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Die gute alte "Dora"

von Grete Giesche

Wie heißt das populärste Frauenzimmer von Rathenow? Diese Umfrage wurde in unserer Stadt noch bei keiner Wissensfrage gestellt und würde es einmal geschehen, keine Ehefrau würde die Augenbrauen hochziehen und drohend mit dem Finger wackeln. Im Gegenteil, sie würde nur bejahend mit dem Kopf nicken.

Dora auf FahrtSie können die Frage nicht beantworten? Dann will ich Ihnen eine Eselsbrücke bauen:

Rathenow liegt an der Havel, Berlin an der Spree, Dresden an der Elbe, aber eines haben sie alle gemeinsam: der Spreeathener liebt „det Jrüne“ und fährt mit der Weißen Flotte ins Blaue, die Dresdner bauen „große Pötte“, damit der Fremdenverkehr von der Eisenbahn abgezogen und der FDGB-Urlauber die Elbe persönlich kennenlernt und mit der Weißen Flotte ins Gebirge zieht.

Und Rathenow?

Rathenow hat Angelkähne, Paddelboote, Ruderboote und Motorboote. Und sonst? Sehen Sie, Rathenow hat seine „Dora“, die beliebteste Frau seit 1905, die nun schon 20 Jahre in unseren heimischen Gewässern umherschwimmt.

Des Seemanns Liebste

Schepperslüd sind immer galante Männer. Ob es daran liegt, daß sie ihr Ehe­glück nur im Hafen genießen und so die Flitterwochen fürs ganze Leben rei­chen?

Darüber hat noch keiner eine Doktorarbeit geschrieben, eher darüber, daß alle Schiffe einen Frauennamen tragen. Man sagt wohl „das Schiff“ aber wie hörte es sich wohl an, wenn man sagen würde „das Minna“, das Annemariechen, denn das Schiff ist des Seemanns Liebste, auch des „Süßwasserseemanns“.

Deswegen nannte der Vater des jetzigen Besitzers das schmucke Schiffchen, als er es im Jahre 1905 auf Kiel legen ließ nach seiner Eheliebsten „Dora“. Und unsere „Dora“ hat in all den Jahren sich großer Beliebtheit erfreut.

Eierfest im Frühjahr

Wenn im Frühjahr die „Eierfahrt“ anging und sich die Ruderboote der Rathenower Sportvereine durch das eisige Wasser schoben, um bei „Meckerotto“ in Milow oder den anderen Orten an der Havel ihren Tribut in Form eines Korbes voller Eier erhoben, dann wußte man, jetzt kommt auch bald die „Dora“. Eine der beliebtesten Anlegestellen war ohne Zweifel Milow, wo man bei Wilhelm, später Ernestine Daßler oder bei Meta Schulz in „Aal in jrien“

oder Kuchen schwelgen konnte, um nachher auf den Milower Berg zu steigen und von dort den Rathenower Kirchturm suchen. Fahrten nach Flaue, zur Malge, zum Gränert, zum Seeblick, flußaufwärts oder -abwärts nach Grütz, Parey, Schollene, nach Ferchesar über den Hohennauener See oder jetzt nach Havelberg gehörten früher und auch jetzt zu den schönsten Sonn- und Feiertagserlebnissen.

Dampfer Dora am Liegeplatz
zum vergrößern hier klicken
Ganze Familien ziehen heute noch eine Fahrt mit dem Dampfer in ihr Pro­gramm der Freizeitgestaltung ein. Schulen und Veteranenklubs chartern das Schiff, neue Kräfte zu sammeln. Wieviel Aufsätze haben wohl schon die Schul­kinder „als bittere Pille“ über den Ausflug mit der „Dora“ schreiben müssen? Die Statistik schweigt sich darüber aus.

Als Wilhelm den Kahn bestieg

Als Wilhelm Fahlenberg 1944 den Kahn als Pächter in Magdeburg bestieg, lag die Hand der Faschisten noch schwer auf unserem Vaterland. Als der Spuk dann vorbei war, lag fast die ganze Flotte der Flußschiffahrt auf dem Boden der Flüsse und Seen. Mühevoll war der Anfang, es galt ja, die Wasserstraßen von den Trümmern zu befreien und noch jetzt begegnet man auf den Schiffs­reparaturwerkstätten einigen dieser Wracks, die zum Ausschlachten dorthin ge­schleppt wurden. Als der größte Hunger verdrängt und die größten Trümmer beseitigt waren, da erwachte der Mensch aus seiner Erstarrung und sah um sich und wollte wieder etwas haben, an dem er sich erholen konnte. Und siehe da, da war wieder die alte „Dora“ zur Stelle, und seitdem ist sie wieder unermüd­lich dabei, uns Rathenowern frohe Stunden zu bereiten.

Was wäre aber die „Dora“ ohne ihren „Kappen und sine Frau“? Eine Suppe ohne Salz! Wilhelm Fahlenberg, seine Frau und die „Dora“, das ist eine Dreieinig­keit.

Wenn nun die „Dora“ 60 Jahre auf dem Schornstein hat, ist der Kapitän 70 Jahre jung, „Mudder Fahlenberg“ ist nicht minder jung geblieben. Hat „Willem“ mal einen Vertreter auf der Brücke, dann sitzt er unter seinen Gästen und „dat klappert mit de Hackens“ und so manches lustige Erlebnis aus seiner Fahrenszeit gibt er zum Besten, auch, daß er ab und zu Hausherrenrechte gebrauchen muß, wenn die Jugend mal zu übermütig wird. Mudding sorgt mit prima Boh­nenkaffee für die Liebhaber dieses Trankes, versorgt durstige Kinderkehlen mit roter, grüner oder gelber Brause, und wer Bier liebt, kommt auch zu sei­nem Recht.

Anlegemanöver mit Mudder Fahlenberg

Geht das Anlegemanöver vor sich, dann „treckt sie mal die Hosen an“ und kommandiert im Eifer auch den Kapitän. Aber wenn sie in Rathenow anlegen, dann sagt sie: „Kinnings, hier leg ick am levesten an!“

„Warum denn?“ - „Weil et denn Feierabend is!“ - „Schüs ock, Willem“. „Wie­dersehen am Mittwoch.“ - „Nächsten Sunndach nach Hal'berg?“

„Und gut gehen lassen!“

Dora als Schiffsgaststätte am Premnitzer HaveluferJa, das wollen wir den dreien wohl wünschen, denn was sollten wir wohl tun, wenn wir die „Dora“ nicht hätten? Wir müßten wohl zu Hause bleiben, und die Havel wäre um eine Aufgabe ärmer, uns durch ihre Schönheit neue Schaffens­kraft zu geben.

Also, daß du noch lange das beliebteste Frauenzimmerchen in Rathenow bleibst, Dampfer „Dora“! Darauf wollen wir anstoßen! Auf dein Wohl, „Dora“! Allezeit gute Fahrt und moien Wind, Kappen Willem und sine Fru!

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1965, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
Fotos: Archiv des Havelland-Kiosk


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