Aus der Geschichte des Ritter- und Landgutes Jerchel
von Guido Gericke
Die Geschichte des Rittergutes Jerchel ist mit der des Dorfes eng verbunden, da es neben der Kirche einer der wichtigsten Punkte im Ort war. Über den genauen Zeitraum der Errichtung des Gutes wurden bis heute keine Aufzeichnungen gefunden. Bekannt ist nur, dass im Staatsarchiv zu Magdeburg in den ungedruckten Lehnsregistern der Erzbischöfe Peter (1371-1381) und Albrecht III. (1381-1400) zum Burgwart Plaue gehörig, der Ort „Gerchel“ auf Blatt 56 genannt wird. Im gleichen Copialbuch auf Blatt 111 steht in lateinischer Schrift „Nicolaus Huncke et Hinricus de Genzzolo tenent conjuncta manu villam Gerchel“, was so viel bedeutet, wie Nicolaus Hunecke und Heinrich von Genzzolo halten zu gesamter Hand das Dorf Jerchel. Ob die ersten urkundlich genannten Nicolaus Hunecke oder Heinrich von Genzzolo die Erbauer des Gutes waren, geht daraus aber nicht hervor. Allerdings lässt sich ab diesem Zeitpunkt die Besitzfolge recht gut nachvollziehen.
Einen klaren Einblick in die Reihe der Besitzer des Gutes gibt es erst vom Jahre 1621 an. Am 20.11. des gleichen Jahres verkauft Hans Lewin von Hünecke, unmündiger Sohn und Erbe des verstorbenen Berthold von Hünecke wegen Schulden und zur Erbauseinandersetzung, das Gut Jerchel für 2.750 Thaler an David von Hünecke. Vom Jahre 1663 liegt ein Teilungsrezess der Vettern von Hünecke vor, bezüglich der Güter Jerchel, Möthlitz und Nitzahn. Ebenso ein Lehnsbrief des Erzbistums Magdeburg vom Jahre 1664, für die Brüder und Vettern von Hünecke auf Jerchel, Möthlitz und Vehlen. 1712 übernimmt ein von Hünecke persönlich die Bewirtschaftung des Gutes und lässt ein vollständiges Inventarverzeichnis durch den Notar Sauerhering, welcher einer angesehenen alteingesessenen Genthiner Familie entstammt, aufstellen. Laut Kaufvertrag vom 01.07.1723 verkauft Melchior Christoph von Hünecke das Gut Jerchel an Rüdiger Ernst von Werder für 22.000 Thaler. Damit endet die Herrschaft der von Hüneckes über Jerchel, die über 350 Jahre seit der Ersterwähnung gewährt hat. Mit dem Verkauf zu Beginn des 17. Jahrhunderts beginnt einneuer Abschnitt in der wechselvollen Geschichte des Rittergutes. Kaum eine Familie behält das Gut mehrere Jahrzehnte in seinem Besitz. Es ist unwahrscheinlich, dass es im weiteren Umland eine Ortschaft oder ein Landgut gibt, das hierzu eine Parallele bieten kann.
Dieser Werder, Erbherr auf Woltersdorf und Jerchel starb bereits im Jahre 1725. Aufgrund dessen verkauften die Werderschen Erben noch im selben Jahr das Gut Jerchel an die Familie von Treskow. Nachdem der Kammerherr Joachim Heinrich von Treskow das Gut erworben hatte, tauschte er es nur 12 Jahre später am 01.08.1737 für 22.000 Thaler und seinen Anteil am Gut Maquede für 10.000 Thaler gegen die Güter Schlagenthin und Lüttgen Wusterwitz ein, die mit 70.000 Thaler veranschlagt wurden. Neuer Herr auf dem Gut Jerchel wurde der Landrat Friedrich von Treskow, Erbherr auf Jerchel, Mangelsdorf und Derben. Dieser verstirbt nur ein Jahr später. Seine Tochter verzichtet auf das Gut zu Gunsten ihrer Brüder. Somit wurde Johann Ludwig von Treskow der Besitzer des Jercheler Gutes. Von 1751-1753 bewirtschaftete der Gutspächter Bärmann das Gut.
