Die Denkmale von Hohennauen
von Wolfram Bleis
Die Dorfkirche
Erreicht man aus Richtung Rathenow auf der F 102 den südlichen Ortseingang der Gemeinde Hohennauen, so fällt der Blick unwillkürlich auf die gleich hinter der Brücke über den Schifffahrtskanal stehende Dorfkirche. Diese Aufmerksamkeit verdankt sie jedoch nicht nur ihrer Größe oder exponierten Lage, denn derartige Faktoren nimmt fast jede Dorfkirche für sich in Anspruch, sondern vielmehr dem überaus deutlichen Kontrast zwischen den verschiedenen Farben, Baustilen, Materialien und Geometrien der einzelnen Bauteile Turm und Kirchenschiff. Besonders der Farbkontrast zwischen
dem ziegelroten Turm und dem weiß abgesetzten Ocker des Schiffs wirkt im Frühjahr und Sommer am eindrucksvollsten, wenn er durch das verschiedenartige Grün der die Kirche umgebenden Büsche und Bäume umrahmt wird. Trotz einer Verschiedenartigkeit der Bauteile und Details wirkt das Ganze jedoch keineswegs unharmonisch, ein Beweis für das Fingerspitzengefühl und den guten Geschmack unserer Vorväter.
Die Kirche ist das älteste der drei Baudenkmale in Hohennauen, mindestens noch 100 Jahre älter, als die im letzten Jahr begangene 600-Jahrfeier der Gemeinde vermuten ließe.
Anhand der architektonischen Merkmale des Turmes legt man heute allgemein den Zeitraum der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts als Entstehungszeit fest. Der Turm gehört damit zu den ältesten noch erhaltenen Bauwerken unseres Territoriums und ist in der vorliegenden Geschlossenheit des Stils als Beispiel für die romanische Baukunst auch darüber hinaus von Bedeutung. Diese Geschlossenheit des Stils ermöglicht es heute noch, die Prinzipien der Romanik als Baukunst aber auch als Ausdruck des Lebensgefühls und der Lebenssituation im frühen 13. Jahrhundert nachzuempfinden. Alles schien fest, einfach und unerschütterlich, die Erde war fester Mittelpunkt des Universums, die Sonne, Planeten und Sterne drehen sich um sie, die Weltordnung war unabänderlich festgelegt, ein Gott, ein Glaube, ein Kaiser, ein Gehorsam für alle Untertanen. Dieser theoretische Anspruch der Festigkeit, Einfachheit, Unerschütterlichkeit und Unabänderlichkeit fand in der Baukunst einen entsprechenden Ausdruck. Die Architektur wurde von einfachen geometrischen Figuren, wie Quadrat, Rechteck, Kreis, Dreieck und den davon abgeleiteten Körpern wie Würfel, Kugel, Pyramide und Zylinder bestimmt. Wenn auch das romanische Kirchenschiff nicht mehr erhalten ist, eine Vorstellung von seinem Aussehen könnte vielleicht am besten das Langhaus der Schmetzdorfer Kirche, ebenfalls aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts, vermitteln, so sind diese Prinzipien durchaus noch am Turm erkennbar.
Er besteht über einem leicht querrechteckigem Grundriss von 8 x 9,4 m noch aus zwei romanischen Geschoßen, denen 1596 ein neues Glockengeschoß mit Zeltdachabschluss aufgesetzt wurde. Das neue Geschoß passt sich jedoch in Gestaltung und Material so gut an, dass Unterschiede kaum erkennbar sind. Das Äußere des Turms wird senkrecht durch Ecklisenen 1 und waagerecht durch Rundbogenfriese (14 Bögen jeweils an der Nord- und Südseite) und darüber deutsches Band sparsam gegliedert.
An der Nordseite befindet sich ein Rundbogenportal von 1,3 m Breite und 2,15 m Höhe, das von insgesamt 4 geputzten Blenden umgeben ist. Rechts und links der Tür je eine mit Stichbogen geschlossene Blende, über der Tür über ihre gesamte Breite eine Blende als liegendes Rechteck und darüber noch eine kreuzförmige Blende. Wie auch bei den geputzten Flächen der Rundbogenfriese ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Blenden mit Malereien versehen waren. Die Blenden neben der Tür könnten Bildnisse von zwei Schutzheiligen der Kirche getragen haben, die mittlere Blende einen Bibeltext und die kreuzförmige darüber möglicherweise eine Kreuzigungsdarstellung.
Neben der Tür und den je zwei rundbogigen Schallöffnungen im obersten Geschoß sind jedoch noch weitere Öffnungen in der Außenwand vorhanden, die auf den ersten Blick kaum etwas mit der Funktion einer Kirche zu tun haben - Schießscharten im Erdgeschoß an der Süd- und Westseite je eine (die an der Nordseite entfiel durch die Anordnung des Portals), im 1. Obergeschoß an der Süd- und Nordseite je eine, an der Westseite drei und im nächsten Geschoss (über dem Rundbogenfries) wieder an jeder Seite eine. Jede Schießscharte hat einen dreieckigen Grundriss, um bei der vorhandenen Mauerdicke bei maximaler Sicherheit des Schützen noch einen genügend großen Schusswinkel nach außen
erreichen zu können. Eine Dreieckspitze liegt damit an der Außenfassade, dort ist nur ein schmaler Schlitz von etwa 16 cm Breite und 80 cm Höhe sichtbar.
Die derzeitige Höhe der ersten Schießscharte von etwa 2 m über dem Erdboden und auch das relativ tief liegende Portal zeigen deutlich, dass das Friedhofsgelände ursprünglich wesentlich tiefer lag, wobei von dem jetzt 80 cm hohen Sockel, davon 60 cm in Feldsteinmauerwerk, mindestens ein halber Meter mehr sichtbar gewesen sein dürfte.
Östlich vom romanischen Turm schließt sich das in den vergangenen Jahren innen und außen rekonstruierte Kirchenschiff an. Es wurde etwa zwischen 1710 und 1720 als schlichter Putzbau von .7 Achsen mit Lisenengliederung errichtet. Neben dem 3seitigen Ostschluss befindet sich auf der Nordseite ein 5achsiger Anbau mit Mitteleingang, der die Patronatslogen enthält. Das Kircheninnere enthält eine Fülle von reich gegliederten Ausstattungsstücken, die dem ansonsten schlichten Raum das Gepräge geben. Neben den klassizistisch gehaltenen Patronatslogen sind das vor allem die Teile vom Anfang des 17. Jahrhunderts wie der geschnitzte Altar von 1600, die ebenfalls hölzerne Kanzel von 1610 und die am Fuß mit Löwenköpfen verzierte Sandsteintaufe aus der gleichen Zeit wie der Altar. Ein besonders wertvolles Stück ist eines der beiden Wandepitaphe aus Sandstein, der auf Grund seiner künstlerischen und handwerklichen Qualität ein Objekt der Bezirksdenkmalliste ist. Dieser Gedenkstein wurde von dem Berliner Bildhauer Friedrich Elias Meyer dem Jüngeren für Th. Ph. von der Hagen, † 1756 und seine Ehefrau, † 1759, gearbeitet.
Bemerkenswert ist weiterhin ein hölzernes Epitaph 2 für G. Chr. von Rauchhaupt, † 1708, das mit seiner Vielzahl von kriegerischen Emblemen an ein Epitaph von 1789 in der Milower Kirche erinnert. Neben weiteren Grabsteinen in der Kirche und auf dem sie umgebenden kleinen Friedhof dürfte für den neugierigen Besucher noch der südlich der Kirche unter einer alten Eibe stehende Grabstein für T. Kleist von Bornstedt von Interesse sein.
Das Schloss am See
Verlässt man den Friedhof durch die Pforte an der Rathenower Straße, ist es nur ein kurzer Weg zum nächsten Denkmal oder genauer zu den nächsten beiden, dem so genannten Schloss am See, bei anderen Autoren auch als Schloss an der Stollense bezeichnet, und dem dazugehörigen Park. Der heutige Zugang liegt schräg gegenüber dem Friedhof jenseits der Straße zwischen ehemaligen Ställen und Scheunen.
Man gelangt dann auf den alten Wirtschaftshof und sieht auf der linken Seite den Komplex des Gutshauses auf einer kleinen Anhöhe. Es handelt sich um eine nach Norden offene, hufeisenförmige, eingeschossige Anlage aus dem Jahre 1778.
Ursprünglich als Fachwerkkonstruktion mit Mansarddach errichtet, wurde die Fassade später teilweise verputzt bzw. massiv im Mauerwerk neu errichtet. Besonders der Mittelbau wurde dabei 1928 stark verändert. Lediglich die Hoffront des Westflügels zeigt noch den ursprünglichen Charakter der Fachwerkausbildung aus der Entstehungszeit. Trotz der starken Veränderungen gibt es an der Gesamtanlage noch genügend bemerkenswerte Details, die durch ihre gefällige Formgebung und solide Verarbeitung bestechen, wie zum Beispiel die Türen zum Hof am Ostflügel und am Mittelbau oder auch nur die Ruinenkästen der Dachrinne. Doch zurück zur Gesamtanlage. Schon der Standort verrät, dass die Baugeschichte nicht erst 1778 beginnt. Es hat davor schon eine Reihe Vorgängerbauten gegeben, wobei die erste bekannte urkundliche Erwähnung bereits 1386 von „dat hus to Hogenowen" spricht. Doch auch das dürfte nicht der Beginn sein. 1985 sind im Zusammenhang mit dem geplanten Schulneubau auf dem Gelände nördlich des Gutshauses Untersuchungen und Grabungen vom Museum für Ur- und Frühgeschichte Potsdam durchgeführt worden, die Reste einer slawischen Siedlung aufdeckten. Die dazugehörige Befestigungsanlage wird nach wie vor am Standort des Gutshauses angenommen. Die durch die Grabungen gewonnenen Ergebnisse führten dazu, dass mit Wirkung vom 1.2.1986 das entsprechende Gelände zum Bodendenkmal erklärt wurde. Die slawische Burg dürfte nach der Eroberung durch deutsche Ritter weiterbenutzt und ausgebaut worden sein. Das könnte der Hauptgrund dafür gewesen sein, den Standort für die romanische Kirche östlich auf einer weiteren Anhöhe zu wählen. Dass dabei auch strategische Aspekte eine Rolle spielten, ist wahrscheinlich, denn immerhin konnte der südliche Zugang zur Ortschaft aus Richtung Rathenow durch die Burg und die Kirche, über deren Verteidigungsmöglichkeiten schon berichtet wurde, vollkommen beherrscht werden. Darüber hinaus sollen beide Bauten durch einen unterirdischen Gang verbunden gewesen sein, was sicher den militärischen Aufgaben nur dienlich sein konnte. 1432 ist schon vom „Schloss Hohennauen" die Rede, ein möglicher Hinweis darauf, dass inzwischen Erweiterungs- und Umbauarbeiten vorgenommen worden sein konnten. Vor 1492 kommen Schloss und Ort in den Besitz der Familie von der Hagen, die von nun an über 450 Jahre dort ansässig war. Nach 1945 wurden im Gebäudekomplex die Schule sowie einige Wohnungen eingerichtet. Die Verwendung als Schule wird noch erhalten bleiben, bis die neue Schule fertig gestellt ist. Über Möglichkeiten zur späteren sinnvollen Nutzung, die auch die Belange der Denkmalpflege, berücksichtigen, wird derzeit zwischen allen Beteiligten beraten.
Dieses Problem trifft auch auf den vor der Südfront gelegenen Schlosspark zu, der ebenfalls ein Objekt der Denkmalliste ist. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln könnte hier an der ehemaligen „Schauseite" des Schlosses wieder ein Schmuckstück für die Einwohner und Besucher von Hohennauen hergerichtet werden, das mit seinem artenreichen Baumbestand wie auch seiner Gesamtanlage eine entsprechende Aufmerksamkeit verdient.
