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Kleinbahnen im Havelland

von Martina Bleis

Damals, vor über 100 Jahren, als kaum jemand ein Auto besaß, insbesondere nicht die Landbevölkerung, war die Eröffnung einer Eisenbahnlinie ein enormer Fortschritt. Mit den Kleinbahnlinien sollte vorwiegend der landwirtschaftlich genutzte Raum erschlossen werden, denn die Züge dienten neben der Personenbeförderung im großen Umfang auch dem Transport von landwirtschaftlichen Erzeugnissen.
Im Kreis Westhavelland existierten mehrere Schmalspurbahnlinien. An dieser Stelle sollen zunächst erst einmal die Kleinbahnstrecken Rathenow – Paulinenaue und Rathenow – Senzke – Nauen näher betrachtet werden. Später folgt dann beispielsweise noch die Genthiner Kleinbahn, die von Genthin nach Milow führte.

Kleinbahn Rathenow - Paulinenaue und Rathenow - Senzke - Nauen

Zum Ende des 19. Jahrhunderts existierten bereits zwei Hauptbahnlinien, die durch die Randbereiche des Havellandes führten. Eine Strecke verlief von Berlin nach Hamburg mit einem Halt sowohl in Nauen als auch in Paulinenaue und die andere von Berlin über Rathenow nach Hannover. Um diese beiden Bahnstrecken zu verbinden und auch die Verkehrsanbindung einiger kleiner Ortschaften im Havelland zu verbessern, beschloss der Kreis Westhavelland einen neuen Verkehrsweg einzurichten. Da die Straßen sich in einem schlechten Zustand befanden, entschied man sich für den Bau einer Kreisbahn. Ebenfalls für eine derartige Kleinbahnlinie sprach, dass im Vergleich zur Straße auf der Schiene schwere Lasten schneller transportiert werden konnten.
So wurde am 1. April 1900 die 32 km lange Strecke zwischen Rathenow und Paulinenaue eingeweiht und ging dann offiziell am darauf folgenden Tag in Betrieb. Die Gleise hatten nur eine Spurbreite von 750 mm, weshalb man auch von einer Schmalspurbahn oder Kleinbahn spricht. Im Vergleich dazu beträgt die Spurweite heute fast das Doppelte. Die Waggons wurden von Dampflokomotiven gezogen, die die Firma Krauss und Co. in München hergestellt hatte.
Die von der Bevölkerung liebevoll „Stille“ oder auch „Krumme Pauline“ genannte Kleinbahn führte vom Rathenower Schmalspurbahnhof, der sich östlich vom heutigen Hauptbahnhofsgebäude befand, durch den Stadtforst über die Haltestelle für Reise- und Güterverkehr in Stechow und den ausschließlich für den Reiseverkehr vorgesehenen Haltepunkt in Ferchesar nach Kotzen. Von der dortigen Haltestelle, die sowohl für den Personen- als auch für den Güterverkehr gedacht war, gab es einen direkten Anschluss an das Gut im Ort. Beim Eintreffen des Zuges in Kotzen konnte man häufig diesen Ausspruch des Bahnbediensteten vernehmen: „Alles Aussteigen – Kotzen“. Auf ihrem weiteren Weg überquerte die „Stille Pauline“ den Havelländischen Großen Hauptkanal und gelangte über die beiden Dörfer Kriele und Haage zum Senzker Bahnhof, wobei der Haltepunkt in Haage nur für den Personenverkehr genutzt wurde. Von Senzke aus fuhr die Bahn über Wagenitz und Brädikow zum Kreisbahnhof Paulinenaue, an dem man in die Staatsbahn nach Hamburg oder Berlin umsteigen konnte.
Etwa 1 1/2 Jahre später wurde die Kleinbahnstrecke von Senzke aus in Richtung Nauen um 20 km erweitert. Damit erhielten dann auch die Dörfer Pessin, Retzow, Selbelang, Ribbeck, Berge und Lietzow einen Anschluss an das Havelländische Bahnstreckennetz. Ab Ribbeck etwa verlief die Bahnlinie parallel zur Bundesstraße 5 bis nach Nauen. Nach ca. 2 1/2 Stunden Fahrzeit von Rathenow am Kreisbahnhof in Nauen angekommen, hatte man die Möglichkeit seine Reise mit der Staatsbahn oder der westhavelländischen Kreisbahn fortzusetzen. Ein Grund für den Bau dieses Streckenabschnittes war die in Nauen ansässige Zuckerfabrik, die sogar mit einer eigenen Haltestelle an die Bahnlinie angeschlossen wurde. Von da an fungierte dieser Zug als Zubringer für die im Havelland geernteten Zuckerrüben. Aber auch in umgekehrter Richtung wurde die Bahn für den Transport von Gütern in erheblichem Ausmaß genutzt. Unter anderem für den Abtransport von Zuckerrübenschnitzel, die in der Landwirtschaft als Futtermittel verwendet wurden. Mit der Eröffnung des neuen Bahnabschnittes wurde die Verbindung Rathenow – Nauen zur Hauptstrecke und die offizielle Bezeichnung wurde von „Kleinbahn Rathenow – Paulinenaue“ in „Kreisbahn Rathenow – Senzke – Nauen“ geändert. Seitdem wird diese Teilstrecke mit RSN abgekürzt.
