Neues Leben blüht aus Ruinen
von Dr. Henning von Koss
Die nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges einsetzende und sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts über ganz West- und Mitteleuropa ausbreitende Erneuerungsbewegung umspannte das gesamte Kulturleben und "wird heute unter dem Sammelbegriff Barockzeitalter zusammengefaßt, aber was im einzelnen dazugehörte, wird aus dieser Bezeichnung nicht ersichtlich. Die tonangebende Rolle in dieser Kulturepoche spielte zweifellos Frankreich, dessen roi soleil, Ludwig XIV. viele Jahrzehnte lang für fast alle Potentaten Europas das vielbewunderte Vorbild in allen Fragen des Zeremoniells, des Kostüms, der Mode und des Lebensstils wurde, und dessen politisches Regime, der Absolutismus, ein volles Jahrhundert lang, wenn auch mit Variationen, die europäische Staatenwelt beherrschte. Auch in geistiger Beziehung übernahm Frankreich die Führung, so daß sich französische Sprache und Bildung schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts über den ganzen Kontinent verbreiteten.
Auch in Berlin, wo seit 1680 viele tausend Hugenottenfamilien Zuflucht gefunden hatten, breitete sich französischer Einfluß aus, und namentlich am Hof des ersten Preußenkönigs verwandelte sich der zur Zeit des Großen Kurfürsten noch herrschende patriarchalische Lebensstil sehr schnell in ein zwar feierliches, gravitätisches, aber mehr und mehr vom Geist des Rokoko durchwehtes Gesellschaftsleben, das auch auf den landgesessenen Adel nicht ohne Einfluß blieb und, wie wir sehen werden, auch im Ländchen Friesack spürbar wurde.
Wir werden aber auch sehen, daß sich, gleichfalls von Berlin ausgehend, in den Kernlanden der jungen preußischen Monarchie, besonders in der Mark und in Pommern, eine in ihren Ausdrucksformen zwar bisweilen übertriebene, aber wirksam an den inneren Menschen appellierende religiöse Bewegung ausbreitete, die das gar nicht zu überschätzende Verdienst für sich in Anspruch nehmen kann, das innere Preußentum, jenes mit dem Wesen der preußischen Monarchie aufs engste verbundene Staats- und Lebensgefühl, wesentlich mitgeformt zu haben. Im norddeutschen Spenerschen Pietismus steckt das ethische Fundament des Preußentums, und es ist sicher von symbolischer Bedeutung, daß er auf der alten märkischen Burg Friesack eine seiner frühesten Pflegestätten gefunden hat.
Erinnern wir uns des auf den vorigen Seiten erwähnten, seit 1667 in der Wagenitzer Kirche hängenden Ölbildes, das den Erneuerer des Friesacker Hauses, Hans Christoph v. Bredow und seine Gemahlin im Kreise ihrer 10 Söhne und Töchter zeigt. Die unter dem Bild stehenden, wahrscheinlich von einem poetisierenden Pfarrer gedichteten Strophen sind schwülstig, halb unverständlich und verraten — sofern sie das lebensvolle Gemälde charakterisieren sollen — eine unerträgliche Bigotterie, wie z. B. in dem Vers:
Hab' ich nur Jesu Dich in meinem Jammerherzen,
Nach Himmel frag' ich nicht und nicht nach Welt
und Schmerzen.
Schon Theodor Fontäne hat kopfschüttelnd vor diesem poetischen Erguß gestanden und folgende Betrachtung daran geknüpft:
»Himmel bedeutet doch Seligkeit, und die Jesusliebe des Dichters geht soweit, daß er, wenn er nur Jesus hat, den Himmel Himmel sein läßt. Ich kann mir kaum denken, daß dies jemals christliche Anschauung gewesen sei und sehe in diesen Zeilen nur eine starke licentia poetica eines Dichters, der es durch Übertreibung zwingen will." Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß von einer so schwülstigen, alle Realitäten dieser Welt leugnenden Religiosität bei den auf dem Gemälde dargestellten Personen keine Rede war. Hans Christoph v. Bredow war Zeit seines Lebens ein gläubiger Christ, und seine Gemahlin war eine so fromme Frau, daß sie in ihrem Wagenitzer Hause eine Betkammer eingerichtet hatte, in der sie täglich ihre Andacht verrichtete. Aber beide Ehegatten standen fest im Leben, und ihre Devise hieß: Bete und arbeite! Was der larmoyante Himmelsverächter ihnen da angedichtet hatte, war ihnen wesensfremd und konnte nur dazu beitragen, den Sinn ihrer Lebensarbeit zu entstellen.
