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Namen havelländischer Städte

Reinhard Fischer

Wer Namen deuten will, muß vor allem die ältesten urkundlichen Belege kennen sowie mit der Siedlungs- und Sprachgeschichte vertraut sein. Es gibt allerdings einige Namen, die sich nicht eindeutig erklären lassen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass die Namen meist erst viele Jahrhunderte nach ihrer Entstehung schriftlich überliefert sind. Hinzu kommt, daß in unserem Gebiet deutsche Schreiber die slawischen Namen aufgezeichnet haben. Im Havelland ist der Anteil slawischer Namen außerordentlich hoch. Auch die Namen der Städte stammen meist aus der Zeit der slawischen Besiedlung, die frühestens Ende des 6. Jahrhunderts begann.

Rathenow
Belege: 1216 Ratenowe, 1244 Ratenow, 1288 Ratenow, 1295 Rathenow.
Der Ortsname ist von dem slawischen Personennamen Raten gebildet, er wäre sinngemäß als "Ort des R a t e n" zu erklären. Diese Deutung ist unbestritten und wird von allen Wissenschaftlern, die sich mit dem Namen befaßt haben, vertreten.

Fehrbellin
Belege: 1216 Belin, 1294 terram Bellyn cum civitate Bellyn, 1305 Bellin, 1522 Bellyn, 1657 Land Bellin . . . (Stadt) Fehrbellin, 1671 Bellin, 1706 Fehrbellin. Der Name ist slawisch. Er gehört zur Wurzel bel- "weiß". Wahrscheinlich wurde er von dem dazu gebildeten Wort bel "Sumpf" abgeleitet, zu vergleichen ist polnisch mundartlich biel, biela "Sumpf, Niederung, feuchte Wiese, niedrig gelegener sumpfiger Wald". Dass die Wörter "weiß" und „Sumpf" zusammengehören, erklärt man durch die weißen Büschel von Wollgras, das in manchen Sümpfen wächst.
Fehrbellin liegt im Ländchen Bellin. Es ist nicht zu entscheiden, ob das Ländchen zu deutscher Zeit nach der Stadt benannt wurde oder ob der Name zu slawischer Zeit für die Gegend galt. Der Zusatz Fehr wurde nach der Fähre gegeben. Die Fähre über den Rhin ist alt, urkundlich wird sie zum ersten Male im Jahre 1402 erwähnt. 1616 baute man eine Brücke über den Rhin, wodurch die Fähre entbehrlich wurde. Der Historiker A. F. Riedel meint, Fehrbellin sei erst der Name der Neustadt gewesen, die im 16. Jahrhundert entstanden ist, später sei der Name auf die ganze Stadt übertragen worden. Vielleicht wollte man aber nur die Namen von Ländchen und Stadt durch den Zusatz unterscheiden.

Friesack
Belege: 1216 Vrisac, 1256 Vrisach, 1290 Vrisack, 1335 Vrisack, 1459 Frisack. Die Stadt liegt im Ländchen Friesack, das als Gebiet zum ersten Male 1304 (in deme Lande to Vrisac) genannt wird. Der Name wurde von slawisch v r e z "Heidekraut"gebildet, ist also als "Land, Ort, wo es Heidekraut gibt" zu erklären. Offensichtlich war es in slawischer Zeit schon ein Landschaftsname, nach dem der Ort benannt wurde. Im Jahre 1854 beschreibt Heinrich Berghaus die
Gegend: "... im Lande Friesack, wo auf dem wellenförmigen Sand-Terrain, das mit der gemeinen Erica bekleidet ist ..." Die Namendeutung wird also sachlich gestützt.

Ketzin
Belege: 1197 villa Cosetsyn, 1216 Coszin, 1255 Cotsin, 1375 Cotzin, 1450 ketzin, 1473 Cotsyn, 1480 Cetzin. Das Datum 1197 als erster Beleg ist kein Druckfehler; die im Codex diplomaticus Brandenburgensis gedruckte Urkunde von 1187, in der es ebenfalls Cosetsyn heißt, ist eine Fälschung aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Der Name ist slawisch, aber nicht ganz eindeutig zu erklären. Am ehesten handelt es sich um Bildung von einem Personennamen:
Kozicin- "Ort des K o z i k a ". Man kann die Ortsnamen tschechisch Kozcin, Kozicin und polnisch Koziczyn vergleichen. Der Personenname ist von dem Wort ko z a "Ziege" gebildet.

