Die Slawenzeit im Havelland, das 6. bis 12. Jahrhundert
von Klaus Grebe
Im Havelland treffen wir überall neben deutschen Ortsnamen auf eine große Zahl slawischer. So bedeuten z. B. der Ortsname Döberitz von - slawisch „dobr" abgeleitet „enges Tal"; Parey - von slawisch „poroj" bedeutet „Siedlung - am Strom", und der Ortsname Vehlefanz bedeutet „Siedlung von Leuten mit großen Schnurrbärten". Ferner weisen Zusätze oder Flurnamen auf ehemalige slawische Bewohner hin wie „Wendisch-Briest" oder „Wenddorf". Über die ehemalige slawische Bevölkerung berichten deutsche, böhmische und arabische Geschichtsquellen. Es handelt sich vor allem um Annalen, Chroniken, Reiseberichte und Urkunden.
Die wertvollsten und umfangreichsten Quellen aber sind die archäologischen Hinterlassenschaften: die Reste der Siedlungen und Burgen, die Gräberfelder und die in ihnen enthaltenen Funde. Sie ermöglichen uns Schlussfolgerungen über die Entwicklung der Produktion, der Kultur, der gesellschaftlichen Verhältnisse, der Lebensweise und der Vorstellungswelt der slawischen Bevölkerung.
Die slawische Einwanderung
In spätgermanischer Zeit war das Havelland nur noch schwach besiedelt. Es gehörte kulturell und politisch zum Thüringerreich und nach dessen Unterwerfung im Jahre 531 zum Frankenreich. Man vermutet, dass nach einem Sieg der Awaren über die Franken im Jahre 568 die germanische Bevölkerung des Havellandes von den Franken westlich der Elbe angesiedelt wurde. Slawische Bevölkerungsgruppen, die z. T. von den Awaren abhängig waren oder deren Herrschaft entgehen wollten, besiedelten die verlassenen Gebiete seit Ende des 6. Jahrhunderts, wobei es zu Kontakten mit einer in der Heimat verbliebenen, aber zahlenmäßig geringen germanischen Bevölkerung kam. So erklärt sich wohl die Überlieferung germanischer Namen bis in unsere Zeit. Eine germanische Bildung ist beispielsweise der Name der Havel, vielleicht auch der Ortsname Gapel. Der Stammesname „Hehfeldi" und die Gebietsbezeichnung „Heveldun" sind ebenfalls germanischen Ursprungs, denn die Slawen des Havellandes nannten sich selbst Stodorane. Die archäologischen Hinterlassenschaften der slawischen Bevölkerung des 6. bis 8. Jahrhunderts sind so unterschiedlich, dass wir mit der Einwanderung kulturell ganz unterschiedlicher Gruppen rechnen müssen, von denen wir erst drei oder vier genauer erkennen können. Die erste und älteste Gruppe kam aus dem Dnjepr-Dnjestr-Gebiet über den böhmischen Raum, der Elbe folgend, bis ins Havelland. Diese Slawen, deren Stammesname nicht überliefert ist - wir bezeichnen sie als Prag-Korcak-Gruppe - fertigten eine meist unverzierte Keramik auf einer einfachen Töpferscheibe. Sie bauten quadratische Blockhäuser von 3 m Seitenlänge, die bis zu einem Meter in die Erde eingetieft waren und in der Nordostecke einen steinernen Kuppelofen besaßen. Solche Häuser wurden in Brandenburg (Havel) gefunden, etwas jüngere in Bützer und Dyrotz. Die Toten verbrannte man auf Scheiterhaufen und setzte sie in Urnen bei, wie sie von Fahrland, Götz und Prützke bekannt sind. Eine der Prützker Urnen enthielt eine baltische Armbrustsprossenfibel, die in das 7. Jahrhundert gehört bzw. spätestens um 700 datiert wird. Die zweite, möglicherweise zeitgleiche Gruppe kam aus dem polnischen Raum zu uns. Sie besaß eine ganz ähnliche unverzierte Keramik, aber ihr Hausbau ist völlig anders. Von den Häusern - vermutlich Blockbauten - blieben nur flache ovale Gruben übrig. Gräber kennen wir noch nicht. Sicher dieser Gruppe zuzuweisen sind Siedlungen im Raum Berlin und dicht südlich davon.
