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Wie Rathenow wurde, wuchs und schrumpfte

von Günther Thonke

Vor über tausend Jahren lebten hier wendische Stämme, die Liutizen (heute noch  im Begriff „Leute“) im Havelland und hier an der Havel um den Weinberg im Oberkietz mit ihrer Burg am westlichen Ufer südlich der Eisenbahnbrücke.
Der Mittelkietz lag unterhalb der einstigen Wassermühlen und der Jederitzer Kietz in eben diesem Feld im Norden.  
Nach der fast friedlichen zweiten Ostkolonisation um 1150 durch die Askanier erbauten sich diese eine Burg auf dem Gebiet nördlich des Mittelkietzes, wo sich der Körgraben von der Wolze sich sumpfig zur Havel hinzog. Als sich die Askanier weiter nach Osten  orientierten, gaben sie ihre Burg auf und überließen die Steine den Bürgern zum Bau einer Stadtmauer, hinter der sich alle Kietzer sicher fühlen sollten und um ihr Stadtrecht, das sie 1295 bekamen, selbst  besser verteidigen zu können.
So kam es zur heutigen Altstadt mit seinen vier Toren.
Dem Mühlentor und Haveltor im Westen, dem Jederitzer im Norden und dem Steintor gen Osten, vor dem verstreut drei Meiereien, ein Frauenhospital mit Friedhof und die Scharfrichterei  lagen. Die Enge der Altstadt, verbunden mit der Notwendigkeit Soldaten in privaten Quartieren unterzubringen, ließen es 1732-40  zum Bau der Neustadt kommen. Die hatte am Berlinertor gen Osten, am Brandenburgertor gen Süden, an denen bis 1875 die Accise auf ein- und ausgeführte Waren erhoben wurde, seine Pforten und die des letzten Weges geht bis heute durch das noch stehende Leichentor zum Friedhof auf dem Weinberg. An der Stadtmauer der Neustadt mit ihren Bogen, wie sich die Familiengräber an ihrem Äußeren nannten, durften keine Spaliere angelegt werden, um Desertationen der Soldaten zu erschweren. 
Gen Norden war ein Ausbau wegen des sumpfigen Grundes nur zögerlich vorgenommen worden, - statt einer Mauer gab es nur Palisaden.
Die Lage der Stadt an der Havel, als den wichtigsten die Lasten für Handel  und Wandel zu transportierenden Weg hat viel zum Wohl- stand beigetragen. Hier sind das Holz, der Rüdersdorfer Kalk, den die Steinschiffe von Berlin als Rückfracht herbrachten und der hier gebrannt, wie das Holz nach Hamburg geflößt bzw. verschifft wurde.               
Die Straßen von Tangermünde nach Spandau und von Havelberg nach Brandenburg hatten sich in Rathenow gekreuzt und waren ein Haupt- und ein Nebenpostweg gewesen.                 
Die Havel war von 1276 an Grenze zum Erzbistum Magdeburg von Milow bis Schollene und  führte zu vielen Auseinandersetzungen im Laufe der Jahrhunderte, der bösesten 1394, als die Bewohner von den Soldaten des Magdeburger Erzbischofes  für zwei Jahre aus der Stadt vertrieben worden waren,  ihr Habe in mehr als hundert Fuhren abtransportiert und auf dem Markt in Magdeburg verkauft wurde. Schlimm waren auch die Zeit der Raubritter und der dreißigjährige Krieg 1618-48  und der Schwedeneinfall 1675. Es folgte eine lange Friedensperiode, wo kein Feind im Havelland war, ehe Napoleon neue Zeichen setzte.
Doch da hatte Samuel Christoph Wagener seine Denkwürdigkeiten über Rathenow schon aufgeschrieben gehabt. Mit dem Leibkarabinerieregiment war er  1792-95  im Krieg des Reiches gegen Frankreich dabei gewesen,  von dem Goethe bei der Kanonade von Valmy sagte: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus!“ – S. C. Wagener schrieb auch die Dankpredigt und das Tagebuch des Regimentes 1795 .