Kremmen
Belege: 1216 Cremmene, 1236 Cremene, 1348 Kremmen. Der Name gehört zu slawisch k r e m e n "Kieselstein", bedeutet also "Ort, wo es Kieselsteine gibt". Man hat auch versucht, den Namen als "Burg" zu deuten, indem man auf russisch kreml' "Stadtfestung" verwies. Das ist unwahrscheinlich, denn das Wort k r e m', das zur selben Wurzel wie k r e m e n gehört, ist nur im Russischen belegt. Dagegen gibt es im westslawischen Sprachgebiet Vergleichsnamen zur erstgenannten Deutung, zum Beispiel polnisch Krzemien oder tschechisch Kremeni.

Nauen
Belege: 1186 Nauwen, 1195 Nowen, 1197 Nawen, 1208 Nauen. Der Name ist sicher slawisch, wahrscheinlich wurde er von einem Personennamen gebildet. Man hat ihn auch als novina "Neuland" erklärt. Das ist jedoch nicht möglich, denn die alten Belege zeigen nie ein -i-, das in den in-Suffixen sonst erhalten blieb. Es fehlen auch entsprechende Vergleichsnamen in alter Zeit, sowohl in unserem Gebiet wie in anderen slawischen Sprachen. Zu trennen ist der Name auch von dem des Dorfes Hohennauen, nördlich Rathenow (1386 Hogenowen), das einen deutschen Namen trägt und als Siedlung zu der "hohen Auen" zu deuten ist, wobei "Aue" im Mittelniederdeutschen auch "Insel, Halbinsel" bedeutete. Das ehemalige Gutshaus steht auf einer Landzunge in der Verlandungszone des Hohennauer Sees, so daß die Deutung sachlich paßt. Seit dem 15. Jahrhundert wurde der Name fälschlicherweise als "Hohen Nauen" aufgefasst. Für eine deutsche Deutung des Namens Nauen, etwa als "(zu de)n Auen", spricht kein Beleg.
In der heimatkundlichen Literatur ist immer noch eine Deutung verbreitet, die völlig verfehlt ist. Man deutet den Namen als lateinisch Novum castrum "neue Burg" und beruft sich auf folgenden Beleg aus dem Jahre 981: loca quedam et castella in partibus Sclauonie Niienburg, Dubie et Briechouua dicta in pago Heuellon nuncupati ... iuxta fluvium Hauela dictum sita ... cum burgwardiis. Die drei Orte und Burgen Nienburg, Dubie und Briechowa, die nach der Urkunde im Gau Heveldun, also im Havelland, an der Havel liegen sollen, hat man bis heute nicht lokalisieren können. Nach archäologischen Befunden könnten dafür die Burgwälle in den Orten Berlin-Spandau, Phöben, Ketzin, Döberitz Kr. Rathenow, Rathenow und Milow, eventuell auch Deetz oder Parey in Frage kommen, auf keinen Fall jedoch Nauen. Es liegt weder an der Havel noch ist bisher dort ein Burgwall aus dem 10. Jahrhundert nachgewiesen worden. Um den Namen Nauen zu deuten, hat sich ein spitzfindiger Kopf gedacht: Nienburg wäre mit lateinisch Novumcastrum zu übersetzen, Novum klingt wie Nauen, also ist der Name Nauen gleich Nienburg. Manchmal übersetzen mittelalterliche Schreiber in lateinischen Urkunden - die ältesten Urkunden sind ja alle in Latein verfasst - deutsche Namen und schreiben z. B. statt Neustadt Nova civitas. Solche Kanzleiformen haben sich jedoch nie als Name durchgesetzt. Dass viele Namen im deutschen Sprachgebiet lateinischen Ursprungs sind, z. B. Köln, beruht darauf, dass es in diesen Gebieten Siedlungen der Römer gab, wo lateinisch gesprochen wurde. Das ist ja im Havelland nicht der Fall. Die Einwohner Nauens würden sicher gern im Jahre 1981 das tausendjährige Jubiläum ihrer Stadt feiern, wie das in einer Zeitung sogar schon angekündigt wurde. Ein solches Jubiläum würde sich auf ein Missverständnis gründen.

