Die See(h)-Blicker
von Günter Thonke
Eine Seemeile vor der Stadt durch Wald und Flur, da liegt ein herrlicher See. Der streckt sich von Ost nach West und hat einen Zulauf vom Norden vom Witzkersee mit seinem Havelländischen Hauptkanal und an all diesem Gewässer liegen Dörfer mit ihren Kirchtürmen in paradiesischer Landschaft. Die hier Lebenden und die Gäste die herkommen erleben das Paradies zu jeder Jahreszeit!
Beruhigend wirkt die Wasserfläche an stillen Tagen auf das Gemüt, selbst die Sonne spiegelt ihr Antlitz und die Tierwelt, die da kreucht und fleucht, erfreut sich ihres Daseins. Jede Jahreszeit hat ihren Reiz, wenn die Stürme toben, die Winde säuseln, die Wolken ziehen, der Nebel über dem Wasser liegt und an kalten Wintertagen das Eis knirscht und zum Holländern die Jugend ruft, gar manch einen Alten, der noch nicht steif geworden war!
Die Fischerhütte ist eine der vielen neuen Gaststätten im Dorfe, welche sich zuerst gemausert hatte und die Zeichen der Zeit begriff.
Direkt am Wasser gelegen mit Blick zum See von der Terrasse bei Sonnenschein und bei jeglichem anderen Wetter vom Prostituiertenfenster, wie wir beide alten Zausel den Tisch dort getauft haben, den auch die Liebesdienerinnen vom Loch neunzehn am Golfplatz lieben. Dann ziehen wir uns zur Theke zurück, denn denen wären wir nicht mehr oder doch noch gewachsen? Hubert hat das traurige Los eines Witwers gezogen. Er wäre ja zum Freizügigkeitsverkehr zugelassen.
Icke habe da Sperre und erteile nur gute Ratschläge. Anton ist mein Name und ich helfe gerne mit dummen Reden. Ich bin einer, der immer hier am Orte gebliebenen Leute. Von der Sorte gibt es wenige und so werde ich oft gefragt von denen, die hier eine neue Heimat gefunden haben und von denen, die nach soviel vergangener Geschichte und Geschichten wieder zu ihren Wurzeln gekommen sind.
Hubert hatte es immer schon mit Hunden zu tun gehabt und dadurch auch seine große Liebe einst gefunden gehabt. Er stand auf Schäferhunde. Sie führte einen Rauhhaardackel in die Kaffeeberge und wie es so bei den Hunden war, so waren auch sie sich näher gekommen. Es ist alles heute Erinnerung und nur er weiß es noch.
Seit es ihn mit seiner Familie an den Rhein zog, weil hier die Luft im Bauwesen dünn für einen privaten Bauunternehmer geworden war, gingen Jahrzehnte in das Land. Waldo, der Schäferhund blieb bei den Eltern am Waldesrand. Die Mauer war noch nicht gebaut worden, die Grenze war noch durch die Luft über Westberlin offen gewesen. Nach dem Lagerleben war die Familie bei einer alten Dame untergekommen in deren Villa.
Alle hingen an Waldo. Die Kinder mehr als an Oma und Opa.
Die alte Dame wusste nichts von ihrem Glück, als sie gefragt wurde, ob nicht auch ein kleiner Hund ins Haus kommen dürfe. Schon die Tatsache vorhandener Kinder hatte man vorsichtig und langsam von einem Kind auf drei gesteigert gehabt. Doch jeder Mensch ist ein Gewohnheitstier und hat auch im Innern ein Herz und das hatte sich auch bei der alten Dame geöffnet.