Eine dritte Gruppe ist bisher nur sehr spärlich durch Funde aus mittelgroßen Burgwällen von etwa 60 m Durchmesser und deren Vorsiedlungen bekannt. Die Keramik ist unverziert oder trägt flüchtige Wellenlinien unter dem Rand. Die Häuser sind leicht eingetiefte Pfostenbauten; Gräber sind bisher unbekannt. Diese Gruppe wanderte vermutlich etwas später ein. Bekannte Fundplätze sind die Burgwälle von Bamme, Hohennauen und Leegebruch.
Vermutlich gleichzeitig oder etwas später wanderte wieder aus dem polnischen Raum, wahrscheinlich aus dem Karpatenvorland kommend, eine weitere Gruppe ein. Wir nennen sie „Feldberg-Golacz-Gruppe". Die Keramik ist verschiedener Art und besteht aus unverzierten handgearbeiteten oder gedrehten Gefäßen, aus wellenbandverziertem so genannten Feldberger Typ und kammstrichmusterverziertem so genannten Menkendorfer Typ.
Diese Bevölkerungsgruppe legte große Siedlungen und Burgen an. Die Hausreste bestehen sowohl aus rechteckigen als auch ovalen, oft in Reihen angeordneten Gruben. Die Toten wurden samt den Scheiterhaufenresten in Hügelgräbern beigesetzt. Es scheint sich hier um Stämme zu handeln, die später zu den Wilzen gerechnet wurden. Die Bevölkerung der Feldberg-Golacz-Gruppe verhinderte die weitere Nord- und Ostausbreitung der übrigen Gruppen, und es kommt zwischen den eingewanderten Gruppen zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf einige Siedlungen und Burgen zerstört und nicht wieder aufgebaut werden, z. B. in Bützer, Bamme, Dyrotz, Hohennauen und Leegebruch. Bekannte Burgen dieser Gruppe sind die von Berge, Deetz (?), Dyrotz, Gülpe und Sacrow; Siedlungen sind bekannt von Bützer, Nauen und Möthlitz; Hügelgräber kennen wir von Brandenburg (Havel), Götz und Saaringen. Der Stand der sozialökonomischen Entwicklung war bei den eingewanderten Bevölkerungsgruppen gewiss recht unterschiedlich. Bei einigen herrschten wohl noch die Verhältnisse der militärischen Demokratie, bei anderen hatten sich bereits die Bedingungen für eine frühe Klassengesellschaft herausgebildet.
Die Gliederung des Stammesgebietes
Die slawischen Siedlungen konzentrierten sich um Seen und Flussläufe und liegen am Niederungsrand in der Nähe von Eichenmischwäldern oder auf Sandinseln in Wassernähe, zwischen Erlen- und Birkenwäldern. Besondere Schwerpunkte waren beispielsweise die Potsdamer Insel, die Beetzseerinne, das Seengebiet südwestlich Brandenburg, der Pritzerber, der Hohennauener und der Gülper See. Die Zahl der Siedlungen und Burgen, die uns bisher im Havelland bekannt wurden, stieg von etwa 50 in der Einwanderungszeit im 7. Jh. auf rund 150 im 9./10. Jh. . Im Verlauf der Auseinandersetzungen bleibt für eine gewisse Zeit die wilzische Einwanderungsgruppe bestimmend, dann jedoch erscheinen in der materiellen Kultur andere Merkmale, vermutlich als Ergebnis einer Synthese.