Über die Vorzüge des Klimas der Stadt berichtet er, dass einheimische Krankheiten und auch epidemische äußerst selten sind, wenn man die Blattern, die Röteln und Masern ausnimmt. Dies folgert er aus der Lage der Stadt und den hauptsächlich von Nordost kommenden Winden, das es keine unmittelbar in der Nähe liegenden Sumpfgebiete gäbe und vor allem der guten Qualität des Trinkwassers. Die Impfung des Dr. Meyer  gegen die Pocken zeigt große Erfolge und senkte die Kindersterblichkeit.           
Im Jahre1800 wohnen in der Stadt 4080 Zivilpersonen, darunter 54 Juden und  677 Militärpersonen  incl. Kind und Kegel. Es wurden  in selben Jahre 42 Paare getraut,  117 Kinder geboren und 109 Menschen starben. Jedes 16 Kind war unehelich,  ohne die, welch hier unerkannt ihre Wochen hielten. Fünf Prozent der Geburten waren unfröhlich, zu denen man die kurz nach der Geburt Verstorbenen zählte, da Totgeburten keine Kosten auslösten.
Der Wohlstand der Bürger mehrte auch den der Stadt.                         
Das Schleusengeld, erst der Kesselschleuse ab 1561 auf dem Gelände  hinter der Lohmühle(Hellersloch), die nur noch als Senke erkennbar ist und 1660 als neue Kammerschleuse, der heutigen „Kleinen Arche“, mit dem Schiffsgraben kam.
Im Stadtgraben, wo bis 1720 der Eisenhammer fungierte, wurde 1732-40 die Stadtschleuse geschaffen, die dort bis 1901 ihren Dienst tat. Dann trat die Neue Schleuse es für die damals gewachsene Schifffahrt. 
Die Mühlen  wurden 1335 vom Landesherren an die Stadt verpachtet.  Sie erhöhten neben den Mühlen von Spandau und Brandenburg den Grundwasserspiegel im Havelland. Der Müller hat das Wasser in der Hand, was oft zum Streit mit den Schiffern, Bauern und Fischern führte.  Die Wasserkraft diente zum Mehl mahlen, zum Sägen, zum Walken und Gerben(Loh). Letztere wurde wegen der Gerüche zur Mausefalle an Hellersloch gelegt.   
Der Eisenhammer wurde wegen des hohen Holzbedarfes aus der Königsheide  und fehlenden guten Raseneisenerzes eingestellt und nach Hohenofen verlegt.   
Die Tone des Umlandes führten zum Betreiben einer Stadtziegelei in der nördlichen Baustrasse, die aber 1591 mit 75 Häusern der Altstadt und wieder 1666 durch Blitzschlag abbrannte. Sie schaffte 13 Brände der Steine im Jahr, was rund 25000 Steine gewesen sein dürften. Die Kalkbrennerei am Weinberg hatte 3 Kalkbranntöfen, die  über 20 Brenngängen zirka 1000 t Kalk brannten.    
Es gab 48 Ackerwirte, 2 Apotheker, 17 Bäcker, 24 Fischer, 12 Fleischhauer, 22 Brauer, 6 Huf - und Waffenschmiede,  75 Schuhmacher, 7 Sattler, 8 Tischler, 38 Schneider und 58 Tuchmacher neben vielen oft Einzelhandwerkern und Händlern. Ein Scharfrichter wird auch erwähnt.
Der Weinbau nennt zwar noch 3 Weinmeister, hatte aber nach dem grimmigen Winter 1740 weitgehend sein Ende gefunden gehabt.
Der Stadtforst kam schon 1294 und 1319 durch Schenkung an die Stadt. Sie ist etwa  1750 ha groß. Die Schäferei bei Neufriedrichsdorf  ist  rund 8o Hektar groß.
Das Neue Dorf wurde vom König für die Spinner des Pintus Levin, der 24 Webstühle in der Stadt betrieb, erbaut. In den 50 in 2 Reihen gleichmäßig um 1767erbauten Häusern, wobei jedes für zwei Familien bestimmt war, mit einem  Garten von einem Magdeburgschen Morgen. Alles war miet-, abgaben - und dienstfrei. Der geringe Verdienst eines geübten Spinners betrug täglich 1 1/2 Groschen. Das Dorf zog zuerst viele Bettler an, doch hat sich ein bescheidener Wohlstand eingestellt, dass von ehrsamer Häuslichkeit gesprochen werden konnte. In den letzten zwanzig Jahren sind nur noch 3 Unverheiratete geschwächt worden. War einst alles, was man sah, als Eigentum betrachtet worden, so waren 1802, eine Industrieschule mit einer Arbeitsstube für 48 und einer Lehrstube für 36 Kinder geschaffen worden, die auch für die Sonntagsandacht genutzt werden können.  
1786-90 wurde das Magazin auf dem Kiezhügel gebaut und war neben dem Küstriner das Größte in Preußen. Die Rathenower Seite des Quadrates stand dem hiesigen Regiment zur Verfügung zur Aufbewahrung ihres Hafervorrates. Die Baukosten lagen bei 120 000 Rh.Taler. Durch Blitzschlag brannte es nach über hundert Jahren ab.
Vom Wert des Geldes wird berichtet, dass eine vierköpfige Familie um 1550 von 66 Talern im Jahre leben konnte und zweihundert Jahre später dazu 300 Taler benötigte. Die Schulpflicht in Preußen bestand seit 1717, was nicht besagt, dass die Kinder zuvor nicht unterrichtet wurden in den Geboten und der Religion. Mit dem Singen geistiger Lieder in der Kurrende wurde zum Unterhalt des Küsters und der Bachanten beigetragen. Es war ein langer Weg, bis die Mühen der Lehrer besser honoriert wurden. Die Meinungen gehen  bis heute darüber auseinander.   
Von der Hohen Schule ist hinter der Kirche auf dem Berge die Rede.  
Sie entstand 1703  mit Hilfe eines Legates. Außerdem gab es die Küsterschule und andere Nebenschulen im Ort.
Wassernöte gab es durch die Deichbrüche der Elbe  und dem Rückstau dieses Stromes 1566, 1595, 1653, wo das Wasser in der Havelstrasse bis zu einer dort noch später gezeigte Marke stand und die Hechte dorten gefangen werden konnten. Brände gab es oft, als die Dächer noch nicht mit Steinen gedeckt waren und die Schornsteine noch nicht gemauert sein mussten. Von 1719 bis 1801 hatte die Feuerversicherung rd. 27000 Taler kassiert, zurückgezahlt wurden rd. 9500 Taler. Im Umland aber brannten oft später noch ganze Dörfer ab, die praktischer und feuersicherer mit Hilfe dieser Versicherung in kürzester Zeit wiedererbaut wurden.

Vor S.C Wagener  hatte sich der Kantor Joachim Triebke  1753 handschriftlich mit einer Rathenographia“ bemüht gehabt.
Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Reiches 1871 liberalisierte sich das Wirtschaftsleben zu Industrien, die Eisenbahn übernahm schnellere Transporte als der Wasserweg und die wenigen Chausseen für Pferdewagen, -  vom Auto war noch keine Rede.
Ab 1880 wuchs, auch durch den Kasernenbau bedingt, die Stadt in Richtung Bahnhof, aber auch gen Norden zum Hagen, der den Strassen dort den Namen gab. Die Wege zu den Scheunen vor den Toren in Richtung Rhinow und Brandenburg, deren Bau einst wegen der Brandgefahr außerhalb der Stadtmauern  befohlen wurde, bekamen höhere Wohnhäuser. Wohlhabende Bürger hatten sich Villen vorm Berlinertor gebaut, ein kleines Gaswerk gab es seit 1866 an der Ecke zur Bahnhofstrasse und das Kreishaus gab es seit 1895 bei den Eichen des Fontaneparks. Auf dem festen Boden östlich des Körgrabens baute man Wohnhäuser in den nach den Männern von 1675, Derfflinger, Froben, Bergmann und Homburg genannten Strassen und der Schützenstrasse, die einst zur Meierei in den Viertellanden, führte, die 1830 zur späteren Laune als Haus des wieder erlaubten Schützenvereines der Stadt mit den Sälen und dem Schießstand wurde.  
Die Hauswirte vieler Wohnhäuser waren durch die Optik zu Wohlstand gekommen. Man ökelte sie „Sechs dreier Rentiers“, weil sie sich täglich sechs Zigarren für einen Dreier leisten konnten von der Miete von 5 Wohnungen und ihrer freien eigenen.
So entwickelte sich Rathenow vor und bis 1914.
Nach 1920 fehlten Wohnungen, es kam zur Nord- und Südsiedlung, den Häseler-Bauten  des Ebertringes, die des Wohnungsbauvereins um die Feierabendallee, des Neubaus am Krankenhaus  und der Jahn- und Hilfsschule während der Weimarer Republik, um die sich die Stadträte Karl Priefert (auch der Grosse genannt) und Wernicke bemüht hatten.     
Wegen der Aufrüstung nach 1933 wurden Wohnräume für Menschen für ein Flugzeugwerk im Heidefeld benötigt und in der Heidefeld- und Rosenbergstrasse gebaut. Die Räth - Siedlung, nach dem damaligen Oberbürgermeister benannt, wurde zur heutigen Vogelsiedlung. Drei neue Kasernen im Norden, ließen zu wenige Menschen ahnen, wohin der Weg ging. Eine Frontkämpfersiedlung sollte Betroffenen des ersten Weltkriegs eine Heimat geben. Es ist heute die Waldsiedlung.
Als der zweite Weltkrieg hier in seinen letzten Zügen lag, wurde Rathenow zum  großen Trümmerfeld und es dauerte, ehe ein Aufbau in neuen Formen des Typen- und Plattenbaus Gestalt annahm. Mit billigen fernbeheizten Wohnungen bis zu fünf Geschossen und sicherer Arbeit wurden die Leute auf eine neue Art zu leben ruhig gestellt, Datschen in heimatlicher Natur verdrängten das Fernweh, Eigenheime gab es kaum.     
Im Westen kam als Gartenvorstadt die Neue Schleuse 1952 zur Stadt. Diese Nachkriegszeit fand 1989 ihr vorerst euphorisches Ende. Die Zeit billiger Mieten und sicherer Arbeit aber auch.
Ein alter neuer Stil gab wieder den Ton an, aber selbst mit vielem Geld war ein Verfall der industriellen Basis nicht aufzuhalten und die mutigen Tüchtigen zog es zu neuen Horizonten. Viele Wohnungen stehen nun leer oder sie werden dem moderneren Zeitgeist angepasst.
Der Wunsch zum Eigenheim kann verwirklicht werden, - wenn sich auch oft dadurch über Gebühr verschuldet wird. Solche Dinge waren uns hier zwei Generationen fremd gewesen.
Nun im Anfang des zweiten Jahrtausends scheinen alle Wunden verheilt,  - ein Abbau im Stadtteil lässt Blöcke verschwinden, im nördlichen Teil der Altstadt baut man gefragte niedrigere Häuser am Kanal und der Einmündung in die Havel.  Auf ehemaligem industriellem Gelände des Permutitwerkes und der Gasanstalt gestalten und vermarkten die Herren Dähne und Friese eine Wassersiedlung, die der Volksmund schon Dänemark und Ostfriesland taufte.

Alles ist immer im Wandel.                                                                     
Auf ruhige Zeiten folgen oft heftige.
Solange es zu keinem Finale kommt, müssen wir damit leben.
Nur wenige Menschen aber machen sich noch Gedanken!

Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz

 


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