Von ihren vier Söhnen war der jüngste, Wichard Friedrich, zu seinen Lebzeiten stets Fritz genannt, der innerlichste, und sein Werdegang veranschaulicht eindrucksvoll das geistige und religiöse Ringen seiner Zeit, in der die vordringende Aufklärungsphilosophie beiden christlichen Konfessionen schwer zu schaffen machte. 
Fritz war in seiner frühesten Jugend Page am Hofe des Großen Kurfürsten, besuchte anschließend höhere Schulen in Hildesheim und Köln und kam hier mit katholischen Kreisen in Berührung, deren strenger Glaubenseifer großen Eindruck auf ihn machte und ihn veranlaßte, zu konvertieren. Er fand aber im Katholizismus nicht das, was er suchte, und als er, noch im Jünglingsalter, nach Berlin zurückkehrte, gelang es dem an der Marienkirche amtierenden Pfarrer Lic. Hoffmann, „mit feuriger Zunge das erloschene Glaubenslicht wieder anzufachen". Fritz kehrte in den Schoß der evangelischen Kirche zurück und studierte in Leipzig neben Jura Theologie, weil sein Informator der Meinung war, „sein Licht schickte sich besser in der Kirche, als am politischen Welthimmel". Fritz war indessen ein durchaus tätiger und weltzugewandter Charakter, und sein Ehrgeiz beschränkte sich keineswegs auf Jenseitiges. Nach Beendigung seiner Studien ging er auf Reisen, besuchte England, Holland und Frankreich und schlug nach seiner Rückkehr unversehens die militärische Laufbahn ein. Er wurde Kornett im Regiment Kurprinz zu Pferde, brachte es bis zum Rittmeister und nahm gegen Ende des Jahrhunderts den Abschied, um seinen ererbten Besitz, den halben Anteil an Burg Friesack und das Rittergut Briesen zu übernehmen. Nach dem frühen Tode seiner ersten Frau, die der Familie seiner Mutter entstammte, heiratete er im Jahre 1701 Maria Magdalene v. Sommerfeld und Falkenhain, die ihm drei Töchter, aber keinen Sohn schenkte, so daß dieser überragend tüchtige Mann sein Geschlecht nicht fortsetzen konnte. Trotzdem hat sein irdisches Wirken in seiner engeren Heimat Schule gemacht und sehr dazu beigetragen, im Ländchen Friesack ein ganz neues, bisher unbekanntes Verhältnis zwischen Herrschaft und Untertanen lebendig werden zu lassen.
Dank seiner vielseitigen Bildung war Wichard Friedrich zum Landrat des westhavelländischen Kreises gewählt worden und lernte in dieser Eigenschaft die vielfachen, noch aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges herrührenden Nöte und Sorgen des Landvolks gründlich kennen. Damals kam er zum erstenmal mit der von dem Berliner Propst Spener ausgehenden protestantischen Glaubensrichtung, dem Pietismus, in Berührung, und was ihm von dorther entgegenschlug, ergriff ihn im Innersten. Es war die Lehre, die der Kraft des Gebets die Kraft der werktätigen Liebe hinzufügte und im Zusammenwirken beider Kraftströme das Heil der Seele suchte. Mochte im gottesdienstlichen Ritus dieser Lehre manches überspitzt erscheinen, mochten pietistische Eiferer bisweilen Werktätigkeit und Werkheiligkeit durcheinanderwerfen, es ließ sich doch nicht leugnen, daß die Quintessenz dieser Lehre in dem wahrhaft großartigen Bekenntnis gipfelte, daß Arbeit im Dienste des Staats die persönliche Freiheit nicht aufhöbe. In diesem Bekenntnis wurde zum erstenmal die preußische Staatsidee lebendig, und der sich rasch verbreitende Pietismus hat wesentlich dazu beigetragen, sie in unzähligen preußischen Herzen heimisch werden zu lassen.