Ende des 8. und Anfang des 9. Jh. setzt sich z.B. in der Keramik-Produktion die so genannte mittelslawische oder Menkendorfer Keramik durch. Die großen Volksburgen werden aufgegeben, die mittelgroßen Burgen von 60 bis 80 m Durchmesser bleiben als Mittelpunkte kleiner Siedlungsgebiete (Burgbezirke) von 5 bis 20 Siedlungen bestehen oder entstehen neu. Bis zum 9. Jh. kam es also zu einer Konsolidierung der Verhältnisse, die wir nun schon als die einer frühen Klassengesellschaft bezeichnen können. In den Burgen der Burgbezirke saß bereits eine Führungsschicht, der slawische Adel, und auch den Siedlungen standen Dorfvorsteher vor. Aus den verschiedenen eingewanderten Gruppen hatte sich der Stamm der Heveller gebildet, dessen Kerngebiet das Havelland war. Das Gebiet der Heveller wurde einer Nachricht des so genannten Bayrischen Geographen zufolge im 9. Jh. in acht Burgbezirke („civitates") aufgeteilt. Die Zahl der uns bekannten Burgen ist größer, da sie nicht alle zu gleicher Zeit existierten. Vermutlich gehören zu diesen „civitates" die Burgen von Berlin (West)-Spandau, Potsdam. Phöben, Ketzin, Brandenburg, Riewend, Pritzerbe, Milow und eventuell Berge, Parey und Rathenow: Hauptburg war Brandenburg, wo für das 10. Jh. ein erbliches Fürstentum nachweisbar ist. Allerdings bedurfte die Übernahme der Herrschaft, wie wir anlässlich einer besonderen historischen Situation im Jahre 940 erfahren, noch der Bestätigung durch das Volk; worunter vermutlich der Adel, die Dorfvorsteher und freie Bauern zu verstehen sind.
Die Wirtschaftsweise
Der Ackerbau war im Havelland gut entwickelt. Die Felder wurden mit dem Hakenpflug bearbeitet, der zuweilen mit einem Eisenschar bewehrt war. Ein Hakenpflug ist von Dabergotz, Kreis Neuruppin, bekannt, ein hölzernes Schar aus Wildberg, Kreis Neuruppin, Eisenschare aus Krampnitz und Uetz, Kreis Potsdam. Ferner fanden Holzhacken und Pflanzstöcke beim Feldbau Verwendung, wie sie aus Wildberg, Kreis Neuruppin, bekannt wurden. Spuren des Hakenpfluges fanden sich in einem Ackerhorizont des 7. Jh. auf der Brandenburger Dominsel. Angebaut wurden Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Hirse, Linsen, Erbsen, Ackerbohnen und Flachs. Man erntete Getreide mit Sicheln, wie sie in Bahnitz, Briest und Neuendorf gefunden wurden. Wir fanden es verkohlt oder im Grundwasser erhalten in Brandenburg (Havel), Potsdam und Phöben. Die Aufbewahrung des Getreides erfolgte in Lehmwannen, Holzkisten, Gefäßen, Körben oder Beuteln auf dem Hausboden oder in Erdsilos und in runden Handmühlen zu Mehl verarbeitet. Die Mühlsteine wurden zum Teil aus entfernten südlichen Gebieten importiert. Seit dem 11. Jh. sind große Lehmkuppelöfen als Backöfen nachweisbar, so z. B. in Brandenburg (Havel). Durch den Flachsanbau konnten Leinöl und Leinenstoffe gewonnen werden. Obstanbau ist durch Apfelkerne, Kirsch-, Pflaumen- und Pfirsichkerne belegt, die in Brandenburg gefunden wurden. Außerdem wurden für die menschliche Ernährung und als Tierfutter Haselnüsse und Eicheln gesammelt. Die Flußauen und Eichenmischwälder boten günstige Möglichkeiten für die Rinder- und Schweinezucht; auch Ziegen, Schafe und Pferde sowie Geflügel wurden gehalten. Die Schweineställe waren Gruben unter den Häusern. In Wildberg, Kreis Neuruppin, fanden wir einen über 3 m langen hölzernen Futtertrog in solch einer Grube, die eine starke Dungschicht enthielt. Bedeutend war auch die Zeidelei, die Bienenhaltung zur Honig- und Wachsgewinnung. Von den Handwerken waren besonders entwickelt das Holz verarbeitende Handwerk wie z. B. Böttcherei und Drechslerei, die Eisen- und Bronzeverarbeitung, die Knochenschnitzerei und die Kammmacherei und die Lederverarbeitung. Gesponnen und gewebt wurde in jedem Haushalt. Das Handwerk nimmt vor allem seit dem Ende des 11. Jahrhunderts einen sprunghaften Aufschwung, konzentrierte sich bei großen Burgen und begann mit der Warenproduktion. Der Fernhandel lag zunächst in den Händen arabischer, jüdischer und deutscher Kaufleute, die im 12. Jh. gelegentlich Handelsniederlassungen in der Nähe slawischer Burgen gründeten. Unter arabischem Einfluss nahm im 10. Jh. das Silber die Rolle eines allgemeinen Äquivalentes an, und es kam zur Schatzbildung mit Silberschmuck und Münzen verschiedener Länder. Im Verlauf der weiteren Entwicklung begannen im 12. Jahrhundert die Heveller selbst Münzen zu prägen, die das Bild des letzten Fürsten Pribislaw und seiner Gemahlin Petrussa zeigen. 