1752 erwirbt Hans Friedrich von Katte das Gut in Jerchel von der verschuldeten Familie von Treskow für 22.000 Thaler. Laut einer Klage seines Sohnes, des Leutnants Dietrich Heinrich von Katte auf Wust, vom 16.05.1764, hat sein Vater Hans Friedrich das Gut am 16.06.1761 in entwertetem Geld „für einen Pappenstiel“ von 40.000 Thaler an den Generalmajor von Schenkendorf verkauft. Er lässt den Kauf durch den Prediger Durant vornehmen. 1779 stirbt von Schenkendorf durch Selbstmord in Brandenburg.
1774 erwirbt Major Karl Ludwig von Knobelsdorf das Gut laut Erbvertrag. Am 14.09.1783 verkauft von Knobelsdorf das Gut für 30.000 Thaler an den Dechanten Karl Leopold David von Bülow. Bülow verkauft das Gut nur wenige Jahre später (10.02.1805) für 65.000 Thaler an den Johanniter Ritter August von Alvensleben. Dieser behält sich auch nach dem Verkauf noch die Damwildjagd vor. Er hatte Damhirsche im „Tiergarten“, hat die Einfriedung nördlich der Gehöfte Dorfstraße Nr. 47 u. 47a heute Steege Nr. 19 u. 21 gezogen und frei gelassen. Der Potsdamer Kaufmann August Wilhelm Crudelius kauft das Gut am 20.10.1808 für einen Inflationspreis von 80.400 Thaler vom Johanniter Ritter. Er ist Heereslieferant gewesen und legt nur sein Geld an. Wirtschaften selbst tut er auf dem Gut nicht. Sein Pächter ist der preußische Amtsrat Witte aus Schlagenthin.
Dieser Andreas Xstian Witte (1761-09.10.1824) verheiratet mit Friederike Krüger kauft das Gut im Jahre 1822 für 50.200 Thaler von dem Potsdamer Kaufmann. Der Amtsrat Witte stirbt 1824 und in den folgenden 4 Jahren wird das Gut von der Erbengemeinschaft Witte gemeinsam bewirtschaftet. Im Jahre 1828 ist Amtsrat Karl Friedrich August Witte (1794-1867, ledig) aus der Erbengemeinschaft, Besitzer des Gutes. Als dieser 1867 stirbt, erbt seine Schwester Julia Friederike Lucke (1794-1878) das Gut. Diese ist mit dem Amtsrat Carl Albert August Lucke aus Schlagenthin verheiratet und hat mit ihm 5 Kinder.
Albert Andreas Carl Lucke (1820-1878) heiratet Auguste Julia Emma Lucke (1825-1909), Tochter des Oberamtmanns Karl Lucke und Frau Auguste Lucke geb. Witte aus Bornstädt Ost-Havelland Das Gut wird vom Sohn Karl Hans Andreas Lucke (1855-1907) weiter bewirtschaftet, er heiratet 1907 Emma Ida Auguste Eisermann aus Königsberg / Neumark, heute Polen. Da Karl Hans Andreas Lucke in seinen letzten Lebensjahren nicht mehr in der Lage war, das Gut zu leiten, übernahm seine Mutter diese Aufgabe. Nur zwei Jahre nach ihrem Sohn verstarb auch Auguste Julia Emma Lucke im Jahre 1909. Das Gut blieb zunächst in den Händen der Luckischen Erben.
Im Jahre 1911 erwirbt der jüdische Bankier Hermann Wallich aus Berlin, allerdings wohnhaft in der Villa „Schöning“ an der Glienickerbrücke in Potsdam, das Landgut in Jerchel. Sein Schwager Dr. jur. et phil. Oskar Mulert, Präsident des Deutschen und Preußischen Städtetages, wurde dann 1938 Besitzer des Gutes. Mulert, der selbst kein Jude und seid 1909 mit Ilse Wallich verheiratet war, bewirtschaftete das Gut trotz der Kriegswirren bis zum Ende des Krieges 1945. Noch im gleichen Jahr wurde er enteignet.
Dann gab es den Plan den Mittelbau zu sprengen. Dieser konnte aber durch Intervenieren des Gemeinderates verhindert werden. Seit Ende der 50er Jahre wurde das Gutsgebäude durch die örtliche LPG genutzt. Nach der Wende 1990 wurde es von der BVVG verwaltet und wurde im Jahre 1992 an die Familie Hinners verpachtet.
Seit 2000 ist die Familie Besitzer des Gutes. Nach dem Umbau beherbergt das Gebäude sowohl Wohn- als auch Büroräume für den Forstwirtschaftsbetrieb. Auch die Außenfassade wurde nach denkmalpflegerischen Vorgaben rekonstruiert und erscheint heute wieder im neuen Glanz. Somit ist das barocke Herrenhaus heute das markanteste Bauwerk des Ortes.
Der eingeschossige Putzbau von neun Achsen auf als Keller ausgebauten Sockel mit hohem Mansardendach, wurde bislang in die erste Hälfte des 18 Jahrhundert datiert. Neuere Untersuchungen an der Bausubstanz ergaben jedoch, dass das Herrenhaus in seinem heutigen Erscheinungsbild höchstwahrscheinlich erst nach dem Brand von 1772 entstand. Zu dieser Zeit ist wahrscheinlich mindestens ein Seitenflügel angebaut worden. Die Gutsanlage wurde Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Durchfahrung eines überbauten Torbogens, der angrenzenden rechts befindlichen ehemaligen Brennerei und des links befindlichen Wirtschaftsgebäude errichtet. Die Mitte der Hofseite weist einen einseitigen, wenig ausgebildeten Eingangsrisalit mit Terrasse und einläufiger, geschwungener Freitreppe auf. An beiden Seiten des Mittelhauses sind eingeschossige Seitenflügel von je acht Achsen mit großen Fenstern und einem steilen Walmdach angefügt. Man geht davon aus, dass vor dem 18. Jahrhundert eine klassische Dreiflügelanlage existierte, die anders als heute, mit ihren Seitenflügeln in den Gutshof ragte und eine hufeisenförmige Anlage bildete.
Über die Initialen AW über der Tür des Eingangsportals mit den Holzschnitzereien in Rokoko-Manier, gehen die Meinungen auseinander. Einerseits könnten diese auf Anna Wallich hinweisen oder auf die noch frühere Besitzerin Auguste Lucke geb. Witte. Die vorhandenen schmiedeeisernen Fenstergitter sind Kaminschutzgitter, die nicht mehr benötigt wurden, da im 19. Jahrhundert auf Ofenheizung umgestellt wurde. Das nach 1911 umgestaltete Innere des Gebäudes weist noch immer die für die Barockzeit typische Raumdisposition auf. Hinter dem Eingangsportal des Mittelbaus ist von der Hofseite die Eingangshalle mit Kamin und zur Parkseite hin der Gartensaal angeordnet. Die Gartenfront wird durch einen dreiachsigen Mittelrisalit mit flachem Dreiecksgiebel, dem eine Terrasse, sowie eine große Freitreppe zum einstigen Park vorgelegt sind, betont. Der große Gutspark nördlich des Herrenhauses war einst eine barocke Anlage. Sie ist in wenigen Sichtachsen noch erkennbar, wie der Tennisplatz, die Teichanlage und der alte Baumbestand. Der neue Besitzer, der das Gutsareal im Jahre 2000 erworben hat, plant eine einfache Rekonstruktion der Parkanlage. Die wirtschaftliche Nutzung bei gleichzeitigem Erhalt und die begonnene Sanierung des alten Baubestandes des Herrenhauses eröffnet dem Ort Entwicklungsmöglichkeiten auf ökonomischem und touristischem Gebiet.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
Kommentare sind zu dieser Seite nicht vorhanden! |
|
|
|
|

|