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Ziehsohn Herbert und andere Leute

von Günter Thonke

In Ebelgünde gab es keine Schule und so kam Herbert nach Steckelsdorf zum Windmüller Müller ins Haus, von dem Fremde meinten, er stottere wegen seines Müller-Müller. Er legte großen Wert auf seinen Beruf und hatte zwei Töchter mit seiner Frau. Im Dorfe hatte seine Büchse aber auch noch gestreut gehabt. So kam Herbert als Adoptivkind zu zwei Schwestern, der Lene und der Liese, die er gutmütig in sein Herz schloss. Der Müller Müller hatte einen Vater, den Altmüller Müller, den es immer zum ersten Mai zu seiner Schwester in die Stadt zog. Warum gerade dann, blieb sein Geheimnis. Hatte er dort in einer Walpurgisnacht die Liebe erlebt?
Die Erinnerung soll ja das einzige Paradies sein, aus welchem man nicht vertrieben werden kann. Die Töchter nahm er mit, den Herbert ließ er am Mühlenberg. Dreie spielen schlecht, zumal dort auch noch drei Enkel waren und Fünfe sind mehr als genug, sagte der Alte.
Nach wenigen Tagen erschienen sie wieder auf der Bildfläche und auf die Frage der Mutter, warum sie schon wiederkämen, meinten die Mädchen: „Von länger bleiben haben die nichts gesagt und der Herbert, der wartet doch auf uns!“
Nach Ostern kam Herbert in die Schule. Der Kantor wies allen die Plätze. Herbert blieb stehen. Der Kantor fragte, warum er sich nicht hinsetzt? - „Ach Herr Kantor, ich wollte gar nicht solange bleiben und von dem Platz ist es so weit zur Tür, da komme ich als Letzter raus und später nach Hause!“ - Diese Argumente hatten Logik!
Bald wurde er zum Vertrauten des Pastors, der ihn in der großen Pause oft an den Zaun rief, dass er vom Herrgott sechs Dreier Zigarren und eine kleine Flasche Schluck hole. A Konto, versteht sich! Des Wirtes Frau hatte einen kleinen Laden als zweites Standbein. Dort roch es so herrlich nach Bonbon und allen Gewürzen Arabiens. Dem Herbert irritierte der Name Herrgott. Er dachte dort könne der Himmel mit dem Paradies sein, wo dem Herrn Pastor ohne Geld schon alle Wünsche erfüllt wurden. Er nahm sich nur einige Nasen voll dieses Duftes dort mit.
Die große Pause überzog er gern, der Kantor machte Glubschaugen, weil sein Herr und Gebieter hinterm Zaun der Auslöser war.
Er kannte auch dessen Konto beim Wirt und wusste, dass dem Pastor am Ende des Kirchenjahres die Rechnung präsentiert wird.
Der Wirt war ein mäßiger Kirchgänger und ein Schalk, wie so viele seiner Profession. Er wäre bereit dem Pastor die Summe zu erlassen, so dieser sie in den Klingelbeutel tue und Sonntag drauf die Summe anonym von der Kanzel verkünde. An der Höhe würde die Gemeinde erfahren, welch großherziger Spender im Dorfe unter ihnen wäre, denn es waren oft mehr Knöpfe als Pfennige im Beutel.
Dem Pastor blieb vorm Herrgott sein gutes Gewissen und seine Frau strahlte vor Glück, dass er mit Güte seine Sünden getilgt hatte.Steckelsdorf
Die wenigen Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen reichten nicht, um seine Leidenschaft des Rauchens und des Nachspülens zu befriedigen.
Für den täglichen Durst blieb ihm nur der Weg über den Schulzaun.
Dem Gemeindekirchenrat ging es wie Münchhausen, der versuchte sich und das Dorf am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.
Richtigen Wein gab es nur bei seinen Besuchen bei Hofe.
Dort wurde er selten gebeten, weil die nichts von ihren Sünden hören wollten. Als Patrone fühlten sie sich einst getäuscht bei der Auswahl, weil er als Pastor später nicht in ihre Kerbe schlug. Nichts lief wie früher. Bei den alten Witwen wurde Gerste mit Zichorie als Getränk gereicht zum Streuselkuchen, den es stets bei Beerdigungen gab. Die überlagerten Fehlfarben der Zigarren gab es beim Herrgott zum halben Preis, die das Etui für die Woche gefüllten.
Der Kantor brannte seinen Korn heimlich schwarz und veredelte ihn mit den Obstsäften aus seinem Garten zum feinsten Likör. Die Maische bekamen die beiden Hausschweine, die durch ihr Schweineleben duselten. Die schlachtete er nicht für sich, weil die Schlackwurst stets grau würde. Pickte ein Huhn im Schweinestall mit und benahm es sich wie bei der Witwe Bolte, so wurde es schnell zu Frikassee. Ansonsten reichten ihm die Schlachtschüsseln und Würste aus dem Dorfe. Die Klöße von Gehacktem richteten sich bei den Gebern nach den Zensuren der Kinder. Die Pottwurst in der Ofenröhre kam ihm im Winter fast aus den Ohren, trotz Wechsel zwischen roter und weißer.
Zu Ostern wurden die Eier vom Mühlenberg getrudelt!
Als alle noch Platt sprachen, wurde sich auch schon angeschwiegen.
Der Papst, Luther, Marx mit Engels besserten die Menschen nicht.
Die Humorvollen kamen am besten durch ihre Zeit!

Redaktionell bearbeitet am 06.11.2007 von Robby Schmalz

 


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