Aus dem Kreis Rathenow ist der Schatzfund von Vieritz, ein Tongefäß, das 1910 gefunden wurde und 123 Münzen des Erzbischofs von Magdeburg aus den Jahren 1142-1152 enthielt. Seit dem 11. und 12. Jh. häufen sich die Funde von Münzen in Burgen, Siedlungen und Gräbern.
Durch den Handel wurden im Havelland besonders Luxusgüter, Waffen, Kämme, Schmuck, Edelmetall, Karneolperlen, Wetzsteine, Mühlsteine, vermutlich auch Tuche und Salz importiert. Ausgeführt wurden Getreide, Vieh, Fische, Felle und Pelze, Honig und Wachs; gelegentlich wurden auch Sklaven verkauft. Der Handel im Landesinneren auf lokalen Märkten war vermutlich überwiegend auf den Verkauf bäuerlicher und handwerklicher Erzeugnisse beschränkt. Anhand werkstattähnlicher Zeichen, den so genannten Bodenzeichen, lässt sich die Reichweite des Absatzes lokaler Töpfererzeugnisse bis zu 40 km Entfernung nachweisen.
Die Eroberungen des deutschen Feudalstaates
Die Heveller hatten bis zum 10 Jh. einen großen Einfluß auf die benachbarten Stämme gewonnen und sie vermutlich unter ihrer Herrschaft vereinigt. Dazu gehörten die Stammesgebiete Moraciani (östlich Burg und Magdeburg), Ciervesti (um Zerbst), Ploni (Plaue, Nuthe-Nieplitz-Gebiet), Zpriavuani (Spreegebiet um Köpenick), Vuncri (uckermark), Riaciani (obere Havel um Zedernick), Zamcini (um Neuruppin und Rheinsberg) Dassia (Dossegebiet) und Lusici (Spreewald).
Diese bedeutende Machtstellung erklärt auch, warum zu Anfang des 10. Jh. das führende Fürstengeschlecht Böhmens an einer dynastischen Verbindung zwischen Wratislav von Böhmen und der Dragomira aus Brandenburg interessiert war. Verständlicherweise musste ein solch einflussreicher Stamm bald das Ziel der expansiven Bestrebungen benachbarter größerer Feudalstaaten werden, die auf ihre Vorherrschaft und die Erweiterung ihres Territoriums bedacht waren.
Zuweilen wird vermutet, dass schon Karl der Große die Brandenburg und das Havelland unterwarf, als er 789 die Burg des wilzischen Königs Dragowit belagerte; jedoch ist die Identität dieser Burg mit Brandenburg nicht bewiesen. Im Winter 928/929 wurde die Brandenburg durch den deutschen König Heinrich I. erobert, der in jährlichen Kriegszügen die slawischen Stämme zur Anerkennung seiner Oberhoheit und zu Tributzahlungen zwang und das zeitweilige Paktieren einiger dieser Stämme mit den Madjaren verhindern wollte, die die Reichsgrenze bedrohten.