Nun kam Waldo als lebende Fracht durch die Luft nach Frankfurt am Main und nicht in der Luxusklasse. Im Käfig und dem Frachtraum wähnte er sich in der Hundhölle. In seinem restlichen Hundeleben mied er diese Kraniche der Luft und verkroch sich, so er sie gewahr wurde. Vom Flugplatz bis zur neuen Unterkunft war aus dem der alten Dame anvisierter kleiner Hund ein stattlicher Bursche geworden. Waldo lebte auf, als er das Herrchen erblickte und er schöpfte Hoffnung nach seiner Reise. Als er das Frauchen und die Kinder sah, da war die Freude groß. Das Tier wusste sich kaum zu lassen. Nur die Hausherrin, die bekam einen großen Schock, so groß, wie der Waldo nun plötzlich war. Als Witwe und immer kinder- und tierlos gewesen, war ihr da ein großes Problem aus heiterem Himmel ins Haus gefallen. Nach vielem Bitten durfte Waldo bleiben, aber nur auf Probe, bis sich eine Lösung fand. Waldo bekam also auch Asyl.
Es fand sich keine Lösung, doch „Halt“ - oder doch?
So wie die Kinder nahm auch Waldo die „Oma“ in Beschlag.
Sie war nun voll engagiert, immer in Bewegung und das Tier hatte sie voll im Griff. Eine Welt brach ihr zusammen, als Waldo sein „Hundeleben“ im Westen altersbedingt aufgab und zu seinem Hundegott mit seiner Hundeseele zog. Zu fest hatte alle der „Kalte Krieg“ im Griff.
Als Hubert seinen Vater zu Grabe tragen musste, dem der Lauf der Zeit noch die Freude im Alter genommen hatte, erschrak er über den Anblick des Turmes der Kirche seiner Heimatstadt. Das obere Drittel war verschwunden, einfach abgerissen worden. Jahrelang war er mit dem Vater am Ausbau der zerstörten Kirchenruine schöpferisch tätig gewesen. Mühevoll hatten sie einst nach Möglichkeiten gesucht und waren oft am fehlenden Material gescheitert. Die Rüstung setzte ihnen Grenzen. Und nun dieser Anblick!
Als niemand mehr zu hoffen wagte kam die Wende.
Die Heimat zog Hubert, doch sein Gretchen hielten die Kinder und Enkel im südlichen Deutschland. Wo du hingehst, da gehe ich auch hin und wo du bleibst, da bleibe ich auch, so steht es in der Schrift.
Es blieb nur den Beiden wenig Zeit, das Heim und die Heimat zu genießen. Der Gevatter Hein kannte keine Gnade. Nun wusste er erst was Haushalt hieß und was sein Gretchen all die Jahrzehnte geleistet hatte. Hubert ging bei sich darin nun in die Lehre und schüttelte den Kopf über des Antons Kommentare. Der ließe niemanden mehr in seine Wohnung und käme schnell im eigenen Dreck um. Dem war aber noch die Gnade zu Teil, nicht allein sein zu müssen.
Beim Hubert ging alles nach Plan. Montags die Wäsche, dienstags der Hund, mittwochs der Einkauf, ging`s Donnerstag rund. Am Freitag bellte Wummi und das Wochenende, da rief Semlin.
Die ganze Woche nur aus der Büchse, ist auf die Dauer kein Menü.
In der Fischerhütte war Hubert Stammgast. Dort schmeckte es gut, die Bedienung öffnete auch ihre Seelen und oft traf er sich mit dem Anton, wenn dessen bessere Hälfte auf Reisen ging und er dann zum Freizügigkeitsverkehr zugelassen war. Allerdings nur mit seiner dann großen Klappe und Witz, ansonsten hatte er leisere Töne, wenn seine Holde in der Nähe war. Viele alleinlaufende holde Weiblichkeit hatte den Hubert im Blick gehabt, der ein Kavalier alter Schule war und so treue Augen hat und es sich mit keiner verderben wollte. Er zog mit einigen Damen und seinem Automobil an die Kultstätten der Heimat, für die ja alle erst im Alter ein Auge haben und die Augen warfen ihre Blicke. Urteile nicht über den Freund in dessen Lage du nicht bist, wer weiß wie dumm du aussäest!
Die Frauen sehen da vieles anders und lieben vollendete Tatsachen. Reifere haben ihre Mädchenzeit lange hinter sich und ihre Macken und die Unreifen müssen erst ablagern und gewendet werden wegen der Stoßstellen. Aber beide Arten wollen einen Platz an der Sonne, monatelang und wenn möglich weit im Süden auf einer Insel, die nur angeflogen werden kann. Gegen das Fliegen ohne Propeller hat Hubert eine Aversion. Da schaut er lieber mit dem Anton den Vögeln auf dem See zu, füttert diese mit seinem Restbrot, ehe es schimmelt, schnabelgerecht portioniert. Die Tiere kennen seine Bank hinter dem Busch oder auf dem Steg beim Sonnenschein. Dort zielen die Möwen frech und dreist und setzen ihre Marken auf das Geländer. An Regentagen lassen die beiden See(h)blicker am Fenster ihre Gedanken schweifen und die unlösbaren Probleme der Weltgeschichte, die kleinen und großen, in ihre Gespräche einfließen. Und Themen gibt es jede Menge, denn die Menschen und die Menschheit lässt sich immer etwas einfallen.
Nach dem Thema eins ist Numero zwei immer der Turm, der Turm der Kirche. Den hatte vor einem halben Jahrhundert Hubert mit seinem Vater mit dem Gotteshaus ausgebaut gehabt. Nach ganz oben kam man nur von innen und so blieben die Schadstellen außen unerreichbar, weil die Rüstung dazu gefehlt hatte.
Vor dem Mauerbau machte die junge Familie „GO WEST“ und als sie den Vater zu Grabe tragen mussten, erschrak Hubert über das dem Turm fehlende Achteck. Anton, der im Lande geblieben war, sah es gelassener, doch war er der Einzige, der den Abbruch fotographisch dokumentiert hatte. Hubert hatte dies von der Ruine und seinem Aufbau getan gehabt. Den damaligen Abbruchbeschliessern kann heute nichts mehr ins Stammbuch geschrieben werden. Was passiert ist, das ist geschehen. Die Kosten für den Turm werden anderwärts für ander Dummheiten fehlen. - “Und das ist gut so!“
Leider haben die zauseligen Querdenker immer Recht, doch bekommen sie es nie! Weil Hubert sich bis heute nach über vierzig Jahren noch nicht abgemeldet hat bei den Staatlichen Organen von damals, sind seine Anteile im Grundbuch gestrichen worden und nichts ist mit der Rückgabe oder der Entschädigung bis heute.
Anton meint da: “Denke an das öffentliche Interesse deiner Mitbürger und „stifte“ deine Forderung. Ihr seid seinerzeit doch „stiften“ gegangen!“ Doch wo Hubert sich im Recht meint, da verbeißt er sich. Seine besten Jahre verlebte er in einem Rechtsstaat - und nun?
Alles ist wie gehabt, es wird noch ostwärts gedacht! Anton meint dazu: „Falls einer von uns zuerst stirbt und deine Forderung ist noch nicht erfüllt, dann werde ich dort einen Stein setzen lassen mit der Inschrift: „Huberts Ecke“. Blödmann, den bestelle du gleich, weil ich der Letzte bin, welcher geht!“
In der Mitte von Europa, da schieden sich schon immer die Geister. Die deutschen Herren rupften gerne die slawischen Hühner und das Pendel ist gerade wieder einmal umgeschlagen. Ob Europa das neue Heil für alle Völker werden wird?
Eigentlich sind die Frauen zu bewundern, die es über vierzig Jahre mit uns ausgehalten haben. Da sollten wir froh sein, heute erotisch gemieden zu werden. Viel mehr wäre mit uns ja auch langfristig ohnehin nicht drin. Hubert würde mit seiner über Jahre erworbenen Haushaltserfahrung ohnehin nicht ohne Widersprüche bleiben und den Staub auch dort finden, wo keiner zu finden ist. Das etwas erzeugt Spannungen, die auch nicht durch ein intensives Liebesleben ausgeglichen werden können.
Wenn wir auf den See blicken und uns die Wellen des Skagerak und des Kattegatt vorstellen, wohin Antons Angetraute nach dem Norden reisen will, da meint dieser:
„So hoch wie der Wald dort über dem See!“ So machen sie sich zumindest ein Bild von der weiten Welt.