Ihren Kosenamen „Stille Pauline“ erhielt die Kleinbahn von der Bevölkerung, da sie sehr ruhig und sanft, ohne viel Getöse durch die Landschaft fuhr. Zu dem wurde diese Bahn auch als „Bimmelbolle“ bezeichnet.
In den ersten Jahren kamen unter anderem 5 Dampflokomotiven, 4 Personenwagen, und über 75 Güterwagen zum Einsatz. Dieses zeigt deutlich, dass die Bedeutung für den Gütertransport einen enormen Stellenwert hatte. Der mehrmals pro Tag fahrende Zug transportierte beispielsweise das im Wald frisch geschlagene Holz zu den Sägewerken, die Frischmilch von den Dörfern in die Städte aber auch andere landwirtschaftliche Erzeugnisse und Bedarfsartikel.
Nach dem 1. Weltkrieg mit der Zunahme der Motorisierung auf den Straßen und der einsetzenden Inflation nahm die Frequentierung der Bahn insbesondere auf dem Abschnitt Senzke – Paulinenaue ab, so dass am 1. April 1924 der Reiseverkehr in diesem Bereich eingestellt und in anderen Gebieten eingeschränkt wurde. Nur in der Rübensaison wurde bis 1943 die Strecke Wagenitz – Senzke noch befahren. Während des 2. Weltkrieges erlebte die „Stille Pauline“ eine zweite Blütezeit. Grund dafür war einerseits der Treibstoffmangel, der zur Einstellung von Buslinien führte und somit die Bahn das einzige öffentliche Verkehrsmittel blieb. Andererseits diente die RSN der Beförderung von Wehrmachtsangehörigen, so dass die Zahlen für den Personentransport merklich anstiegen. Im April 1945 musste der Bahnbetrieb wegen zerstörter Brücken und den Kampfhandlungen im Raum Rathenow vorübergehend eingestellt werden.
Das Ende des Krieges bedeutete auch fast das Ende dieser Kleinbahn, denn im Rahmen von Reparationszahlungen, die an die Sowjetunion geleistet werden mussten, erfolgte noch im selben Jahr die Demontage der Gleise zwischen Rathenow und Kriele. Zudem wurden 4 Lokomotiven und alle Reisezugwagen nach Russland abtransportiert. Eigentlich sollte die gesamte Strecke der Schmalspurbahn demontiert werden, aber aus nicht bekannten Gründen war dies nicht der Fall. So dass nach der Instandsetzung der Kanalbrücke bei Senzke am 9. Februar 1946 der Personen- und Güterverkehr zwischen Nauen und Kriele wieder aufgenommen werden konnte. 1949 wurde die bislang vom Kreis Westhavelland betriebene Strecke von der Deutschen Reichsbahn übernommen. Der schlechte Zustand der Gleisanlagen und die mit der Zeit ausbleibenden Fahrgäste führten am 24. Januar 1961 zur Einstellung des Personenverkehrs und schließlich wenige Monate später fuhr auch der letzte Güterzug über die Gleise der „Stillen Pauline“.
Nach der Stilllegung der Schmalspurbahn im Havelland wurden die restlichen Lokomotiven und Waggons zu anderen Strecken transportiert, wo sie weiter ihren Dienst leisteten. Eine der ehemaligen Dampflokomotiven der Rathenower Kleinbahn blieb bis heute erhalten und wurde vor einigen Jahren so aufgearbeitet, dass sie von der IG Preßnitztalbahn in Jöhstadt wieder in Betrieb genommen werden konnte. Es gibt aber auch im Havelland noch Hinweise auf die damalige Existenz der Schmalspurbahn. Beispielsweise wurden die Gleise im Pflaster auf dem Bahnhofsvorplatz in Rathenow noch nicht entfernt und die Hausbeschriftung „Gasthof zur Eisenbahn“ in Stechow erinnert immer noch an die ehemalige Haltestelle der Kleinbahn in dem Dorf. Des Weiteren verläuft der neue Havelland–Radwanderweg zum Teil auf dem alten Bahndamm der ehemaligen Kreisbahn.
Zum Abschluss noch das von Herrn Dr. Abramszyk verfasste Paulinenlied, welches einen guten Eindruck davon vermittelt, wie eine Fahrt mit der „Stillen Pauline“ so ausgesehen hat. Das Lied wurde zu der Melodie von „Auf der Schwäbischen Eisenboone….“ gesungen.

