Aussterben bedrohten und leider nur noch in -wenigen Exemplaren bei uns vorhandenen seltenen Tieren wollen wir aber weiter Freund und Beschützer sein und bleiben. Wir wollen mit aller Kraft versuchen, ihre weitere Existenz bei uns zu sichern, um dadurch gleichzeitig wieder eine größere Vermehrung dieser Tiere zu .garantieren. Darum ergeht an alle der Ruf!
„Helft alle mit beim Schutz unserer heimatlichen Tierwelt, insbesondere aber unserer Vogelwelt. Schützt und behütet aber auch die wenigen Naturdenkmäler, die uns durch den Krieg noch erhalten geblieben sind. Ihr erhaltet damit unserer Heimat große ideelle und materielle Werte." Wollen wir daher schließen mit dem Ausspruch unseres großen Dichters Goethe:
„Manches Herrliche der Welt ist im Kampf und Streit zerronnen.
Wer beschützt und erhält, hat das schönste Los gewonnen."
Dieser Artikel wurde aus dem Rathenower Heimatkalender von 1957 entnommen.
Redaktionell bearbeitet von Michael Borgmeier
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