Aus der Geschichte von Strodehne
Von Oskar Dümke, Lehrer
Als 1789 die Französische Revolution ihre Wogen auch weit über die Grenzen Frankreichs hinaus schlagen ließ, da legte ein riesiges Feuer das ganze ärmliche Fischerdorf Strodehne in Asche, so daß alle Akten bis zu diesem so verhängnisvollen Jahre in Flammen aufgingen. Es hat sich deshalb nichts aus älterer Zeit in Strodehne erhalten.
Wenn ich das Wort ärmlich gebrauchte, so möchte die folgende Nachricht eine Illustration dazu abgeben:
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Strodehne an der Havel
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„1823 erhielt die Schule durch die Gemeinde ihre neuen Subsellien (d. h. ihre Schulbänke)" — und die letzten davon sind 1952 endlich durch zeitgemäße neue Bänke ersetzt worden! Generationen von Strodehner Jungen hatten mit unendlicher Mühe und Sorgfalt ihre Namen tief in die zweifingerstarken Bohlen der Tische eingegraben, so daß buchstäblich kein Plätzchen mehr frei war. Die neuen Bänke mit ihren blanklackierten Platten lassen dies nun nicht mehr zu — aber die jetzigen Schuljungen wissen auch genau, daß diese ihre Bänke ihrem eigenen Schutze anvertraut sind.
130 bis 140 Schulkinder besuchten damals, die Schule, in der nach damaliger Meinung „viel zuviel" betrieben wurde. Wie der damalige Lehrer es fertigbrachte, diese gewaltige Kinderzahl zu unterrichten und dabei etwa noch selbst seinem Handwerk nachzugehen, das wird immer ein Rätsel bleiben.
1825 wurden die Wiesen und Weiden durch das Sommerwasser weithin überschwemmt, ebenso auch das Feld außer dem Binnendeich. Den vereinten Anstrengungen der Gemeindemitglieder gelang es aber, weiteres Unglück zu verhüten. Ja, die nachfolgende Ernte war sogar als sehr gut anzusprechen.
Schon 1826 waren die Strodehner wegen ihrer Sangeskunst und Sangeslust bekannt, der damalige Kantor übte schon zu dieser Zeit zu sichtlicher Freude der Gemeinde drei- und vierstimmige Chöre!
1827 wurden Wiesen und Weiden erneut weithin unter Wasser gesetzt. Der Frühling brachte sehr starkes Wasser bis in die Mitte des April, und auf dem Butenfeld ersoff das Wintergetreide. Danach aber setzte das Sommerwasser plötzlich sehr stark ein und überschwemmte nochmals weithin Wiesen und Weiden, so daß eine sehr geringe Ernte diesmal folgte. Dazu schlug am 19. September der Blitz in Wilhelm Schaars Stallgebäude. Wegen der schlechten Feuerlöschgeräte und der langsamen Arbeit der Löschenden brannten 8 Bauernhäuser, 3 Scheunen und 11 Stallgebäude ab. Durch Verlosung wurden danach für die Abgebrannten neue Baustellen verteilt, und nach der Ernte 1828 konnten die meisten von ihnen schon die neuen Wohnungen beziehen, wobei Wilhelm Schaars Bruder sich außerhalb des Dorfes ansiedelte. Der Bauernhof des Christian Ebel verschwand ganz und ging in den Besitz von 3 Kossaten über. Er wurde geteilt an Christian Haak, Friedrich Balzer und den Krüger Ludwig Balzer. Das Ebelsche Wohnhaus kaufte der Tagelöhner Hans Joachim Wernicke; er wurde nun Büdner. Ferner wurde der Bauernhof von Christian Friedrich Gericke an 7 Kossaten verkauft.
Während des ganzen Frühlings war wieder sehr großes Wasser. Der Winter war äußerst ungünstig. Es wurde schnell sehr kalt und dann wieder ungewöhnlich milde, so daß überall die Menschen an Fieber erkrankten. Nach einem kalten Frühling war das Jahr besonders fruchtbar, der Sommer reich an Gewittern und danach kalt und regnerisch. Im Frühling war wieder sehr hohes Wasser, Wiesen und Weiden überschwemmt, das Vieh mußte im Stall bleiben. Es war merkwürdig, daß in diesem Jahre sehr wenig von dem starken Wasserzufluß aus Spree und Havel zu merken war. Das Jahr 1829 fing mit starkem Frost an. Es gab viel Schnee, der sehr hoch lag. Havel und Elbe hatten bald Hochwasser. Am 23. Januar waren 20 Grad Kälte bei starkem Ostwind. Der Winter -war im ganzen genommen- sehr streng bis Ausgang März. Die Besorgnis, daß es nun wieder ein großes Wasser geben würde, war indessen umsonst, Elbe und Havel führten das Wasser gut ab. Allerdings standen Wiesen und Weiden wieder bis Ende Juni unter Wasser, und trotzdem gab es eine gute Ernte. Der Spätherbst sah noch einmal gut aus, es war trockenes und gutes Wetter zur Aussaat.
Das Jahr 1830 war ein merkwürdiges, das Merkwürdigste die neue Revolution in Frankreich, über die sich der Schreiber ausführlich verbreitet. Er berichtet auch über die Auswirkungen der Revolution in allen Nachbarländern, in Belgien und in den Niederlanden, in England und Spanien, in Braunschweig, Pirna, Dresden, Leipzig und München und vielen anderen Städten. An der außerordentlich nervösen und hastigen, kaum noch entzifferbaren Schrift ist die Aufregung zu erkennen, die bei dem Verfasser herrschte, als er diese Zeilen zu Papier brachte.
Er findet auch einige Zeilen über die Auswirkungen in Preußen, aber über die in seinem eigenen Wohnort leider nur sehr, sehr wenig.
Das Wetter bereitete ihm anscheinend mehr Schwierigkeiten. Ein ungewöhnlich heftiger Frost trat ein, die Elbe fror zu — aber sehr früh, ehe man es überhaupt dachte, brach das Eis wieder auf, so daß das Wasser das Binnenfeld und die Höfe überschwemmte. Schließlich brach der Elbdeich bei Quitzöbel, und die Bewohner der dortigen Dörfer konnten kaum noch ihr Vieh über die Deiche hinweg in Sicherheit bringen.
Dieses unerwartete Hochwasser brachte besonders den Gegenden, die sonst wenig unter Wasserschäden zu leiden hatten, größte Gefahren, da der Boden noch nicht aufgetaut und daher undurchlässig war. Die Ernte des Jahres 1830 war sehr gering und dürftig, auf den niedrigen Wiesen war überhaupt kein Heu für das Vieh, und das bedeutete für unsere Gegend ein Unglück.
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Strodehne vom Hochwasser bedroht
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Das Jahr 1831 brachte als schlimmsten Gast die Cholera — ansonsten aber sagt der Chronist seelenruhig: „In unserem Vaterlande ging alles seinen gewöhnlichen, ordentlichen Gang; Ruhe herrschte allenthalben!" Und trotzdem wurden gerade jetzt aus Strodehne viele junge Leute zum Kriegsdienst eingezogen. Die Sterblichkeit war in diesem Jahre hier besonders groß: 33 Personen mußten beerdigt werden!
Und wieder kam das Wasser und schnitt das Dorf von der Außenwelt ab, so daß man nicht mehr nach Rhinow gelangen konnte. Es gab auch wieder eine sehr schlechte Ernte, daß Mensch und Vieh nicht satt werden konnten. Dafür wurde jedoch das Jahr 1832 endlich ein Erfolg: eine gute Ernte war der Lohn für die schwere Arbeit. Seit 1824 war eine solche Ernte nicht eingefahren worden.
1834 hatte der hiesige Lehrer und Kantor Tiedecke, der Nachfolger des verstorbenen Kantors Wetzel, 140 Schulkinder in seiner einzigen Schulklasse nett beisammen. Jetzt mußte man sich ernstlich damit beschäftigen, wie man ihm bei seiner vielen Arbeit mit der großen Kinderzahl helfen könnte, und man fand auch einen herrlichen Ausweg: vormittags wurden die großen, nachmittags die kleinen Schulkinder unterrichtet — und so war das Ei des Kolumbus gefunden, allen war geholfen! Eine wohlweise Regierung aber verfügte, daß nunmehr ein zweiter Lehrer einzustellen wäre. Wasser und Frost schnitten das Dorf erneut von aller Welt ab, die Ernte war wieder einmal sehr schwach und dürftig, besonders auch dadurch, daß sich eine bis dahin nie gesehene Wanze an den „Erdtoffeln" zeigte. Es ist nicht festzustellen, um welches Ungeziefer es sich damals wohl gehandelt hat. 1835 wurde das Schulhaus neu erbaut, das wohl kaum das noch heute benutzte sein dürfte, da sich alte Leute zu erinnern wissen, daß das Haus des Bauern Balzer früher einmal Schulhaus war. Dieses allerdings steht heute auch noch. Bei dem Bau gab es zuerst einmal ein großes Geschrei, als die oben schon einmal als weise bezeichnete Regierung verfügte, daß das Dach mit Rohr zu decken sei! Die Strodehner verwahrten sich energisch dagegen und machten geltend, daß man sogar schon Viehställe mit Ziegeln gedeckt hätte! Am erfreulichsten war die Tatsache, daß die Herren Patrone sich weigerten, irgend etwas zum Bau des Hauses zuzugeben — o du gute alte Zeit! Nach langer Zeit konnte es wirklich dann auch bezogen werden.
Lange Jahre hindurch lag dann Strodehne, weit abgelegen von der übrigen Welt, in einem Dornröschenschlaf. Der Bau der neuen Havelbrücke, die den Fahrweg nach Havelberg freigibt, hat das Dorf mehr als bis dahin dein Verkehr erschlossen. Aber immer noch liegt es wie früher am Rande des Kreises, des Bezirks und des Landes, ohne Eisenbahn und Kraftverkehr, still und ruhig für sich allein, und es ist nicht verwunderlich, wenn es an Einwohnern ständig abnimmt.
Dieser Artikel wurde aus dem Rathenower Heimatkalender von 1957 entnommen.
Hier mehr Informationen über Strodehne.
Redaktionell bearbeitet von M. Borgmeier
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