 

1.  Auf die rasende Pauline
    Stimme ich mit froher Mine
    dieses schöne Lied jetzt an,
    das man leicht behalten kann.

2. Ohne Reichsbahn und Benzin
    Kommt man nicht mehr nach Berlin.
    Helfe, wer da helfen kann! 
    Die Pauline hat`s getan.

3. Sonnabend morgens geht es los.
    Urlaub wieder mal, ganz groß!
    Und die Landser rufen froh: 
    „Nun leb wohl, mein Rathenow!“

4. Rin in die Paulinenschlange!
    Denn sie wartet nicht mehr lange.
    Vorn die Milch und hinten wir.
    Vorwärts! Heimwärts! Ab dafür!

5. Erst kommt Stechow – früh am Tage – 
    und Ferchesar, Kotzen, Hage;
    dampft sie dann in Senzke an,
    Junge, da ist alles dran!

6. Die Pauline muß rangieren, 
    Wasser saufen, Lager schmieren,
    warten auf den Gegenzug. Mensch!
    da haste Zeit genug!

7. Und der Landser geht inzwischen
    zum Budiker einen zischen.
    Dort stehn schon die Flaschen kalt
    für den langen Aufenthalt.

8. Brennt die Sonne hoch am Himmel,
    ruckt Pauline mit Gebimmel
    plötzlich ab im vierten Gang.
    Alles fliegt im Wagen lang.

9. Kriele, Retzow, Selbelang,
    immer mang die Wiesen mang!
    Ribbeck, Berge und sodann
    langen wir in Nauen an.

10. Müde und mit steifen Knochen
      kommen wir herausgekrochen.
      Keiner macht sich etwas draus,
     denn jetzt sind wir bald zu Haus.

11. Alles stimme mit mir ein:
      "Hoch soll sie gepriesen sein!"
      Und wir rufen dreimal noch:
      "Die Pauline lebe hoch"
      Refrain dreimal

 Refrain: Holla, holla, holla, ho, holla, holla, holla, ho,
             dieses schöne Lied jetzt an, das man leicht behalten kann.

Literatur: 
1) Brommauer, Albrecht (1994): Die Kleinbahn Rathenow – Senzke – Nauen einst wichtige Verkehrseinrichtung des Havellandes; Rathenower Heimatkalender
2) Taege, Reinhard (1992): Die Kleinbahn Rathenow – Senzke – Nauen; Kleine Eisenbahn-Hefte 
3) www.bahnstrecken.de
4) www.parkeisenbahn.de 
5)
www.pressnitztalbahn.de

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


  Kommentare

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Kommentar:1
von:pittimann
am:12.01.2008
um:14:02:24
Kommentar:Das war doch mal sehr intressant, zu erfahren was es mit den Schienen neben der B 5 auf sich hatte ,die ich noch zur Zeit der Mauer immer im Transitverkehr gesehen habe. Aber vieleicht hätte man die Karte größer machen können.

Gruß pitimann:
Redaktion:Da haben Sie natürlich recht!
... aber vielleicht können wir demnächst noch eine bessere Karte auftreiben.

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