Wichard Friedrich war von der neuen Lehre so hingerissen, daß er seinen Wohnsitz in Burg Friesack in eine Privatkirche verwandelte, die er der gesamten Bevölkerung zugänglich machte.
Er duldete nur Dienstboten, die sich bedingungslos pietistischen Lebensgrundsätzen unterwarfen und stellte sich und sein Haus allen Armen und Bedürftigen zur Verfügung. Eine reichhaltige Hausapotheke versorgte kostenlos alle Kranken und Gebrechlichen, Unbemittelte wurden mit Nahrung und Kleidung versehen, und Kinder armer Eltern erhielten kostenlos Schulunterricht. Niemals wurde in Burg Friesack mehr Gutes getan, als damals, und dem aufkommenden Rationalismus der Epoche stellte sich hier, wenn sicher auch in betont übertriebener Form, das Pathos einer strengen Gläubigkeit entgegen, die später in der Idee des preußischen: „Ich dien'!" ihren schönsten Ausdruck gefunden hat. Wichard Friedrich v. Bredow war einer ihrer ersten Wegbereiter.
Als er 1710, erst 51 Jahre alt, starb, ging Briesen in den Besitz seines Zweitältesten Bruders Ludwig, der Anteil Burg Friesack in den der beiden Söhne seines ältesten Bruders Georg über, der schon 1697 gestorben war. Die Besitzverhältnisse im Ländchen Friesack wechselten jetzt wieder, und vor allen Dingen bildete Burg Friesack fortan nicht mehr den beherrschenden Mittelpunkt. Schon Hans Christoph v. Bredow, der Erneuerer des Hauses Friesack, hatte nicht mehr dort, sondern in Wagenitz gewohnt, und von den beiden ältesten seiner vier Söhne, Georg und Ludwig, gingen neue Zweiglinien des Friesacker Hauses, die Häuser Klessen und Wagenitz aus, so daß zu Beginn des 18. Jahrhunderts Burg Friesack ihren alten „Residenz"- Charakter endgültig einbüßte und ein Rittergut unter Rittergütern wurde, bestenfalls ein primus inter pares, obgleich die wirtschaftliche Bedeutung des alten Stammsitzes von mehreren anderen Gütern des Ländchens Friesack übertroffen wurde. Dazu kam, daß der Sinn für Tradition im Zeitalter der sogenannten Aufklärung vielfach verloren ging. Alles „Avantgardistische" ist geschichtsfeindlich und will von Traditionen nichts wissen. „Das Alte stürzt", und wer in die Morgenröte einer neuen Zeit blickt, mag keine Ruinen sehen.
So kam es, daß einer der tüchtigsten Bredows, die in das anbrechende 18. Jahrhundert hineinwuchsen, Mathias Christoph aus der Senzker Linie des Bredower Hauses, als Besitzer eines Burganteils Friesack wenig Freude an dem alten Gemäuer empfand, es kurzer Hand einreißen ließ und den ganzen Burgkomplex, soweit er ihm gehörte, völlig umgestaltete.
Mathias Christoph, der Jura studiert hatte, war ein besonders begabter Verwaltungsbeamter und wurde schon mit 30 Jahren Landrat des Havelländischen Kreises. Der damals noch junge Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hatte gerade, sehr zum Kummer des havelländischen Adels, befohlen, das Rhinluch zu entwässern, um Neuland zu erschließen und trieb die Arbeiten mit der ihm innewohnenden Energie vorwärts. Anfangs hatte Mathias Christoph, ebenso wie seine Standesgenossen, schwere Bedenken gegen diese Neuerung gehabt, aber bald entdeckte er, daß sie große Vorteile mit sich brachte, und seitdem setzte er sich mit größter Tatkraft für den Fortgang und die erfolgreiche Beendigung der Arbeiten ein. Der König war sehr zufrieden mit ihm, ernannte ihn zum Geheimen Rat bei der Kriegs- und Domänenkammer in Königsberg und einige Jahre später zum Minister und Kammerpräsidenten in Ostpreußen. Auf Wunsch des Königs erwarb Mathias Christoph in dieser Provinz einen großen Güterkomplex, verkaufte aber seinen Besitz im Ländchen Friesack, wobei sein Anteil an der Burg Friesack an den Besitzer des zweiten Anteils, Hans Christoph Balthasar v. Bredow, einen Enkel Hans Christophs, überging, so daß der alte Stammsitz nach mehr als hundert Jahren zum erstenmal wieder in den alleinigen Besitz des Friesacker Hauses zurückkehrte.