Sein Nachfolger, Kaiser Otto I., begnügte sich nicht mit der Anerkennung, der Oberhoheit, sondern beabsichtigte die slawischen Stammesgebiete dem deutschen Feudalstaat einzugliedern. Zu diesem Zweck wurde durch zwei Markengebiete eine verwaltungspolitische Grundlage geschaffen. Das noch freie Hevellergebiet wurde dem Markgrafen Gero zugewiesen, dessen Mark die Gebiete an der mittleren Elbe und Saale umfasste. Er und seine Nachfolger betrieben mit äußerster Härte und Grausamkeit die Unterwerfung der Slawen. So wurden in einem Falle 30 slawische Fürsten auf sein Geheiß bei einem Gelage ermordet, so dass im Gau Heveldun nur noch zwei slawische Fürsten übrig blieben, nämlich Tugumir, der in deutscher Gefangenschaft war, und sein Neffe, der noch im Havelland lebte. Es gelang den deutschen Feudalherren, Tugumir durch Geld und Versprechungen für ihre Ziele zu gewinnen. Er kehrte nach Brandenburg zurück, gab sich als entflohen aus, wurde als Herrscher anerkannt und ließ seinen Neffen ermorden; dann unterwarf er sich der deutschen Herrschaft.
Die Folge war, dass sich die ihrer Führungsschicht beraubten Stämme in der Nachbarschaft der Heveller bis zur Oder hin unterwarfen. Nun wurden die eroberten Gebiete in Burgwardbezirke eingeteilt, die slawischen Burgen und einige neue Wehranlagen mit den Truppen der deutschen Eroberer besetzt. Solche Burgwarde waren beispielsweise Brandenburg, Buckau, Ziesar und Pritzerbe und vermutlich auch Rathenow und Phöben. Im Jahre 948 wurde das Bistum Brandenburg gegründet, dessen Aufgabe die Christianisierung der slawischen Bevölkerung sein sollte. Damit sollten weltanschauliche Unterschiede beseitigt und eine festere Eingliederung in das Reich erreicht werden. Verbunden aber waren die neue feudale Ordnung und die neue Religion mit der Erhebung beträchtlicher Abgaben und des Kirchenzehnten. Die Unterdrückung der Slawen führte zu Unruhen und schließlich zu einem großen Aufstand, der im Jahre 983 ausbrach und die deutsche Herrschaft bis zur Elbe zunichte machte. Bis zum Jahre 997 noch kämpften slawische und deutsche Streitkräfte mit wechselndem Erfolg um den Besitz von Brandenburg; aber dann blieb die Burg im Besitz der Heveller.
Die Blütezeit des Hevellerstaates
Der deutsche Kaiser Heinrich II. sah seine eigenen Interessen durchkreuzt durch die wachsende Macht des polnischen Feudalstaates, welcher erobernd in die Gebiete westlich der Oder bis Köpenick vorstieß, und schloss deshalb mit den slawischen Stämmen ein Bündnis gegen Polen. Den Slawen, vor allem den Hevellern, war daran gelegen, weder den Deutschen noch den Polen zum Siege zu verhelfen, weshalb sie auch heimliche Verbindungen zu den Polen unterhielten. Die frühfeudalen Gesellschaftsverhältnisse festigten sich, beeinflusst durch die vorangegangene vierzigjährige deutsche Herrschaft und durch das Vorbild der benachbarten Feudalstaaten. Das System der Civitas-Burgen verschwand. Die zentrale Bedeutung des Fürstensitzes Brandenburg wuchs beträchtlich. Als größere Burgen bestanden noch Berge und Spandau, daneben nur wenige kleine wie Milow und Plessow-Zollchow. Neben den großen Burgen entstanden frühstädtische Zentren, in denen sich ein Handwerk entwickelte, das sich im Gegensatz zum dörflichen Handwerk bereits von der landwirtschaftlichen Produktion gelöst hatte. Zu Anfang des 12. Jh. war der Fürst Meinfried von Brandenburg bereits Christ, wurde aber durch politische Gegner im Jahre 1127 beseitigt. Der Nachfolger Pribislaw (Heinrich) wurde ebenfalls Christ und setzte sich mit Hilfe deutscher Feudalherren gegen politische Gegner durch. Es gelang ihm, wenn auch durch bedeutende Zugeständnisse, seine Position zu festigen und sich unter Anerkennung der deutschen Oberhoheit relativ unabhängig zu erhalten. Seit Anfang des 12. Jh. nahm die wirtschaftliche Entwicklung des Hevellergebietes einen bedeutenden Aufschwung. Vor allem die verschiedenen Handwerkszweige entwickelten sich im Schutze der großen Burgen und in größeren Siedlungen. Schließlich erforderte die steigende Warenproduktion die Einführung eines allgemeinen Äquivalents, und Pribislaw-Heinrich ließ Münzen prägen. Der Fernhandel dagegen lag zum größten Teil in der Hand deutscher Kaufleute. Eine ihrer Handelsniederlassungen lag südlich der späteren Altstadt Brandenburg.