Plaue
Die Stadt ist heute in Brandenburg eingemeindet. Belege: 1197 Heynricus de Plawe, 1216 Plaw, 1294 Plaue, 1334 Plawe. Plaue liegt am Ausfluss der Havel aus dem Plauer See. Hier ging eine alte Handelsstraße über die Havel. Man setzte wohl ursprünglich mit Flößen über. Der Name ist als "Übergangsstelle mit einem Floß" zu deuten, er gehört zu slawisch p l a v i t i "flößen".

Potsdam
Belege: 993 Poztupimi, 1317 postamp, 1323 Pozstamp, 1345 postam, 1373 Postamp, 1411 Postamp, um 1500 Potstamp, 1523 Pottstamb. Der Name ist slawisch. Weit verbreitet ist die Meinung, Potsdam bedeute "Unter den Eichen". Das ist jedoch nicht möglich, denn dann müsste der Name im Slawischen Poddamb - geheißen haben. Es wäre nicht zu erklären, woher das s oder z in den alten Belegen stammt. Keine Schwierigkeiten bereitet hingegen die Erklärung "Ort des P o s t a p im.-", eine Ableitung von einem Personennamen. Vergleichbare Personennamen sind im Altpolnischen und Alttschechischen belegt. Zu erklären bleibt noch, weshalb im Be leg von 993 ein u steht, während man später immer -am- findet. Das beruht auf der Lautentwicklung innerhalb der slawischen Sprachen. Es handelt sich um einen Nasalvokal, der im Nordwesten des slawischen Sprachgebiets erhalten blieb, während er in den anderen slawischen Sprachen zu u entnasaliert wurde, zum Beispiel heißt im Polnischen "Eiche" d 3 b (sprich d o m p), im Sorbischen, Tschechischen usw. d u b. Das Havelland gehört zu dem Gebiet, in dem die Nasale erhalten bleiben; der Ort Damme (1164 Damna) östlich Rathenow ist von dem slawischen Wort für "Eiche" gebildet. Für das u im Beleg Poztupimi gibt es zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die Urkunde, in der diese Form vorkommt, wurde in Merseburg ausgestellt, das im altsorbischen Sprachgebiet liegt, wo der Nasalvokal zu u wurde. Es kann sich also um eine altsorbische Form handeln. Möglich wäre aber auch, daß Ende des 10. Jahrhunderts eine sozial gehobene Schicht im Havelland nicht mehr die Nasale gesprochen hat, da auch andere Namen ohne Nasal überliefert sind. Ein weiterer Deutungsversuch aus dem Slawischen sei erwähnt. Nordöstlich Potsdam gibt es die Stupe-Ecke, einen Vorsprung in die Havel, schon 1590 als Wasserflurname Stupe in der Havel erwähnt. Man hat den Namen im Zusammenhang mit den Ausführungen über die Namen ohne Nasal betrachtet und die Deutung „Unter der Stupe" für möglich gehalten. Der Name Stupe ist aber eher von niederländischen Siedlern gegeben worden, denn im Mittelniederländischen gibt es ein Wort stupe "Vorsprung ins Wasser", was hier sachlich paßt. Deshalb ist die Herleitung des Namens Potsdam von einem Personennamen nicht zu bezweifeln. Völlig indiskutabel ist die Annahme, der Name Potsdam sei deutsch und bedeute "Bootsdamm".

Premnitz
Das ehemalige Dorf ist seit 1962 Stadt. Belege: 1336 Conrado Predemiz (Bürger in Brandenburg), 1346 Clawe-s prädemiite (desgl.), 1375 Pradmisse, Predemitz, 1450 Premcze, um 1500 Predenitz, 1571 Preuenitz, 1610 Premenitz, 1684 Prämenitz. Die frühesten Belege als Familienname sind sicher auf den Ort im Havelland zu beziehen und nicht auf die Wüstung Predemitz bei Möckern, Kr. Burg. An diesem Namen kann man gut sehen, wie sich die Formen im Laufe der Zeit sprachlich verändern. In der Mundart spricht man den Namen auch Prääemitz aus. Die slawische Form lautete Predmici. Der Ortsname ist von einem Personennamen Predma abgeleitet; die ursprüngliche Bedeutung wäre "Leute des P r e d m a".