Von den vier Söhnen Hans Christophs v. Bredow hat der Zweitälteste, Ludwig, das bei weitem höchste Lebensalter reicht. Er wurde am letzten Tage des Jahres 1655 in Wagenitz geboren und starb dort, 84jährig, im Jahre 1740, fast gleichzeitig mit seinem König Friedrich Wilhelm L, der Zeit seines Lebens auf diesen märkischen Edelmann von altem Schrot und Korn große Stücke gehalten hat. Nachdem er in seiner Jugend Offizier in kaiserlichen Diensten gewesen war und sich im Türkenkriege ausgezeichnet hatte, verließ er mit dem Charakter als Hauptmann den Militärdienst, begab sich auf Reisen, studierte in Paris, trat vorübergehend in engere Beziehungen zum Markgrafen von Bayreuth, kehrte aber als Dreißigjähriger in die Heimat zurück und übernahm dort nach dem Tode seines Vaters die Verwaltung des ihm zugefallenen Erbteils mit dem Hauptsitz Wagenitz. Außerdem pachtete er von seinem jüngeren Bruder Hans Christoph II, der als Prinzenerzieher am Ansbachschen Hof lebte, dessen ererbte Güter Liepe, Kriele und Landin, so daß ein erheblicher Teil des gesamten Lehnsbesitzes im Ländchen Friesack unter seine Leitung kam. Ludwigs größtes Verdienst war es, daß es ihm in unermüdlicher, zäher Arbeit gelang, die noch keineswegs beseitigten Schäden aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in seinem Herrschaftsbereich restlos zu tilgen und den Kulturzustand seiner Güter wesentlich zu verbessern. Besonders auf dem Gebiete der Schafzucht muß er große Erfolge erzielt haben, denn König Friedrich Wilhelm L, der an allen wirtschaftlichen Vorgängen lebhaften Anteil nahm, nannte den sehr viel älteren Ludwig wiederholt mit dem Ausdruck höchster Anerkennung „meinen alten Schäfer in Wagenitz".
Es gibt auch einen sehr anschaulichen Bericht über einen Besuch, den der König in Wagenitz gemacht hat. Dieser Bericht findet sich in einem heute verschollenen Buch, geht allem Anschein nach auf zeitgenössische Tagebücher zurück und verdient es, der Vergessenheit entrissen zu werden.
Der König kam in Begleitung seines Generaladjutanten, des Generals v. Grumbkow, und mit kleinem Gefolge. Er befand sich auf einer seiner vielen Inspektionsreisen, die ihn kreuz und quer durch das Land führten. Da er sich angemeldet hatte, war das ganze Dorf zu seinem Empfang auf den Beinen, und der Schloßherr begrüßte ihn vor der am Hofeingang aus Tannengrün errichteten Ehrenpforte. Unmittelbar nach dem Empfang wurde zu Tisch gebeten, Hauptmann Ludwig sprach mit lauter Stimme das Gebet, und der König sprach das Amen kräftig mit. Dann nahm die aus der Familie des Hausherrn, dem König und seinem Gefolge bestehende Tafelrunde Platz, und es wurde ein Mahl aufgetragen, wie es dem Geschmack, aber auch dem starken Appetit des Königs entsprach. Zuerst gab es eine Wildsuppe mit Markklößen, von der sich der König zwei Teller voll einverleibte. Es folgte gekochter Schinken mit Sauerkraut, und danach gab es in Weingelee eingelegte Braxen. Dann wurde eine Krammetsvogelpastete aufgetragen, und erst hinter dieser erschien das Hauptgericht, eine große, gebratene, mit Äpfeln und Salbei gefüllte Gans, die sich der König aufmerksam ansah, bevor er die Erlaubnis gab, sie zu zerlegen. Zum Nachtisch wurde Butter und holländischer Käse gereicht. Von allen Gerichten aß der König reichlich und mit sichtlichem Behagen, trank dazu sechs Gläser Rheinwein und zeigte sich in bester Stimmung. Als der Hausherr bat, auf die Gesundheit Seiner Majestät trinken zu dürfen, gestattete er es gern, erhob sich dann selbst, verneigte sich vor der Hausfrau und sagte: „Ich wünsche meinem Lande recht viele solcher Familien von Adel, die im Frieden so gute Hauswirte und im Kriege so gute Soldaten liefern und dies hoffentlich auch in Zukunft noch tun werden."
Das Mittagessen dauerte 1 1/2 Stunden und endete damit, daß der König sich von seinem Kammerdiener Eversmann einen bitteren Magenschnaps einschenken ließ, den er stets bei sich führte, und von dem er nach jeder Mahlzeit ein halbes Weinglas voll trank. An Nachmittagsruhe aber dachte er nicht, sondern wollte sofort den Hof und die Ställe besichtigen. Diese Inspektion ließ an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig. Kein Speicher, keine Scheune und kein Stall entging der königlichen Aufmerksamkeit, und aus unzähligen Fragen ging deutlich hervor, daß der Monarch selbst ein erfahrener Landwirt war. Besonderen Gefallen zeigte er an der Schweinezucht, für die der Gutsherr Zuchttiere aus Holland hatte kommen lassen. Der König wollte die Rasse näher in Augenschein nehmen und befahl, eine Zuchtsau aus dem Stall ins Freie zu treiben. Die Sau war faul und mußte mit ein paar Hieben aufgemuntert werden. Dann aber fuhr sie wie ein Blitz aus ihrer Bucht, geriet dem König zwischen die Beine und beförderte ihn respektlos in eine Mistlache. Es sah sehr komisch aus, aber niemand wagte zu lachen, nur der König selbst nahm es von der heiteren Seite, lehnte den Beistand des herbeieilenden Gutsherrn ab und sagte: „Rede Er nicht darüber! Das Schwein hat keinen Verstand, um zu wissen, ob ich ein König oder ein Bauernjunge bin. Die Schuld trage ich, weil ich so ungeschickt dastand."
Der Rock und Hose bedeckende Schmutz wurde mit Stroh abgerieben, und die Besichtigung nahm ihren Fortgang. Sie dauerte bis zum Einbruch der Dunkelheit, führte über Wiesen, Torfstiche und Felder in den Forst und endete mit einem Besuch des Königs im Dorf Wagenitz, wo er durch alle Gehöfte ging, mit den Bauern sprach, Kranke und Invaliden besuchte und, wo es not tat, Geldgeschenke verteilte.
Im Herrenhause war inzwischen das Abendbrot so vorbereitet worden, wie der König es gern hatte. Auf weißgescheuerten Holztischen standen Schüsseln mit Wurst, Schinken, holländischen Heringen und Käse, in einer Ecke ruhte auf einer Pritsche ein Faß Doppelbier, und daneben wartete eine große Schleifkanne darauf, gefüllt zu werden. Holländischer Knaster von der Lieblingssorte des Königs lag auf einem zinnernen Teller, und neben einer Anzahl Tonpfeifen stand ein Becher mit Fidibussen vor einer Reihe hoher zinnener Leuchter, die, streng wie Grenadiere ausgerichtet, das Zimmer erhellten und außerdem zum Anzünden der Fidibusse dienten. Beim Abendessen fehlten die Damen des Hauses, denn der König liebte nach der Tagesarbeit die Ungezwungenheit und eine derb-fröhliche Unterhaltung. Auch an diesem Abend ging es so zu, wie wenn gute Bürgersleute beim Bier in einer Tabagie zusammensitzen, um zehn Uhr aber lag alles im Bett. Ganz früh am nächsten Morgen reiste der König ab, obwohl es in Strömen regnete. Sein unerbitterlich streng eingehaltener Arbeitsplan duldete kein längeres Verweilen.