Beim Tode des kinderlosen slawischen Fürsten, der den deutschen Markgrafen Albrecht den Bären zu seinem Nachfolger bestimmte, gab es seitens der slawischen Bevölkerung des Havellandes keinen Widerstand, denn der slawische Bauer wechselte nur seinen Grundherren. Allein die Angehörigen der hevellischen Oberschicht versuchten mit Hilfe des Spreewanefürsten Jaxa von Köpenick, die Unterwerfung unter die Deutschen zu verhindern, was ihnen für einige Jahre gelang. Diese Versuche wurden aber bereits nicht mehr aus eigener Kraft unternommen, sondern von Seiten des polnischen Feudalstaates aktiv unterstützt. Schließlich fiel im Jahre 1157 Brandenburg endgültig in deutsche Hand.
Das Herrschaftsgebiet der Heveller wurde ein Teil des deutschen Reiches, das Kerngebiet der sich entwickelnden Mark Brandenburg, mit der Markgraf Albrecht der Bär belehnt wurde. Er und seine Nachfolger brachten deutsche Bauern und Bürger ins Land, die bisher unbesiedelte Gebiete urbar machten und neue Dörfer und auch Städte gründeten. Unter der neuen deutschen Herrschaft kam es zur vollen Ausbildung der Feudalgesellschaft. Von den etwa 150 slawischen Siedlungen existierten noch mindestens 85 zu Beginn des 13. Jh.
Mit den neuen deutschen Siedlern wurden neue wirtschaftlich-soziale Strukturen geschaffen. Soweit die slawische Bevölkerung in diese Entwicklung einbezogen wurde, setzte man sie in die neuen Dörfer um. Ein Teil verblieb in weiter bestehenden Dörfern zu altem Recht und ist noch lange an besonderen und auch geringeren Abgaben zu erkennen.
Kleine slawische Bevölkerungsgruppen, die vorher schon von slawischen Adligen bzw. vom Landesfürsten abhängig waren, blieben in so genannten Kietzen (Dienstsiedlungen) dem neuen Landesherren unterstellt. Die Kietze hatten einen besonderen Rechtsstatus, der sich in etwas veränderter Form über Jahrhunderte bis in die Neuzeit erhielt. Der Anteil der slawischen Bevölkerung an der Gestaltung des spätmittelalterlichen Siedlungsbildes und an der Durchsetzung des mit der feudalen Gesellschaftsordnung verbundenen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Fortschritts war im Havelland beträchtlich. Der Gesamtprozess vollzog sich aber sehr widersprüchlich; denn die slawische Bevölkerung und unter ihr vor allem die bäuerliche spielte diese Rolle gewissermaßen unfreiwillig, von den Deutschen in die Position einer nationalen Minderheit gedrängt, und so verlor sie schließlich ganz ihre ethnische Eigenart.
Literatur:
1) J. Herrmann. Magdeburg-Lebus. Zur Geschichte einer Straße und ihrer Orte, in Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 2. 1963.
2) J. Herrmann. Die Slawen in Deutschland (3. Auflage) Berlin 1974
3) R. E. Fischer. Die Ortsnamen des Havellandes. Weimar 1976
4) K. Grebe. Zur frühslawischen Besiedlung des Havelgebietes. in: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam 10. 1976.
5) K. Grebe. in der Zeitschrift „Ausgrabungen und Funde'' 20, 1975, Seile 158-165; 22, 1977. Seite 93-97. Über die slawischen Burgen von Gülpe. Lochow und Milow. G. Mangelsdorf, Lage und Alter mittelalterlicher Ortswüstungen im Elbhavelland. in: Zeitschrift für Archäologie 11. 1977. Seite 207-225
6) G. Mangelsdorf. in: „Rathenower Heimatkalender" 1969. 1973. 1976 und „Ausgrabungen und Funde“ 22. 1977. Seite 70ff.
Der Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender von 1984, Seite 55-64, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier