Schollener Liebelei
von Günter Thonke
Wo die Havel von Osten kommend rechtwinkelig nach Norden fließt liegt Schollene. „Nie“ wird der Ort noch auf alten Karten genannt und „scolena“ nennt man das Knie im Lateinischen. Die Landschaft zwischen Elbe und Havel mit ihren Dünen wurde erst in der letzten Eiszeit geprägt. Darüber wurde im Dorf nicht nachgedacht und selbst das Zeitgeschehen interessierte kaum. Wie die Welt entstand, das verlas der Pastor aus der Bibel in der Kirche und die wurde nicht in Zweifel gezogen. So ging der Lauf dieser kleinen Welt.
Einen Weitblick hatte man nur, wenn man in das Flusstal schaute und die Kirchtürme der umliegenden Dörfer und die Rhinower-Berge am Horizont erblickte. Schaute man vom Steilhang über den verlanden- den See bis zur Klietzer Heide, so ragte der Gütschow über diesen hinaus. Die jungen Burschen wählten
ihren Weg zum Tanze lieber über das Wasser als durch die sandige Heide. Davon ist bis heute noch einiges vom Einstigen und Vergessenen geblieben.
Mit den Molkenbergischen Mädchen gebe es nur Mädchen. Die Alten wisperten:„Et leyet ont Woter un se hem de Hacken vorn!“
Das ergab sich aus der Beobachtung der Kinder, die sahen, wie die Hufe der Pferde der Viehdiebe, deren Schlupfwinkel man nicht fand,
dass die Eisen verkehrt herum genagelt wurden und so die Verfolger in die Irre führten. Einst und lange her, doch unvergessen!
Mühevoll segelten die Kaffenkähne mit ihrer Last auf dem Fluss.
Die vielen Windungen und Fischwehre kosteten Zeit. Der Fortschritt forderte für den neuen Maßkahn den Fluss diesem anzupassen. Aber alle bestanden auf ihre Rechte. Die eiserne Hand von oben bestimmte.
Auf dem Landweg bewegte sich fast nur die Post durch den Sand der Heide und die ließ Schollene seitwärts liegen.
Hier lebte Friedrich Feucht seit seiner Geburt bei den Großeltern. Von seiner Mutter wusste er nur, sie wohne in der Stadt und einen Vater, den habe er nicht. Die Mutter hatte geschworen, sie käme nie wieder in das Dorf. Seinen Großvater hatte früh das Herzeleid geholt. Er war der Schulmeister und Kantor im Dorf gewesen. Mit der Oma war er in eine kleinen Kate am Dorfende gezogen.
Ein Stück Land für Ziege, Schwein, Hühner und Enten brachte das tägliche Brot und lebten sehr bescheiden ohne Not. Erst an seiner Konfirmation wurde ihm der Hintergrund seines Daseins eröffnet. Seine Mutter war einst über beide Ohren in den Erbbauer Friedrich, einer Siegfried-Gestalt, verliebt gewesen. Sie machten sich beide schöne Augen und wer da ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.
Die Folgen des Ostertanzes waren im Sommer nicht mehr zu verheimlichen. Sie stellte den Geliebten zur Rede und wurde ausgelacht und gedemütigt stehen gelassen. Vorliebe zähle nicht und habe keinen Segen! Sie hätte ihn gar behext! – Da wucherten die Rachegedanken!
Am Erntedanktag brannte die gefüllte Scheune des Hoferben.
Die entehrte Maid hatte sich gerecht, wurde schnell überführt und war geständig. Sie fand gnädige Richter und kam bald nach der Geburt des Sohnes für ein Jahr ins Zuchthaus. Im Dorfe nannte sie alle die „feurige Caroline“. Die Frauensleut hatten sie ins Herz geschlossen, trösteten sie und machten ihr Mut.
Der Galan und Hoferbe heiratete eine reiche Bauerntochter aus Molkenberg. Die brachte viele Taler mit, doch die Ehe blieb kinderlos. Lag es am Wasser?
Es war kein Segen auf dem Hof!
Die Sorgen mit dem Vieh und schlechte Ernte kamen wie ein Fluch. Bald verletzte sich der Bauer beim Pflügen am Fuß, achtete die Wunde nicht, bekam Fieber und den Starrkrampf. Am siebenten Tage war er tot und die Gläubigen und die Heiden, getauft und konfirmiert, blieben dem Spökischen verhaftet.
Nach Jahr und Tag heiratete die Witwe ihren Jugendfreund aus Molkenberg und hatte bald die Stube voller Kinder und somit andere Sorgen als zuvor.
Den jungen Burschen Friedrich ökelte man Fiete.
Geld für eine Schulbildung in der Stadt hatte die Oma nicht für das kluge Kind, dessen Mutter einen Torschreiber in der Stadt geheiratet hatte und mit dem sie und ihre zwei Mädchen recht bescheiden lebte.
Ihr Mann war ein ausgemusterter Wachtmeister mit einem knapp dotierten Zivilversorgungsschein. Der war mehr oder weniger mit seinem Los zufrieden gewesen und zwei Jahrzehnte älter als seine Frau. Kam die Rede auf Fiete, so schwoll ihm der Kamm. Worte wie Feuerbalg fielen.
Tränen ob der Jugendsünde flossen und zehrten an der Seele. Dem Fiete blieb nur des Kaisers Rock. Erblich belastet konnte er gut mit Pferden umgehen bei den Husaren. Er war pfiffig im Schreiben und Rechnen und darin besser als die Bauernsöhne. Er fiel also auf und landete in der Schreibstube.
Da brauchte er nicht mehr durch jeden Dreck zu kriechen.
Mitten im Winter hieß es feldmarschmäßig ausrücken. Es ging gen Norden. Am 1. Februar 1864 rückten sie in Schleswig ein.
Die Dänen hatten sich nicht an das Londoner Protokoll von 1852 gehalten, das die Unteilbarkeit Schleswigs und Holsteins vorschrieb.
Sie hatten sich Schleswig einverleibt.
Dieser Streit rief den „Deutschen Bund“ auf den Plan, der am 18. April die Schanzen von Düppel stürmte und nach einem Waffenstillstand vom 12. Mai bis zum 26. Juni verhandelte und feilschte, ehe es am 1. August zum Frieden kam.
Von alledem bekamen die unteren Chargen nichts mit. Denen galten nur zu marschieren, reiten, fahren und den Befehlen zu gehorchen. Den Husaren Friedrich Feucht war einiges auf dem Weg zum Heldentum erspart geblieben. Er war, als ein Bagagewagen mit seinem Gespann durchging, gestürzt. Sein Fuß wurde von einem Rad erfasst und durch einen Knöchelbruch schwoll sein Fuß stark an. Der Feldscher und ein Arzt taten das Mögliche.
So kam er mit der Hoffnung auf baldige Heilung zu den Johanniterinnen und seine Truppe zog weiter. Das Land wurde danach als Kondomium von Österreich und Preußen verwaltet, die Einen Schleswig, die Anderen Holstein. Es führte schnell zu Spannungen zwischen den Siegern. Die Bewohner waren ja die Dänen liebend gern losgeworden und wollten auf der deutschen Welle mitsegeln, doch merkten sie bald, dass sie nur vom Regen in die Traufe gekommen waren. Die neuen Herren benahmen sich arrogant mit ihrer importierten Beamtenschaft, die ihre Gesetze und Gewohnheiten mitgebracht hatten.
Das bekam auch unser vergessener Husar zu spüren und als er wieder an Krücken gut zu Fuß war, ersuchte er um seine Entlassung. Die Amtsmühlen mahlten wie stets sehr langsam.
Als Ausgemusterter sah er weder Königsgrätz 1866 noch Paris 1871 wo aus dem Preußischen König der Deutsche Kaiser wurde.
Es war die Kleindeutsche Lösung ohne Österreich.
Kanzler Bismarck aus Schönhausen hatte mit seinen Entscheidungen für einige Jahrzehnte die Weichen in Europa gestellt gehabt.
Redaktionell bearbeitet am 05.11.2007 von Robby Schmalz
Kommentare |

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| Kommentar: | 1 |
| von: | Ramona Wegener geb.Kleßen |
| am: | 23.11.2010 |
| um: | 22:23:32 |  | |
| Kommentar: | Guter Beitrag!!!
Kannte ich als ehemalige Schollenerin nicht.
Frage an die Redaktion:
Warum nennt man die Schollener auch \\\\\\\"Die Jelbbeenschen\\\\\\\"?
Ich weiß es. Ihr auch? |
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