Das heutige Kinderheim „Adam Kuckhoff"
Das in der zeitlichen Reihenfolge zuletzt entstandene Denkmalobjekt ist das zweite Gutshaus oder „Schloss", das in der jetzigen Form 1792 gleichzeitig mit ausgedehnten Wirtschaftsgebäuden errichtet wurde. Es befindet sich etwa 300 m nordwestlich vom „Schloss am See" an der Straße nach Parey. Dieser zweite Gutsbezirk entstand genau 100 Jahre vor Errichtung der jetzigen Gebäude, die heute mit zu unserem Denkmalsbestand zählen. Damals, 1692, zwang die schlechte wirtschaftliche Lage die ansässige Familie von der Hagen, fast zwei Drittel ihres Gutes einschließlich des „Schlosses am See" zu verkaufen. Auf dem Rest des Besitzes wurde ein neuer Gutskomplex errichtet, zu dem auch das heute noch vorhandene Hauptgebäude gehört.
Es ist ein spätbarocker zweigeschossiger Putzbau von 11 Achsen mit Walmdach, der in seiner insgesamt einfachen klaren Gestaltung schon durchaus klassizistische Ansätze enthält. Trotz
nutzungsbedingter Umbauten und Veränderungen im Inneren sind noch originale Teile erhalten, als bemerkenswertestes Stück die dekorative Haupttreppe aus Eichenholz mit ovalem Auge.
An diesem Denkmalobjekt ist sehr gut erkennbar, dass notwendige Modernisierungen wie der Einbau einer Zentralheizungsanlage, auch wenn sie mit der Errichtung von größeren baulichen Anlagen, wie Heizhaus und Schornstein, verbunden sind, so eingeordnet werden können, dass die Funktion gesichert und der Gesamtcharakter der Anlage erhalten bleibt. Das bedeutet, dass die ursprünglich beabsichtigte Harmonie zwischen den einzelnen Gebäudeteilen und zwischen dem Gebäude als Ganzem und der Umgebung nicht gestört wird. Dass bauliche Veränderungen diesem Anliegen nicht immer entsprechen, ist nichts Neues. östlich vom Hauptgebäude schloss sich der Wirtschaftshof an. Von ihm war noch ein zweigeschossiger Fachwerkbau mit Krüppelwalmdach bis voriges Jahr erhalten, der parallel zur Straße stand.
Ein Detail des Wirtschaftsgebäudes, auf den ersten Blick völlig unscheinbar, verdiente noch erwähnt zu werden - ein einfaches Lüftungsfenster. Es besteht aus einem vierteiligen verzapften Holzrahmen, in dem lediglich in engem Abstand Vierkantleisten mit einer Kante nach vorn senkrecht in oben und unten eingestemmte Aussparungen eingefügt sind - ohne Verwendung von Metall. Wie hier mit einfachsten technischen Mitteln eine funktionell, ökonomisch und gestalterisch gute Lösung erreicht wurde, ist bemerkenswert. Gerade solche Details sind es jedoch, die uns den Wert eines Denkmals näher bringen, die darauf aufmerksam machen, dass „Denkmal" eigentlich etwas mit „denk' mal!" zu tun hat und wir Leistungen vor uns sehen, die es wert sind, dass an sie „gedacht" wird und sie auch für spätere Generationen erhalten bleiben.
Worterklärung:
1) Lisene - pfeilerartiger Mauervorsprung
2) Epitaph - verziertes Grabmal
Literaturverzeichnis:
- Autorenkollektiv: Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Bezirk Potsdam, Henschelverlag Berlin 1978
- Autorenkollektiv: Rathenower Wanderbuch, Rathenow 1984
- Badstübner, E.: Kirchen der Mönche, Verlag Koehler & Amelang (VOB), Leipzig 1984
- Dehio, G.: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler Bezirke Berlin/ DDR und Potsdam, Akademie Verlag Berlin 1983
- Enders, L.: Historisches Ortslexikon für Brandenburg, Teil III, Havelland, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1972
- Fischer, R.: Brandenburgisches Namenbuch, Teil 4. Die Ortsnamen des Havellandes, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1976
- Möbius, F. und Schubert, E.: Architektur des Mittelalters, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1983
Redakionell bearbeitet von M. Borgmeier
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