Wir aber bleiben in Wagenitz und bei seinem erfolgreichen Besitzer. Durch Heirat kam Ludwig auch außerhalb des Ländchens Friesack zu ansehnlichem Besitz. Seine erste Gemahlin, Marie Sophie v. Katte, verhalf ihm zum Erwerb mehrerer Rittergüter in der Priegnitz, und seine zweite Frau, Wilhelmine Freiin v. Metzsch, ermöglichte ihm den Ankauf des im Anhaltischen liegenden Ritterguts Grimme. Der Schwerpunkt seiner Arbeit aber blieb im Ländchen Friesack, wo ihm nach dem Tode seines Bruders Hans Christoph II. auch die Güter Landin und Kriele, und nach dem Tode seines jüngsten Bruders Wichard Friedrich die Güter Briesen und Vietznitz zufielen, so daß er der bei weitem größte Grundherr im Ländchen Friesack wurde und die Wagenitzer Linie des Friesacker Hauses, deren Stammvater er war, auf sichere, feste Grundlagen stellen konnte.
Als 70jähriger erwarb Ludwig v. Bredow einen großen Teil des im Süden an das Ländchen Friesack grenzenden Ritterguts Stechow, Stammsitz des gleichnamigen Adelsgeschlechts, der seit Jahrhunderten im Besitz der Stechows gewesen war und jetzt dem Ländchen Friesack organisch angegliedert wurde. Der Kauf dieses großen, aber damals nicht sehr ertragreichen Gutes vollzog sich unter merkwürdigen Begleitumständen und verlief nicht ganz einfach. Im Jahre 1725 wollte der Besitzer, Major Kaspar Heinrich v. Stechow, seinen Gutsanteil für 10000 Taler verkaufen, konnte für diesen Preis aber keinen Käufer finden. Schließlich wandte er sich an Ludwig v. Bredow, der auch bereit war, den geforderten Preis zu zahlen, den Verkäufer aber fragte, warum denn kein Mitglied der Familie v. Stechow den alten Stammsitz der Familie kaufen wolle. Der Major erwiderte, seine Vettern hätten allesamt kein Geld, sondern nur Schulden, und er selbst wolle sich in der Neumark ankaufen. Daraufhin kaufte Ludwig das Gut für den verlangten Preis, zahlte 800 Taler an und verpflichtete sich, 9200 Taler bei der Übergabe des Guts zu entrichten. Bevor es dazu kam, wurde aber dem Major v. Stechow der Handel wieder leid, und er wollte von dem Vertrag zurücktreten. Als Grund gab er an, es sei seine Pflicht, das Gut zunächst seinen Lehnsvettern offiziell anzubieten, und diese Pflicht habe er aus Unkenntnis der lehnsrechtlichen Bestimmungen versäumt, wofür er als Offizier aber nicht verantwortlich sei. Ludwig klagte jetzt beim Kammergericht auf Erfüllung des Vertrages, und es kam zum Prozeß. Da sich plötzlich zwei Brüder Stechow aus Kotzen meldeten, die gegebenenfalls von ihrem Recht als Agnaten Gebrauch zu machen wünschten, entschied das Kammergericht, der Major v. Stechow solle diese Vettern über den Status des Guts unterrichten, damit sie sich schlüssig werden könnten. Diesem Beschluß widersetzte sich der Major und verlangte sofortige Annullierung des zwischen ihm und Ludwig geschlossenen Vertrages. Als König Friedrich Wilhelm I. von dem Prozeß erfuhr, griff er persönlich ein, entzog dem Kammergericht die Entscheidung und beauftragte damit eine aus dem Minister v. Katsch und dem Generalmajor Grafen v. Dönhoff bestehende Kommission. Die beiden Herren erschienen in Wagenitz und schlugen nach Prüfung des Falles einen Vergleich vor, der darauf hinauslief, daß man abwarten solle, ob sich binnen einer Frist von vier Wochen ein Käufer finde, der mehr böte als 10000 Taler. Geschähe dies, so solle Ludwig erklären, ob auch er den höheren Preis zu zahlen bereit sei. Tatsächlich meldete der Major v. Stechow innerhalb der ausgemachten Frist, daß seine Schwager Christoph v. Eichstädt bereit sei, 12000 Taler für das Gut zu zahlen. Daraufhin erklärte Ludwig, er sei ebenfalls zur Zahlung von 12000 Talern bereit, wolle außerdem der Gemahlin des Verkäufers ein Schlüsselgeld von 500 Talern gewähren und der in Stechow lebenden Mutter des Majors lebenslängliches Wohnrecht und Unterhalt einräumen.