Seit Hubert sich schweren Herzens von seinem alten treuen Mercedes trennen musste, weil der Boden nach Hilfe schrie und er fast wie Fred Feuerstein schon bremsen konnte mit seiner Hacke und Freund Vater Staat wegen des noch nicht vorhandenen Kat seine leeren Hände aufhalten wollte, da brachten sie den Veteran nach Zabakuk. Da gab es welche, die aus Alt Neu machen konnten.
Für `nen Appel und ein Ei ließen die den Besitzer warten, bis sie einen Käufer gefunden hatten, der ihren Forderungen genehm war. Eine lange Autoehe wird fast genau so schmerzhaft beendet und es dauert, bis die Wunde heilt. Da kann es ein Der oder auch eine Die von Automobil, noch so forsch gestylt und schnell und vieles andere mit KAT, ABS und Pustebeutel vor dem Bauch sein, - es dauert, bis man von Herzen ja sagt. Da kann der Verkäufer beim neuen Wagen später noch so lieb die Ventile verdrehen und Mondäo auf dem Hof für die Diebe und für die Versicherung stehen lassen. Dem Anton aber begeisterte das DUO 4. Doch hinge sein Haussegen schief, so er den auf den Hof brächte.
Werden alte oder nicht mehr so junge Männer eigentlich wieder wie die Kinder? Im Prinzip ja, würde der Sender Jerewan sagen, nur sind es die Knochen, die steif werden und Albertsheim lässt grüssen!
Wir halten uns noch für sehr rüstig. Das Tempolimit fahren wir nach Schnauze und lösen mit der knappen Rente die Geldprobleme der Kommunen. Wir sind oft als Letzte die Ersten und das war schon vor zweitausend Jahren bekannt, als es noch keine Automobile gab, so wie das Fußballtor schon Kahn hieß, als es den Torwart dieses Namens noch gar nicht gab.
Der Humor muss nicht bissig sein, die Schlagfertigkeit der Pointe im richtigen Moment ist eine Gnade, die nicht jedem gegeben ist.
Von ganzem Herzen zu lachen ist die beste Medizin.
Nur die Pharmakonzerne, Ärzte und Apotheker fühlen sich getroffen und es vergeht ihnen, das Lachen. Darum sollten alle Menschen ein Garantieeinkommen haben, so „mindestens genug.“ Nur von wo das kommen soll, ist noch unklar. Vielleicht als Sterntaler vom Himmel wie im Märchen, doch da würden wir mit unseren kurzen Hemden auch nur zu kurz kommen. Überhaupt ist der Himmel die größte Erfindung der Menschheit. Da wir zwei Beide so brav sind, ist dorten genug Platz für solche wie wir. Unsere Typen sind rar und andere haben keine Chancen in den Himmel zu kommen.
Die glauben nämlich nicht mehr brav wie im alten Schlager!
Hubert und Anton haben einst gemeinsam die Schulbank gedrückt, ihre Jugend in einer bewegten Zeit überstanden und ihr Leben gemeistert. Nun in ihrem späten Mittelalter sehen sie die Welt auf ihre Art und blicken über den See, lassen dämlich quatschend die Zeit verstreichen und machen Hunde begleitenden Damen den Hof. Die Dame kam von weit her, hat einen unzufriedenen Mann im Stall und brach aus in den ihr unbekannten Osten. Beim über den See blicken stellen sie fest, dass hinter der Mauer auch Menschen wohnen, die sogar mit sich und der Welt zufrieden sind, ähnliche Sorgen mit ihren Mitmenschen haben und versuchen, das Beste aus ihrer restlichen Zeit zu machen. Und das geschah alles Dank Wummi, dem Hund, der zweimal auf die Pünktlichkeit Huberts wartet, um seine Kreise über den Weinberg zur Havel zu ziehen an Stätten des Gedenkens vorbei.
Redaktionell bearbeitet am 06.11.2007 von Robby Schmalz
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