Pritzerbe
Belege: 948 Pricerui, 1161 Pritcereuui, 1186 Prizerwe, 1216 Pritzerwe, 1375 Pritzerwe, 1550 Pritzerbe. Der erste Beleg stammt aus der Stiftungsurkunde des Bistums Brandenburg. Anzusetzen ist die slawische Form Pricerv'je, in der die Wörter pri "bei" und cerv' "Wurm, Made" stecken, letzteres höchstwahrscheinlich in der Bedeutung "Scharlachlaus", so daß der Name als "Ort, wo es Scharlachläuse gibt", zu erklären wäre. Aus Scharlachläusen wurde rote Farbe gewonnen. In den slawischen Sprachen ist deshalb die Farbbezeichnung für rot von der Wurzel cerv abgeleitet.

Rhinow
Belege: 1216 Rinowe, 1333 Rynowe. Das Ländchen Rhinow, zuerst zum Jahre 1281 urkundlich belegt, wurde sicher zu deutscher Zeit nach der Stadt benannt. Rhinow liegt am Rhin, der urkundlich belegt ist: 1238 in Renum... Renus, 1315 inter ... Renum, 1336 tussen deme rine. Von der Deutung des Namens Rhin hängt also auch die Erklärung des Namens Rhinow ab. Die meisten Forscher vertreten die Meinung, daß der Name des Rheins ins Havelland übertragen wurde. Folglich muß auch der Name Rhinow deutsch sein und kann nur als "Rhinaue" gedeutet werden. Im Mittelniederdeutschen bedeutete o u w e "wasserreiches Land". Der Name wurde an die auf -ow auslautenden Namen slawischer Herkunft angeglichen, wie z. B. auch der deutsche Name Lindow, Kr. Neuruppin (1362 Lyndow), der von Lindau, Kr. Zerbst, übertragen wurde und als "Lindenaue" zu erklären ist.
Wie hieß der Rhin zu slawischer Zeit? Es ist überliefert, dass ein Teil des Rhins bei Rheinsberg Räke genannt wurde, ebenso bezeichnete man den Rhin an seiner Ursprungsstelle. Vielleicht nannten die Slawen den Rhin R e k a "Fluß". Ein Vergleichsname wäre der Ryck (1304 Rek), der Fluß, an dem Greifswald liegt. Im slawischen Sprachgebiet gibt es viele fließende Gewässer, die einfach "Fluß" heißen. Der slawische Name der Siedlung Rhinow ist nicht überliefert.

Nicht eingegangen wird in diesem Aufsatz auf den Namen Brandenburg, für den keine völlig überzeugende Deutung gefunden werden kann. Die Problematik ist so kompliziert, dass sie sich nicht in kurzer Form darstellen läßt. Seit dem 10. Jahrhundert hat Brandenburg, der Hauptort des Slawengaues Stodorjane, eine bedeutende Rolle gespielt. Für den Ort ist jedoch kein slawischer Ortsname überliefert. Selbst auf den Münzen des Slawenfürsten Pribislaw-Heinrich, die zwischen 1130 und 1150 geprägt wurden, ist nur der Name Brandeburg oder Brandburg verzeichnet. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den Namen slawisch zu erklären. Am verbreitetsten ist wohl die Ansicht, der Name habe Brennabor gelautet. Diese Deutung stammt von dem böhmischen Chronisten Baibin, der 1677 schrieb, Brandenburg sei alsBranny bor zu braniti "schützen" und bor "Wald" zu erklären. Sprachwissenschaftlich ist das nicht möglich. Auf andere slawische Deutungen soll nicht eingegangen werden. Natürlich ist die Möglichkeit nicht auszuschließen, dass ein slawischer Name zugrunde lag, der zu Brandenburg umgestaltet wurde. Beweisen lässt es sich nicht. Ebenso zweifelhaft ist die Annahme, Brandenburg gehöre zu den germanischen Namen, die von den Slawen bei ihrer Einwanderung übernommen wurden.

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1978, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier


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