Unter diesen Umständen wurde der zwischen Ludwig und dem Major v. Stechow geschlossene Kaufvertrag für rechtsgültig erklärt, und der König entschied, daß es „keines weiteren Juraments" bedürfe Das Kammergericht fertigte eine entsprechende Sentenz aus, und die Sache schien erledigt zu sein; aber merkwürdigerweise erhoben die Agnaten, nachdem sie vorher erklärt hatten, sie wären außerstande, das von Ludwig gemachte Angebot ihrerseits zu überbieten, nachträglich Einwände gegen den Verkauf von Stechow und erklärten, dieser sei nur durch einen Machtspruch des Königs zustande gekommen. Das Kammergericht wies den Einspruch zurück und verwarf auch die dagegen eingelegte Revision, so daß Ludwig nach fast fünfjährigem Hin und Her das Gut endlich übernehmen konnte. Trotzdem hatte die Sache noch ein Nachspiel. Im Jahre 1746, lange nach dem Tode Ludwigs und des Majors v. Stechow, machten zwei Brüder Stechow, höhere Offiziere in der preußischen Armee, einen letzten Versuch, das Rittergut Stechow in ihre Hand zu bringen. Sie behaupteten, sie hätten als Agnaten ein Vorkaufsrecht gehabt, und sie seien nicht verpflichtet gewesen, den später „durch Reskript" zustande gekommenen Kaufvertrag anzuerkennen. Sie verlangten daher Rückgabe des Gutes gegen Erstattung des ursprünglich vereinbarten Kaufpreises von 10000 Talern. Das Kammergericht prüfte alle Vorgänge nochmals nach und kam zu dem Ergebnis, daß die Supplikanten das jetzt von ihnen angefochtene Urteil im Jahre 1728 ausdrücklich als rechtsgültig anerkannt und daher keinen Grund hätten, nach fast 20 Jahren dagegen anzugehen. Der König, Friedrich der Große, entschied daher: „Die Gebrüder v. Stechow werden aus denen in dem Bericht des Kammergerichts angeführten Ursachen, und da die Sache in iudicato beruhet, ein vor allemal abgewiesen." Nun endlich beruhigten sich die Agnaten, und Stechow blieb im Besitz der Wagenitzer Bredows.
Ein Jahrhundert später kam König Friedrich Wilhelm IV. einmal nach Rathenow, begegnete dort dem damaligen Besitzer von Stechow und fragte ihn, wahrscheinlich in Anspielung an die Anekdote von der Verbreitung der Bredows im Havellande: „Welcher Teufel hat denn die Bredows nach Stechow gebracht?" Prompt kam die Antwort: „Der Teufel war Eurer Majestät Vorfahr!"
Als Ludwig im Jahre 1740 hochbetagt starb, hinterließ er seinen vier Söhnen einen umfangreichen Grundbesitz und seinen insgesamt sechs Kindern ein Barvermögen von rund 140000 Talern. Er gehört zu den erfolgreichsten Mitgliedern seines an tüchtigen Männern reichen Geschlechts, und er war, wie die Familiengeschichte hervorhebt, „einer der letzten Repräsentanten des einfachen, schlichten, patriarchalischen Sinnes, der nach den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges und den schwer gebüßten Verirrungen des voraufgegangenen Zeitalters aufs Neue in der Familie Wurzeln geschlagen hatte."
Dieser Beitrag stammt aus dem Buch "Das Ländchen Friesack und die Bredows - Eine Wanderung durch sechs Jahrhunderte" von Dr. Henning von Koss.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
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